Nr. 20, Dezember 1999

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Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

 

Interview mit Antje Kunstmann

Frau Kunstmann, hatten Sie immer schon beruflich mit Büchern zu tun?
Seit ich einen Beruf ausübe, habe ich mit Büchern zu tun. Aber ich habe diesen Beruf nicht gelernt, ich habe weder eine Verlagslehre gemacht, noch Germanistik studiert. Ich habe Pädagogik studiert, und auch das Lehramtsexamen gemacht, aber schon während meines Studiums in einem pädagogischen Verlag gearbeitet. Lehrerin wollte ich nicht werden, das war mir schnell klar.

Wann kamen Sie auf den Gedanken, selbst einen Verlag zu gründen?
Der Gedanke, selbst einen Verlag zu gründen, ist zum einen dadurch entstanden, daß der Verlag, in dem ich gearbeitet und eine Reihe herausgegeben habe, in Konkurs gegangen ist, ich also etwas unternehmen mußte. Zum andern war mir schon vorher das pädagogische Umfeld zu eng geworden. Ich wollte andere Bücher machen. Zu dieser Zeit habe ich mich oft mit einem Bekannten getroffen, der das gleiche wollte. Er hatte zwei Jahr zuvor den Weismann Jugendbuchverlag an diesen pädagogischen Verlag verkauft und wollte ihn wieder zurückhaben. Und er hatte, im Gegensatz zu mir, eine solide Berufsausbildung. Wir haben uns zusammengetan und 1976 einen eigenen Verlag gegründet. Geld hatten wir nicht. Das haben wir uns geliehen, um unsere Bücher aus diesem Verlag herauszukaufen, und für die erste Produktion. Der Verlag hieß Weismann Verlag Frauenbuchverlag. Wir haben die ersten drei Jahre den Verlag in der Wohnung betrieben, in der wir auch gewohnt haben, Kosten gespart und nichts verdient.

Ist das heute noch der gleiche Verlag?
Es ist immer die gleiche Firma geblieben. Als Peter Weismann aus dem Verlag ausgeschieden ist, habe ich nach einer Weile, 1990, den Namen geändert. Es war einfach sinnlos geworden, zwei Verlagsnamen für ein relativ schmales Programm zu benutzen. Ursprünglich sollte bei Weismann Jugendliteratur erscheinen, im Frauenbuchverlag Bücher zu feministischen Themen im weitesten Sinn und Literatur. Das hatte sich im Laufe der Jahre geändert, bei Weismann sind kaum noch Jugendbücher erschienen und im Frauenbuchverlag immer mehr Literatur.

Man sagt, Sie hätten mit der Namensänderung auch die Zielrichtung des Programms verändert.
Ja und nein. Erstens verändert sich ein Programm im Lauf der Zeit immer, es wäre ja schrecklich, wenn es nicht so wäre. Zweitens hat sich auch das gesellschaftliche Umfeld verändert. Was 1976 richtig war, nämlich die politische Zielsetzung gewissermaßen im Namen auszudrücken und damit offensiv den Standpunkt klar zu machen, hatte sich Jahre später in ein Etikett verwandelt, das dem Anliegen nicht besonders nützte. Die Bücher kamen in den Buchhandlungen wegen des Verlagsnamens automatisch in die Frauenecke, auch wenn es sich um Literatur handelte. Das war weder im Sinne der Autorinnen, die sich natürlich nicth als "schreibende Frauen" verstanden, sondern als Schriftstellerinnen, und auch nicht in meinem Sinn; aus der Ecke wollten wir ja gerade raus.

Was waren denn die spezifischen Frauenthemen, die Sie damals brachten?
Wir haben damals zum Beispiel ein Buch über den Frauenstreik gemacht oder eines zur Geschichte der Frauen- und Arbeiterbewegung, über Schwangerschaft und Geburt, der Körper war damals ein großes Thema - einige davon sind richtige Klassiker geworden und sind bis heute lieferbar. Man kann sich das heute nicht mehr gut vorstellen, denn die ganze feministische Problematik hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Nicht daß das kein Thema mehr wäre, es findet in der Öffentlichkeit nur derzeit nicht statt. Ich finde das bedauerlich, denn in der Sache hat sich so viel nicht geändert - was sich geändert hat, ist nur das Diskussionsklima.

Die Änderung eines Verlagsnamens ist ja keine leichten Herzens unternommene Operation. Hatten sie nicht die Befürchtung, ihre bisherige Klientel zu verlieren?
Nein, hatte ich wirklich nicht. Höchstens die Befürchtung, mich mit meinem Namen zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Andererseits war der Verlagsname damit neutraler. Die Menschen, die Verlage kennen, kennen auch die Leute, die dahinterstehen. Und alle anderen kennen nicht so sehr Verlags-, sondern vor allem Autorennamen. Wenn Sie sich bei Lesern umhören, so ist es ganz selten, daß sich ein Verlagsname zum Markennamen gemacht hat; das ist vielleicht bei den großen Verlagen der Fall - oder bei Wagenbach, der das in bewundernswerter Weise geschafft hat.

Ihr Programm hat sich vermutlich nicht abrupt geändert durch die Namensnennung.
Ein Buchprogramm entwickelt sich mit den Autoren und mit dem, was man selber denkt. Sie brauchen sich doch nur die Bücher anzuschauen, die wir sozusagen alle vor zwanzig Jahren gemacht haben: Da sind sind sehr viele gute darunter, aber auch ein paar, die wir heute nicht mehr machen würden, zum Beispiel das Buch über Frauenstreiks, weil es so etwas derzeit überhaupt nicht gibt. Oder das Kommunistische Manifest, das wir als Comic herausgebracht haben. Es hat sich eben einiges verändert seit damals. Und trotzdem: Bestimmte Dinge sind natürlich weiterhin wahr. Bestimmte linke Theorien sind heute zwar nicht besonders gefragt, aber deshalb noch nicht falsch. Nur sind eben neue Themen hinzugekommen, die Ökologie zum Beispiel, die - auch wenn sie in der gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklung im großen und ganzen ausgeblendet wird - die zentrale Frage bleiben wird.

Das heißt, die Themen von früher laufen heute mehr oder weniger sichtbar immer noch mit.
Aber ja. Daß wir im Augenblick keine Debatte über Gewalt gegen Frauen haben, heißt ja nicht, daß die Gewalt vorbei wäre. Wir können nur froh sein, daß wir zu diesem historischen Zeitpunkt als Frauen in diesem Teil der Welt leben. In anderen Teilen der Welt sind die Rechte, für die wir uns eingesetzt haben, noch lange nicht gesichert.

Sind Sie ein politischer Verlag?
Das kann ich so gar nicht beantworten. Wenn man "politischer Verlag" in dem Sinn versteht, daß hier nur Bücher einer bestimmten politisch-ideologischen Richtung erscheinen, dann ist es kein politischer Verlag. Bücher sollen das kritische Denken befördern, nicht die Meinungsfahne hochhalten. Ich verstehe mich jedoch als einen politischen Menschen, der sich für gesellschaftliche Entwicklungen und für Politik interessiert und natürlich auch eine bestimmte Haltung hat, die sich in dem Programm widerspiegelt, das bei uns veröffentlicht wird. Ich würde natürlich kein reaktionäres Buch machen. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem Faschismus war immer ein Thema, in vielen Romanen und Sachbüchern, um nur ein Beispiel zu nennen, ebenso die kritische Bestandsaufnahme bestimmter wirtschaftlicher Entwicklungen oder die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Die politische Richtung ist sicher insgesamt eine links-liberale, wenn man sich das Sachbuchprogramm anschaut. Bei der Literatur stehen ganz andere Aspekte im Vordergrund, die Sprache, der Stil und natürlich auch, wovon erzählt wird. Politische Korrektheit war mir allerdings schon immer suspekt oder besser gesagt, furchtbar langweilig.


Woher kommt es eigentlich, daß in der ganzen Branche Ihr Name immer mit so großer Bewunderung genannt wird?
Wird er das? Das sollte man nicht überbewerten. Es gibt ja nicht viele Verlegerinnen, so fängt es schon mal an. Dann gibt es auch nicht so viele Verlage, die in dieser Größenordnung präsent sind: klein und auffällig. Außerdem habe ich "mit guten Büchern überlebt", wie Klaus Wagenbach das neulich formuliert hat, und das ist heute keineswegs mehr selbstverständlich. Dazu braucht man auch Glück: das richtige Buch zur richtigen Zeit. Und dieses Glück hatte ich immer wieder mal.

Mit welchen Autoren?
Mit Fay Weldon zum Beispiel. Daß einem später Autoren, die man durchgesetzt hat, von großen Verlagen weggekauft werden, ist eine andere Geschichte. Dann in beträchtlichem Maße mit Axel Hacke. Oder jetzt mit Barbara Gowdys Roman "Der weiße Knochen". Oder mit "Solare Weltwirtschaft- Strategie für die ökologische Moderne" von Hermann Scheer, der gerade den Alternativen Nobelpreis bekommen hat.

Mit welcher Auflage ist in Ihrem Verlag ein Buch ein Erfolg?
Das kann man so generell nicht sagen. Wenn wir von manchen Büchern dreitausend Exemplare verkaufen, ist das ein Erfolg. Auch wenn es keinen Gewinn abwirft. Aber man verliert auch kein Geld. Bei anderen Büchern, oft bei denen, an denen einem besonders liegt, kennt man gewissermaßen jeden Leser persönlich. Das ist natürlich ökonomisch gesehen kein Erfolg. Dann gibt es aber Bücher wie Axel Hackes "Der kleine Erziehungsberater", da liegt die Auflage inzwischen bei über fünfhunderttausend Exemplaren, und sein "Kleiner König Dezember" ist bei über dreihunderttausend Exemplaren. Aber auch Barbara Gowdys neuer Roman in inzwischen immerhin bei etwa vierzigtausend Exemplaren. Das sind traumhafte Zahlen.

So daß Sie eigentlich beruhigt in die Zukunft blicken?
Um beruhigt in die Zukunft zu sehen, müßte man den Kopf in den Sand stecken. Aber das hat noch nie geholfen. Tatsache ist, daß die Zukunft alles andere als beruhigend für die gesamte Buchbranche ist. Wir wissen nicht, ob die Preisbindung für Bücher, die uns diese Vielfalt von Büchern, von Buchhandlungen und Verlagen ermöglicht, in Brüssel gekippt wird. Wenn das passiert, brechen schnell eine ganze Reihe von Buchhandlungen zusammen und mit ihnen viele kleinere Verlage. Es wird einen Schub in Richtung Konzentration geben. Andererseits entwickelt sich der Internet-Buchhandel, und wie sich da kleinere Verlage behaupten können, wird man sehen. Vielleicht ist er auch eine Chance. Es stehen uns jedenfalls mit Sicherheit keine ruhigen Zeiten bevor. Aber das ist ja immer auch eine Herausforderung.

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