Die Gazette Nr. 9, Dezember 1998:

Leseproben
 
 Ein blasenwerfender Sumpf

Es war sicher nicht die beste Idee in der ZEIT, die Rezension von „Hitlers München" an Brigitte Hamann zu geben, die gefeierte Autorin von „Hitlers Wien". Hatte man ihr da nicht, obwohl nur sozusagen, ihren Buchtitel geklaut? Die Besprechung geriet ihr denn auch recht sauertöpfisch. Zum Beispiel: Large zitiere dauernd unüberprüft und naiv aus „Mein Kampf", wo doch jeder wisse usw. (der Vorwurf trifft im übrigen nicht zu, Large weiß genau, wo und wie er Hitlers Selbstdarstellung zurechtrücken muß). 
Eine leichte Verwunderung bleibt indes über den so griffigen Titel. München war schon seit 1930 nicht mehr „Hitlers München", und nach 1933 kam er nur noch zu Jahrestagen in die Stadt, etwa der Verkündigung des Parteiprogramms (24. Februar), Mitte Juli zum „Tag der Deutschen Kunst", häufiger zu den Treffen mit der „Alten Garde" und vor allem zum pomphaft begangenen 8./9. November. Verkürzt gesagt, der „Verfall" der „Hauptstadt der Bewegung" begann schon mit dem Januar 1933. 
So sind die beiden letzten Kapitel des Buches eher eine kurze Geschichte der Stadt im Dritten Reich als ein Porträt von „Hitlers" München. 
Aber nun zu den übrigen, erheblich spannenderen Kapiteln 
Die Leitfrage des Autors lautet: Wie konnte es dahin kommen, daß ein Mann (dessen „Partei" Saul Friedländer eine scheinbar zum Untergang verurteilte „Sekte" nennt) gerade in dieser Stadt so groß werden konnte, daß er einen ganzen Erdteil ins Verderben stürzte? Und die vielfacettierten Antworten ergeben sehr schnell ein wenig schmeichelhaftes München-Porträt. 
Die angeblich so lebenslustige, kunstsinnige Stadt war schon vor dem Ersten Weltkrieg, so Large, „eine Hochburg des Antisemismus" und ein - gelegentlich berlinfeindliches - Zentrum des deutschen Nationalismus (der Alldeutsche Verband hatte hier seine stärkste Anhängerschaft). Und das berühmte Bier der Stadt war nicht nur, wie der amerikanische Konsul 1874 schrieb, ein „politischer und sozialer Gleichmacher", sondern geradezu die lokale Vorbedingung für Parteiprogramme und Putsche. Vielleicht geht es ja noch heute nicht anders: Parteigrüppchen kommen nun mal in den Nebenzimmern von Kneipen zusammen. Aber es ist auffällig, wie häufig und nachhaltig es Hitler gelang, die hirnlose Begeisterung seiner Zuhörer in Münchens Bierkellern herbeizureden, im Nebeldunst eines Bierkonsums, der sich im gleichen Zug an einer entfesselten Radikalrhetorik berauschte. Noch der unrühmliche Marsch auf die Feldherrnhalle, den Large - „Eine schwere Bierkellergeburt" - minutiös nachzeichnet, nahm ja seinen Ausgang vom Bürgerbräukeller am Rosenheimerplatz, und die Treffen mit den „Alten Kämpfern" wurden ab 1936 vom Hotel Wagner in der Sonnenstraße sogar eigens in den Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz verlegt. 
„Banale Weiber und gesunde Männer -" (zitiert Large Thomas Mann über die „unliterarische Stadt par excellence") „Gott weiß, welche Fülle von Mißachtung ich in das Wort ‘gesund' versenke!" 
Mit besonderer Spannung sind die Abschnitte zu lesen, in denen Large den Spuren des keimenden Faschismus in der Schwabinger Bohème nachgeht, die man sonst gern mit unkonventionell, aufsässig und links assoziiert. Selbst eine Galionsfigur wie die Reventlow kommt da nicht nur gut weg. Der Autor zusammenfassend: 

Das Rebellentum, für das Franziska zu Reventlow in Schwabing gefeiert wurde, blieb am Ende unvollständig. Wie bei vielen ihrer Mitstreiter verbanden sich auch bei ihr kühne Attacken gegen den offiziellen kulturellen Konsens mit der Bejahung einiger höchst traditioneller Sichtweisen. Und was noch wichtiger war: Selbst ihre Angriffe auf bürgerliche Werte enthielten noch ideologische Elemente, die die Rechten ebenso mühelos für sich vereinnahmen konnten wie die Linken. So dürfen wir uns nicht darüber wundern, daß sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Schwabinger Karriere einer Clique selbstverliebter Intellektueller anschloß (nicht ohne sie auch mit amüsierter Kritik zu überziehen), deren Weltanschauung man getrost autoritär und protofaschistisch nennen darf. 

Typisch dafür, daß in ihren Augen D. H. Lawrence das „nordische Heidentum in unvermischter Reinheit" verkörperte. Noch deutlicher zutage liegen diese schillernden - oft aber  auch eindeutigen - Haltungen bei vielen anderen Schwabingern und (Wahl)Münchnern. Bei Stefan George zum Beispiel und seinem irrationalen „Kosmiker"-Kreis; beim hochgerühmten Simplizissimus, dessen nationalistische Tendenzen und antisemitische Karikaturen immer wieder gern vergessen werden; und vor allem bei Oskar Panizza, der sich den Ruf eines garantierten Bürgerschrecks erworben hatte, und doch die widerliche Erzählung „Der operierte Jud" geschrieben hatte (in der ein Jude trotz der schönheitsoperierten Nase in der Hochzeitsnacht anhand seiner Beschnittenheit „enttarnt" wird). 
Die antisemitischen Verirrungen Ludwig Thomas im Miesbacher Anzeiger sind inzwischen 
bekannt, ebenso - wenn auch in geringerem Maß - die Verstiegenheiten des jungen, aber schon weltberühmten Thomas Mann, die Large an geeigneter Stelle aufgreift: „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte? Krieg? Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung." Von den - freundlich ausgedrückt - problematischen „Betrachtungen eines Unpolitischen" ganz zu schweigen. 
Ausführlich und voller scharf beobachteter Details schildert Large „Hitlers Müncher Helfer" - und seine Helferinnen in der „guten Gesellschaft": die Wagner-Enkel, die Bechsteins, Bruckmanns, Hanfstaengls (bei denen sich Hitler nach seinem gescheiterten Putsch versteckte). Und wie stolz waren diese gesellschaftlichen Eliten auf ihre Nähe zum kommenden „Führer": 

Hanfstaengl behauptete, Hitler einige aus Harvard mitgebrachte Schlachtgesänge und Cheerleaderposen beigebracht zu haben, von denen der Naziführer angeblich so angetan war, daß er seiner SA befahl, sie zu adaptieren. Aus „Rah, rah, rah!" sei so „Sieg heil, Sieg heil!" geworden, brüstete sich Hanfstaengl in einer vermutlich sehr freien Interpretation der Tatsachen. 

Elsa Bruckmann dagegen sah ihre „Mission" darin, den ungeschliffenen Hitler salonfähig zu machen (in neidischer Konkurrenz zu Helene Bechstein): 

Als sie zum Beispiel bemerkte, daß er nicht wußte, wie man eine Artischocke oder einen Hummer ißt, weihte sie ihn entzückt in diese gastronomischen Mysterien ein. Nachdem sie beobachtet hatte, wie linkisch er sich gegenüber Frauen verhielt, brachte sie ihm bei, einer Dame die Hand zu küssen. Und wie ihre Rivalin stattete auch Elsa Bruckmann Hitler mit Abendgarderobe und modischen Schuhen aus. 

Und alle zwei hatten die passenden Accessoires für ihn: 

Es war vielleicht unvermeidlich, daß Frau Bruckmann und Frau Bechstein im Zuge ihrer parallelen Bemühungen, Adolf Hitler gesellschaftlichen Schliff zu geben, auf Kollisionskurs gerieten. Jede behauptete, seine wichtigste Ratgeberin zu sein, jede schwor, er höre nur auf sie. Elsa Bruckmann ereiferte sich, als sie jemanden sagen hörte, Helene Bechstein habe Hitler die lederne Hundepeitsche geschenkt, die er mit sich führte, wenn er ausging. Sie habe ihm die Peitsche gegeben, erklärte sie. Die Wahrheit war, daß beide Damen Hitler eine Peitsche geschenkt hatten und daß er jede der beiden in dem Glauben gelassen hatte, sie sei seine einzige Wohltäterin. 

Was sie ihm an guter „Erziehung", schreibt Large, angedeihen ließen, „kam ihm auf unschätzbare Weise zustatten, als er sich anschickte, seinen Einfluß über seinen ursprünglichen Freundeskreis bayerischer Stammtischkumpane hinaus zu erweitern". Womit wir wieder beim Bier angekommen wären. 
An keiner Stelle geht der Autor so weit, in alberner Monokausalität zu behaupten, ohne München wäre Hitler unmöglich gewesen. Aber gleichzeitig wird bei der Lektüre deutlich, daß München mehr als andere Städte die Stimmungen und Umstände, Vereine und Personen bereithielt, die in ihrer fatalen Kombination Hitler bei seinem Aufstieg Hilfestellung leisteten. Man kann sich andere deutsche Städte denken, in denen der Mann - in jedem Sinne - unmöglich gewesen wäre. 
Zwei Eigenschaften des Buches sind besonders hervorzuheben, eine technische Kleinigkeit und eine große Freude. 
Der Text enthält dankenswerterweise keinerlei störende Fuß- oder Endnotenziffern. Statt dessen lassen sich die Quellen im Anhang nachschlagen, fortlaufend von der ersten bis zur letzten Buchseite. Zu diesem Zweck werden die jeweils letzten Wörter des Zitats, die man beim Nachschlagen ja noch im Kopf hat, neben der Seitenzahl wiederholt und danach die Quelle angegeben. Ein lobens- und nachahmenswertes Verfahren. 
Eine noch angenehmere Freude jedoch ist der Schreibstil des jungen Historikers: neu und unverbraucht,  an den dramatischen Höhepunkten eindrucksvoll detailscharf, in der analytischen Betrachtung abgewogen und genau, insgesamt moderat respektlos, niemals boshaft, immer gerecht. Eine Wissenschaftsprosa, die dem deutschen Tiefernst oft noch fernliegt. In der bemerkenswert flüssig lesbaren Übersetzung von Karl Heinz Scherer erreicht sie auch den deutschen Leser in schierer Originalfrische. 

Fritz R. Glunk 

David Clay Large
Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung
C. H. Beck, München 1998
515 Seiten, 14,5 x 2,5 cm
DM 49,80, öS 364, sFr 46,--
Umschlag Large