Nr. 18, Oktober 1999
 
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Die Marginalie
 

 

Anja Frisch

Die Eulen

     In der Kastanie, vor meinem Fenster, saßen zwei Eulen. Im Sommer hatte ich gelacht und mich zu ihnen auf den Ast gesetzt. Manchmal hatte ich der Nachbarskatze die Mäuse abgejagt, die die Eulen in einem Stück verschlangen. Zum Dank hatte ich das Gewölle bekommen, und wenn dann der warme Klumpen in meiner Hand gelegen und wir auf den Hafen hinunter geschaut hatten, wehte der Wind den Geruch verfaulten Gemüses vom Markt herüber. Es war der heißeste Sommer gewesen, seit die Stadt umgetauft worden war.
Während die Kastanien reiften, verbrachte ich die Vormittage und hin und wieder auch die Nachmittage noch immer neben den Eulen auf dem Baum. Nach einer Weile fanden wir uns inmitten grüner, stachliger Ballen wieder, und bald war kein Platz mehr für mich in dem Geäst; mein Haar verfing sich in den Stacheln, die auch durch meine Kleidung drangen, sich in meinen Körper ritzten und kleine Wunden hinterließen, die nicht verheilten. Ich mußte den Baum verlassen.
Als ich hinuntergestiegen war, nahm der Wind plötzlich zu und raubte der Kastanie das Laub.
Eines Morgens hörte ich das Eis im Hafen brechen und lief zum Fenster. Die Schiffe schoben sich zu den Anlegekais, und vor ihnen türmten sich die Schollen. Die Eulen saßen noch immer an demselben Fleck. Ich winkte ihnen, aber schon nach kurzer Zeit konnte ich ihren Blick nicht mehr ertragen. Seitdem waren meine Vorhänge zugezogen, und ich machte ausgedehnte Spaziergänge unter einem blau gefrorenen Himmel. Die Möwen jagten hungrig zwischen den hingehauchten Wolken, denn die Fische waren auf den Grund gesunken.
Wenn ich nach Hause kam, schaute ich auf den Boden, um die Eulen nicht zu sehen. Ich ging nie sofort in mein Zimmer, sondern schaute noch bei meinem Nachbarn vorbei. Er lag im Bett, das viel zu kurz war, und schnupfte. Fast immer hatte er ein Bier im Kühlschrank, das ich mir nehmen durfte. Ich legte mich zu ihm, und wir hörten Musik, rauchten ein bißchen. Er hatte die Wände mit Zeitungen aus den Jahren tapeziert, als die Stadt noch Kristiania hieß.
Wenn das dünne Mädchen aus dem dritten Stock abends nach Hause kam, luden wir es ein, mit uns zu rauchen. Es saß auf dem Hocker neben der Tür, und wenn es gut gelaunt war, rieb es seine Beine aneinander, und wir lauschten dem leisen Zirpen. Am dritten, sechsten und neunten Tag im Monat blieb das dünne Mädchen nur selten länger als eine Stunde bei uns – es war mit seinem Liebhaber verabredet, mit dem Mann, von dem mein Nachbar behauptete, er hätte keine richtigen Augen, sondern seine Lider seien durchsichtig wie die von Fischen. Ich tippte nur mit dem Zeigefinger an meine Stirn.
Eines Abends jedoch begegnete ich dem Freund des dünnen Mädchens auf der Treppe. Ich konnte an seinen Augen nichts Ungewöhnliches feststellen, aber als er die Stufen in den dritten Stock hinaufstieg, meinte ich ein Geräusch zu vernehmen, das entsteht, wenn nasse Kleidung aneinanderschlägt.  Als er verschwunden war, entdeckte ich auf dem Absatz einen silbrigen Fisch.

     Es kam einer dieser dämmrigen Nachmittage; Kumuluswolken waren aufgezogen und hatten den Tag bald zum Verlöschen gebracht. Mein Nachbar lag nicht im Bett wie üblich, sondern stand am Fenster und erwärmte die Eiskrusten mit einem Streichholz. Er sagte, im Baum säßen zwei Eulen, und ich nickte. Während ich die Bierdose öffnete und den Schaum von meinem Handrücken leckte, drehte er sich zu mir um und blies die Flamme aus. Das Streichholz zerbrach und rußte seine Finger. Dann holte er eine Schallplatte aus der Hülle, legte sie auf den Plattenteller und setzte die Nadel in die äußerste Rille. Wir schwiegen und hörten den ersten Akkorden zu, wie sie ins Zimmer kratzten. Plötzlich sagte mein Nachbar, er wolle im Hafen beigesetzt werden. Ich nickte nur, überlegte aber, daß es in dieser Jahreszeit etwas schwierig werden würde. Kaum hatten die Eisbrecher ihre Arbeit getan, hatte sich schon wieder eine neue Eisschicht gebildet. Wir hatten den ersten Eiswinter, seit die Stadt Oslo hieß.
Mein Nachbar ging zu seinem Schrank und kam mit einer Spitzhacke zurück, die er mir reichte. Damit, sagte er und schickte mich weg.
Die Eulen saßen noch immer in dem Baum. Ich beschloß hinauszugehen, den Ast abzusägen und mit in mein Zimmer zu nehmen.
Nachdem die Eulenfüße langsam aufgetaut waren und sich von dem Ast gelöst hatten, setzten sich die beiden Vögel auf meinen Schrank, und ich fand noch getrocknete Pflaumen und Kirschen, die ich ihnen gab. Zum Schlafen zogen sie sich in die hinterste Ecke zurück, so daß ich ungestört aus dem Fenster schauen konnte.
Am ersten Tag, an dem die Eulen in meinem Zimmer saßen und dösten, klopfte es an die Tür, und bevor ich hereinbitten konnte, stand Thaddäus Kranz, der Mann aus dem Hinterhaus, im Raum. Er war außer Atem, hustete, wobei seine Lungen laut pfiffen. Er müsse mit mir reden, unbedingt, es sei etwas Fürchterliches geschehen. Und er nahm auf meinem Bett Platz. Ich schielte zu den Eulen hinauf, die aber die Augen weiterhin geschlossen hielten, und holte ein Glas Wasser. Kranz ignorierte das ihm angebotene Glas, griff statt dessen in seine Jacke und zog ein Taschentuch heraus, das er sorgsam entknotete und auseinanderfaltete. Mit einem Schluchzen legte er es auf mein Bett, nahm die dicke Brille ab und massierte sich kurz die Schläfen. Mit zusammengekniffenen Augen deutete er auf das, was in dem Taschentuch eingewickelt und nun sichtbar geworden war. Eine Scherbe, sagte ich, und Kranz stöhnte. Eine Scherbe, das sei ja richtig, aber ich solle genauer hinsehen. Ich beugte mich über sie. Es war eine Milchglasscherbe, leicht gebogen und mit scharf geschliffenem Rand. Kranz erhob sich und trat ans Fenster. Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt und winkte mich heran. Er zeigte hinaus in den Himmel. Erst nach einer Weile sah ich, daß er auf die hin und wieder in der dunklen Himmelsmasse aufblitzenden Mondstücke deutete. Er zerbricht, sagte er, und unter dem Rand seiner Brille wurde es naß. Dann wickelte er die Scherbe wieder in das Taschentuch und ging.
An dem Abend, an dem die Eulen zum ersten Mal auf meinem Schrank schliefen, bin ich zu meinem Nachbarn gegangen. Als ich ihm von Kranz erzählte, schwieg er. Er hatte Fieber, und wir hörten "Georgia On My Mind".

     Als die Eulen in die Mauser kamen und Federn durch mein Zimmer schneiten, traf ich Thaddäus Kranz im Hof. Er trug einen Koffer bei sich,  machte ein betrübtes und zugleich geschäftiges Gesicht und übersah mich.
Drei Stunden später klopfte es an meine Tür. Flaum staubte auf, als Kranz sich ermattet auf mein Bett nieder ließ. Es zwicke ihn in den Gedärmen, sagte er und hielt sich den Bauch.
Später sah ich ihm nach, wie er den Hausflur entlang lief, das linke Bein dem rechten nachziehend, und mir war, als begleite ihn ein leises Klirren – etwa so, als bliese Wind in einen Scherbenhaufen.
Die Eulen knackten Kirsch- und Pflaumenkerne, ich sah zu, wie das Eis sich zurückzog und Asphalt und zerdrückte Grashalme zum Vorschein kamen. Kranz sah ich nicht.
Mit der vierten Mauser kamen mir Bedenken, und ich beschloß, ins Hinterhaus zu gehen. Kranz‘ Tür war nicht verriegelt, und als auf mein Klopfen keine Antwort kam, trat ich ein. Im gesamten Zimmer waren Scherben verstreut worden, daß man die Dielen nicht mehr sehen konnte. Ich rief ein paar Mal nach ihm, aber er war nicht da. Auf dem Tisch lag seine Brille und daneben ein blaues Glasauge.
Von meinem Schrank herunter, aus der hintersten Ecke drang das Schnarchen der Eulen. Ich hatte die Tür von Kranz` Zimmer einfach hinter mir zugezogen und war wieder ins Vorderhaus gegangen. Ich hatte mich ans Fenster gesetzt und betrachtete nun in der Scheibe mein bleiches Gesicht, das über dem nächtlichen Hafen schwebte. Ich nahm mir vor, die restlichen Pflaumen und Kirschen zusammensuchen und sie den Eulen auf den Schrank zu legen. Und, meine Tasche zu packen.

     Die Wolken zerflossen am Morgenhimmel, als ich die Stadt verließ. Rußflocken schwärzten mir den Blick auf die zurückbleibenden Häuserzeilen, so daß ich das Abteilfenster bald schloß. Meine Jacke diente mir als Nackenstütze, und ich dachte noch kurz an die Eulen, bevor ich einschlief.
Es war früher Abend geworden, und der Himmel hatte sich schimmlig verfärbt. Der Zug fuhr in einen Bahnhof ein, der nur aus einem Bahnsteig und einem Bahnhofsvorsteher in einer viel zu großen Uniform bestand. Ich stieg aus. Es dauerte eine Weile, bis ich das Ortsschild fand. Pavägen. 
Pavägen war klein und alt. Dem Kopfsteinpflaster fehlten viele Steine, die Leute liefen hinkend durch die Straßen . Ich fand ein Zimmer, dessen Tapete mir ganz gut gefiel. Blaue Streifen. Manchmal stellte ich mir vor, es sei der Horizont, und ich stände am Hafen von Oslo. 
Die Stadt lag in einem Birkental, und auch vor meinem Fenster wuchsen drei Birken, in deren Kronen die Zwillingstöchter der Vermieter turnten. Ich konnte sie nicht immer auseinanderhalten; wenn mir nur eine von ihnen begegnete, wußte ich nie, ob es Milja oder Merja war. Kamen sie mir zu zweit entgegen, war es nicht schwer. Merja war einen Kopf kleiner als Milja.
Oft saßen sie im Baum und spähten zu mir herein. Manchmal standen sie auch im Korridor, wenn ich mein Zimmer verließ. Eines Tages hatten sie sogar vor meiner Tür gestanden, als ich gerade meinen täglichen Spaziergang machen wollte. Sie hatten schon eine Weile darauf gewartet, daß ich herauskommen würde, und hielten mir nun ungeduldig einen kleinen Beutel entgegen. Als ich ihn nahm, rannten sie davon, und ich ging, ohne ihn zu öffnen und nachzuschauen, in Richtung Klostergarten. Es war der erste Mai, und überall in den Bäumen saßen Kinder, wie weiße Raben, in ihren Sonntagskleidern und stahlen Vogeleier aus den Nestern. Auch in dem Beutel, den mir die Zwillinge gegeben hatten, befand sich ein Dutzend daumengroßer Eier, manche grün gesprenkelt, andere von einem stumpfen Braun. Am ersten Mai gab es in Pavägen eine Brennesselsuppe mit Eierstich. Die Häuser waren mit Flieder und blühenden Kirschzweigen geschmückt, Vögel aus buntem Papier in die Bäume und Laternen gehängt. Auch meine Vermieter luden mich an diesem Tag ein, mit ihnen zu essen; ich nahm an.
 Die Suppenschüssel war leer und es dämmerte. Ich machte noch einen Rundgang durch den Klostergarten. Die Luft roch nach Nelken. Ich blieb stehen, um tief durchzuatmen und bemerkte dabei, daß man vom Mond nur eine Sichelspitze sehen konnte. Aus dem Oleanderstrauch neben mir drang ein zartes Knacken. Zuerst nur einmal, dann zweimal, und bald klang es, als zersprängen hunderte Vogeleier zur gleichen Zeit in ihren Nestern. An diesem Tag vermied ich es, an die Eulen zu denken.

     Das blau gestreifte Zimmer teilte ich bald daraufhin mit einem Pfau. Ich traf ihn ganz zufällig; er stand unter einem Quittenbaum und schlug Rad. Ich habe zwei Nächte lang versucht, ihm die Vogeleier unter sein Gefieder zu schieben, während er schlief, aber jedes Mal hatte er sich von seinem Lager erhoben, war ein zwei Schritte seitwärts gegangen und hatte sich wieder gesetzt, ohne zu erwachen.
Wenn er tagsüber im Zimmer auf und nieder ging, zog er das rechte Bein dem linken nach. Als ich es zum ersten Mal sah, wußte ich noch nicht, woran ich mich erinnert fühlte. Erst beim zweiten Mal wurde es mir bewußt. Seitdem mußte ich wieder öfter an die Eulen denken. An meinen Nachbarn, an das dünne Mädchen aus dem dritten Stock und seinen Liebhaber. An Thaddäus Kranz. Ich wollte einen Brief schreiben.

     Ich schrieb keinen Brief. Die blauen Streifen an der Wand irritierten mich. Schaute ich hin, konnte ich meinen Blick lange nicht mehr von der Tapete wenden. Dabei begann ich zu zittern, und zu dem Flimmern, das entsteht, wenn man gestreifte Flächen anstarrt, hörte ich einen sehr hohen, sehr schrillen Ton. Er schmerzte in meinen Ohren. Wenig später schienen die Streifen sich langsam von der Wand zu lösen und auf den Boden zu gleiten. Ich schüttelte einige Male den Kopf wie ein Schwimmer und hoffte, etwas fiele durch meine Ohren aus meinem Kopf heraus. Es wurde erst besser, als ich das Zimmer verließ.
Ich lief durch Pavägen. Einmal. Zweimal. Bis nur noch ein leises Summen zurückblieb.
Ich beruhigte mich langsam und wollte wieder zurück in mein Zimmer. Ich bog in die gammlastan ein und sah ihn. Ich sah seinen Hut, der auf dem schief gehaltenen Kopf saß, sah, wie er das linke Bein dem rechten nachzog. Ich sah aber auch das Haus, auf das er zusteuerte. Ich sah durch ihn durch. Vor mir lief Thaddäus Kranz – ein klarer Eiszapfen in der Sommersonne. Ich rief ihn. Rief ihn lauter. Schrie. Er drehte sich um, ich sah sein Gesicht. Sah immer noch gleichzeitig durch ihn durch. Sah auch den Riß, der durch seinen Hut lief und über seine Stirn das Gesicht erreichte, sah die Verzweigungen, die der Riß nahm. Sah, wie Thaddäus Kranz auseinanderbrach. Ich schrie. 

     Sie sagten, ich sollte im Bett bleiben. Drei Tage lang tat ich es. Ich wagte nicht zu fragen. Nachdem ich zunächst im Garten meiner Vermieter geblieben war, begann ich im Wald Blaubeeren zu sammeln. Zur Beruhigung. Ich war gerade mit einem gefüllten Korb wiedergekommen, als ich die Nachricht aus Oslo erhielt. Merja, vielleicht aber auch Milja überreichte mir den Umschlag. Ich hielt den Brief lange in der Hand, meine Finger hinterließen violette Tupfen auf dem Papier. Das dünne Mädchen hatte mir geschrieben – meinem Nachbarn, schrieb es, ginge es nicht gut. Ich las den Brief mehrmals. Von Thaddäus Kranz schrieb das dünne Mädchen nichts.
Ich wollte abreisen, verschob die Reise aber immer wieder. Es wurde September. Ich hatte  gepackt, meine restliche Monatsmiete gezahlt und mußte nur noch den Pfau zurück unter den Quittenbaum bringen. Ich hatte mir von meiner Vermieterin einen Korb ausgeliehen, der groß genug war, und den Pfau hinein geschoben. Erst unter dem Baum fielen mir seine spärlichen Schwanzfedern auf. Beim Gehen schaute ich mich noch einmal um. Der Pfau hatte sich abgewandt und schlug sein löchriges Rad, die Quitten hingen als kleine, gelbe Tropfen am Baum, und ich dachte an die Farbe des Hafens.

     Bei meiner Ankunft in Oslo schwammen die ersten Blätter im Hafenbecken. Ich bog in meine Straße ein und blieb vor dem Hauseingang stehen. Es mußte in den vergangenen Tagen gestürmt haben; ich betrachtete die geplatzten Kastanienbälle, aus denen die weißen Früchte quollen; nur wenige hatten bereits braune Sonnenflecken.
Mein Nachbar lag in seinem Bett, mit einem Tuch auf der Stirn, das das dünne Mädchen immer wieder mit seinem Zeigefinger berührte, um zu sehen, ob es noch kühl war. Ich setzte mich auf die Bettkante, doch er schlief . Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank; das dünne Mädchen gab mir zu verstehen, ich könnte jetzt nichts tun. Ich ging also hinüber in mein Zimmer. Auf meinem Schrank saßen sechs Eulen. Die siebte saß unter dem Tisch. Ich schob die Federn und Eierschalen beiseite, die sich auf der Tischplatte angehäuft hatten, fand Unterlagen und Rechnungen, auf denen die Eulen ihre Spuren hinterlassen hatten. Dann begann ich auszupacken. Zwischen meinen Hemden lagen die Eier aus Pavägen, zerdrückt.

     Ich fragte das dünne Mädchen nach Kranz, aber es schüttelte den Kopf. Auch der Mann mit den Fischaugen wußte nichts, und ich scheute mich davor, ins Hinterhaus zu gehen.
Meinem Nachbarn ging es nicht besser. Er fieberte nur noch. Wenn das dünne Mädchen nicht dabei war, legte ich mich zu ihm ins Bett. Die Nächte wurden kalt; das Laken war von seinem Fieber durchnäßt, aber ich fror nicht mehr. Wenn ich in den anderen Nächten an meinem Fenster saß und hinaus schaute, bemerkte ich plötzlich, daß der Nachthimmel in Oslo kaum Sterne trug. 

     Am Fünfzehnten starb mein Nachbar. Wir merkten es erst am späten Abend, das dünne Mädchen kam, um seine Stirn zu kühlen. Kalt, sagte es, während es die Hand zurückzog.
Die Spitzhacke brauchten wir nicht, noch hatte es keinen Frost gegeben. Wir legten ihn auf seine Bettdecke, wickelten ihn darin ein und banden die Decke mit einem Seil zusammen, damit er uns beim Transport nicht herausrutschte. Der Liebhaber des dünnen Mädchens und ich trugen ihn zum Hafen, das dünne Mädchen lief nebenher und leuchtete uns den Weg. Wir hatten beschlossen, ihn gleich zu bestatten. Die Steine fanden wir dort. Zudem  wußte der Liebhaber des dünnen Mädchens, an welcher Stelle im Hafen die Strudel besonders stark waren. - Ich hatte nicht geglaubt, daß etwas so schnell in der Tiefe verschwinden konnte. Wir hatten keine Blumen und warfen daher Papierschnipsel, die wir in unseren Taschen fanden, ins Wasser. Das dünne Mädchen wollte mit seinem Liebhaber noch am Kai stehenbleiben; ich sagte, ich müßte nach den Eulen sehen und ging. Von meinem Fenster aus konnte ich die beiden sehen. Sie schimmerten grün im Licht der Straßenlaternen. 

     Die Herbstnächte in Oslo waren mondlos und gläsern. Nach dem Fünfzehnten wurde es langsam immer kälter. Seit ich aus Pavägen zurück war, kam es mir vor, als würden auch die Menschen zunehmend durchsichtiger, je weiter das Thermometer auf der Temperaturskala nach unten sank. Mein Gesicht hatte einen blaßblauen Teint bekommen, und auch das dünne Mädchen wurde bleicher. Ich stand jeden Morgen auf und suchte bei meinem Spiegelbild nach Veränderungen. Die Eulen waren durch mein geöffnetes Fenster in die Kastanie geflogen. Als ich es bemerkte, kletterte ich zu ihnen hinauf und setzte mich zwischen sie. Der erste Schnee fiel, aber noch verschwanden die Flocken, sobald sie den Boden berührten.

Anja Frisch, geb. 1976 in Siegen
1995-1997 Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie in Frankfurt/Main
seit  WS 1997 Studentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig

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