Gazette 58 Editorial

Selbstwahrnehmung ist eine spezielle Sache. Denn Subjektivität und Objektivität stimmen selten überein. Eigentlich eine Phrase, wenn uns die Realität, im Privaten wie im Politischen, nicht tagtäglich darauf hinweisen würde. „WIR & DIE“ heißt deshalb unser Titelthema – bezogen auf Deutschland. Sechs Autorinnen und Autoren aus Frankreich, den USA, England, Österreich, Russland und der Schweiz haben sich dazu ihre persönlichen Gedanken in kurzen Essays gemacht. Ergänzt durch einen konservativen Querdenker, der Deutschland aus bayerischer Sicht sieht. Der Diskurs ist und bleibt (wie immer) die Grundlinie der GAZETTE.

Selbstwahrnehmung hat, sofern ernst genommen, viel mit Selbsterkenntnis zu tun. In der Antike schmückte der dem Philosophen Heraklit zugeschriebene Satz „Erkenne dich selbst“ den Eingang des Apollo-Tempels von Delphi. Was als Aufforderung zum Denken gemeint war, erfährt in unseren Tagen eine geradezu drama­tische Theatra­lik von Selbstbetrug, Selbstüberschätzung und Selbsttäuschung. Nicht nur die neo-imperialen Präsidenten Trump & Putin sind gemeint, sondern auch – ganz entgegengesetzt – die europäischen Sozialdemokraten (inklusive der Eurokommunisten), die in ihren einstigen Hochburgen wie Deutschland, Frankreich und
Italien zwar als Macher und Versprecher auftreten, aber in der Wähler­gunst grausam abstürzen.

Selbstwahrnehmung in Form völliger Abgehobenheit hat die politi­sche Klasse in den Kernländern der europäischen Demo­kratien entzaubert und die Populisten stark gemacht. Doch auch sie scheinen nur ein temporäres Intermezzo zu sein. Zurück zur Demo­kratie? Oder hin zum Faschismus? Vor dem der skeptische Bert Brecht schon lange warnte: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Selbstwahrnehmung braucht Selbstkritik. Dazu ist keine Dikta­tur, sondern nur eine Demokratie fähig, die sich auch zu wehren weiß – gegen alle Hetzer und Schwarzseher. Das müsste machbar sein.

 

Rudolf Schröck
Chefredakteur

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