Mythos SPARTACUS

„Der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat!“

(Karl Marx über Spartacus, Februar 1861)

Ein versklavter Gladiator brachte das römische Imperium an den Rand des Zusammenbruchs. 2000 Jahre später war ein konspirativer Zirkel, der dessen Namen trug, am Sturz des deutschen Kaiserreichs beteiligt. Und in diesen Wochen tanzt das Bayerische Staatsballett in München eine weltweit hoch gelobte Hommage an diesen Revoluzzer. Wer war eigentlich jener Spartacus, dem selbst Hollywood ein Denkmal setzte?

          Von Rudolf Schröck

 

Die Story des Spartacus aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert ist relativ schnell erzählt. Das geben die historischen Quellen der beiden Geschichtsschreiber Appian und Plutarch sehr gut her. Spartacus war ein Thraker (im heutigen Balkan), der als Sklave an die Römer verkauft und in der berühmten Gladiatoren-Schule von Capua zum bewaffneten Circus-Kämpfer ausgebildet wurde. Doch der (laut Plutarch) gebildete und strategisch denkende Mann wollte nicht Sklave sein und zum Gaudium des Publikums in der Arena die eigenen Kameraden umbringen. Es kam zur Rebellion, bei der sich innerhalb weniger Wochen Zehntausende von Sklaven dem Gladiatoren-Heer des Spartacus anschlossen. Auf dem Höhepunkt des Aufstands (73 bis 71 v. Chr.) befehligte Spartacus eine Armee von mindestens 70 000 bis maximal 150 000 Kämpfern, denen sich auch versklavte Frauen anschlossen. Auf ihrem Zug von Süd- nach Oberitalien gelangen dem befreiten Sklavenheer zahlreiche, zum Teil vernichtende Siege über römische Legionärs- und Miliztruppen. Da die Bewegung des Spartacus nicht nur Gladiatoren und Militärsklaven, sondern auch die Sklaven der Latifundien und der Städte anzog, geriet die römische Volkswirtschaft, die auf umfassender Sklavenhaltung basierte, in existentielle ökonomische Gefahr. Der Senat berief deshalb den Konsul, Aristokraten und reichsten Mann des Imperium Romanum, Marcus Licinius Crassus, zum neuen Heerführer. Mit bestens ausgerüsteten und aufgestellten Truppen gelang es ihm, die Aufständischen nach Süditalien zurückzudrängen. Der Versuch von Spartacus, mit mehreren tausend Getreuen über den Seeweg nach Sizilien und Griechenland zu entkommen, misslang, da die für die Schiffspassage bezahlten Piraten zwar das Geld als Vorschuss genommen, aber mit ihrer Flotte rechtzeitig (und ohne die „Spartakisten“) das Weite gesucht hatten. Crassus hatte sein Heer unterdessen mit den Legionen des Feldherrn Gnaeus Pompeius verstärkt, der siegreich von einem Spanien-Feldzug zurückgekehrt war. In der „Zweiten Schlacht am Silarus“ (Lukanien) wurde das Heer des Spartacus vernichtend geschlagen. Er selbst fiel im Kampf. In einer der grausamsten Massenhinrichtungen der Antike ließ Crassus über 6000 gefangene Spartacus-Anhänger entlang der Militärstraße Via Appia von Capua nach Rom öffentlich kreuzigen. Der größte Sklaven-Aufstand im römischen Reich war mit einem Sieg des herrschenden Regimes zu Ende gegangen.

Lange blieb es ruhig mit Geschichten, Legenden und narrativen Exkursionen über das Phänomen des Sklavenführers – bis im 17. und 18. Jahrhundert die antiken Schriften des Plutarch in die europäischen Volkssprachen übersetzt wurden. Bernard Joseph Saurin, Dichter und Dramatiker im vorrevolutionären Frankreich, brachte 1760 die Tragödie „Spartacus“ in der Comédie Francaise auf die Bühne. Für seinen Freund, den Aufklärer Voltaire, war der rebellische Sklave ein Vorkämpfer der Freiheit. „J’aime beaucoup Spartacus“, schwärmte er. Gotthold Ephraim Lessing plante über ihn sogar eine „Antityrannische Tragödie“. Und der Ingolstädter Kirchenrechtler Adam Weishaupt (1748–1830), der zusammen mit Freiherr Adolph Knigge (ein politischer Aufklärer, der fälschlicherweise bis heute als der „Mann mit den Manieren“ verschrien ist) den Geheimbund der „Illuminaten“ gründete, verwendete für seinen konspirativen Klub den Decknamen „Spartacus“. In Paris schuf der Bildhauer Denis Foyatier eine riesige Spartacus-Statue (1830), die bis heute nahe dem Louvre zu bewundern ist. Und dann kam der alte Querdenker Karl Marx (1818–1883)! Seinem Freund und Genossen Friedrich Engels schrieb er am 27. Februar 1861 in einem seiner mit Anglizismen gespickten Briefe aus London: „Spartacus erscheint als der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat. Großer General, nobler Charakter, real representative of the ancient proletariat.“ Auch nach Amerika schwappte die Welle über. Montgomery Bird (1806–1854) widmete dem Sklaven das Drama „The Gladiator“ (1831), das mehr als 1000 Ausführungen erlebte. Nur mit der (fast bis heute) schizophrenen USA-Ideologie: Es wird in großer Geste der Freiheitskampf beschworen, aber dass Spartacus ein Sklave war – das wird generös übergangen. Es hat bis 2013 (!) gedauert, ehe der Regisseur Quentin Tarantino in seinem Gewalt-Western „Django Unchained“ die erste wirkliche Abrechnung mit der jahrhundertelangen „Neger“-Sklaverei in den Vereinigten Staaten (und ihren Vorgänger-Kolonien) vollzogen hat.

Nachdem sich bürgerliche Aufklärer, schwärmerische Literaten, sogar Kirchenrechtler und Bildhauer für den antiken Helden begeistert hatten, traten irgendwann auch die Kommunisten auf den Plan. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründeten während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) den „Spartakusbund“, gingen dafür in den Knast – und als sie wieder draußen waren, stürzte die Monarchie. Aus dem „Spartakusbund“ ging an Neujahr 1919 die „Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)“ hervor. Für eine Revolution in Deutschland hat es aber nie gereicht. Liebknecht & Luxemburg wurden ermordet, die KPD von den Nazis verboten und ins KZ verbannt – und den Rest für die kommunistischen „Abweichler“ erledigte in deren Moskau-Exil der Sowjet-Geheimdienst NKWD, der sie liquidieren oder in den Gulag schicken ließ. Das Trauerspiel der Nachkriegs-DDR als „Erster Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ entpuppte sich als Petitesse.War’s das jetzt mit Spartacus?

Von wegen! Bereits 1959/1960 hatte Hollywood den Sklaven-Stoff für einen gigantischen Monumentalfilm entdeckt. Ausgangspunkt war ein Buch des US-Linksintellektuellen Howard Fast, der seinen Roman „Spartacus“ (1951) im Gefängnis geschrieben hatte – als Opfer der damaligen hysterischen Kommunistenverfolgung unter Senator Joseph McCarthy in den USA. Mit Kirk Douglas (als Hauptdarsteller und Produzent), Regisseur Stanley Kubrick und dem Drehbuchautor Dalton Trumbo wurde – basierend auf Howard Fasts Roman – das „Spartacus“-Projekt entworfen und realisiert. Der für damalige Verhältnisse ex­trem lange Streifen von fast 200 Minuten mit Top-Stars wie Laurence Olivier, Jean Simmons, Charles Laughton und Peter Ustinov wurde ein Welterfolg und räumte vier Oscars ab. War Spartacus jetzt im Westen angekommen, denn es herrschte „Kalter Krieg“ zwischen den USA und der Sow­jetunion? Nicht mit den Russen! Bereits in den 1950er-Jahren hatte der gebürtige Armenier Aram Chatschaturjan, zusammen mit Dmitri Schostakowitsch und Sergei Prokofjew einer der „Großen Drei der sowjetischen Musik“ (von Sowjet-Diktator Josef Stalin und seinem Kultur-Zensor Andrei Shdanow manchmal gelobt, aber oft mit Auftrittsverbot überzogen), ein „Spartacus“-Ballett komponiert, das – als „Antwort auf Hollywood“ – in neu überarbeiteter Version Mitte der 1960er-Jahre unter der Choreographie von Yuri Grigorovich eine sensationelle Aufführung am Moskauer Bolschoi-Theater erlebte.

 

PS: Kirk Douglas wurde im Dezember (2016) 100 Jahre, Yuri Grigorovich im Januar (2017) 90 Jahre alt. Der Hollywood-„Spartacus“ läuft im Fernsehen nur noch selten im Spätprogramm. Der „Spartacus“ von Grigorovich und Chatschaturjan wird derzeit (erstmals in einer „westlichen Produktion“) an der Bayerischen Staatsoper getanzt. Und Spartacus? Der tote Held hat jetzt schon sehr viel erlebt. Ob Voltaire oder Marx, ob Rosa Luxemburg oder Kirk Douglas, ob Bolschoi oder Hollywood – ich vermute, ihn gibt es in 500 Jahren immer noch …

Alle Fotos: Bayerisches Staatsballett/Wilfried Hösl