Nr. 24, April 2000

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Es liest: Franz Kafka

Im Dezember 1912, im Hotel Erzherzog Stephan (dem heutigen "Europa") am Prager Wenzelsplatz, las der neunundzwanzigjährige Franz Kafka vor kleinem Publikum die Anfänge seines Romans "Das Urteil" (er hat übrigens danach nur noch ein zweites Mal öffentlich gelesen und dann nie wieder). Rudolf Fuchs, Autorenkollege: "Er las mit einer still verzweifelten Magie." Paul Wiegler rezensierte den Abend als den "Durchbruch eines großen, überraschend großen, leidenschaftlichen und disziplinierten Talentes, das schon jetzt die Kraft hat, allein seinen Weg zu gehen."
Gleich danach, zuhause und noch immer in aufgeregter Begeisterung, schrieb Kafka an Felice Bauer nach Berlin:

Liebste ich lese nämlich höllisch gern vor, in vorbereitete und aufmerksame Ohren der Zuhörer zu brüllen, tut dem armen Herzen so wohl. Ich habe sie aber auch tüchtig angebrüllt und die Musik die von den Nebensälen her mir die Mühe des Vorlesens abnehmen wollte, habe ich einfach fortgeblasen. Weißt Du, Menschen kommandieren oder wenigstens an sein Kommando zu glauben - es gibt kein größeres Wohlbehagen für den Körper. Als Kind - vor ein paar Jahren war ich es noch - träumte ich gern davon, in einem großen mit Menschen angefüllten Saal -, allerdings ausgestattet mit einer etwas größern Herz- Stimm- und Geisteskraft, als ich sie augenblicklich hatte - die ganze Education sentimentale ohne Unterbrechung soviel Tage und Nächte lang, als sich für notwendig ergeben würde, natürlich französisch (o du meine liebe Aussprache!) vorzulesen und die Wände sollten widerhallen. Wann immer ich gesprochen habe, reden ist wohl noch besser als vorlesen (selten genug ist es gewesen), habe ich diese Erhebung gefühlt und auch heute habe ich es nicht bereut. Es ist - und darin soll die Verzeihung liegen - das einzige gewissermaßen öffentliche Vergnügen, das ich mir seit einem Vierteljahr fast gegönnt habe.

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