„Manchmal ist uns das Positive peinlich“

Wenn das faustische Merkmal von den zwei Seelen in einer Brust auf einen deutschen Politiker zutrifft, dann wohl auf Peter Gauweiler. Der frühere stellvertretende CSU-Vorsitzende verurteilte die Bombardierung Belgrads im Kosovo-Krieg durch die Nato und den Irak-Krieg der USA als völkerrechtswidrig, stimmte im Bundestag gegen die Datenvorratsspeicherung. Die GAZETTE sprach mit ihm über Deutschland.

   Interview mit Peter Gauweiler

 

Sie sind Deutscher und Bayer. Als was fühlen Sie sich am meisten?

Ich bin in erster Linie Bayer, fühle mich dem Land, seiner Geschichte und besonders dem ludovicianischem Königtum verbunden. Der erste bayerische Ministerpräsident nach dem 2. Weltkrieg, der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner, hat einmal gesagt: „Wir stehen zu Deutschland wie zu Vater und Mutter – und zu Bayern wie zur geliebten Frau.“ Das empfinde ich auch.

Warum tun sich viele Deutsche, und nicht nur Teile der politischen Linken, so schwer mit Begriffen wie Heimat, Nation oder Patriotismus?

Wir sind das Land der Ingenieure, der Architekten, der Naturwissenschaftler, der Philosophen, der Komponisten, der Künstler. Wir haben viel zu bieten, worauf man zu Recht stolz sein kann. Aber wir sind auch das Land der Dichter und Denker, und damit auch der Grübler und Kritiker, denen das Positive manchmal peinlich ist. Und Intellektuelle denken bekanntlich gerne auch das Gegenteil.

Mal abgesehen vom Stolz – die Deutschen leiden gern. Woran liegt das?

Wir wissen es nicht. Heinrich Heine hat das in seinem Lied von der Loreley so schön formuliert: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, warum ich so traurig bin.“ Dieses Gefühl ist kerndeutsch und hat uns offenbar nie verlassen. Obwohl ich finde, dass gerade wir Bayern nicht so deprimiert zerrissen sind wie die anderen in Deutschland. Vielleicht weil unser Gemeinschaftsgefühl herzlicher ist als anderswo.

Kein Faust ohne Mephisto. Quelle: Julius Nisle

 

Aus dem Bürofenster Ihrer Anwaltskanzlei in München blickt man auf eine riesige Statue des bayerischen Reformers Maximilian Graf Mont-gelas (1759 – 1838). Mit welchen Gefühlen blickt ein Konservativer wie Sie auf ihn?

Mit Montgelas habe ich mich lange schwer getan, schließlich sind im Zusammenhang mit seiner Säkularisierung auch unerhörte Fehlentscheidungen verbunden, wie zum Beispiel die Zerstörung sakraler Bauten, vieler Klöster und ihrer Bibliotheken. Aber im Laufe der Jahre habe ich mich mit ihm ausgesöhnt, Bayern verdankt ihm viel. Er hat in seiner Zeit als Minister einen effizienten, modernen Staat verwirklicht und durch eine Reihe grundlegender Veränderungen das rückständige Beamtentum auf Reformkurs gebracht. Er hat den Staat für die Gewaltenteilung eingeführt und den Zugang zum höheren Staatsdienst jedem geöffnet, der sich durch Ausbildung und Leistung qualifizierte. Ich habe ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zu ihm entwickelt. Jedenfalls sagen wir uns jeden Morgen „Grüß Gott“, wenn ich über den Promenadeplatz zu meinem Büro laufe.

Eine F-15 wird für den Nato-Angriff auf den Kosovo bewaffnet. Quelle: James D. Green

 

Wenn wir schon bei bayerischer und deutscher Geschichte sind: 2018 ist das Faust-Jahr. Ist Faust der typische Deutsche?

Ganz klar – der will so lange streben, bis er zum Augenblick sagen kann: „Verweile doch, du bist so schön!“ Faust ist ein großartiges, hoch­dramatisches Panorama des Deutschen.

Kein Faust ohne Mephisto!

Ich bin ja kein Idealist: Der Teufel gehört immer dazu.

Ein ganz anderer Teufel gehörte zu Ihrem Leben, der 2010 verstorbene Kommunarde Fritz Teufel. Was schätzten Sie an ihm?

Ich kenne ihn seit der 68er-Zeit. Er war Revoluzzer und ich als christlich-sozialer RCDS-Vorsitzender in München ein Contra. Aber wenn wir uns begegnet sind, hatten wir immer sehr lustige Dialoge. Ich habe die Gespräche mit ihm sehr genossen. Als ich später geheiratet habe, hat er mir zu meiner Hochzeit ein persönliches Geschenk gemacht, obwohl er die Ehe als Institution eigentlich ablehnte. Er hat mir damals eine Collage gefertigt. Ich habe sie
heute noch.

Leiden Sie darunter, als Rechter betrachtet zu werden, obwohl sie in einigen Fragen, wie der Politik der Nato, eher linke Positionen vertreten?

Früher hat mich das geärgert, heute macht mir das überhaupt nichts mehr aus. Vielleicht stimmt das mit „Rechts & Links“ ja auch ein Stück weit. Man muss sich nur Gedanken machen, wie man diese Begriffe richtig verwendet. Rechts steht für Ordnung, Distanziertheit. Links steht für Gleichheit, Emanzipation, Widerspruch. In mir ist wohl von beiden etwas.

Sie sind konservativ, aber waren immer ein Kriegsgegner. Fördert der Kurs von US-Präsident Trump gegenüber dem Iran die Kriegsgefahr?

Die Konfrontation mit Teheran muss beendet werden. Der Iran ist ein vielfach gekränktes Land. Das habe ich auch in meinen zahlreichen Gesprächen mit Peter Scholl-Latour erfahren, der mich seinerzeit auch für meine Reise nach Teheran mit einer Bundestagsdelegation vorbereitet hat. Man muss sich nur mal anschauen, was durch das Eingreifen der USA und anderer westlicher Staaten im Irak passiert ist. Solange die Regimes der Baath-Partei im Irak und in Syrien regierten, gab es – wenn auch unter der Käseglocke der Diktatur –  positive Entwicklungen wie Religionsfreiheit und starke Frauenrechte. Diese Regimes mit Gewalt zu stürzen, ohne eine Alternative anbieten zu können, war ein verheerender Fehler.

Was heißt das für die deutsche Politik gegenüber Russland und Putin?

„Mögen Sie Putin?“ Das ist heute schon eine Gesellschaftsfrage auf Abendeinladungen. Aber ganz im Ernst: Wer eine euopäische Solidari

Liebt den Gegenwind: Peter Gauweiler. Quelle: B304.de/Markus Bistrick

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