Nr. 18, Oktober 1999
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Das Leben am Ende der Zeit

Andreas Lebert gründete und führte in seiner Heimatstadt München das SZ-Magazin, nach dem Aus für die Beilagen der ZEIT und der FAZ  heute einziger Überlebender der  Gattung. Ebenfalls für die SZ  entwickelte er das Jugend-Supplement  JETZT. In Hamburg scheiterte er 1997 als Stellvertretender Chefredakteur des STERN. Von Berlin aus konzipierte er für die ZEIT den neuen Teil LEBEN, am 12. Mai erstmals erschienen. Im Gespräch mit Andreas Odenwald offenbart der Journalist seine Leidenschaft, vorwärts zu gehen und um die Ecke zu denken
 

AO: Das Rampenlicht der Medienbranche hat die Familie Lebert in diesem Jahr kräftig angestrahlt.  Dein Sohn Benjamin hat mit 16 einen Bestseller geschrieben, "Crazy", Du hast der ZEIT ein neues LEBEN verpasst. Worauf bist Du mehr stolz?

AL: Auf Benni, eindeutig. Großartig, was er da gemacht hat. Weniger die Tatsache, dass es ein Bestseller ist, als dass er überhaupt ein Buch geschrieben hat. Wir wissen doch alle, wie schwer das ist. Er hatte sich ja schon als Kind, mit acht und mit zwölf, an zwei Romanen versucht. Jetzt hat er's gepackt, und natürlich bin ich auch glücklich, dass er damit Erfolg hat, dass es vielen Leuten gefällt. 

Während er auf Lesereise durch Deutschland ging, warst Du ZEIT-Arbeiter in Berlin, fernab vom Mutterhaus in Hamburg. Wie kam es zu dem Engagement und der ungewöhnlichen Konstruktion?

Da muß ich zwei Geschichten erzählen. Die eine ist, dass ich nach meiner STERN-Zeit, als Freier, bei der GAT in Unterföhring Fernsehen gemacht habe, die Lottoshow für die ARD, und mich die Strukturen dort extrem beeindruckt haben: Wie sich ein großer Sender, also ein eher unbewegliches System, mit einer Produktionsfirma ein schnelles Beiboot holt, um etwas zu realisieren.  Es hat mich fasziniert und ich dachte:  So würde ich auch gern im Printbereich  arbeiten. Dann kam die ZEIT und fragte an, ob ich Interesse hätte, im nächsten Jahr, wenn Aloys Behler pensioniert wird, Chef des Ressorts "Modernes Leben"  zu werden. Ich traf mich mit Chefredakteur Roger de Weck  und schlug ihm vor, das ZEIT-Magazin und das "Moderne Leben" zusammenzulegen. Die Idee war ja nicht von mir, die hatte es schon gegeben. Aber neu waren meine Vorschläge, das Ganze von Berlin aus zu machen, und ich dabei nicht als festangestellter Redakteur sondern als selbständige Produktionsfirma. Das war mir ein Anliegen.

Erstaunlich, dass die sich darauf einließen. Der  ZEIT weht nicht gerade der Ruf der Experimentierfreude  voraus.

Sie hätten in den ersten Phasen immer wieder aussteigen können, wenn ihnen mein Programm nicht zugesagt hätte. Das habe ich Ihnen angeboten. Aber sie haben es in allen Etappen gebilligt und mitgetragen - inklusive Redaktionsaufbau in Berlin, Integration der Mitarbeiter und meine bis Ende des Jahres befristete Tätigkeit als auswärtiger Ressortchef.

Vermutlich wäre das Projekt in Hamburg nicht so schnell realisert worden.

Wir hätten es dort nie in dieser kurzen Zeit geschafft. Ende Oktober fingen 
wir an nachzudenken - am 12. Mai erschien das LEBEN zum ersten Mal. 

Hast Du Maßgaben mitbekommen oder hat man Dich einfach machen lassen? 

Wir haben uns auf mein Grundkonzept verständigt, den  Perspektivenwechsel im letzten Buch der ZEIT: Vorne im Blatt erklärt die Redaktion dem als Person unwichtigen Leser, was auf der Welt los ist. Hinten im LEBEN aber wendet sie sich dem Leser selbst  zu und signalisiert ihm:  Du bist auch wichtig. Und mit der gleichen Kompetenz und dem gleichen journalistischen Ansatz wie im vorderen Heft sollen im LEBEN die Themen angepackt werden, die unser persönliches Leben beherrschen: Liebe, Erziehung, Beruf, Freizeit etc.  Immer an aktuellen Ereignissen aufgehängt, aber eben mit diesem Perspektivenwechel. Das habe ich ihnen vorgeschlagen, und dann war ich sehr frei. Natürlich habe ich die  Chefredaktion immer auf dem Laufenden gehalten,  damit die nicht später sagen, so wollen wir das überhaupt nicht. Es gab einen jour fixe in Hamburg, wo ich jedesmal sagte: So und so weit sind wir, das und das haben wir vor. Mitte Januar habe ich dann der Chefredaktion, dem Verleger  Holtzbrinck und seinen Managern sowie den Herausgebern präsentiert. 

Wie war das Gespräch mit den Herausgebern? Gräfin Dönhoff, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, Theo Sommer: ein ehrfurchtheischendes Gremium.

Wohl wahr. Ich hatte enormen Respekt. Das sind hochintelligente Leute,  die wissen, wovon sie reden. Natürlich ist dieser Teil LEBEN nicht unbedingt das Spielfeld des Altbundeskanzlers, was er, souverän wie er ist, auch zugab. Aber er gab deutlich zu erkennen, dass er mit dem ZEIT-Magazin nicht zufrieden war und etwas geschehen müsse. Die Gräfin übte Einzelkritik an strukturellen Dingen, äußerte Zweifel, ob das alles so funktionieren würde. Sommer machte wichtige handwerkliche Bemerkungen. Aber am Ende war das Projekt durch.

Wie reagierten die betroffenen  Ressorts, das Magazin und das "Moderne Leben"?

Es war für alle Beteiligten eine psychologisch extrem schwierige Situation. Bevor die Entscheidung da war, konnte ich mit den Leuten natürlich nicht sprechen, und nun lag da plötzlich unser Entwurf, ein neues Konzept von außen, das sie nicht kannten, das ihre bisherige Arbeit ablösen sollte. Wobei ich den Hut ziehe vor den Kollegen, wie sie dann doch und trotz der Situation gesagt haben: Komm, jetzt machen wir's. Aber es war am Anfang nicht leicht. Für alle nicht, auch nicht für die Münchner Mitarbeiter, die ich mitgebracht hatte. Doch ich glaube, dass wir es alle zusammen gut über die Bühne bekommen haben, da hätte es auch mehr Verletzungen geben können, mehr Hauen und Stechen. 

Nochmal zurück zur Entwicklungsphase. Wie habt Ihr Euch herangetatstet?

Der Anfang sah so aus:  Wir haben 24 leere Zeitungsseiten an die Wand gehängt, brutal leere Seiten, und uns gefragt: Was macht unser heutiges Leben aus? Um irgendwie eine Struktur reinzukriegen. Wir haben erstmal gesprochene Sätze über die Seiten geschrieben, Sätze, die aus dem normalen Leben kommen wie "Was soll ich tun?" Einfach mal hinschreiben so einen Satz! Daraus wurde dann später die Rubrik "Entscheiden". Ich wollte bewußt nicht nach Inhalten wie Mode, Auto, Film, Computer und dergleichen  strukturieren, weil erstens die ZEIT das vorne schon macht, solche Ressorteinteilungen, und weil, zweitens, in unserem Leben ja auch die Wahrnehmung so nicht abläuft. Wir haben ja nicht die Wahrnehmung: Jetzt denke ich fünf Minuten an Mode, dann fünf Minuten an Politik, sondern ich sehe einen Politiker, und der trägt einen tollen Anzug. Oder: Ich telefoniere, führe gerade ein wichtiges berufliches Gespräch, und mein kleines Kind zupft mich am Ärmel und sagt:  "Guck mal, was ich Schönes gebastelt habe."  Ich höre ja nicht auf, sein Vater zu sein, nur weil ich telefoniere. So haben wir versucht,  Zugänge zu strukturieren, die unseren Alltag bestimmen, und daraus wurden dann diese Begriffe: Reden, Aussehen, Fliehen, Entscheiden, Erinnern. Eher eine emotionale als eine rationale Ordnung. Da kann thematisch alles stattfinden: von der Mode bis zum  Tod. Und wir haben versucht, dabei die Sprache zu halten, eher eine lässige, normale Sprache, beispielsweise: "Ich habe einen Traum", "Schöne Grüße". Damit der Perspektivenwechsel schon durch  die Ansprache deutlich wird. 

Und im Layout?

Mario  Garcia, der schon im vergangenen Jahr das neue Design der ZEIT entwickelt hatte, war am Anfang einige Male persönlich da. Die Hauptarbeit hat dann die Art Directorin seines europäischen Büros, Theresa Kral, gemacht. Sie bleibt noch bis Ende des Jahres für das LEBEN-Artwork zuständig. Wir haben beim Layout viele verschiedene Dinge probiert, auch ganz andere Versuche als das, was Du jetzt siehst.  Manches sah so aus, als wenn die ZEIT zum Fasching geht. Im Prinzip  muß aber die Architektur der ZEIT-Seiten erhalten bleiben.  Tatsächlich ist nur eine neue Schrift hinzugekommen , die Titelschrift, die Helvetica extended. Sonst sind die Schriften geblieben. 

Wie arbeitet Ihr mit der Farbe?

Relativ dezent. Die Farbe wird aus den  Bildern abgeleitet, entweder die gleichen oder die Komplementärfarben. Damit es nicht schrill, sondern elegant wirkt. 

Gab es im internationalen Blätterwald Vorbilder für LEBEN?

Nirgendwo. Manchmal hat mich das sehr beunruhigt. Ich glaubte ja nicht, das Rad neu erfunden zu haben. Aber ich habe mich mit dem Gedanken beruhigt: Die ZEIT an sich ist schon eine Besonderheit. Mir fällt kein Blatt auf der Welt ein, das wie die ZEIT ist. Insofern, wenn man etwas Neues für die ZEIT macht, darf es eigentlich auch nichts sein, was es schon überall gibt. 

Einige Kritiker meinten, LEBEN sei der Teil für die Kinder der ZEIT-Leser. 

Gedacht ist es so nicht. Aber natürlich wollen wir auch nicht verhindern, dass auch Jüngere drangehen. Der Teil ist einfach leichter zugänglich. Es hieß ja auch:  eine neue Version von JETZT. 

Nicht ganz abwegig bei Deinem Vorleben.

Naja, allenfalls ist er ein JETZT für Erwachsene. 

Wie war und ist die Akzeptanz?

Im Test vorab ergab sich: etwa 75 bis 80 % dafür. In der Gruppe der Hardliner hielten sich Ablehung und Zustimmung die Waage. Als LEBEN dann draußen war, gab es Abbestellungen im zweistelligen Bereich. Ich erinnere mich, als das SZ-Magazin eingeführt wurde, dass etwa 200 Leute abbestellten - und das obwohl ihnen nicht etwa etwas weggenommen wurde, sondern sie etwas hinzubekamen.  Leser reagieren ja hochsensibel auf  Veränderungen. 

Und bei den Kollegen in der ZEIT?

Viele haben sich am Anfang sehr schwer getan, manche tun sich auch immer noch schwer. Dafür habe ich Verständnis.

Welche Argumente kommen? 

Nicht das Niveau der ZEIT zum Beispiel. Manche stört das Layout, manche die Subjektivität vieler Geschichten, wieder andere die Thematik.  Ist es nicht banal, wurde ich gefragt, über jemanden zu schreiben, der in einer Ehekrise steckt? Ich finde das jedenfalls nicht banal. 

Was für positive Kritik gab es ?

Die Frische wurde gelobt, die Lebendigkeit, die moderne Anmutung. Man nimmt  es gern in die Hand, höre ich oft.

Mir persönlich gefallen viele Themen auch nicht, trotzdem ist man stets neugierig auf die nächste Ausgabe. Man wartet irgendwie auf eine Überraschung.

Das LEBEN muß experimentieren, sich was trauen. Das macht die Lebendigkeit aus. Ich glaube, wenn man 80 Seiten ZEIT hinter sich hat, dann hat man schon viel gesehen...

....und auch schon drei-, viermal gegähnt...

.... und deshalb die Sehnsucht nach etwas Anderem, Frischem. Wenn das Gleiche jetzt nochmal, nur in Farbe, passiert - das kann es nicht sein. Die großen Fragen sind vorne weitgehend beantwortet oder fachmännisch analysiert worden. Im LEBEN sollte man sich ruhig trauen einfach zu sagen: Ich weiß noch nicht, wie der Mensch einzuschätzen ist, aber er interessiert mich.  Also gehe ich da hin mit großen Ohren und stelle mich naiver an als ich bin. Jetzt hat der seine Chance zu zeigen, ob er unsympathisch,  cool, wichtig oder sonstwas  ist. Wir wollen nicht schon alles vorher wissen.

Und Du selbst, bist Du zufrieden?

Mit dem eingeschlagenen Weg: ja. Die größte Kraftanstrengung war, diesen Weg überhaupt zu gehen. Weil der eben nicht ausbetoniert war. Daneben lief die ausbetonierte Autobahn; die hätte man nehmen können. Wir sind den anderen Weg gegangen. In emotionaler Hinsicht sind mir die Hefte noch zu wenig pointiert; also, dass man an einer Stelle sich köstlich amüsiert, an der anderen richtig erschüttert ist. Das fände ich gut in einem Heft.  Da sind wir noch nicht. Wir sind an vielen Stellen noch nicht wirklich brillant, es fehlen uns noch Super-Highlights. 

Tut mir leid, in alten Wunden zu rühren, aber ich nehme an, das Erfolgserlebnis konntest Du nach Deinem STERN-Desaster auch persönlich gut brauchen. Was ist damals eigentlich passiert, dass es nicht funktionierte? War das der ewige Gegensatz Hamburg - München, lag es an den handelnden Personen? Die Frage war ja gerade wieder hochaktuell, nachdem zwei Österreicher, die den STERN retten sollten, spektakulär gescheitert sind.

Es war eine Niederlage für mich, ohne Zweifel. Ich bin zum STERN gegangen, weil ich dachte, Funk und ich sind zwar grundverschieden, aber wir mögen uns. Also 1 plus 1 gleich 2. Es war dann aber eher 1 minus 1 gleich 0. Die Gründe dafür sind mir bis heute nicht klar. Beim STERN wollen alle ein gutes Blatt machen, die Leute, die dort arbeiten, und die Leute, die in der Chefredaktion antreten. Aber der Weg dorthin ist, wie wir gerade wieder gesehen haben, sehr, sehr schwierig. Du warst ja selber mal bei dem Verein und wirst das noch wissen. 

Woran liegt das?

Ich habe kürzlich einen sehr interessanten Abend mit den zwei bedeutendsten deutschen Chaosforschern verbracht . Wir sprachen unter anderem auch über meine Erfahrungen sowohl beim STERN als auch sonst, wenn ich versucht hatte, etwas Neues zu machen. Von diesen Leuten nahm ich folgende Erkenntnis mit: Ein System ist nicht die Summe der einzelnen Leute; ein System hat einen eigenen Charakter und einen eigenen Überlebenswillen, ist ein eigenes Lebewesen. Es reagieren nicht nur die Leute eines Blattes, es reagiert die ZEIT, es reagiert die Süddeutsche Zeitung, es reagiert der STERN. Als wir das Magazin der SZ rausbringen wollten, wurde an genau diesem Tag gestreikt; als wir JETZT starteten, war der Strom im ganzen Haus abgeschaltet. Das war das System Süddeutsche Zeitung. Auch die ZEIT hat sich als Gebilde, als Lebewesen gegen die Operation namens LEBEN gewehrt. Etwas herausschneiden, etwas Neues implantieren: Da reagiert ein Immunsystem. In der deutschen Presse haben der  SPIEGEL und der STERN die stärkste Identität; sie sind die stärksten Organismen.  Vielleicht der STERN der allerstärkste. Da etwas zu verändern, etwas rauszunehmen, gewissermaßen Bypässe zu legen, dagegen wehrt er sich. 

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