Die Gazette Nr. 13, April 1999:

Leseproben
 
Das Prinzip Konfusion

Einige von uns erinnern sich womöglich noch an ein Konstrukt von vor fünfundzwanzig Jahren, das Kybernetik hieß. Das Schöne an ihr war, daß sie uns den Thermostaten erklärte; das Erstaunliche, daß die Theorie sich zur Vereinheitlichten Weltformel aufmandelte, mit der wir alles vom Blutkreislauf bis zum politischen Handeln nur noch als kybernetische Prozesse sehen sollten; das Amüsante, daß sie uns mit dem programmierten Unterricht und dem Sprachlabor beschenkte, Errungenschaften, sie sie für so unvergänglich hielt wie andere die Petroleumlampe und die Pferdebahn. 
Giesecke in seiner Studie über den Buchdruck in der frühen Neuzeit hat die verstaubte Theorie vom Speicher geholt und präsentiert sie uns als seine Entdeckung, leicht aufgefrischt und unter neuen Namen, mal als „Kommunikative Sozialforschung" bezeichnet (mit dem Altcharme bolschewistischer Akronymie nennt er das „Komsofo"), mal als „Informationstheorie", wobei er sich diesen Begriff kurzerhand aus einem ganz anderen Theoriezusammenhang gegriffen hat. 
Schon die schematischen Darstellungen (die Abbildung soll die „ Strukturen und Rückkopplungen in nationalen typographischen Kommunikationssystemen" zeigen) verraten die Herkunft seiner Erkenntnisse aus der Welt der Schalt- und Regelkreise. Liebenswert führt er verbindungsfreie Leitungskreuzungen in Halbreis-Bögen aus, eine Malweise, die seit etwa vierzig Jahren überholt ist. 
Zugegeben, der Text liest sich nicht immer so technisch unterkühlt. Gelegentlich finden sich sogar schöne Miniaturen darin, zum Beispiel Gutenbergs Herstellung der Metallettern, auch noch die mit Seitenabbildungen und ihrer Umschrift versehenen Beschreibungen einiger Inkunabeldrucke. 
Aber selbst das genießt man nur kurz und nicht ungestraft. Denn beziehungslos und unvermittelt streut der Autor Termini wie „Input/Output" oder „Soft- und Hardware" oder „Emergenz" über den Text, schicke Streusel, die vielleicht eine Cocktailunterhaltung irgendwie zeitgemäß erscheinen lassen, hier aber überhaupt nichts leisten an Erhellung und Zusammenhang. Wenn eine Druckerei (er sagt nicht immer „Druckerei", er sagt auch oft und unergiebig „Typographeum") zwischendurch ein „informationsverarbeitendes System" genannt wird, der Leser ein „Prozessor", aber auch - aus plötzlich ganz anderen Theoriezusammenhängen - ein „Effektor", dann entsteht lediglich eine terminologische Verstörung und nicht ein möglicherweise intendiertes Begriffssystem. Den Gipfel solcher Verunklärung erreicht Giesecke mit Definitionen wie dieser: Das Schulbuch sei „ein gemeinsames und unabhängiges Informationssystem von Lehrern und Schülern"; gleich danach aber mutiert das Schulbuch vom „Informationssystem" zurück zum systemstrukturierenden „Interaktionsmedium". Was soll nun gelten: das Buch als System oder als Medium im System? Fragen solcher Art stellen sich auf jeder dritten Seite, und der Text beantwortet sie nie. Er schreitet vielmehr selbstbegeistert weiter zum nächsten Jonglieren mit den nächsten, ebenso begründungslosen Termini. 
Die mangelne Vertrautheit des Autors mit der Sprachwissenschaft tritt in der Behauptung zutage, Saussures Sprachbegriff genüge „weniger gut ... den Anforderungen der Modellierung der oralen Kommunikation". Er macht hier den Fehler, lediglich die Saussuresche „langue" anzuführen, die begleitende „parole", die diesen „Anforderungen" explizit Rechnung trägt, läßt er einfach unter den Tisch fallen. Solche Kritik kann man nur als angemaßt bezeichnen. 
Nicht mehr hinnehmbar schließlich ist der schlampige, ja fälschende Umgang des Autors mit historischen Fakten. 
- Die „Ars memorativa" (und nicht „Artes", wie Giesecke eigenwillig schreibt) war nicht, wie behauptet, in erster Linie Unterrichtsbuch und diente daher auch nicht „Schülern" als Gedächtnisstütze, sondern den - oft leseschwachen - Predigern. 
- Das Lateinische, wird uns weisgemacht, verliere durch den Buchdruck im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Die dazu angeführte Statistik jedoch zeigt eine mit der Anzahl der deutschsprachigen Titel ziemlich gleiche Häufigkeit lateinischer Titel, um das Jahr 1600 sogar ein markantes Übergewicht. Siebenundsiebzig Prozent aller Wiegendrucke waren lateinisch. Noch im Jahr 1700 waren achtunddreißig Prozent der Titel auf der Leipziger Buchmesse lateinische Bücher, hundert Jahre waren es noch vier Prozent. Der entscheidende Rückgang des Lateinischen fand also nicht im 16., sondern im 18. Jahrhundert statt. 
- Weiter: Fachsprachen und Mundarten, so Giesecke, „erscheinen den Menschen nur als eine funktionale Spezifizierung einer einheitlichen Supersprache - die im wesentliche mit typographischen Code gleichgesetzt wird". Das ist nach zwei Richtungen hin schlicht falsch. Erstens mißachtet die Behauptung die schon vor dem Buchdruck wirksamen sprachlichen Vereinheitlichungsbestrebungen, speziell über die Geltungsbereiche der Kanzleisprachen und hier insbesondere der Prager Kanzleisprache. Und zweitens: Mundarten und Regiolekte lebten trotz, ja gerade durch den Buchdruck verfestigt weiter. Es sollte dem Autor eigentlich bekannt sein, daß sich im 16. und noch 17. Jahrhundert große deutsche und erst recht italienische Druckereien immer noch und aus Konkurrenzgründen ganz bewußt landschaftlicher sprachlicher Eigenheiten befleißigten. Zu dieser Zeit konnte von eine überregionalen Vereinheitlichung der Sprache keine Rede sein, schon gar nicht von „einem" einheitlichen „typographischen Kode". 
- Dann sowas: „Jahrhundertelang hielt man das Lernen aus Büchern überhaupt für unmöglich und jedenfalls für verwerflich." Diese unglaubliche Bemerkung bleibt nicht nur unbewiesen, sondern der angeführte Beleg Gieseckes verkehrt den Satz in sein glattes Gegenteil. Der Beleg ist nämlich ein Lobpreis des Lernens aus Büchern, und das in diesem Diskurs vorkommende Gegenargument wird lediglich aus Disputationsgründen herbeigerufen. Hat Giesecke im übrigen nie vom „Didascalion" de Hugo von Sankt Viktor gehört, diesem Standardwerk der mittelalterlichen Lesekultur? 
- Von einem x-beliebig herausgegriffenen Frühdruck wird behauptet, seine Zierschrift und die Initialen zeigten, daß es sich hier um eine besonders „nostalgische" Rückerinnerung an das Mittelalter handle. Dabei hätte der Autor an fast allen von ihm selbst angeführten Inkunabeln sehen können, daß sich der gesamte frühe Buchdruck seine Vorbilder aus der Ästhetik der Handschriften nahm. Woher auch sonst? 
- Pure Geschichtsfälschung betreibt Giesecke, wenn von den „Registern" und der „Paginierung ... vieler hochmittelalterlicher Handschriften" spricht und daraus auch noch Folgerungen ableitet. Ein „registrum" gab es erst mit dem frühen Buchdruck, und zwar war das nicht ein Register im heutigen Sinn, sondern eine Liste der Anfangswörter aller Lagen des Buches, plaziert entweder am Anfang oder am Ende des Buches, so daß der Käufer die Vollständigkeit des Bandes überprüfen konnte. Und eine Paginierung sehen wir zum ersten Mal 1474 in Köln, aber bitte nicht im Hochmittelalter. 
- Schottels Terminus „Kunstsprache" bezeichnet Giesecke als „zutreffend", da er die „Zurichtung" der Sprache „auf die [neuen] technischen Parameter" kennzeichnet. Er kann Schottel nicht gelesen haben, sonst wüßte er, daß mit „Kunstsprache" eine Apologie der deutschen Sprache, ihres hohen Wertes und ihrer Eignung für alle künstlerischen Ausdrucksformen intendiert ist. 
Wie selbstverständlich enthält das Literaturverzeichnis nicht die Standardwerke zur Geschichte des Buchhandels (z.B. Wittmann), aber dreizehn Veröffentlichungen des Autors. Der Autor macht denn auch an keiner Stelle konkrete Angaben über die geringe Auflagenhöhe der ersten Drucke, auch nicht im Abschnitt „Das Buch als Ware". Die ersten Auflagen kamen mit ein paar hundert Exemplaren oft nicht an die Verbreitung mancher Handschriften heran. Erst um 1500 betrug eine normale Druckauflage tausend Exemplare und blieb dann auf dieser niedrigen Höhe fast dreihundert Jahre lang. Ebensowenig erfahren wir über den exorbitanten Preis der frühen Bücher, der nicht selten das Zigfache des Jahreslohns eines Handwerkers betrug. Aber klar: Ohne so hinderliche Fakten betreibt sich unbeschwert die Mystifikation einer „Informationsgesellschaft", „Medienrevolution" und „interaktiven Erkenntnistheorie". Aus dem Nachwort zur Taschenbuchausgabe eine Textprobe solcher auch sprachlich unbeholfener Konfusion ohne Realitätsgehalt: „Zukunftsvisionen können wir entwickeln, indem wir uns auf [sic] die Verständigung von Angesicht zu Angesicht zwischen mehreren Menschen bei gemeinsamer Kooperation als dem komplexesten Fall multimedialer Kommunikation orientieren." 
Es ist dem wissenschaftlich einigermaßen gebildeten Leser nachgerade peinlich, mit welcher Nonchalance der Autor gewisse Phänomene erst mit dem Buchdruck auftauchen sieht: Kapitalismus und Handelsnetze, den gewerbsmäßigen Buchverkauf, den „freien Autor", ja überhaupt das Lesen und dann auch die Zensur. Offenkundig hat er keine Ahnung von dem florierenden Handschriftenhandel des 14. und 15. Jahrhunderts, nie etwas gehört von berufsmäßigen und schon auf Vorrat arbeitenden Handschriftenproduzenten, vom Selbstbewußtsein mittelalterlicher Ependichter und Lyriker, von der noch Jahrhunderte dauernden geringen Verbreitung der Lesefähigkeit oder kirchlichen Leseverboten schon im 14. Jahrhundert. Gieseckes Darstellung leidet unrettbar unter einer dumpfen, ungenauen, faktenfremden Laien-Vorstellung von einem „dunklen Mittelalter", das durch den Buchdruck einen plötzlichen „Paradigmenwechsel" erfahren habe. Eine so simplistische Epochenabgrenzung hat man seit wenigstens drei Historikergenerationen nicht mehr gesehen. Daß damit „die deutsche Medienwissenschaft endlich wieder Anschluß an internationale Standards" gefunden haben soll (Umschlagseite 4), ist - um freundlich zu bleiben - eine Absenkung jener Standards auf das Niveau eines eklektizistischen Dilettanten. 

Antonia Lichtenstein 

Michael Giesecke
Der Buchdruck in der frühen Neuzeit
Suhrkamp, Frankfurt 1998 (stw 1357)
12,3 x 21 cm, 957 Seiten
58,-- DM, 423 öS, 52,50 sFr