Nr. 30, November 2000
 
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Schräg gelaufen

Es ist unwesentlich, daß Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian laut Wolfgang Kubin, dem Übersetzer des Konkurrenten Bei Dao (und der wachsamen FAZ) "ein glatter Fehlgriff" war. Denn die Indizien dafür, daß die Wahl etwas krumm gelaufen ist, liegen woanders.
Göran Malmqvist (Foto) ist Sinologe und seit 1985 Mitglied der Schwedischen Akademie. Was ihn jedoch in ein besonderes Licht rückt: Er ist auch, weil er als einziges Akademiemitglied Chinesisch kann, Übersetzer der wenigen Werke des Preisträgers, die es überhaupt auf Schwedisch gibt. Schon etwas fahler wird das Licht, wenn man weiß, daß Gao zehn Tage vor der Preis-Entscheidung seinen bisherigen schwedischen Verlag Forum verlassen hat und zum Verlag Atlantis gewechselt ist und daß dieser Verlag der Nobelpreis-Akademie publikatorisch besonders nahesteht. Die Pressesprecherin von Forum "„will nicht behaupten, daß es hier ein Leck gegeben hat", aber sie findet die Geschichte trotzdem "sonderbar".
Malmqvist selber verheddert sich derweil. Er kümmere sich nie, sagte er Aftonbaldet, um solche Dinge wie Rechte oder Lizenzen. Inzwischen weiß man aber, daß er selbst die Rechte an Gao dem Verlag Atlantis angeboten hat. Und er hatte es eilig: Mehrmals erschien er höchstpersönlich im Verlag, um die Hersteller von Gaos "Buch eines einsamen Mannes" auf Trab zu bringen. Mancher fand es merkwürdig, daß es ihm so damit pressierte, das Buch noch vor der Mitteilung der Preisverleihung erscheinen zu lassen.
Die Geheimhaltung der Preis-Entscheidungsfindung ist nur solange respektabel, wie auch nicht der Schatten eines Privat-Interesses auf sie fällt. Aber wie heißt es so richtig in dem "Einsamen Mann": "Überall herrscht Lüge in dieser Welt."

 

Ein griechischer Archimedes-Text

Jahrhundertelang gab es Schriften des Archimedes nur in späten lateinischen Übersetzungen. Der einzige seiner Texte in griechischer Sprache ("Über schwimmende Körper") befindet sich auf einem Pergament-Codex, den im Jahr 1998 ein Unbekannter für zwei Millionen Dollar ersteigerte und der Stadt Baltimore schenkte. Das Dumme ist nur: Der griechische Text ist von einem Mönch des 12. Jahrhunderts weggekratzt und neu mit Gebettexten überschrieben - mit anderen Worten: ein Palimpsest. Man nimmt an, die hundertvierundsiebzig radierten Seiten wurden ursprünglich im 10. Jahrhundert beschrieben: eine Abschrift der Originale aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.
Mit neuester Technik haben jetzt Wissenschaftler der John Hopkins University und des Rochester Institute of Technology die ersten fünf Seiten des griechischen Textes wieder sichtbar gemacht und entziffert.
Dieser sogenannte Archimedes-Palimpsest enthält außerdem Bemerkungen und Diagramme des Philosophen zu einer Theorie der Schwerkraft und zur Differentialrechnung.


Der Sündenbock

ist in diesem Fall zwar eine Frau, aber was solls: Leni Riefenstahl sieht sich als einen. "Deutschland hat den Krieg verloren", sagte sie putzmunter auf der Frankfurter Buchmesse, "und ich war der beste Sündenbock, weil ich den besten Film der Zeit gemacht habe."
Die dreihundertdreißig Fotos in ihrem neuen Buch "Leni Riefenstahl - Fünf Leben" sind so formbetont und inhaltsneutral (d.h. projektionsfähig) wie ihre besten oder auch ihre schlechtesten Filme. In der Video-Präsentation werden Schwarzweißbilder von marschierenden Nazi-Stiefeln in scharfen Kontrast gesetzt zu malerischen Korallenriffen in den Tropen. Auf den nervenzerreißend scharfen Trommelschlag der Braunhemden folgt in hartem Schnitt das beruhigende Blubb-Blubb ihrer Sauerstoffflasche beim Tauchen. Wer möchte einer so ehrlichen und schönheitstrunkenen alten Dame noch böse sein?
Unverstanden ist sie: "Ich bin achtundneunzig Jahre alt, aber in meinem ganzen Leben habe ich für Hitler nur sieben Monate gearbeitet." Ach Leni: Es gibt Verbrechen, auch ästhetisch-politische, die sind noch viel schneller begangen.


Ein heimlicher Hölderlin-Film

Harald Bergmann hat, nach einer Meldung der FAZ, für die wir dankbar sind, über die letzten dreißig Jahre Hölderlins im Turm einen Film gedreht. Titel: "Scardanelli" (einer der Namen, mit denen Hölderlin in dieser Zeit manche Gedichte signierte). Hauptrolle: André Wilms. Dauer: Einhundertzwölf Minuten. Die Premiere war am 20. Oktober in Tübingen.
Der Dichter tritt in Schwarzweiß-Szenen auf, die Zeitzeugen - in fingierten Interviews und in einem verfremdenden Dekor von heute - in Farbe.
Die FAZ nenne den Film "diskutabel, faktisch und ästhetisch gerechtfertigt". Man würde dieses Urteil gern nachvollziehen, was aber nicht geht, denn die zwei Tübinger Premierenvorstellungen sind bis auf weiteres die einzigen bisher geplanten.
Ein Grund für so viel Heimlichkeit ist nicht recht erkennbar.


Gut getroffen

Fünfundsiebzig Prozent der Download-Leser müßten den verlangten Dollar pro """The-Plant"-Kapitel schon bezahlen, legte Stephen King sich fest, sonst würde er das Ding einstellen. Zu diesem Zeitpunkt war der Prozentsatz gefährlich nahe an die schon fast betrügerische Fünfzig-Prozent-Marke gelangt.
Aber als King das dritte Kapitel ins Netz stellte, da trat - vier Tage später - plötzlich eine wundersame Zahler-Vermehrung ein. Es waren erfreuliche 75,6 Prozent, die das Downgeloadete bezahlten. Die Präzision erinnert an kommunistische Wahlergebnisse.
Ob das so bleibt, ist aber ungewiß. Denn das vierte Kapitel soll doppelt so viel kosten: zwei Dollar. Dafür ist es mit seinen vierundfünfzig Seiten aber auch doppelt so lang. Und bei dreizehn Dollar insgesamt soll Schluß sein, egal wieviele Kapitel das endgültige Buch lang ist. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte: King weiß nicht, ob er das Buch fertigschreiben wird. Oder nur gegen Vorkasse. Kurz: Das ganze Unternehmen wackelt.


Europa? Welches meinen Sie?

Es gehört einige Chuzpe dazu, den Titel eines politischen Buches so sehr an Tocqevilles berühmte "Demokratie in Amerika" anzulehnen, daß dann die "Democracy in Europe" herauskommt (so der neue Buchtitel bei The Penguin Press). Der Autor Larry Siedentop hat sie. Aber anders als sein Titel-Vetter ist er nicht so sehr von der Kraft der Demokratie beeindruckt, sondern von ihrer Schwäche.
Europa, meint er, sei noch gar nicht reif dafür. Den Grund sieht er im bisherigen Ökonomismus des kleinen Kontinents. Das fing schon bei den Gründern so falsch an, bei Jean Monnet und Robert Schuman, und noch die Gegner Europas dachten so, etwa die angeblich so freiheitsliebende Maggie Thatcher. So kommt es, daß die Europäer immer nur als Konsumenten behandelt werden und nicht als Staatsbürger. An der Unmündigkeitserklärung seien insbesondere, meint Siedentop, die Franzosen schuld, die Europa nach ihrem Bilde geformt hätten: bürokratisch, mit einer übermächtigen Exekutive und einem neutralisierten Parlament. Dagegen hätten das informelle britische oder das föderalistische deutsche Modell (das der Autor bevorzugt) keine Chance. Gleichwohl räumt er ein, daß Europa für Frankreich in erster Linie ein moralisches und kulturelles Projekt ist.
Die oft uneingestandenen Motive der großen Euro-Länder, sagt der Autor, sind zu verschieden. Und keines von ihnen propagiert ein Europa der Bürgerfreiheiten oder eine partizipatorische europäische Demokratie.
Vielleicht wird man in einigen Generationen rückblickend feststellen, wieviel Zeit man dadurch vertan hat, daß man solche politischen Nachfragen und Anstöße nicht früher ernst genommen hat.


Postdigital

Wenn ein Computer-Experte zugibt, daß seine bisherigen Ansichten alle falsch sind, dann ist das einige Aufmerksamkeit wert. Bruce Schneier ist so ein Experte.
Noch in seinem vorletzten Buch "Applied Cryptography" meinte er, die mathematische Utopie einer absolut sicheren Verschlüsselung liege kurz vor uns, wir bräuchten bald nur noch zuzugreifen. Jetzt, in "Secrets and Lies", ist davon keine Rede mehr.
Im Gegenteil. Verschlüsselungssysteme, sagt Schneier jetzt, entstehen nicht in einem Vakuum. Sie sind abhängig von anderer, oft verwanzter und/oder instabiler Software und außerdem von Programmierern mit Stimmungsschwankungen. Es sei einfach naiv gewesen, sich allein auf die Sauberkeit der Mathematik zu verlassen. Computersicherheit ist also immer nur das, was auch andere Sicherheitsphilosophien sind: die Minimierung von Risiken, nicht ihre Ausschaltung.
Was in dieser Formulierung knochenspröde klingt, reichert der Autor mit konkreten Beispielen an, indem er uns auf seinen Spaziergang durch die Computer-Unterwelt mitnimmt: hier ein Fiasko, da ein kleiner Betrug, dort ein menschliches Versagen, da ein erfolgreicher Hack, dort eine majore Panne - lauter Fehlschläge, die zum Lachen komisch wären, beträfen sie nicht unser aller Leben, das wir am Ende doch lieber ernst nehmen. Trotzdem bleibt vor so viel Stimulanz keine Zeit für Langeweile: Wir erfahren auch, warum Aristoteles kein Hacker war, aber Galileo doch, und alles gespickt mit Zitaten von Dschingis Khan bis Luke Skywalker.


Doch keine Bücherverbrennung

Drei Mitglieder der Schulaufsicht in Santa Fe, NM, hatten (nach Eltern-Beschwerden) verlangt, daß bestimmte Bücher aus dem Schulbetrieb entfernt oder nur mit expliziter Erlaubnis ausgeliehen würden. Darunter auch die Harry-Potter-Bücher, weil darin von Magie und Zauberei die Rede sei. Ein anderes Buch, weil einer darin mal "Arschloch" sagt. Das ist dort "Vulgarität" und ein Verbotsgrund.
Da aber standen nun die Einwohner auf. Ein Hearing im Rathaus war vollgepackt mit Lehrern und Lehrerinnen, mit Eltern und Studenten. "Wenn ihr so weitermacht, gibt es bald nichts mehr zu lesen", sagte eine von ihnen; und: "Man kann doch nicht so tun, als hörten die Kinder diese [vulgären] Wörter nicht jeden Tag auf der Straße." Ein Kollege von ihr: "Ihr macht es einem peinlich zu sagen, wo man lebt und seine Steuern zahlt. Santa Fe hat eine alte Tradition brennender Kreuze [des Ku-Klux-Klans]. Ich finde nicht, wir sollten diese Tradition durch Bücherverbrennungen ersetzen."
Die Verbotsanträge wurden von der Schulaufsicht zurückgezogen. Mit vier zu drei Stimmen.


Wenn die Technik dem Autor nachläuft

Die Firma Gemstar, die jetzt das neue eBook herausbringen soll, wird jetzt zwei Geräte-Varianten produzieren:
- eine mit einem Schwarzweiß-Bildschirm und läppischen acht Megabyte, was grade mal für zwanzig Bücher oder achttausend Seiten Text reichen wird (aber, bitte sehr, man kann das Ding ausbauen auf zweiundsiebzig MB, das wären dann hundertfünfzig Bücher), taschenbuchgroß, Preis fast dreihundert Dollar; und
- einen Farbbildschirm mit Berührungsssensor, einem 56k-Modem zur Internetanbindung, so daß man damit auch Zeitungen online lesen kann, fast lexikongroß, Preis fast siebenhundert Dollar.
Damit die Lese-Apparate auch weggehen, schließ Gemstar jetzt Verträge mit Verlagen: Erst kommt die Geräte-Version auf den Markt, danach die traditionelle Papier-Version. Sechs Titel sind so geplant. Unter den dazu verpflichteten Autoren sind die Bestseller-Schreiber Robert Ludlum und Ken Follett.
Und doch sieht es nicht gut aus für die Technik, wenn die Technik dem Autor nachläuft. Bei Gutenberg war es umgekehrt.


Zuletzt noch diese Pressemitteilung vom 19. Oktober:

Gebrauchte Bücher für Schwaben und Schotten im Internet

BookKiosk.de GmbH eröffnet morgen einen Internet Marktplatz für gebrauchte
Bücher. Damit erhält der Nutzer kostenlos die Möglichkeit, über die Plattform www.bookkiosk.de gebrauchte Bücher zu kaufen, und eigene Bücher zu verkaufen.
Ziel ist es, alle Formen von Lesestoff, in allen Sprachen, für in Deutschland wohnhafte Interessenten zu vermitteln. Angesprochen sind alle: Studenten, Schüler, ausländische Mitbürger, Leseratten, ebenso Käufer und Verkäufer von Antiquarischen Raritäten oder Zeitschriften. Jeder, der beim Bücherkauf sparen, oder beim Verkauf von eigenen Büchern etwas verdienen möchte.
BookKiosk.de ist bedienungsfreundlich nach Themen eingeteilt. Einige Themenbeispiele sind: Romane, Länder & Reisen, Ratgeber, Comics, Schulbücher und Fremdsprachenbücher in Englisch, Französisch, Italienisch, Türkisch und Spanisch.
Ein Verkäufer erfasst sein Angebot und stellt es in die BookKiosk Datenbank. Die Käufer haben die Möglichkeit unter den verschiedenen Themenbereichen und den vielseitigen Angeboten zu suchen oder zu stöbern. Hat der Käufer ein Buch gefunden, kann er den Verkäufer einfach per Mausklick informieren. Versand und Zahlung (Büchersendung und Überweisung) werden kostengünstig direkt zwischen den Parteien abgewickelt.
Gründer von BookKiosk.de GmbH ist der Schwede Christer Nilsson (46), ehemaliger Geschäftsführer eines schwedischen Verlages, seit 1984 wohnhaft in Deutschland. Die Idee zu BookKiosk.de entstand während einer 7-monatigen Asienreise, auf der Nilsson einige Male der Lesestoff ausging. Zudem weiß er als Ausländer, wie schwierig es ist, Bücher in seiner Muttersprache zu finden.
Diesen Notstand will BookKiosk.de jetzt ändern!

 




Ihr Kommentar

Product Placement

Die Aufmerksamkeitsspanne des SPIEGEL, Archiv hin oder her, schnurrt auf immer weniger Monate zusammen.
Eben noch hatte er das eBook in den digitalen Himmel gehoben. Und jetzt (42/2000) ist das Gerät plötzlich "in die Jahre gekommen", "hässlich", mit 1400 Mark zu teuer, und die Markteinführungstermine "platzen".
Also lobt man kurzerhand eine neue Apparate-Technik und benimmt sich als Werbefirma bei der Prospektformulierung. "Ab Mitte November schon" (als hätten wir seit langem drauf gewartet) soll sich jeder User sein Buch selbst zusammenstellen können: "Das erspart Geld, Gewicht und unnötiges Blättern" (und, sagt der SPIEGEL aber nicht: Entdeckungen). "Individuell komponierbare Gedichtsammlungen", "Entflechten der Inhalte", "Reisefreiheit für Texte", "personalisierte Bücher", „eine neue Generation von [unnachahmlich!:] Buchnutzern" - einfach paradiesisch.
Wetten, daß die Zeit bis zur Desavouierung dieses Gadgets noch kürzer ist als letztes Mal?


Balzacs Mutter

Der Film wird in Frankreich gedreht, in Deutschland, das mit seinen Alpen den Schauplatz Schweiz hergeben soll, wo Balzac gelebt hat, und in der Ukraine. Mitspielen werden in der deutsch-französischen Produktion "Balzac" Katja Riemann, Fanny Ardant, Claude Rich, Gottfried John, auch Sunnyi Melles und Gerard Depardieu als, natürlich, Balzac selber.
Und Jeanne Moreau als Balzacs tyrannische Mutter. Das Fällige ist eingetreten: Der Film gehört einmal nicht Depardieu, sondern der großen Jeanne Moreau.


Kempes Neu-Deutschland-Bild

"Father/Land" heißt das neue Buch des amerikanischen Journalisten Frederick Kempe, und schon dieser Titel läßt Schlimmes befürchten (trotz des scheinbar ins Private relativierten Untertitels "A Personal Search for the New Germany").
Es ist beileibe kein rundheraus antideutsches Buch. Deutschland sei, meint der Autor, in der Lage, Europa zu führen (oder ist das nur ein besonders listig formulierter Vorwurf?). Die deutsche Müllsortierung indes nennt Kempe den Versuch, auch noch in den Abfall etwas wie deutsche Ordnung zu bringen. Dann zitiert er einen Freund, der meint, man müsse in diesem Land vorher ankündigen, wenn man in irgendeiner Weise ironisch werden wolle. Naja. Schließlich aber stellt er eine deutsche Leidenschaft fest: andere auszuspionieren und zu denunzieren. Sein Fazit lautet, Deutschland sei ein Bastard: nicht nur "Hitlers Nachwuchs", sondern auch "Amerikas Stiefkind".
Was das Buch zusätzlich verdächtig macht, ist das arg schiefe Lob der New York Times Book Review: "Die Deutschen machen keine halben Sachen." Um das ganz klarzustellen, schicke Deutschland viertausend Soldaten in das Kosovo, führe das Parlament in den "Reichstag" (deutsch im Original) zurück und verwandle durch Baustellen halb Berlin in eine "Weltstadt" (ebenso deutsch im Orignal), die dem Land immer wieder "entglitten" sei.
Aber vielleicht ist ja auch nur diese Präsentation so unangenehm.


Die Russen schreiben

Nicht nur Jelzin hat seine Memoiren geschrieben (und mit schwindender Kraft auf der Buchmesse vorgestellt): Auch der amtierende Premier Wladimir Putin ist jetzt Autor.
Genau genommen nur Ko-Autor, zusammen mit zwei anderen. Und dann auch nur eines Judo-Lehrbuches ("Judo: Geschichte, Theorie, Praxis"). Nur marginal spielt die Politik herein: Putin beschreibt einige Techniken, die er bei einem Staatsbesuch in Japan im vergangenen September kennenlernte. Nachdem er sich mit mehreren Judokas wacker geschlagen hatte, legte ihn ein zehnjähriges Mädchen auf die Matte.
"Wenn ich auf einer Judo-Matte bin, fühle ich mich zuhause", bekennt der Premier-Autor. Na dann.


Kein Rücktritt

Ende Oktober kam das Buch heraus: "Offen gesagt - Sechs Gespräche mit dem Kardinal". Gemeint ist der belgische Kardinal Godfried Danneels. Schon vorher hatten italienische und belgische Medien das Süffigste daraus verbreitet: "Ich wäre nicht überrascht", sagte seine Eminenz in der Unterhaltung über eine Altersgrenze für die Nachfolger Petri, "wenn der Papst nach dem Jahr 2000 zurückträte. Er wollte unbedingt das kirchliche Jubeljahr erreichen, aber danach, glaube ich, wollte er zurücktreten."
Schneller und prägnanter als auf jede andere Sünde reagierte der Vatikan: "Das ist die Privatmeinung von Kardinal Danneels." Mehr oder gar einen Kommentar dazu gab Joaqin Navarro-Valls, der Sprecher des Papstes, nicht her.
Die gesamte Kirchengeschichte kennt nur einen solchen Fall: Papst Coelestin V. trat 1294 (nicht ganz freiwillig) zurück, wurde aber dann von seinem Nachfolger Bonifaz VIII. gefangengesetzt - aus Angst vor einem Comeback. Nicht gerade ein ermunternder Präzedenzfall.
Die nächsten Reiseziele des Papstes sind übrigens Syrien, Malta, die Ukraine und Australien. Dann also: Bon voyage.


Harry Potter I

Gleich notieren, Fans: Der Titel für Band 5 steht bereits fest. Er lautet: "Harry Potter und der Orden des Phoenix". Aber mehr wollte die Autorin jetzt noch nicht verraten. Sie wollte eigentlich nicht mal den Titel preisgeben: "Aber da hat mich dieser hübsche Achtjährige danach gefragt, und ich wußte, es würde ihn glücklich machen."
Es wird eine Weile dauern, bis Band 5 da ist. Denn inzwischen schreibt Joanne Rowlings an zwei anderen, kleineren Büchern: "Fantastic animals and where to find them" und "Quidditch through the Ages" - sozusagen Abfallprodukte aus den vier Potterbänden. Die Erlöse daraus sollen wohltätigen Zwecken zugutekommen.


Harry Potter II

Time-Warner hat einen Kostümhersteller in San Diego verklagt, weil er "schamlos" Halloween-Verkleidungen aus den Harry-Potter-Büchern gestohlen und die Kostüme über das Internet vertrieben habe. Time-Warner ist schließlich der Alleininhaber aller Merchandising-Rechte aus den Romanen über den Zauberlehrling. Ergebnis: immerhin eine einstweilige Anordnung gegen die Kostümierer.
Wie findet man eigentlich solche Übeltäter? Ganz einfach. Man tippt, so geschehen auch in diesem Fall, "Harry Potter" in eine beliebige Suchmaschine und klappert die Adressen solange durch, bis man eine unlizenzierte Verwendung findet. It's the merchandising, stupid.


Die nackerte Wahrheit

Das russische Fernsehen geht zwei deutlich unterschiedene Wege. Der eine, Beispiel-Serie: "Apokrypha" über klassische Autoren, führt geradewegs in die höhere Bildung. In der Quiz-Sendung "Was, wo, wer?" Gibt es als Preise kein Geld, sondern antiquarische Bücher. Der andere Weg führt in den visuellen Wahnsinn.
Markantestes Beispiel: Die Nachrichtensendung mit dem nicht nur Lock-Titel "Die nackte Wahrheit". Es ist in jeder Hinsicht eine normale Nachrichtensendung - mit einer Ausnahme: Die Sprecherin zieht sich manchmal, während sie die Tagesmeldungen abliest, aus. Oder ihre Kolleginnen rechts und links ziehen sich aus, während sie ernsthaft die letzten Tschetschenien-Grausigkeiten berichtet. Oder auch: Die Reporterinnen bei ihren Interviews auf den Gängen des Parlaments haben oben nichts an. Die armen Abgeordneten schauen dann stoisch, aber immer besonders eifrig über die Schultern der Interviewerinnen hinweg.
Absurdes Ergebnis: Mit beidem - und mit wachsendem Erfolg - setzt sich das russische Fernsehen von der Billig-Flut der westlichen Soaps ab und findet gewissermaßen zu sich selbst.


Frankfurt und die Filmrechte

Bisher war Frankfurt als Paradies für Büchermacher, Autorenfänger und Verlagsrechtehändler bekannt und nicht so sehr als begehrter Jagdgrund für Filmgesellschaften auf der Suche nach Filmstoffen.
Dieses Jahr aber hat sich Miramax die Rechte an dem noch gar nicht ins Englische übersetzten Roman "L'Eucation d'une fée" von Didier van Cauwelaert gesichert - wie man sagt, für eine sechsstellige Dollar-Summe (die an den Verlag Albin Michel ging). Kurz vorher hatte sich dieselbe Gesellschaft bereits die Filmrechte an dem Harry-Potter-ähnlichen Roman "Artemis Fowl" von Eoin Colfer einverleibt. Die Publikationsrechte für die USA waren beim Schluß der Buchmesse nicht zu haben.
Die Rechtejägerin Jennifer Wachtell, eine Vizepräsidentin von Miramax, war am Main sozusagen allein auf weiter Flur.


Zwei erste Preise

Die Amerikaner David Maraniss ("When Pride Still Mattered") und E. M. Schorb ("""Paradies Square") sind die ersten Träger des nun jährlichen eBook-Preises der Frankfurter Buchmesse. Sie teilen sich die dafür ausgeschriebenen hunderttausend Dollar. Den Maraniss, eigentlich unverständlich, wenn man den Preis bedenkt, gibt es als ganz und gar traditionelles Papier-Buch, den Schorb immerhin auf CD oder als E-Mail für etwa fünfzehn Dollar.
Nun werden die eBooks von den daran Interessierten hochgeredet. "Das ist eine Industrie mit explosiven Wachstumspotential", ereifert sich Alberto Vito, Vorsitzender der Stiftung eBook-Preis, "wir müssen alle dazulernen und uns anpassen." Das letztere zumindest ist in jeder Hinsicht falsch falsch: Wir müssen uns nicht der Technik anpassen, sondern die Technik uns. Der technologische Vizepräsident von Microsoft, einem der Preis-Sponsoren, ist pflichtbewußt noch ungebremster in seinem Optimusmus. Für ihn haben nur noch die Alten einen seltsamen Hang zum Papier, während die Kinder den Bildschirm mit ins Bett nehmen. "Wir sprechen hier über eine Revolution", rief er aus, "die in jedem Detail so bedeutsam ist wie die Gutenberg-Revolution." In zwanzig Jahren, hofft er tapfer, werden die meisten Bücher nur noch elektronisch publiziert.
Man wird sehen.




 





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