Deutschland ist allgegenwärtig und doch unverstanden

Frankreichs Elite blickte lange misstrauisch auf Deutschland.
Emmanuel Macron sieht im Nachbarn nicht mehr den unheimlichen Hegemon, sondern den unerlässlichen Partner für die Reform der EU.

   Von Cécile Calla

 

Wenn in Frankreich das Gespräch auf Deutschland kommt, entwickelt sich sofort eine politische Diskussion, der man sich nicht entziehen kann. Sobald das Wort Deutschland in den Ohren meiner französischen Landsleute erklingt, kommt ihnen das wirtschaftliche Kraftzentrum Europas in den Sinn, sie denken an Angela Merkel, an das Modell Deutschland. Nicht selten beginnen sie dann, zwanghafte Vergleiche anzustellen.

Mit der Wahrnehmung des deutschen Nachbarstaats halten wir uns einen Spiegel vor und sehen die eigenen Schwächen und Sorgen. Natürlich ist das Bild der deutschen Bundeskanzlerin allgegenwärtig. Seit sie 2005 zum ersten Mal gewählt wurde, arbeitet sie mittlerweile mit dem vierten französischen Präsidenten zusammen. Jetzt ist es Emmanuel Macron. Nicht nur ihre politische Langlebigkeit fasziniert die Franzosen, sondern auch ihr Werdegang als ostdeutsche Frau und Pfarrerstochter; ihre nüchterne Art, Macht auszuüben, ihr Pragmatismus und ihre Bescheidenheit erstaunen Fachleute und Journalisten gleichermaßen. Die beachtenswerte Merkel-Biografie der französischen Journalistin Marion Van Renter­ghem, die 2017 den Titel Angela Merkel, l’ovni politique (Angela Merkel, ein politisches UFO) veröffentlichte, ist das beste Beispiel dafür.

Andere, insbesondere Ultra-Linke wie Jean-Luc Mélenchon, Vorsitzender der Bewegung La France insoumise (das nicht unterjochte Frankreich), oder vom rechtsextremen Front National die Vorsitzende Marine Le Pen, denken bei Merkel an Bismarck oder sogar das Dritte Reich. Sie unterstellen ihr, Frankreich mittels der EU beherrschen zu wollen.

Diese deutschfeindlichen Karikaturen traten mit der Eurokrise zutage und fanden 2017 ihren Höhepunkt im französischen Wahlkampf. In ihren Darstellungen verkörperte die deutsche Kanzlerin Austeritätspolitik: Als „Madame Nein“ wolle sie die Griechen für deren Faulheit bestrafen, und sie hielte sich nicht einmal zurück, dem französischen Nachbarn Lektionen zu erteilen. Selbst die Anfang September 2015 von einem Großteil der Presse so viel gelobte Willkommenskultur wurde schnell als pragmatisches Kalkül, als wirtschaftliche Notwendigkeit für ein alterndes Land oder PR-Coup interpretiert. Damit sollte nach der Griechenlandkrise das schlechte Image des Landes aufpoliert werden.

Angela Merkel steht jedoch auch für das berühmte „Modell Deutschland“. Diese französische Worthülse symbolisiert vieles und meint gleichzeitig deutsche Kompromisskultur, sozialer Dialog, exportorientierte Wirtschaft oder die Arbeitsmarktreformen aus der Ära Schröder.

Verwendet wird sie von politischen Entscheidungsträgern oder einfachen Bürgern, die damit entweder vollste Bewunderung für den deutschen Nachbarn zum Ausdruck bringen oder empfehlen, diesen blind nachzuahmen. Sie kann aber auch vollkommene Ablehnung bedeuten und das deutsche System zur Karikatur werden lassen.

Bis zur Wahl von Emmanuel Macron durchzogen diese unterschiedlichen Ansätze die politische Linke und Rechte Frankreichs. Die öffentliche Debatte über das Modell Deutschland war Maßstab für den Zustand der deutsch-französischen Beziehungen und vor allem für den Blick der Franzosen auf sich selbst. Seit der Wahl von Emmanuel Macron und dem Einzug seiner Partei La République en Marche (LREM) in die französische Nationalversammlung hat sich diese Wahrnehmung verändert. Ohne Zweifel haben die Initiativkraft des französischen Präsidenten mit seiner krisenerprobten Einsatzbereitschaft auf internationaler Ebene und die Geschwindigkeit seiner Reformen diesen Minderwertigkeitskomplex vieler Franzosen und deren politischer Führung gegenüber Deutschland abgeschwächt.

Zuvor schien das deutsch-französische Gleichgewicht, das seit dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung auf einer klaren Aufgabenteilung basierte (Deutschland setzte seine Wirtschaftsmacht ein, Frankreich übernahm die Führung auf internationaler Bühne) gebrochen zu sein. Frankreich und Deutschland begegneten sich nicht mehr auf Augenhöhe. Die politische Elite Frankreichs versuchte verzweifelt, den Beweis zu führen, dass sie nicht zum Spielball des großen deutschen Nachbarn geworden war. In der vergangenen Dekade war das Ungleichgewicht offenkundig geworden. Mit dem Amtsantritt Emmanuel Macrons wurden die Karten neu gemischt. Seither wird Deutschland nicht mehr als unheimlicher Hegemon wahrgenommen, sondern als ein unerlässlicher Partner für die Reform der EU, mit dem man die globalen Herausforderungen meistern kann.

Greifbar wurde dieses Zukunftsbild erstmalig beim Fernsehduell zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen im Mai 2017. Macron erläuterte damals sein Konzept der deutsch-französischen Beziehungen und erklärte, er stehe Frau Merkel nicht gegenüber, sondern neben ihr. Doch die Reflexe sind fest in den Köpfen verankert, das Vergleichen bleibt salonfähig, das zeigten die Kommentare zum letzten Besuch des Präsidenten in Washington: Macron hat Merkel die Show gestohlen, stellten die französischen Medien mit Genugtuung fest und betonten, dass der französische Präsident drei Tage lang prunkvoll mit militärischen Ehren empfangen wurde, wohingegen die deutsche Kanzlerin nur ein Arbeitstreffen bekam.

Deutschland wird in seinem Nachbarland außerhalb von Politik und Wirtschaft nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Die deutsche Sprache, Kultur und Mentalität kennen nur eine Handvoll Experten. Viele Klischees über eine wenig abwechslungsreiche deutsche Küche, wenig reizvolle Landschaften, kinderlose Frauen oder Hausfrauen werden weiterhin gepflegt. So soll es beispielsweise auch keine Korruption geben und die Deutschen seien ernst und diszipliniert. In Meinungsumfragen oder in Aussagen bestimmter Politiker halten sich diese Vorurteile hartnäckig. Dabei sind einige dieser Stereotypen über zweihundert Jahre alt. Die Schriftstellerin Germaine de Staël, die sich im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland aufhielt, hat in einem der unter Germanisten bekanntesten Bücher De l’Allemagne (Über Deutschland) die wichtigsten Charakterzüge der Deutschen beschrieben: „Die Deutschen sind im Allgemeinen aufrichtig und altmodisch. Sie halten ihre Versprechen immer ein, Lüge und Betrug sind ihnen fremd.“

Dass über Deutschland gegenwärtig so viel Unkenntnis herrscht, liegt insbesondere auch am rückläufigen Interesse an der deutschen Sprache. Obwohl die Vermittlung der Sprache als wichtigstes Ziel des 1963 von Deutschland und Frankreich unterzeichneten Élysée-Vertrags, dem Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit, verankert wurde, hatten 2016 nur noch 15,7 Prozent der französischen Schüler die deutsche Sprache gewählt. 1995 waren es noch 22,9 Prozent. Sicherlich ist die Sprache nicht der einzige Zugang zu einer Kultur, sie weckt jedoch Interesse und Neugierde für ein fremdes Land. Die Folge ist heute die geringe Verbreitung der deutschen Gegenwartskultur in Frankreich. Im Vergleich zu französischen und frankophonen Autoren, die ins Deutsche übersetzt werden, werden nur wenige deutsche Autoren in die Sprache des Nachbarlands übertragen. Hinzu kommt, dass die französischen Zeitungen nur mit wenige Korrespondenten in Deutschland vertreten sind. So kann kein Bewusstsein über die Vielfalt der deutschen Kultur entstehen.

„Die Deutschen lieben den Trunck.“ Quelle: Völkertafel (um 1725)

 

Doch nicht nur in Politik und Wirtschaft unterscheiden sich die Länder auf beiden Seiten des Rheins (Frankreich wird beispielsweise weiterhin zentral regiert mit einer Verfassung, die dem Staatspräsidenten viel Macht einräumt, wodurch der soziale Dialog im Anfangsstadium stehen geblieben ist). Auch bei vielen Kernthemen wie beispielsweise bei der verteidigungspolitischen Zusammenarbeit, bei der Frage der Trennung von Kirche und Staat oder im Energiebereich verfolgen Frankreich und Deutschland unterschiedliche Ziele. Obwohl die beiden Nachbarländer nicht müde werden, ihre Partnerschaft bei der sicherheitspolitischen Herangehensweise an Konflikte zu betonen, haben die letzten Militäroperationen in Syrien erneut gezeigt, wie eng der Handlungsspielraum der deutschen Kanzlerin im Vergleich zum französischen Präsidenten gesteckt ist.

Die Franzosen sprechen sich weiterhin überwiegend für die Kernenergie aus, die einen Anteil von 71 Prozent an der französischen Stromerzeugung hat, und stehen dem Bau von Windenergieanlagen oft ablehnend gegenüber. Dass die Schließung des Kernkraftwerks im elsässischen Fessenheim auf frühestens Ende 2018 verschoben und die französischen Energiewendeziele (Reduzierung des Anteils der Kernenergie am Strommix um 50 Prozent) auf 2035 vertagt wurde, ging in der allgemeinen Gleichgültigkeit unter. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien ist Frankreich Schlusslicht der europäischen Spitzengruppe mit einem Anteil der Erneuerbaren von 18,4 Prozent (gegenüber 36 Prozent in Deutschland) beim Stromendverbrauch im Jahr 2017. Die Angst der Deutschen vor der Kernkraft ist für Franzosen nicht nachvollziehbar, den deutschen Atomausstieg sehen sie mit gemischten Gefühlen. Einerseits erkennen sie an, dass Deutschland als große Industrienation in der Lage ist, eine solche Veränderung zu meistern. Gleichzeitig bemängeln sie jedoch die Treibhausgasemissionen, die durch Kohlekraftwerke verursacht werden. Nicht zuletzt wird die Beziehung der Deutschen zu ihrer Religion (eine Kanzlerin, die auf die Bibel vereidigt wird, die Kirchensteuer oder die Wiedereinführung von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden) divergierend zur eigenen Einstellung wahrgenommen. In Frankreich ist Religion seit der Einführung des loi sur la séparation de l’église et de l’état (Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat) im Jahr 1905 Privatsache. Das französische Konzept der Trennung von Kirche und Staat hat seit 1989 tendenziell radikale Formen angenommen, wie es die Kontroverse über den Burkini im August 2016 oder das loi sur les signes religieux dans les écoles publiques (Gesetz über das Verbot religiöser Symbole in staatlichen Schulen) von 2004 gezeigt haben.

Doch trotz all dieser Unterschiede und trotz der Distanz hat die Mehrheit der Franzosen eine positive Meinung von Deutschland und den Deutschen. Anlässlich einer Meinungsumfrage der Deutschen Botschaft in Frankreich im Januar 2012 erklärten 82 Prozent der Franzosen, dass sie ein „positives Bild“ vom Nachbarland hätten. Und dies zu einer Zeit, als sich deutschfeindliche Erklärungen auf politischer Ebene häuften. Dass sich vorwiegend die junge Generation positiv äußerte, liegt ganz sicher am Erfolg von Kinofilmen wie „Das Leben der Anderen“ oder „Good Bye Lenin“, an Schauspielerinnen wie Paula Beer oder Diane Kruger und vor allem an der Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt.

Wer bei einer Unterhaltung in Frankreich fallen lässt, in Deutschland zu leben, wird keinen oder kaum einen Kommentar zu hören bekommen. Höchstens vielleicht eine ironische Bemerkung über den deutschen Lebensstil. Kommt allerdings die Sprache auf Berlin, sperren die Gesprächspartner gespannt die Ohren auf und Fragen zum Nachtleben, dem kreativen Treiben und zur Lebensart der deutschen Hauptstadt sprudeln nur so aus ihnen heraus. Noch vor einigen Jahren war es en vogue, beim Geschäftsessen in Paris zu behaupten, man investiere in Berliner Immobilien. Zur Unterstützung der zahlreichen französischen Kunden eröffnete sogar eine deutsch-französische Immobilienagentur. Wie deren Erfolg beweist, scheint die Nachfrage nicht abzureißen.

Doch dies war nicht immer so. Noch vor dreißig, vierzig Jahren war die Vorstellung über Deutschland noch stark durch die drei Kriege geprägt, in denen sich die beiden Länder zwischen 1870 und 1945 gegenüberstanden.

Deutsch-französischer Soldatenfriedhof in Maissin (Belgien). Quelle: Olnnu

 

Selbst in meinem persönlichen Umfeld bekam ich dies zu spüren. Die Hochzeit meiner Eltern – mein Vater ist Franzose, meine Mutter Deutsche – hat zahlreiche Spannungen hervorgerufen. Für meine Großeltern väterlicherseits kam 1969 die Vorstellung, eine Deutsche in die Familie aufzunehmen, die noch dazu evangelisch war, einer regelrechten Provokation gleich. Ich bin Jahrgang 1977. Selbst Jahre nach meiner Geburt wurde ich als Kind und Jugendliche regelmäßig auf die Geschichte des Dritten Reichs verwiesen. Nachdem nur noch wenig Zeitzeugen aus der Kriegsgeneration übriggeblieben sind, haben sich allmählich andere, positivere Bilder in den Köpfen der Menschen festgesetzt.

Mit einem Präsidenten, der die deutsch-französischen Beziehungen wie ein vertrauliches Gespräch darstellt, wird nicht die Gefahr bestehen, dass das Interesse der Franzosen an Deutschland nachlässt. In einer Zeit, in der populistische Strömungen Aufwind haben, werden die Erfolge des Duos Merkel-Macron nicht nur die Zukunft Europas entscheidend mitgestalten; sie werden auch den Blick auf das jeweilige Nachbarland jenseits des Rheins prägen. Aus französischer Perspektive galt die Wahl Macrons als letzte Hoffnung gegen eine Machtübernahme der extremen Rechten. Wenn Merkel es allerdings nicht schafft, den französischen Präsidenten bei seinen europäischen Reformvorhaben zu unterstützen, wird die Regierung in Berlin sicherlich als einer der Totengräber Europas gelten. Jetzt ist Deutschland am Zug.

Marchons, marchons, Macron! Quelle: Austrazil

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