Säkularisierung in der Türkei: eine fromme Lüge

 

Nach der Gründung der modernen Republik Türkei hat der Westen auf dieses Land an der Schnittstelle zwischen Europa und dem Nahen Osten mit Bewunderung, oft gar mit Ehrfurcht geschaut: Republikgründer Kemal Atatürk habe die Religion strikt vom Staat getrennt, hieß es, ihm allein sei es gelungen, den Islam zu säkularisieren.

Von Amalia van Gent

 

Das erste große Missverständnis entstand gleich nach dem Zusammenbruch des multikulturellen Weltreichs der Osmanen Anfang der 1920er Jahre. Über vier Jahrhunderte lang hatte die osmanische Hauptstadt Kostantiniyye, das heutige Istanbul, die Schlüssel der heiligen Städte Mekka und Medina inne – und somit auch die Führung der weltweiten islamischen Welt. Am 29. Oktober 1923 wurde in Anatolien die Republik Türkei ausgerufen.

Der neue starke Mann der Republik, General Mustafa Kemal Atatürk, verabscheute die Religion und führte die Rückständigkeit, die Dekadenz und nicht zuletzt den Verfall des Osmanischen Reichs hauptsächlich auf den Islam zurück, den Glauben der Bevölkerungsmehrheit. Knapp vier Monate nach der Ausrufung der Republik schaffte er die höchsten Institutionen der islamischen Welt ab: das Kalifat und das Amt des obersten islamischen Rechtssprechers und Rechtsinterpreten, des Scheich-ül-islam. Beide Institutionen hatten in der islamischen Welt die Ausstrahlung und die Autorität, wie sie etwa der Vatikan und der Papst in der katholischen Welt ausüben. Ihre plötzliche Liquidierung erschütterte wie ein Erdbeben die muslimische Gemeinde von Nordafrika bis nach Sumatra und ließ sie bis heute kopf- und führungslos zurück.

Eigentlich war Kemal Atatürk ein Kind seiner Zeit: Wie der Führung der benachbarten jungen Sowjetunion schwebte auch ihm die Illusion vor, in „seiner“ Republik einen „neuen“ Menschen in einer klassenlosen, homogenen, weniger religiösen Nation schaffen zu können. Die Folgen seiner Maßnahmen für die Welt des Orients kümmerten ihn kaum. Europa galt ihm als der Inbegriff der Zivilisation. So verordnete er mehr Reformen, um den Einfluss des Islam auf die Bevölkerung einzuschränken: die mächtigen, mystischen Bruderschaften, die sogenannten Tarikats, wurden für illegal erklärt. Die Einführung der lateinischen Schrift, die türkische Intellektuelle mit Begeisterung begrüßten, weil sie zumindest optisch die Nähe zu Europa versprach, machte die bis dahin respektierten und einflussreichen islamischen Schriftgelehrten mit einem Schlag zu nutzlosen Analphabeten. Die
Hijra-Zeitrechung der islamischen Welt wurde durch den gregorianischen Kalender ersetzt.

Dann wurde der Islam der Kontrolle des Staates unterstellt: das Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) trat an die Stelle des Scheich-ül-islam. Dieses hatte gleich drei Herkules-Aufgaben zu erfüllen. Es sollte erstens eine neue Generation islamischer Prediger ausbilden, welche die Ideologie der kemalistischen Revolution in die Moscheen eines jeden Dorfes hineintragen sollten. Für ihre Löhne war das Amt zuständig. Das Diyanet sollte ferner die Freitagsgebete schreiben, die die Imame vor Ort verlesen oder an denen sie sich zumindest orientieren sollten. In diesen ersten Aufgabenbereich des Diyanets fiel schließlich auch die Verwaltung aller religiösen Einrichtungen. Die zweite Aufgabe der staatlichen Religionsbehörde mutete nicht weniger kompliziert an: Im Gegensatz zur osmanischen Ära, als die Gebote des Scheich-ül-islam an die weltweite islamische Welt gerichtet waren, waren die Gebete und Rechtsgutachten des Diyanets nur für die Gläubigen der türkischen Nation bestimmt – man sprach von einer im Islam eigentlich 

nicht vorgesehenen „Nationalisierung des Glaubens“. Die wichtigste und wohl auch die schwierigste Aufgabe des neuen Amts war es allerdings, die Religion vollständig dem Staat unterzuordnen.

Unter den jungen kemalistischen Offizieren war der Mythos damals besonders beliebt, wonach dank „ihrer“ Revolution die Religion strikt vom Staat getrennt sei. Diesen Mythos würden die folgenden Generationen der Kemalisten inbrünstig pflegen. Sie malten gleichzeitig auch ein Schreckgespenst an die Wand: die drohende Rückkehr „reaktionärer Fundamentalisten“, der irtica (wörtlich: Rückschritt). Um diese Gefahr abzuwenden, erklärten die Offiziere die Autorität und Wächterrolle der Armee als sakrosankt.

Kontrolle über den Körper der Frau

In ihrer Version einer Säkularisierung der Gesellschaft maßen die Kemalisten dabei der äußeren Erscheinung ihrer Bürger großes Gewicht bei. Ein „Gesetz über das Tragen von Hüten“ aus dem Jahr 1925 verbot strikt den Fes, die religiöse Kopfbedeckung der Osmanen – und das sinnliche Symbol der orientalischen Welt. Berühmt-berüchtigt ist bis heute eine Anekdote aus jenen Jahren, wonach Atatürk die Bombardierung eines Dorfes verordnete, weil er in der angesammelten Menschenmenge auf dem Dorfplatz einen Mann mit Fes erblickt hatte. Dass es nicht zur Ausradierung des Dorfes kam, war einzig seinem Vize Ismet Inönü zu verdanken.

Im unerbittlichen Machtkampf zwischen den Verfechtern der alten islamisch-osmanischen Machtordnung einerseits und den Befürwortern der westlichen Zivilisation andererseits spielte das Aussehen der Frauen eine noch weit größere Rolle: Der Streit um die Verschleierung des weiblichen Körpers spitzte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu. Die Islamisten sahen die Frau als Symbol von Sittlichkeit, Ehre und Moral. Wie ihre Mitstreiter in der gesamten muslimischen Welt forderten auch sie, dass der weibliche Körper in der Öffentlichkeit verschleiert sein sollte. Sie wünschten ferner, die Frau aus dem öffentlichen Leben in ihren Mahrem (wörtlich: vertraulich) zu verbannen. Mahrem verkörperte im diesem Fall, so sagte die Soziologin Nilüfer Göle im Gespräch, das „Intime, Häusliche, Geheime, den weiblichen Raum, alles, was dem fremden Blick verborgen bleibt; und es bedeutet auch die eigene Familie“.

Für die Kemalisten der Gründungsära war die Befreiung der Frau von der islamischen Religion die wichtigste Voraussetzung für den gesellschaftlichen Fortschritt überhaupt. Sie wollten das genaue Gegenteil von dem bewirken, was ihre islamistischen Kontrahenten anstrebten: nämlich die Frau „entschleiern“ und sie aus ihrem Mahrem in die Öffentlichkeit bringen. „Ich habe auf einigen Plätzen Frauen gesehen, die ein Stück Stoff oder Schleier oder so etwas auf ihren Kopf setzen, um ihre Gesichter zu verstecken … Was soll das, meine Herren? Können die Mütter und Töchter einer zivilisierten Nation solch merkwürdiges, barbarisches Benehmen akzeptieren?“, so die überlieferte Reaktion von Kemal Atatürk.

Die „ideale Frau“ der kemalistischen Revolution sollte ihren Schleier ablegen und als Anwältin, als Ärztin, gar als Pilotin öffentlich sichtbar werden. Sie sollte der Revolution Atatürks dienen und ihre Kinder nach westlichem Vorbild erziehen. Schon gleich nach der Republikgründung erhielten die Frauen die rechtliche Gleichstellung: 1924 wurde die Schulpflicht für Knaben und Mädchen eingeführt und 1926 die nach dem Koran erlaubte Mehrehe abgeschafft. Dann wurde türkischen Frauen das passive und aktive Wahlrecht eingeräumt.

Die Vorbeter des Diyanets predigten fortan in den Moscheen, dass die Entschleierung der Frau und ihre Ausbildung nicht haram, keine Sünde, sondern vielmehr anstrebenswert sei. Das Diyanet wurde erstmals „zum ideologischen Hauptinstrument der herrschenden Schicht, um die Gesellschaft umzugestalten, zu manipulieren“, schrieb die religiös gefärbte oppositionelle Tageszeitung Zaman unlängst.

Im 20. Jahrhundert haben die Reformen Atatürks das Leben der städtischen Mittel- und Oberschichtfrauen maßgeblich verändert. Sie machten der muslimischen Frau den Einstieg ins Berufs­leben erstmals möglich. Frauen fingen an, Jura und Architektur zu studieren, wurden Staatsangestellte, Lehrerinnen und Richterinnen, Dutzende lehrten an staatlichen Universitäten als Professorinnen. Diese Frauen gewöhnten sich bald an einen Lebensstil nach dem Vorbild ihrer westlichen Geschlechtsgenossinnen. Auf dem Lande allerdings 

blieb der Einfluss der kemalistischen Reformen beschränkt. Dort dominierten nach wie vor die in der islamischen Kultur verwurzelten, traditionellen Wertvorstellungen, welche die Frau in ihren häuslichen Raum verbannen und in der Öffentlichkeit, wenn überhaupt, nur verschleiert dulden wollten.

Achtzig Jahre nach Kemals Revolution war ein Großteil der Bevölkerung seiner Reformen müde. Der „ideale Mann der Gründungselite ist ein Muslim sunnitischer Glaubensrichtung, der nur am Freitag betet und Raki trinkt, wenn er nicht fastet“, lästerte der türkische Intellektuelle Orhan Kemal Çengiz um die Jahrtausendwende: „Deshalb sind die Kurden (solange sie nicht auf ihre kurdische Identität verzichten), die Muslime (die religiöser sind als von der Elite erwünscht), die religiösen Minderheiten der Alewiten und Juden sowie die christlichen Armenier und Griechen des Landes keine idealen Bürger.“

 

Recep Tayyip Erdoğan, seit 2014 Präsident der Republik
Recep Tayyip Erdoğan, seit 2014 Präsident der Republik

Die Ära der „stillen Revolution“

Bei den Wahlen vom 4. November 2002 drängte sich die bis dahin unbekannte „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) ins Zentrum des politischen Geschehens der Türkei. Er werde die „Stimme der großen, unterdrückten, schweigenden Masse“ sein, hatte im Wahlkampf der AKP-Vorsitzende Recep Tayyip Erdoğan der Menschenmenge versprochen. Der wortgewaltige Politiker, der in weißem Hemd mit aufgerollten Ärmeln vor dem Publikum auftrat, sprach ausführlich über die miserable Lage der Armen und die Pflicht der Politiker, diese Not zu lindern. Damit wurde er zur Stimme des ländlichen Mittelstands, der zunehmend Einfluss auf die Wirtschaft und damit auch auf die Politik ausübte.

Die erste AKP-Regierung unter Recep Erdoğan und dem zweiten Mann der AKP, Abdullah Gül, wurde zum Motor eines atemberaubenden Demokratisierungsprozesses: Das Land hat innerhalb kürzester Zeit die Todesstrafe abgeschafft und die Sondergerichte, die Hunderte von Dissidenten hinter Gitter brachten, aufgelöst. Zahlreiche Maulkorb­artikel wurden aus dem Pressegesetz gestrichen. Ein neues Zivilrecht räumte 2004 den Frauen erstmals Gleichstellung in der Familie ein. Das staatliche Fernsehen begann, erstmals Programme in kurdischer Sprache auszustrahlen. Es folgte die Abschaffung des Verfassungsparagraphen 118 und damit die faktische Entmachtung der Generalität.

Träger dieser „stillen Revolution“ waren zunächst die Reformisten der AKP. Diese seien, so fasste es der liberale Politologe Çengiz Aktar zusammen, „weltoffen, businessorientiert und demokratisch, aber auch konservativ und fromm“. Die Demokratisierung wurde ferner mitgetragen von einer breiten, bunten Bewegung von linken sowie islamisch-liberalen Intellektuellen. Gemeinsamer Nenner dieser Freigeister war, dass sie genug davon hatten, von einer allzu mächtigen Armee ständig als unmündige Bürger behandelt zu werden. Mitgetragen wurde die Bewegung schließlich von den Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der sogenannten Gemeinschaft (Cemaat) der Fethullahis. Die Fethullahis strebten eine Einheit zwischen den Traditionen der anatolischen Religiosität und den Anforderungen der Moderne an. „Der Islam hat keine Probleme mit der westlichen Technologie“ war eine Konstante in Gülens Reden. Er ermutigte seine frommen Anhänger, sich alle Errungenschaften der Wissenschaft anzueignen, um mit dem Westen konkurrieren zu können. Die Fethullahis waren darüber hinaus nationalistisch orientiert: Sie betrachteten die türkische Kultur als „Leitkultur“, die der Türkei im 21. Jahrhundert in der islamischen Welt vom Balkan bis nach Zentralasien einen führenden Platz verschaffen würde. Anfang des neuen Jahrtausends verfügten sie über ein weit verzweigtes wirtschaftlich-religiö­ses 

Imperium von Wohlfahrtseinrichtungen und Unternehmen. Sie besaßen Hunderte von Schulen und Universitäten rund um den Globus und verfügten über eine respektable Medienmacht. Fethullahis befürworteten, genauso wie die links- und islamisch-liberalen Intellektuellen, einen EU-Beitritt der Türkei.

Dank der Unterstützung dieser Gruppierungen ging die AKP im alten Streit um die Verschleierung des weiblichen Körpers als Siegerin hervor: Im Februar 2008 wurde durch eine Änderung der Verfassung das an den Hochschulen geltende Kopftuchverbot der Kemalisten vom Parlament aufgehoben. Erleichtert sprach Ministerpräsident Erdoğan vom Selbstbestimmungsrecht der Frau: niemand dürfe aufgrund seiner Kleidung vom Recht auf Bildung ausgeschlossen werden.

 

Mardin liegt nahe der Grenze zum Irak und zu Syrien – Ausblick auf Gebiete des Osmanischen Reichs …
Mardin liegt nahe der Grenze zum Irak und zu Syrien – Ausblick auf Gebiete des Osmanischen Reichs …

Unter Einfluss einer „imperialen“ Vision

Anfang 2010 lud Außenminister Ahmet Davutoğlu rund 200 türkische Botschafter aus allen Ecken des Welt in die Stadt Mardin ein, um ihnen seine Vision der „strategischen Tiefe“ näherzubringen. Davutoğlu liebt dieses Städtchen, das wie ein Schwalbennest an einem Felsen hängt. „Stadt in Stein“ oder „Stadt des Glaubens“ wird Mardin oft genannt, weil die Jahrhunderte alten Herrschaftshäuser, die vielen Kirchen und Moscheen alle aus beigem Sandstein gebaut sind. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wohnten auch zahlreiche Armenier sowie Assyrer in diesem Ort, der gegen Süden auf die nahegelegene syrische Grenze schaut. Jenseits der Grenze erstreckt sich bis zum Horizont die weite Ebene des oberen Mesopotamiens.

Von hier aus glaubte Davutoğlu auch seine Außenpolitik besser erklären zu können: Unter dem Motto „Null Probleme mit den Nachbarn“ hatte er die seit der Gründung der Republik faktisch eingefrorenen Beziehungen zur arabischen Welt wieder systematisch auf- und ausgebaut. „Die Türkei fühlt den Puls zweier Welten, der westlichen und der islamischen“, erläuterte er seinen Gästen. Ziel ihrer Außenpolitik sollte es deshalb sein, „den Einfluss der Türkei durch soft power weit über ihre Landesgrenzen hinaus auszuweiten“. Mardin sollte „wieder mit Mossul, mit Aleppo und mit Arbil zusammentreffen“. Aus der Zeit des Osmanischen Reichs „kennen wir schließlich die Farben und Gerüche von Basra und Kirkuk, und wir singen nach wie vor Lieder aus dem Jemen“. Die Grenzen der Türkei sollten laut Davutoğlu nicht die Form einer 

Mauer haben, sondern die eines Tors. Denn „Tore bleiben zugänglich, sie sind offen“. In Mardin 2010 hatte die Türkei ohne Wenn und Aber zu einer „imperialen Vision“ der Außenpolitik zurückgefunden.

Einer „imperialen Vision“ hing damals auch der Vorsitzende des Diyanets, Ali Bardakoğlu, nach. Er arbeitete eine Strukturreform aus, die seinem Amt mehr Unabhängigkeit vom Staat und dadurch mehr Glaubwürdigkeit außerhalb der Türkei verleihen würde. Der Staat sollte dem Diyanet erlauben, „autonom zu werden“, erklärte Bardakoğlu Ende Oktober 2010 in der Tageszeitung Radikal. „Unsere religiösen Gelehrten sind genauso vertrauenswürdig wie die Richter. Sie sollten selber wählen dürfen, wer das Diyanet führt.“ Seit der Gründung der Republik bestimmt die Regierung, wer die Religionsbehörde führt.

Neben der Autonomie für das Diyanet hatte sich Bardakoğlu auch für die Gleichstellung der Religionen in der Türkei, einschließlich der religiösen Minderheit der Aleviten, ausgesprochen. „Wir sollten eine Atmosphäre der Freiheit schaffen, ohne in Glaubensfragen der anderen zu intervenieren“.

Der Alevismus ist eine dem Schiismus nahestehende Glaubensrichtung. Da das Osmanische Reich sich als Führer der sunnitischen Gläubigen verstand, wurden die Aleviten als Häretiker verfolgt. In ihren isolierten Siedlungsgebieten Zentral- und Ostanatoliens entwickelten sie ein zutiefst humanitäres Religionsverständnis, in dem der Mensch „als Gottes vollkommenste Schöpfung“ im Zentrum steht. Die alevitischen Kulthäuser (cemevi) haben keine Minarette, und die Alevitin trägt kein Kopftuch; Alkoholkonsum ist den Aleviten kein Tabu; zudem befolgen sie nicht die vom Islam vorgeschriebenen Pflichten wie Fasten, rituelle Waschungen und das Gebet fünfmal am Tag. „Wer fasten will, soll fasten, wer nicht, der fastet eben nicht“, sagte Ali Bardakoğlu im Interview mit der Zeitung Radikal. Das war beispiellos für ein Oberhaupt der höchsten Religions­behörde der Türkei.

Eine Umsetzung der Strukturreform Ali Bardakoğlus hätte womöglich zum ersten Mal eine wirkliche Säkularisierung des türkischen Staats ermöglicht. Doch genauso wie der Mythos der kemalistischen Offiziere, wonach ihre Revolution zu einer Trennung zwischen Staat und Religion geführt habe, erwies sich auch die Hoffnung Bardakoğlus als Illusion.

Einen Monat nach dem Interview mit Radikal trat Ali Bardakoğlu überraschend von seinem Amt zurück. An seine Stelle trat Mehmet Görmez. Görmez ist im südöstlichen Gaziantep geboren, wo die in der islamischen Kultur verwurzelten, traditionellen Wertvorstellungen dominieren. Gleich nach dem Amtsantritt von Görmez wurde das Diyanet noch stärker in den Staatsapparat eingebettet: Es erhielt den Status eines Staatssekretariats und verfügt seitdem über einen Jahresetat, der laut Hochrechnungen der türkischen Presse die Summe aller Gelder von neun Ministerien, darunter des Innen- und des Außenministeriums, bei Weitem übertrifft. Mit mehr als 100.000 Mitarbeitern ist die Religionsbehörde heute eine der mächtigsten und reichsten Institutionen des türkischen Staates.

De-Säkularisierung der Gesellschaft

Verlobte sollten in der Öffentlichkeit „nicht Händchenhalten und nicht flirten“ und auch kein anderes Benehmen an den Tag legen, das nicht „in Übereinstimmung mit islamischen Normen“ steht. Das forderte das Diyanet in einer Fatwa im Januar 2016. Eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, hat in der Türkei zwar keine Gesetzeskraft und gilt nur als Handlungsanleitung. Die Veröffentlichung einer Fatwa beeinflusst Anhänger der islamistischen Bewegung der Türkei allerdings maßgeblich. Künftig dürfen Lehrer, Staatsangestellte und gar Offiziere der türkischen Armee etwa für das Freitagsgebet frei nehmen.

Der Fatwa vorausgegangen war eine Bildungsreform, deren Bezeichnung wie eine Zauberformel anmutet: „4 + 4 + 4“. Die Reform von 2012 sieht eine Anhebung der Schulpflicht von 8 auf 12 Jahre vor. Allerdings dürfen die letzten vier Jahre auch von zu Hause im Fernunterricht fortgesetzt werden, was religiösen Eltern die nötige Legitima­tion verschafft, ihre Töchter nach Beginn der Adoleszenz nicht mehr in die Schule zu schicken. Die Reform „4 + 4 + 4“ erlaubt zudem Jungs, nach der vierjährigen Primarschule, also im Alter von etwa elf Jahren, den Wechsel in die religiösen Imam-Hatip-Schulen. Die Imam-Hatip-Schulen hatten nach der Gründung der Republik die Aufgabe, eine begrenzte 

Zahl von Buben zu Predigern und Vorbetern der Moscheen auszubilden. Nach den 1980er Jahren wurden sie zunehmend von Sprösslingen ehemaliger Immigranten aus der Provinz besucht, die ihre Heimat auf dem Land verloren hatten, in der neuen Umgebung am Rande der Großstädte aber noch nicht heimisch geworden waren und im Islam einen Ausweg aus ihrer sozialen Isolation suchten. Recep Erdoğan ist selber ein Absolvent einer Imam-Hatip-Schule. Die Reform von 2012 hat diese Lehranstalten aufgewertet. Der Zugang zu Universitäten für die Absolventen von Imam-Hatip-Schulen wurde erleichtert. Vor einer „Islamisierung des Erziehungswesens“ hatte Professor Şerif Mardin bereits 2008 gewarnt: „Im Kampf um die Erziehung haben die Imame die Lehrer besiegt.“ Şerif Mardin gilt als Nestor der türkischen Soziologie.

Die Türkei heute ist eine andere

Ein Jahr nach der Bildungsreform folgte ein Gesetz, das den Verkauf von Spirituosen reguliert. Das im Gesetz vorgesehene Verbot von Alkoholkonsum im Umfeld von 100 Metern um Bildungseinrichtungen und Moscheen kommt in weiten Teilen der Städte faktisch einem Alkoholverbot gleich, sind öffentliche und private Schulen oder Universitäten, Einrichtungen für Unterricht und Moscheen doch sehr eng nebeneinandergebaut. Die Steuer auf alkoholische Getränke stieg seit der Machtübernahme der AKP um fast 700 Prozent.

Die Türkei von heute hat mit der Türkei der Demokratisierungs-Ära von 2004 nicht mehr viel gemein. Sie hat auch wenig gemein mit jener aufsteigenden Regionalmacht, die noch 2010 selbstsicher ein bestimmender Faktor im ganzen Nahen Osten sein wollte. Der Krieg in Syrien hat die ganze Region in ein „sunnitisches“ und ein „schiitisches“ Lager geteilt, wobei die Türkei sich außenpolitisch klar auf die Seite der sunnitischen Achse geschlagen hat. „Sich gegen die anderen abgrenzen“ lautet der Zeitgeist heute. „Das Alevitentum als eigenständige Religion oder ihre Kulthäuser als Alternative zur Moschee anzuerkennen“ sei für sein Amt eine „rote Linie“, erklärte Mehmet Görmez Anfang 2016. Genau genommen ist die Ausgrenzung der Aleviten in der Türkei nichts Neues. Wie im Osmanischen Reich der Scheich-ül-islam versteht sich auch das Diyanet als Religionsbehörde lediglich der sunnitischen Glaubensrichtung. Deshalb zahlt das Diyanet auch lediglich die Löhne der sunnitischen Vorbeter und Prediger. Eine fundamentale De-Säkularisierung der Gesellschaft im Dienste der Regierungspolitik ist allerdings neu.

Das letzte Aufbegehren

Der Protest von Jugendlichen gegen die Absicht der Regierung, den kleinen Park Gezi am zentralen Istanbuler Taksim-Platz durch ein Einkaufszentrum zu ersetzen, brach Ende Mai 2013 aus. Anfänglich ging es ihnen vor allem um einen Protest gegen die seit Jahren durch riesige Bauprojekte forcierte, rücksichtslose Zerstörung der Umwelt. Der Protest artete rasch zu einem Aufschrei gegen massive Intervention des Staates, der Regierung und der Religionsbehörde in ihrem Alltag aus. Die Protestierenden wollten nicht mehr, dass der Staat und seine Institutionen ihnen ständig diktieren, was sie zu tun und zu lassen hatten. Im kleinen Gezi-Park kämpften tagelang verschleierte Frauen neben ihren minitragenden Altersgenossinnen, Aleviten neben Sunniten, kurdische und türkische Nationalisten, selbst Homosexuelle neben Macho-Fußballspielern für das Recht des „Anderen“, so leben zu dürfen, wie er wünschte. Der Protest von Gezi war das Gesicht und zugleich das Symbol einer urbanen, zeitgenössischen und säkularen Republik. Dieses Gesicht wurde von der Polizei blutig verunstaltet. Der Mythos von der Säkularisierung in der Türkei war am Ende nichts anderes als eine fromme Lüge.