Der politische Islam – ein Tabu der deutschen Linken

Den Kampf gegen Diktaturen in der muslimischen Welt haben linke Wortführer immer auch als Kampf gegen den Imperialismus verstanden. Ende der siebziger Jahre bejubelten sie den Sturz des Schahs im Iran. Ergebnis ist eine islamistische Diktatur. Beim „Arabischen Frühling“ wiederholte sich das Muster. Warum wird die Wahrheit verschwiegen?

   Von Peter Köpf

 

Das Konfetti-Geschütz der Konservativen, das Bilderblatt Bunte aus dem Hause Burda, belieferte ihre (zumeist weiblichen) Leser in der guten, alten Zeit verlässlich mit Klatsch und Kindergeschichten aus den Königshäusern. Nur selten widmete es sich den Tiefen der internationalen Politik. Wenn es doch geschah, dann stand die Bunte zuverlässig auf Seiten der aristokratischen Herrscher dieser Welt – aber nur, wenn sie sich an der amerikanisch-imperialen „Verteidigung der westlichen Freiheit“ orientierten. Zu diesen protegierten Potentaten gehörte auch Reza Pahlavi, besser bekannt als „Schah von Persien“, und die Burda-Journalisten sprangen ihm so beherzt wie treu bei, als er von Widerständlern bedroht war – ob in Teherans Moscheen oder vor der Deutschen Oper in Berlin.

Ganz anders dagegen beurteilte eine Gruppe westdeutscher Sozialisten das Geschehen im Iran, die Ende der siebziger Jahre eine Zeitung gründeten und wie islamistische Fundamentalisten am Pfauenthron des Schah sägten. Ihr Blatt nannten sie Die Neue. Als der Schah – auf dem „Weg zur Großen Zivilisation“ – am Widerstand der islamistischen Geistlichkeit gegen seinen wirtschaftlichen und politischen Liberalismus scheiterte, bejubelte der Chefredakteur des neuen Blattes, Carl L. Guggomos, den „Sieg der antidiktatorischen Kräfte im Iran und den Sturz der vom Schah eingesetzten Regierung Bachtiar“. Es werde „eine völlige wirtschaftliche Neuorientierung des Iran stattfinden“, schrieb der euphorisierte Kommentator am 14. Februar 1979 und formulierte eine gewagte Prognose: „Von einem Rückfall ins Mittelalter kann dabei keine Rede sein, die neue ökonomische Struktur wird sich hingegen an den Bedürfnissen der iranischen Nation orientieren.“ Als hätte nicht gerade der Schah sich bei der wirtschaftlichen Entwicklung seines Landes große Verdienste erworben, dummerweise unterstützt vom verhassten USA-Kapitalismus.

Auch politisch sah Genosse Guggomos mit dem Abgang des Schah und seiner amerikanischen Förderer eine Morgenröte am Horizont, wo leider aber nur der Halbmond aufstieg: „Vorerst geht nichts mehr für den Imperialismus im Iran. Dabei ist weniger entscheidend, ob (auf Dauer) die neue Republik eher zum muselmanischen Nationalismus oder zum muselmanischen Sozialismus neigt“, orakelte der Kommentator, der mit „Imperialismus“ natürlich nicht den sowjetischen, sondern als alleinigen Hauptfeind den westlichen Hegemonismus meinte: „Egal, wie die Entscheidung fällt – der geborstene Grundpfeiler der imperialistischen Globalstrategie im Mittleren Osten ist nicht mehr zu restaurieren.“ Die US-Strategen Kissinger und Brzeziński seien gescheitert, meinte der (selbsternannte) Aufklärer Guggomos: „Das mal feine, mal grobe Gespinst aus Korruption, Erpressung, Unterdrückung und wirtschaftlicher Hilfe, das die amerikanische Spinne über die Welt gezogen hatte, von Indochina über den Mittleren Osten bis hinein nach Afrika, ist zerrissen.“
Gescheitert jedoch sind rückblickend jene deutschen Gesinnungs-Ethiker, die einen religiösen Fundamentalisten feierten, ohne dessen Pläne auch nur zu ahnen oder dafür einen Gedanken zu verschwenden. Entscheidend war der Untergang der westlichen Sonne. Einer wie der Frankfurter Taxi-Chauffeur (und spätere Außenminister) Joseph Fischer, genannt Joschka, lobte damals im Februar 1979 im Pflasterstrand die „Revolution“ der Islamisten und die „in langer Tradition sich erhaltende Glaubenskraft eines Volkes, das Nein sagt zur atheistischen Kultur des Westens“. Auch der radikale Schah-Kritiker Bahman Nirumand erklärte (laut einem Bericht von Tjark Kunstreich in der Zeitschrift Jungle World) auf einer Demonstration im Dezember 1978: „Wenn der Schleier die Absage an die importierte Scheinwelt und die Besinnung auf die eigene Geschichte symbolisiert, dann können nicht wir, sondern nur die Imperialisten und anderen Feinde unseres Volkes darüber Zeter und Mordio schreien.“ Die Feministin Maryam Poya schließlich vertrat die Ansicht: „Der Sieg der Revolution im Iran im Februar 1979 war das Ergebnis jahrelanger Kämpfe der Arbeiter, der Frauen und der nationalen Minderheiten gegen das Unterdrückungsregime des Schah.“ Unter diesem Satz hätte zur Zeit der umstürzenden Ereignisse im Iran jeder beliebige Name eines oder einer deutschen Linken stehen können.

Aber der Satz könnte, was die Frauen betraf, nicht falscher sein. Als „die eher linksgerichteten Anhänger Khomeinis“ (so Guggomos) den Fortschritt aus dem Land vertrieben hatten, mussten die iranischen Frauen wieder den Hidschab tragen, durften Männer wieder vier Ehefrauen haben und sie jederzeit verstoßen, verloren Richterinnen und Soldatinnen ihre Stellen. Proteste gegen den Marsch ins Mittelalter endeten mit Prügeln, Steinigungen und Folter.
Deutschlands vermeintliche Progressive hätten das alles sehen können – und wissen müssen. Ayatollah Khomeini hatte seine Ziele bereits 1963 eindeutig formuliert: Die Iraner sollten sich zur Revolution erheben, statt unter der „Herrschaft der Verbrecher“ (gemeint war das Schah-Regime) zu leben. Sie sollten für den Dschihad und die Scharia kämpfen. Sie sollten „dem Vorbild unseres Propheten und unserer Imame folgen“. Aber nicht die Absichten eines Gotteskriegers standen damals im Fokus der linken Jubel-Deutschen, sondern dessen Feindschaft gegen die USA – und gegen Israel, das der Schah damals offiziell diplomatisch anerkannt hatte.

Es war nicht nötig, Mitglied westdeutscher, pseudo-kommunistischer Organisationen oder IM der DDR-Stasi (wie so viele aus der DKP oder ihrem universitären Ableger, dem „Marxistischen Studentenbund Spartakus“) zu sein, um sich in der alten BRD weltpolitisch völlig zu verrennen. Während sich die Hälfte der westdeutschen Bevölkerung in nachhaltiger Dankbarkeit für den Marshall-Plan und die freundliche Wiedereingemeindung im Westen und in der Nato sowie aus Furcht vor „den Russen“ den USA hingab, glorifizierte die andere Hälfte alles, was die westliche Imperial-Macht herausforderte.
Für die Linke begann der Kampf in Vietnam, wo die USA einen Terrorkrieg mit Bomben und Giftgas führte, und er setzte sich fort im südlichen Amerika, wo die Vereinigten Staaten so gut wie jede linke oder vermeintlich sozialistische Bewegung mit schmutzigen Mitteln bekämpften, um die Länder weiter ausbeuten zu können. Da war vieles falsch. Auch hatten und haben die USA im Nahen Osten und in Nordafrika besonders das Öl im Blick, willfährige Autokraten unterstützt und bei Willkür gegen politische Gegner alle Augen zugedrückt oder durch die CIA beim Foltern geholfen. Aber mussten die Linken sich deshalb im Iran den Mullahs an den Hals werfen und deren Terrorgruppen als Befreiungskämpfer verklären? Und war es nicht zu Beginn dieses Jahrzehnts eine große Verblendung, über den Aufstand gegen US-hörige Autokraten zu jubeln, ohne auch nur eine minimale Vorstellung von der Zukunft in der Region nach dem Abzug der USA- oder ihrer Nato-Truppen zu haben?

 

Der Heilsbringer: Khomeini mit Kind. Quelle: wikimedia

 

Wie konnten blauäugige Linke so geschichtsvergessen feiern, als in der zu MENA zusammengefassten Region („Middle East and North Africa“) die Regime fielen? Wie konnten sie so naiv glauben, die (muslimischen und traditionsverhafteten) Massen würden den modernen, häufig im „Westen“ ausgebildeten Aufständischen folgen? Wie konnten sie die Gefahr des Islamismus übersehen? Und schließlich die wichtigste Frage: Hat sich seit dem Sturz der (meist säkularen) Machthaber etwas zum Besseren gewandelt, wo religiöse Eiferer das Machtvakuum gefüllt haben, im Iran, im Irak, in Syrien oder in Libyen?
Ganz offensichtlich nicht. In Tunesien drängt von Osten her der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) ins Land, der sich in Libyen breitgemacht hat. In Ägypten mussten die Linken lernen, dass nicht die Demonstranten vom Tahrir-Platz in Kairo die Mehrheit der Bevölkerung repräsentierten, sondern die Muslimbruderschaft, die – obwohl demokratisch gewählt – einer neuen Diktatur weichen musste. Wie so oft in Staaten, in denen ein Unterdrückungsregime durch ein neues ersetzt wird! Im Irak regieren statt der Sunniten die Schiiten, und das Meucheln und Morden setzte sich mit anderen Vorzeichen fort. Ganz zu schweigen von Gebieten in Syrien, in denen der „IS“ (noch) das Sagen hat.

Wieder sind es, wie damals im Iran, die Tradition und die Religion, die das Leben zum Schlechteren verändert haben. Vor allem für die Frauen. Vielleicht konnte man im Jahr 1979 noch nicht sehen, was Islamisten an der Macht anzurichten in der Lage sind. Aber heute kann und muss man den „Rückfall ins Mittelalter“ sehen, sogar schon im Voraus.

Erneut jedoch sind es deutsche Linke, die den Zwang zur Verhüllung in der islam(ist)ischen Welt sowie andere inhumane Vorschriften mit Hinweis auf Kultur und Tradition durchgehen lassen. Sogar Frauen, die sich als Feministinnen verstehen, gewähren „rechtgläubigen Männern“ auch im Westen Rabatt. Junge deutsche Frauen christlicher und muslimischer Herkunft verteidigen religiöse Bräuche, die sie selbst nie akzeptieren würden, und verlieren kein Wort über verfolgte, verurteilte und weggesperrte Frauen in islam(ist)ischen Staaten. Der Islamismus bannt Frauen an Haus und Herd. Er führt zu (oder bewahrt) Unfreiheit, Ungleichheit und Unterdrückung. Dem als Feministin nicht zu widersprechen, ist ein Verrat an Frauen, die sich nicht selbst aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreien können.

Und wo bleibt die Solidarität? Wo bleibt der Einsatz für Menschenrechte? Soll es etwa ein Ausweis von Weltläufigkeit sein, Menschen anderer Kulturen in Deutschland sich selbst zu überlassen? Mit Toleranz ist das nicht zu verwechseln. Es ist Ignoranz! Integration fördert das nicht. Denn das coole Wort „Multi-Kulti“ funktioniert nicht in einer Welt des Wegschauens, der Gleichgültigkeit, der Passivität, des Verschweigens.
Viele, die sich links wähnen, verteidigen erneut, was sie „Religionsfreiheit“ nennen. Darunter sind erklärte Agnostiker, die der christlichen Amtskirche die Pest an den Hals wünschen. Sie vernachlässigen dabei die Freiheit, auf Religion zu verzichten, worauf bei radikalen Islamisten die Todesstrafe steht. Aufgeklärte Intellektuelle predigen Toleranz gegenüber radikalen Intoleranten. Geht’s noch? Beim Studium den Namen Karl Popper weiträumig umschifft? Nichts vom „Paradoxon der Toleranz“ gehört, über das der Philosoph schon 1945 in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde reflektierte? O-Ton Popper: „Wenn wir die unbeschränkte Toleranz auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“
Im Nahen Osten und in Nordafrika, auch in Staaten wie Pakistan und Nigeria, stehen „Gotteskrieger“ der Zivilisation im Weg. Wer die alten Regime beseitigt, ohne eine politische Alternative anzubieten, wird mitschuldig. Die Welt, das zeigte der Aufstieg radikal-islamischer Gruppierungen, wird nicht besser, indem nur das Schlechte beseitigt wird, so wünschenswert das sein mag.

Müsste stattdessen nicht, wo erträgliche Alternativen fehlen, versucht werden, Despoten und Diktatoren zu demokratischerem Regieren zu veranlassen (was in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 ganz passabel gelungen ist), statt fassungslos dabei zuzusehen, wie noch schlimmere Völkerschlächter das Vakuum füllen? Wäre (und war) es nicht die bessere Option, mit denen zusammenzuarbeiten, die wenigstens Recht und Ordnung aufrechterhalten konnten und können und auf die „der Westen“ einwirken konnte und könnte, um Schritt für Schritt voranzukommen? Statt zusehen zu müssen, wie Islamisten ihre Anhänger, die sich gegen die „Kreuzzügler“ solidarisieren, im Handstreich ins Mittelalter zurückführen – und ihre Krieger längst auch nach Europa schicken. Hier sollten linke Denkverbote überdacht werden und die Intellektuellen und Politiker des Westens überlegen, ob es möglicherweise einfacher wäre, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die „im Westen“ studiert haben, die unsere Kultur kennen und vielleicht sogar verstehen – als mit den Khomeinis, den Al-Baghdadis und den Radikalen unter den Gefolgsleuten eines Hassan al-Bannā?

Sogar bei der Bunten ahnte man schon im vorigen Jahrhundert, dass der Feind meines Feindes nicht automatisch mein Freund ist – und ein Diktator nicht zwangsläufig ein Feind ist. Mehr als der Schah erwies sich Khomeini, den die linken Idealisten von 1979 als „antiimperialistischen Befreier“ begrüßten, für Iraner als Kerkermeister und für die westliche Welt als Feind. Bisher hat keiner der linken Jubel-Deutschen von 1979 die damalige Fehleinschätzung bedauert. Auch die kurzsichtigen Freudentänzer, die großmäulig die Beseitigung der Autokraten während des kurzen „Arabischen Frühlings“ feierten, schweigen heute. Warum? Der vermeintliche „Frühling der politischen Aufklärung und der weiblichen Emanzipation“ endete in neuen Diktaturen totaler Unfreiheit.

Alles Déjà-vu! Aber sagen Sie das mal einem deutschen Linken.

Frauen im Islam hundert Jahre früher: ohne Tschador, aber mit Zigarette (Algier, 1885).

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