Pakt der Populisten

Wie die Armen und die Rechten sich gegen die Erbsenzähler von Brüssel, gegen La Merkel und Migration verbündeten – vermutlich eine Gefahr für Italien, gewiss ein Ärgernis für Europa. Aber dürfte eine Demokratie einfach den Mehrheitswillen ignorieren, um die Demokratie zu schützen?

   Von Carlos Widmann

 

 

Giuseppina Panebruno ist in unserem Dorf so gut wie unsichtbar, aber unentbehrlich. In der Kirche, auf der Piazza, im Gewirr der Gassen oder auf den breiten Terrassen, die den Fernblick bis Todi ermöglichen, würden die meisten Menschen sie ohnehin nicht mehr erkennen. Schließlich ist Giuseppin­a 85 Jahre alt und schwer gehbehindert. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie sich aus ihrer winzigen Wohnung nicht mehr herausbewegt. Wenn aber irgendwo ein Kleidungsstück, ein Sofakissen oder eine beliebige Textilie der Reparatur bedarf, wird ein Gang zu der tatkräftigen Greisin notwendig. Giuseppina ernährt von dem Erlös nicht nur sich, sondern auch ihren Sohn, einen chronisch Arbeitslosen, der sich selbst schon dem Rentenalter nähert.

In dieser Ortschaft mit nur 83 Einwohnern spielen Groß- und Urgroßmütter noch eine Rolle. Die bald 90-jährige Rosella Schiaffarelli wird von den Bauern der Umgebung oft noch zu leichter Feldarbeit engagiert, was sie nicht daran hindert, für ihre fünfköpfige Familie die meisten Mahlzeiten selbst vorzubereiten. Auch Männer reiferen Alters haben auf ihre Art durchaus die Sippe und die Küche im Sinn: In Kampfanzügen mit Camou­flagemuster fahnden sie mit ihren Doppelflinten – manchmal sogar erfolgreich – nach Tauben, Rebhühnern, Fasanen oder gar Wildschweinen. Oder sie stochern im Gesträuch hinter verrotteten Betonstraßen nach Pilzen oder wildem Spargel.

Es ist nun bald ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem der verstorbene Kollege Theodor Wieser – kaum dass er als Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung aus Rom zu berichten begonnen hatte – sich nach einem anderen Italien zu sehnen begann: nach der Provinz, nach Orten wie diesen, wo die „stillen Reserven“ des Landes erkennbar würden, „seine humane, unverwüstliche Kraft und Kunst des Überlebens“. In Rom ging einem Neuankömmling nicht nur das ruppige Gedränge, der Lärm und die Hektik des Straßenverkehrs auf die Nerven – auch der politische Alltag war, besonders für Journalisten aus gefestigten Demokratien, nicht gerade inspirierend. In den beiden Parlamentsgebäuden der Hauptstadt (Palazzo Montecitorio und Palazzo Madama) hatte eine Tausendschaft wohlbesoldeter Abgeordneter und Senatoren einen angemessenen Luxusrahmen. Doch in ihren prächtigen Plenarsälen fand sich oft nur eine Handvoll entspannter Schwätzer ein.

Wo steckte denn die gern geschmähte classe poli­tica, von der die Italiener regiert werden? Das Vakuum im Parlament war ein zuverlässiges Indiz dafür, dass im politischen Rom die nationalen Entscheidungsprozesse nicht offen in der Volksvertretung ausgetragen wurden, sondern diskret bis klammheimlich in den Hauptquartieren der Parteien, in den Hinterzimmern der einzelnen Parteiströmungen (correnti), in den Lobbys der Industrie, der Staatsbetriebe und der Gewerkschaften – ganz abgesehen von allerlei dubiosen Freundeskreisen, Geheimlogen und Sektiererzirkeln. Dass dabei keine langfristig stabilen Regierungskoalitionen zustande kamen, sofern sie überhaupt angestrebt wurden, ist hinreichend belegt. Seit der Errichtung der Republik im Nachkriegsjahr 1946 bis zum Rücktritt von Ministerpräsident Paolo Gentiloni im März 2018 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung italienischer Kabinette bei zehn Monaten.

Dem sensiblen Chronisten Theodor Wieser hing die „tägliche Beschäftigung mit der italienischen Dauerkrise“ zum Hals heraus, dieses Sich-Abarbeiten am „Sturz der einen Regierung und der Suche nach der nächsten oder an der Analyse der obskuren politischen Verzweigungen des jeweils jüngsten Skandals“. Dazu die vielen Berichte über Ämterpatronage und Korruption, über die Verbindungen politischer Kreise zu rechten oder linken Terrorgruppen oder zu hochkriminellen Organisationen wie Mafia und Camorra. Italien sei ein Land geworden, so Wieser, „in dem ständig vom Zusammenbruch die Rede ist“, und wo viele Menschen das Gefühl hätten, „am Rande des Abgrunds“ zu leben.

Rechte oder Linke: Der Kürassier am Quirinals­palast bleibt. Quelle: Wolfgang Moroder

 

Am Rande des Abgrunds? Es ist nicht ohne finstere Komik, diese lange zurückliegenden, sozusagen historisch gewordenen Aufzeichnungen heute auf sich einwirken zu lassen, wenn man gleichzeitig die neueste, aktuelle, druckfrische Ausgabe des Espresso auf dem Frühstückstisch liegen hat. Das römische Nachrichtenmagazin verkündete Anfang Mai alarmiert, dass Italien nur einen „Fußbreit vom Abgrund“ entfernt sei. „Auf den Tag genau vierzig Jahre nach der Ermordung von Ministerpräsident Aldo Moro“ hätten sich die Stränge des Unheils zum „tödlichen Knoten“ verschlungen. „In diesem italienischen Mai geht eine Welt zu Ende“, leitartikelte der Chefredakteur Marco Damilano. „Die politische Krise ist zur Krise der Institutionen geworden.“

Auf ihrem Titelblatt zeigte die auflagenstarke Zeitschrift den festlich beflaggten Quirinalspalast, in dem Italiens weißhaariger, eleganter, etwas gravitätisch wirkender Staatspräsident Sergio Mattarella nun Tag für Tag, Woche für Woche versuchte, die frisch gewählten Abgeordneten und Senatoren populistischer, EU-skeptischer und migrationsfeindlicher Provenienz – die neue Mehrheit im Lande – zur Bildung einer Regierungskoalition zu bewegen. Auch noch spät im Mai: immer wieder die Bilder aus dem Quirinale, immer noch der Präsident mit seinen starren, historisch gewandeten Kürassieren; sie erfüllen mit wunderbaren Helmen und preußischem Gardemaß höchst dekorativ den Auftrag, eine starke Staatsmacht zu mimen.

Nach neun Wochen der nicht enden wollenden Talkshows und unzähligen Fernsehauftritte fiel auch den neu gewählten Politikern das Verantwortlichkeit simulierende Mienenspiel immer leichter. Dafür brachte die bella gente zwischen Pantheon und Piazza Navona ihre Verstimmung über den Sieg des Pöbels oftmals laut und klar zum Ausdruck: Populisti! Mafiosi! Dilettanti!

Wen Giuseppina und Rosella und die anderen verarmten Alten unseres Dorfes gewählt haben, werden wir von ihnen nicht erfahren. Ganz leicht aber ist es, auf der Piazza zu ermitteln, wem sie – und wem die meisten jungen Arbeitslosen der Provinz Terni – ihre Stimme verweigert haben: Italiens einstigem Starpolitiker und Hoffnungsträger Matteo Renzi, dem großen Verlierer in Umbrien und nahezu überall sonst. Renzi, Jahrgang 1975, noch vor wenigen Jahren in Florenz der populärste Bürgermeister Italiens, danach Vorsitzender der Sozialdemokraten-Partei und drei Jahre lang (2014 – 2016) Ministerpräsident der Republik, hat bei der März-Wahl ein persönliches Debakel erlebt und für seine Demokraten-Partei nicht einmal 20 Prozent der Stimmen gewonnen – wogegen die von einem witzlosen Komiker gegründete Protestbewegung Cinque Stelle (Fünf Sterne) mit 32 Prozent zur stärksten Einzelpartei Italiens aufgestiegen ist.

Der gewaltige Sprung nach vorn gelang den Sternen nicht nur im darbenden Mezzogiorno, sondern sogar im etwas besser gestellten Umbrien, dem „grünen Herzen Italiens“. Es ist vor allem das Versprechen eines „Staatsbürger-Grundeinkommens“ von monatlich bis zu 780 Euro für alle Erwachsenen ohne Arbeit, das auch hier viele Junge und Alte geradezu magisch anzog: Reddito di cittadinanza, Staatsbürger-Einkommen, nennt sich die versprochene Lebenshilfe.

Wie aus dem tiefen Süden berichtet wird, stellten sich in Apulien nach der Wahl viele Menschen schon einmal vor den Finanzämtern an – als ob das anvisierte Gesetz beschlossene Sache wäre und jedem Darbenden alsbald Bares auf die Kralle verschaffen würde. Das war nicht frivoler Übermut, sondern eine vorausschauende Maßnahme, einfach für den Fall des Falles. Unter den neun Millionen in Armut lebenden Italienern (etwa einem Sechstel der Bevölkerung) sind auch die potentiellen Italo-Hartzer von Orvieto oder Perugia keine Traumtänzer. Während der vier Amtszeiten des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi waren sie es gewohnt, allzu generöse Politiker-Versprechen nicht für voll zu nehmen, auch wenn unter dem Cavaliere meistens etwas für sie heraussprang. Die Minderheit der Zeitung lesenden Italiener weiß obendrein, dass die großen Zusagen aus Rom an eine Außengrenze namens „Europa“ stoßen, etwas mit wachsender Staatsverschuldung zu tun haben, mit immer neuen Geldspritzen aus Frankfurt, mit strengen deutschen Herren namens Schäuble oder Scholz oder Altmeier – und vor allem mit jener Signo­ra, die in Italien La Merkel genannt wird.

Ja, mehr Geld aus dem Norden wäre schon sehr willkommen gewesen – besonders, da der Frühling in diesem Jahr so lange auf sich warten ließ und die Heizungskosten weiter stiegen. Aber alle halbwegs seriösen Medien des Landes haben, ohne übertreiben zu müssen, schon allein wegen der ausgabenfreudigen Zusagen der Wahlsieger für Krisenstimmung gesorgt. Nicht nur, weil die beiden so verschiedenen Protestparteien gesiegt, sondern weil sie auch bald Gemeinsamkeiten entdeckt haben, sich emotional in der Ablehnung aller bisherigen Regierungspolitik einig sind und tatsächlich eine Koalitionsregierung bilden könnten. Welch eine Wende: In Rom ein populär-populistisches Spendierhosen-Regime, europafeindlich und russlandfreundlich … Es wäre – wie das Establishment der Wohlinformierten zu wissen glaubt – natürlich eine Katastrophe, für Europa und für Italien selbst. In diesen Weltkrisenzeiten sorgte es auch noch für eine gefährliche Schwächung der Nato, mit der die Sterne nichts am Hut haben. Eine Schlagzeile verkündet schon: „Brüssel am Ende der Geduld.“

Aber auf wen zurückgreifen, wenn die neuen Leute scheitern sollten, bevor sie überhaupt an der Macht sind oder gleich nach ihrem Amtsantritt? So schlimm wie Beppe Grillo, der Gründer der Fünf Sterne, es gerne hätte, wird es zunächst einmal nicht kommen: Der wollte den Italienern gleich nach der Wahl ein Referendum über den Ausstieg aus dem Euro und den Austritt Italiens aus der Europäischen Union zumuten. Doch der jetzige Parteiführer der Cinque Stelle, ein relativ unbeschriebenes Blatt namens Luigi Di Maio, will damit nichts zu tun haben. Mit seinem Jünglingsgesicht, dunklem Anzug, weißem Hemd und seriöser Krawatte wirkte er am Anfang noch wie ein scheuer, verirrter Erstkommunikant. Di Maio ist Jahrgang 1986 – im gleichen Alter wie der erst 31-jährige rechtskonservative Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP in Österreich. Obwohl Di Maio (ganz anders als Kurz) der eigenen Landessprache offenbar nicht in letzter Perfektion mächtig ist und Bildungsbürger ihm Probleme mit dem Konjunktiv anlasten, macht er bei den meisten Italienern keineswegs brutta figura. Di Maio, wortgewandt im politischen Jargon der Hauptstadt, durchaus nicht unsympathisch, ist nun einmal weithin sichtbar die junge Spitze einer Protestpartei, die wie keine andere Italiens Wählermassen zu mobilisieren verstand.

Der Aufstand aus der Po-Ebene mit Matteo Salvini. Quelle: Fabio Visconti

 

Alarmierend an Di Maio wirkt jetzt freilich das Versprechen, dass die Wahlsieger Italien eine „Dritte Republik“ bescheren wollen. Das klingt mehr als einschneidend. Die Erste Republik wurde 1946 ausgerufen, nach dem Ende des Weltkriegs, der Abschaffung der Monarchie und dem Untergang des Faschismus; sie hielt fast ein halbes Jahrhundert lang, lange Zeit dominiert von äußerst tüchtigen Christlichen Demokraten (De Gasperi, Andreotti), gegen Ende aber auch von den Sozialisten Bettino Craxis. Der Untergang dieser Republik setzte um 1994 ein, als eine Gruppe mutiger Strafrichter aus Norditalien sich anschickte, der ausufernden Korruption ein Ende zu machen.

Mani pulite – im übertragenen Sinne „weiße Westen“ – hieß diese Justizkampagne gegen illegale Parteienfinanzierung und individuelle Käuflichkeit der Politiker. Bettino Craxi, der „Sozialist von europäischem Format“, entzog sich seinem Haftbefehl und seiner Verurteilung nach Tunesien, wo er rechtzeitig starb. An die 4000 Mitglieder der italienischen classe politica landeten im Gefängnis – worauf die „Altparteien“ zerbröselten und sich neu erfinden mussten. Als sehr erfinderisch erwies sich ein Immobilienspekulant und Medienkrösus namens Silvio Berlusconi. Er benannte seine Partei nach einem Fußballer-Slogan (Forza Italia!) und wusste auch Wählerreserven der alten Faschistenpartei anzuzapfen. In dieser Zweiten Republik wurde Berlusconi vier Mal Ministerpräsident und konnte im römischen Palazzo Chigi insgesamt elf Jahre lang regieren. Längst spielten in dieser Zweiten Republik die Geldmachenschaften keine geringere Rolle als in der Endphase der Ersten Republik. Meint der junge Luigi Di Maio mit seiner Dritten Republik etwa, nun müsse die classe politica so rigoros gesäubert werden wie damals, vor einem Viertel­jahrhundert?

Der andere Unsicherheitsfaktor für die Sterne ist ihr starker Koalitionspartner, die Lega (deutsch: Liga) von Matteo Salvini – neben der exzentrisch faschistischen, aber unbedeutenden „Casa Pound“ gewiss die kurioseste politische Partei Italiens. Vor Kurzem hieß sie noch „Lega Nord“ und strebte die Spaltung Italiens an: die Lostrennung „Padaniens“ – der Po-Ebene, Oberitaliens, der Alpenregion und Liguriens – vom „römisch korrumpierten“ Süden. Die wirtschaftlich und moralisch überlegene Republik dieser Nordlichter hätte vom Brenner nur bis Umbrien gereicht, während Rom, so die damalige Vision, mit seinem Latium und dem übrigen Süditalien einem einsamen, korrupten, vermutlich von der Mafia bestimmten Schicksal überlassen worden wäre.

Erst Matteo Salvini, geboren vor 45 Jahren in Mailand, hat aus der Sekte der Nordlichter eine gesamtitalienische Partei gemacht, die auch im tiefen Süden Anhänger findet. Seine Trumpfkarte wurden letztlich die Flüchtlinge und die Ausländer, gegen die sich vor einem Jahr die Stimmung gedreht hatte. Nicht viel ist übrig geblieben von der moralischen Großmacht der Menschenretter vom Mittelmeer, als innerhalb von sechs Monaten über 100 000 afrikanische Flüchtlinge und Migranten an Italiens Inseln und Küsten gelandet waren. Sogar der Sozialdemokrat Renzi reagierte auf den Stimmungswandel: „Natürlich sollten wir den darbenden Afrikanern helfen. Aber bitte in ihren eigenen Ländern.“ Damit spielte er der rechtsnationalen Lega Matteo Salvinis in die Hände, der längst verkündet hatte: „Seht euch die Landkarte an: In Italien ist kein Platz für Afrika.“ Und der auch schon angedeutet hatte, dass italienische Frauen bald eigene Abteile in der Eisenbahn brauchen würden, wenn die Migrantenzahl in den Zügen weiter zunähme.

Das prägte sich ein. Salvinis rechtsnationale Lega erlebte am 4. März einen fantastischen Aufschwung. Mit seinen 14 Prozent der Wählerschaft hat der Parteiführer und Journalist sich als idealer Koalitionspartner der siegreichen Fünf-Sterne-Partei qualifiziert.

Seinen Traumjob in einer nächsten Regierung hat er schon genannt: Er möchte den Viminale-Palast haben, das Innenministerium. Mit diesem Instrument könnte Matteo Salvini die halbe Million Migranten in den Griff kriegen, die er umgehend aus Italien deportieren will. Damit würde ein Gründungsmitglied der EU das gleiche Ziel anstreben wie das Ungarn Viktor Orbáns …

Gescheiterter Polit-Ökonom: Carlo Cottarelli.

 

PD, Partito Democratico heißt die abgesägte Regierungspartei, die während der vergangenen vier Jahre von Matteo Renzi geführt wurde. Im PD sitzt die Mehrheit der namentlich bekannten Politiker des Landes. In Deutschland und im EU-Parlament wurden sie etwas großzügig mit dem Stempel „Sozialdemokraten“ ausgezeichnet, obwohl die kunterbunte Sammlung – im Zuge des uritalienischen Phänomens namens trasformismo – sich überwiegend aus der Konkursmasse ehemaliger Parteien entwickelt hat, in erster Linie des Partito Comunist­a Italiano, der alten KPI. Doch auch einstige Sozialdemokraten, Liberale, Sozialisten, Republikaner, Christdemokraten, ja fast alle Parteien aus dem „vergangenen Jahrhundert“ landeten über ihre Nachfolge-Organisationen im heutigen Partito Democratico. Diesen Cocktail als Italiens „breite, traditionelle linke Mitte“ zu charakterisieren, war lange Zeit durchaus richtig. Nur hat diese „Mitte“ bei der Parlamentswahl vom 4. März ihre Breite eingebüßt, kam nur noch auf ein Fünftel aller Stimmen.

Dabei waren die „Dems“, wie sie nun in modischer Abkürzung genannt werden, doch die legitimen Erben von Italiens politischem Establishment des 20. Jahrhunderts. Der frech und dynamisch auftretende Matteo Renzi hatte in diesem Umstand aber auch eine Image-Gefahr erkannt – weshalb er die Führung des PD mit brüskem Reformeifer antrat und sich selber zum rottamattore ernannte: zum Verschrotter, der die alten Politiker und veralteten Denkmodelle aus dem Fuhrpark der Partei entfernen würde, um die wahren Renner auf die Spur zu bringen.

Das hat damals sogar international Eindruck gemacht. Das US-Wirtschaftsmagazin Fortune setzte Matteo Renzi 2014 an die dritte Stelle seiner Weltrangangliste von Persönlichkeiten „under 40“, die während der nächsten Jahre und Jahrzehnte auf die Entwicklung des Planeten großen Einfluss nehmen würden. Damit brachte Fortune dem jungen Renzi allerdings keine Fortüne – aus italienischer Sicht war das ja eher Beifall von der falschen, der neoliberalen Seite: für Matteo Renz­i fast so nachteilig wie das demonstrative Wohlwollen, das ihm die deutsche Bundeskanzlerin in aller Öffentlichkeit entgegenbrachte.

Die vorsichtigen Wangenküsse, die warmen Worte und der bewundernde Augenaufschlag Angela Merkels galten einem jungen Politiker, der sich – wie sie hoffte – zum bekennenden Europäer und südlichen Verbündeten Berlins entwickeln würde. Hatten die Italiener nicht ohnehin zu den großen Europäern der ersten Stunde gezählt? Waren sie nicht Gründungsmitglied und Hausherren bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge von 1957 gewesen? De Gasperi, Fanfani, Saragat, Einaudi, Nenni, Andreotti – hatten diese markanten Gestalten sich nicht durchweg als überzeugte Europäer erwiesen? Selbst solche Politiker in Bonn, Paris und Brüssel, die Italien seit jeher eher kritisch sahen, spotteten damals auf durchaus positive Weise: die Italiener seien glücklich, sich im Norden an den Alpen festhalten zu können, um nicht im Mittelmeer zu versinken oder in Afrika zu landen.

Und der gefürchtete Kommunismus – in Italien schon bald nach Kriegsende die stärkste Kraft neben den Christdemokraten – entwickelte sich auch ganz anders als im übrigen Westeuropa: Der Parteichef und alte Stalin-Freund Palmiro Togliatti starb 1964, und unter der intellektuell eindrucksvollen Führung von Enrico Berlinguer distanzierte sich die KPI in den 70er Jahren immer schroffer vom kommunistischen Urgestein: von Georges Marchais (Frankreich) und Santiago Carrillo (Spanien), von Sowjetrussland und den Ostblock-Ländern, von den diktatorischen Varianten in Peking und Tirana, Hanoi und sogar Havanna. Die italienische KP strebte eine eigene, westliche, freiheitlich-demokratische Politik an: den Eurokommunismus.

Sturer Star: Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung. Quelle: Mattia Luigi Nappi

 

Dieses Traumgebilde vieler linker Italiener und progressiver Europäer wurde 1978 von berechnenden, mordbereiten Linksradikalen aus dem Weg geräumt – den Terroristen der Brigate Rosse. Mit der Entführung und „Hinrichtung“ des mehrfachen Ministerpräsidenten und führenden christlich-demokratischen Politikers Aldo Moro schafften es die Rotbrigadisten 1978, den von Moro und Enrico Berlinguer anvisierten „historischen Kompromiss“ zwischen DC und KPI zu vereiteln. Danach freilich, und nach dem frühen Tod von Berlinguer, dem Aufstieg des Moskauer Reformers Michail Gorbatschow und dem allmählichen Untergang des Sowjet-Kommunismus, war auch die italienische Alternative namens Eurocomunismo weltweit obsolet geworden. 

Eine ganz andere europäische Perspektive schien sich für Italien erst viele Jahre später, im Sommer 2015, zu Füßen des weltberühmten Davi­d von Michel­angelo zu eröffnen – in Matteo Renzis politischer Hochburg Florenz. Hier kamen die weitverbreiteten Fotos des jungen italienischen Premierministers und der deutschen Kanzlerin zustande. Die ansprechenden Bilder schienen zu den schönsten Hoffnungen zu berechtigen, etwa auf eine starke Europa-Achse: Rom – Paris – Berlin. Schon wenige Monate später, beim Gipfel der europäischen Regierungschefs im slowakischen Pressburg, ging Renzi aber demonstrativ auf Distanz – er weigerte sich, an einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Angela Merkel und dem Franzosen François
Hollande teilzunehmen. Bei den Themen Migration und Stabilitätspolitik, so Renzi, seien die Standpunkte schlicht unvereinbar geworden. Und ein paar Wochen, später, am Rande der UN-Vollversammlung in New York, ging er zum offenen Angriff über, klagte vor aller Welt über die „obsessive Sparpolitik“ der deutschen Regierung, erklärte, auf Berlin und Brüssel zielend: „Wer an diesem Kurs festhalten will, der will Europa zerstören.“

Danach wurde Matteo Renzi die Abkehr von der Kanzlerin so wichtig, dass er zur Feder griff und ein autobiographisches Werk verfasste, das über weite Strecken von seiner Auseinandersetzung mit Angela Merkel handelte. Darin bekundete Renzi zwar kühle Wertschätzung, machte aber immer wieder temperamentvoll klar, für wie falsch er ihre Europapolitik hält. Am meisten kam es ihm in dieser an Selbstlob kaum zu übertreffenden Schrift darauf an, zu zeigen, wie tapfer und energisch er die Interessen der Italiener gegenüber der deutschen Kanzlerin verteidigt habe.

Das autobiographische Bekenntnis war zwar für Florentiner Verhältnisse ein Bestseller (erste Auflage: 40 000 Exemplare), aber Renzis Partei hat bei der Parlamentswahl vom vergangenen 4. März von seinem schriftstellerischen Kraftakt nicht im Geringsten profitiert. Ganz im Gegenteil: Italiens bisherige „breite linke Mitte“ wurde von den Stimmbürgern zur Schrumpfpartei degradiert; kam auf gerade einmal 19 Prozent. Italiens politische Erben des 20. Jahrhunderts sind vorerst fast verstummt. Wenn es sich nicht um das kreative, ideenreiche Italien handeln würde, könnte man die Lage auf Merkeldeutsch als „alternativlos“ bezeichnen.

Der Siegertyp Matteo Salvini, der einst den Nordlichtern ihre Ideologie ausredete, ist ein Mundwerk auf zwei Beinen. Der heute 45-jährige trat schon als Zwölfjähriger in Fernsehsendungen auf, war als Jugendlicher Kommunist, und sein Spitzname in der Partei ist l’amplificatore – der Verstärker. Es gibt kaum eine Talkshow im Fernsehen oder im Rundfunk, an der er zwischen frühmorgens oder spätabends nicht teilnehmen würde. Ansonsten rast er von Parteiversammlung zu Wählerinitiative und winkt jovial in den Beifall hinei­n, der ihn überall zu erwarten scheint. Groß, breitschultrig, nur ein wenig korpulent, trägt Salvini
einen kurzen schwarzen Bart um den breiten Mund, aus dem oft ein ansteckendes Lachen erschallt.

Man kann wohl sagen, dass dieser Rechte auf Anhieb leichter Sympathien mobilisiert als die Frau, für die er selber politische Sympathien bekundet hat: die rechtsradikale Französin Marin­e Le Pen, Tochter des Holocaust-Relativierers Jean-­Marie Le Pen und einstige Präsidentschafts­kandidatin des Front National. Marine Le Pen wurde letztes Jahr im Kampf um den Élysée-Palast von dem jungen Europa-Enthusiasten Emanue­l Macron nahezu vernichtend geschlagen. Es würde nicht verwundern, wenn Salvini sich eines Tages zur Abwechslung mit diesem Siegertypen anfreundete.

Ciao amore! Der Vulkan könnte ausbrechen.

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