Gazette 56 Editorial

„Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’anni ‘mpaci!“

Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden! Dies ist ein altes sizilianisches Sprichwort. Es ist das Gesetz der Omertà, das Gesetz des Schweigens, das Grundgesetz der Cosa Nostra. Doch jener kriminelle Geheimbund, den wir aus den Romanen von Mario Puzo und den Hollywood-Filmen über die Mafia-Paten aus Corleone und Palermo kennen, ist kein Unikat Süditaliens. Das Gesetz des Schweigens und Verschweigens ist das Prinzip des Lobbyismus in der Politik und der ökonomischen Absprachen von Konzernen (die deutsche Automobil-Industrie lässt grüßen) in allen Staaten der modernen Demokratie, von autokratischen Diktaturen und Ein-Parteien-­Regimes ganz zu schweigen. Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, wie weit Schweigen und Verschweigen als Formen der Disziplinierung und Ausgrenzung längst zu Gesetzmäßigkeiten unseres Alltags geworden sind. Deshalb hat sich die GAZETTE
diesem Thema gewidmet.

Nur: Das ist nicht alles. Denn jenseits der repressiven und korrupten Seite des Schweigens gibt es auch eine Kultur der Stille, für die nicht nur die Nonnen und Mönche in Schweigeklöstern zuständig sind. Wir erleben in einer scheinbar kommunikativen Welt der sozialen Medien und des Internets eine Hochkonjunktur des Lärms, der Geschwätzigkeit, der Kommentierungssucht – eine Twitter-­Demokratie, die eine ganze Republik 24-stündig pro Tag erfasst hat. Wer die Tweets von Spitzenpolitikern in Wahlkämpfen oder zu Koali­tionsverhandlungen liest, muss eine Infantilisierung der Poli­tik konstatieren, in der es nur noch um den schnellen Gag geht. Effekt­hascherei hat Argumentation ersetzt.

Was notwendig wäre, ist die Einsicht, dass Stille nicht die Abwesenheit von Geräuschen ist, sondern eine Schulung für Hellhörigkeit. Wer mitreden will, muss zuhören können.

In diesem Sinn: Bleiben Sie leise, bevor Sie laut werden!

 

Rudolf Schröck
Chefredakteur

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