Nr. 24, April 2000

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Kommentar
Gastkolumnen

 

 

Frank Zumbach

Die natürliche Frische
oder: Ende der Schonzeit

"Courage zeigen" und "Farbe bekennen", so vertraute sie dem Stern an, wollte die tapfere Uschi Glas mit ihrer Spende von 10.000 Mark an Altlastkanzler Kohl, und "da muß sie jetzt durch", nämlich durch die erwartete und prompt eingetroffene Medienschelte. Wie sie ihr Geld zum Fenster rausschmeißt, geht ja im Grunde nur sie selbst etwas an; soll sie es doch ruhig der Witwenverbrennungsanlage Dinkelsbühl spenden oder bei der Verlosung eines SOS- Kinderdorfs mit anschließender Folterung des Preisschwimmers Horstchen einsetzen. Was uns stört, ist nicht der Casus als solcher, sondern ihre Medienpräsenz als solche. Mit welcher sie uns seit ihrer Entdeckung durch die mäßig talentierte Jungfilmerin Mae Spils ("Zur Sache, Schätzchen", 1968) immer wieder martert und verwundert. Aus gegebenem Anlass ist es nunmehr an der Zeit, die Schonfrist aufzuheben und die Schamgrenzen fallen zu lassen.
1968! Gibt diese Jahreszahl nicht zu denken? Könnte es sich bei der nach ihr (nein, nicht nach Uschi Glas) benannten Revolution, bei der "die jungen Leute" ebenfalls Farbe bekennen und Courage zeigen wollten, nur um eine hormonelle Störung gehandelt haben?
Kann sich noch wer an den Inhalt des Schätzchen-Streifens erinnern? Wir zitieren aus Reclams grottenschlechtem "Lexikon des deutschen Films": "München-Schwabing. Treffpunkt von Künstlern, Studenten, Prominenten und allen, die dazugehören wollen [!]. Hier lebt Martin (Werner Enke), ein liebenswerter Gammler [!], der sich der hektischen Jagd nach Geld und Erfolg verweigert [!]. ... Einzig die Bekanntschaft mit Barbara (Uschi Glas), einer attraktiven Tochter aus gutbürgerlichem Haus [!], vermag Martin zumindest etwas aus seinem Trott zu holen. ... Als Henry (Henry van Lyck) erfährt, daß Martin in der Nacht zuvor kaltblütig [!] einen Einbruch im gegenüberliegenden Radiogeschäft beobachtet [!] hat, ohne die Polizei zu alarmieren [!], zwingt er ihn, ihm aufs Revier zu folgen. Dort steuert Martin allerdings nur Respektlosigkeit zur Wahrheitsfindung bei, wodurch er die Beamten gegen sich aufbringt. Als sie ihn später zu Hause verhaften wollen, provoziert er die Polizisten mit einer ungefährlichen Pistole [?]. Ein Beamter schießt, die Kugel streift Martin, der sich kurzfristig tot stellt und erst mit der Bemerkung, der Polizist habe ja noch einmal ‘Schwein' gehabt, unter die Lebenden zurückkehrt. Situationskomik, Wortwitz, Schlagfertigkeit und die natürliche Frische, mit der Uschi Glas als Zufallsbekanntschaft Martin Paroli bietet, machten den Film zum ersten Hit des Neuen deutschen Films. Viele der lässig hingeworfenen Pointen (‘fummeln', ‘Fummler', ‘Es wird böse enden' [!], ‘Machen wir ‘n kleines Match zusammen') wurden fester Bestandteil der deutschen Alltagssprache." Das alles ist jetzt 32 Jahre her.
Der Film gab sich den Anschein von locker, linksliberal und autoritätsverachtend. Wie die blöden Bullen da verarscht wurden - also selten so gelacht. Naja, wir waren noch jung damals, Schwamm drüber. Uschi durfte nicht mal ihre Titten zeigen, sondern lief immer in so merkwürdiger Reizwäsche rum. Aber ihrer Schauspiel[!]karriere muß das antibürgerliche Debut irgendwie genützt haben. Die Spätfolge dieses Auftritts war und ist, daß das (inzwischen) runzligere, aber immer noch keck dreinschauende Pekinesengesicht der (inzwischen) patenten Reaktionärin bildschirm und klatschspaltenkompatibel wurde. Sie zählt zu den VIPs und zeigt Courage, indem sie dem zu Unrecht arg gebeutelten Ex-Bundeskanzler (der zumindest das Abkanzeln von Journalisten noch beherrscht) 10.000 Mark zusteckt. Das Einzige, was sie in die Jetztzeit herüberretten konnte, scheint ihr mimisches Unvermögen, das sie, wie ein Hamster in seinem Rädchen, unverdrossen unter Beweis stellen muß. Und da VIPs die Ikonen des Zeitgeistes sind, sollte man sich auch mal fragen, was aus der ganzen Generation eigentlich geworden ist. Im Takt der öffentlichen Beförderungsmittel zuckende Zombies?
Wie? Jetzt sollte man die anderen Kohlspender auch noch erwähnen? Die dem Tod offenbar noch einmal von der Schippe gesprungene Null Heiner ("hick") Lauterbach zum Beispiel, die eine noch unverdientere Popularität genießt, oder die zotenreißende Mumie Dieter Thomas Heck? Danke. Nicht der Rede wert.

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