Himmel? Die Hölle ist spannender!

Dante Alighieri

Kann man über das Thema „Paradies“ schreiben, ohne religiöser Messianer, öko-bürgerlicher Esoteriker oder Werbetexter für Fernreisen zu sein? Aber klar! Man nehme den alten Dante, der heuer 750 Jahre alt geworden wäre. Der größte Schriftsteller Italiens war ein politisch verfolgter Asylant, ein rechtloser Flüchtling, der in ständig wechselndem Exil die „Göttliche Komödie“ geschrieben hat. Ein Jahrtausend-Buch über Himmel & Hölle – und gleichzeitig eine politische Abrechnung mit Kirche und Staat. Willkommen in der Hölle!

Von Fritz Glunk

Zeit seines Lebens und noch lange nach seinem Tod im Jahr 1321 war er bei weitem nicht so berühmt wie heute. Und nichts in seinem Leben deutete darauf hin, was für ein unsterbliches Werk er der Nachwelt hinterlassen sollte.
Man kann sogar behaupten: Seine Jugendjahre ließen eher das genaue Gegenteil erwarten. Wir müssen ihn uns im Florenz seiner Zeit vorstellen. Er stammte aus einem kleinen, nicht sehr begüterten, aber doch gut ausgestatteten Adelsgeschlecht und gehörte damit zu einer Schicht, die sich nicht im täglichen Schweiß ihr Brot verdienen musste. Wir sehen vor uns eher einen jungen Mann mit sprezzatura, das heißt der Fähigkeit, das überlegenheitsbewusste Auftreten in der Gesellschaft ungezwungen zu beweisen und gleichzeitig zu verbergen. Eine Eigenschaft, die seinerzeit dem vollendeten Mann bei Hofe bescheinigt wurde (und heute nur noch schwer zu ertragen wäre). Dante brillierte in dieser Kunst. Er hatte gute Schulen besucht, die der Dominikaner und dann die franziskanische Schule in Florenz, er verfügte über eine ausreichende Bildung und hatte gleichgesinnte Freunde in der Stadt, ebenso begüterte und intelligente wie er.
Diese Jeunesse dorée amüsierte sich unernst künstlerisch: Man schrieb sich gegenseitig Gelegenheitssonette aus nichtigen Anlässen, auch Spottgedichte auf die Frauen, mit denen die jungen Kleinadligen temporär liiert waren. Manche dieser Gedichte konnten recht drastisch ausfallen, doch was macht das schon? Schließlich gehörte man ja zu einer dominanten Gruppe in der Stadt. Allein wichtig war der Beifall der Freunde. Aber es konnte auch einmal anders gehen: Dantes Frauengeschichten erschienen einem Freund allmählich so derb und fern jedem Anstand, dass er ihm ein strenges Mahn-Sonett schrieb.
Es war wohl nicht diese Ermahnung allein, durch die Dantes Leben eine radikale Wendung nahm. Wir wissen nichts historisch Genaues darüber, aber nach seinem eigenen Zeugnis begegnete der etwa 25-Jährige eines Tages, vermutlich vor 1290, einer jungen Frau, die er Beatrice nennt, die Glückseligmachende. Unter Begegnung dürfen wir hier nicht mehr als einen etwas längeren Blickkontakt und vielleicht einen Gruß mit einer kurz winkenden Hand verstehen. Für das Mittelalter war das der erste versprechende Beweis einer Zuneigung. Von dieser Begegnung an ist Dante ein anderer, ein ernsthafter Mensch.
Wir sehen ihn kurz darauf als aktiven Politiker. Dem Adel hatte man misstrauisch jede politische Betätigung verboten; nur wer einer Berufsgenossenschaft angehörte, durfte sich um ein öffentliches Amt bewerben. Aber tatsächlich: Dante tritt, rein pro forma, der Gilde der Apotheker und Ärzte bei und wird Kommunalpolitiker, der sich um die Verschönerung der städtischen Plätze kümmert. Damit nicht genug: Er wird bald darauf in den Stadtrat gewählt, und er ist Mitglied einer Delegation nach Rom.
In seiner politischen Karriere gerät der Dichter jedoch bald zwischen die Gruppen der Guelfen und Ghibellinen, die sich mit Waffengewalt, in wechselnden Eroberungen, die Herrschaft über Florenz streitig machen. Als wieder einmal die Gegenpartei an der Macht ist, wird Dante – in Abwesenheit – wegen „Widerstand gegen den Papst“ zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, später zur Enthauptung „begnadigt“.
Von nun an hat er keine Heimat mehr. Dante ist Asylsuchender, in seinen eigenen Worten ein „Bettler“ „ein steuerloses Schiff“. Anfangs plant er noch eine militärische Eroberung von Florenz, aber auch sie ist vergeblich. Danach kommt er in ständig wechselnden Städten unter, erst in Forli am östlichen Rand des Apennin (1302), dann in Verona (1303), dann in Arezzo in der Provinz Toskana, in Treviso bei Venedig und in Padua. Kurze Zeit später sehen wir ihn in Venedig, im nordtoskanischen Lunigiana, in Lucca, noch einmal in Verona und in Ravenna, seiner letzten Zuflucht. Hier geht sein Leben als Mittfünfziger zu Ende, hier ist er auch begraben. Nicht in seiner Geburtsstadt Florenz (die schon früh, aber immer vergeblich, von Ravenna die Herausgabe der Gebeine Dantes forderte).
Das Ende der politischen Laufbahn, die Ferne von Florenz und die Wanderung durch die Städte Norditaliens sind auch der Rahmen für die schriftstellerische Produktion, die von der Dante-Forschung manchmal ein wenig abschätzig „opere minore“ genannt wird, die „kleineren Werke“. Er beginnt das „Convivio“, eine Art Enzyklopädie, die das gesamte Wissen seiner Zeit umfassen soll. Bemerkenswert: Er verfasst sie nicht in der Gelehrtensprache Latein, sondern auf Italienisch, damit „auch die Frauen“ und andere, die sonst keinen Zugang zur Weiterbildung haben, sie lesen können. Die Planung ist auf zwei- oder dreihundert Kapitel in 14 „Büchern“ ausgelegt. Aber schon nach dem vierten Buch lässt Dante aus uns unbekannten Gründen das Vorhaben fallen.
Als nächstes, weniger umfangreich, die Abhandlung „De vulgari Eloquentia“, die sprachgeschichtlich interessant ist: ein Lob der italienischen Hochsprache, die Dante allerdings nirgends verwirklicht sieht. Es bleibt ihm vorbehalten, die sprachliche Einigung Italiens mit seiner „Göttlichen Komödie“ zu schaffen.
Und dann noch die „Monarchia“, eine staatsrechtliche Auseinandersetzung mit dem Dauerkonflikt des Mittelalters zwischen Kaiser und Papst. Aufsehenerregend ist hier Dantes begründete Trennung von Kirche und Staat – eine offenbar so gefährliche Auffassung, dass das päpstliche Regime in Rom das Buch (nach Dantes Tod) öffentlich verbrennen ließ.
Nun aber: „Die Göttliche Komödie“. Sie steht in ebenso hoher Unbegreiflichkeit vor uns wie schon vor den Zeitgenossen Dantes. Ohne alle Vorbereitung beginnt mit diesem unglaublichen Meisterwerk die Literaturgeschichte Italiens und – jenseits der zahllosen Lokaldialekte – die Geschichte der italienischen Sprache. Allein der Umfang ist beeindruckend: mindestens sechshundert Personen (die Aberhunderte von Namenlosen in den Massenszenen gar nicht gezählt), über vierzehntausend Verszeilen und präzise hundert „Gesänge“, aufgeteilt in die drei jenseitigen Schauplätze Hölle, Fegefeuer und Paradies (mit einem Extra-Gesang als Einleitung).
Die Dichtung beginnt am Karfreitag des Jahres 1300. Auf geheimnisvolle Weise gerät ein Mensch, der Dichter nennt ihn „Dante“, unerwartet in dieses Jenseits. In seiner erklärlichen Verwirrung kommt ihm Virgil zu Hilfe, der ihn durch die Hölle und über den „Läuterungsberg“ (das Fegefeuer) bis fast ins Paradies begleiten wird. Hier wird Beatrice die Führung übernehmen.
Die Hölle ist ein tiefer Trichter in der Erde, in dem Dante alle jene unterbringt, die schon auf Erden göttliches oder weltliches Recht verletzt haben: sämtliche Päpste (keiner von ihnen schafft es ins Paradies!), jede Menge politischer Gangster, wucherische Bankiers und Geldentwerter (also höchst aktuell!), dazu Diebe, Räuber und falsche Wahrsager.
Das Fegefeuer, hier: ein hoher Berg, von einem mühsam zu begehenden Pfad nach oben umgeben, begegnet dem Wanderer freundlicher. Ab jetzt führt ihn der Weg nicht mehr in die Tiefe, sondern höher hinauf, und alle, die Dante trifft, streben ungeduldig dem Gipfel zu, auf dem sie, nachdem alle sündige Erdenschwere von ihnen abgefallen ist, den Eintritt ins Paradies erwarten dürfen.
Das Paradies schließlich ist gar kein Ort. Zeit und Raum haben hier ihre Existenz verloren. Man würde es heute wohl eine geniale Lichtregie nennen: Die scheinbare Fortbewegung des Wanderers wird allenfalls an einem immer intensiveren Licht spürbar (und selbst das wird nur mit Rücksicht auf sein noch irdisch beschränktes Erlebnisvermögen inszeniert).
Einer bis dahin nur vagen und ortlosen Höllen-Idee hat der Autor einen einzigartigen Schauplatz gegeben, und der „Läuterungsberg“ ist ganz und gar seine eigenständige Schöpfung. Man bedenke: Erst hundertdreißig Jahre später, 1439, hat die römische Theologie das Fegefeuer dogmatisch fixiert. Das Paradies schließlich besteht in seliger Entrücktheit.
Menschen hatten schon früh Vorstellungen von einer „Unterwelt“ als dem Aufenthaltsort der Toten. Altpersischen Ursprungs ist die Idee eines „Feuers“ dort unten, auch schon eines „reinigenden“ Feuers. Im christlichen Abendland bestand lange Zeit ein gewisser Widerspruch zwischen allgemeiner Religiosität und der Lehre der Kirche. Die volkstümliche Auffassung war, dass ein Mensch nach seinem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommt (manchmal in eine zeitlich begrenzte). Die Kirche lehrte dagegen noch, die endgültige Verurteilung erfolge erst beim Jüngsten Gericht. Der Aufenthaltsort der darauf wartenden Seelen blieb ungeklärt.
In der „Göttlichen Komödie“ ist von einem solchen Warteraum oder gar von einem späteren Jüngsten Gericht keine Rede mehr. Hier ist alles, was sich in der Hölle abspielt, definitiv. Die Zeit steht still. Entstanden ist der Höllentrichter dort, wo Luzifer beim Engelsturz auf der Erdoberfläche aufschlug. Der finstere Trichter mit seinen Terrassen und Abgründen, mit Strömen und Bächen und Seen reicht bis zum Erdmittelpunkt (wo Luzifer selbst festsitzt). Was der Wanderer Dante hier erlebt, ist das rettungslose Elend der Sünder und eine Zumutung für die Sinne: Alles blickt ihn feindselig an, jeder Fels, jeder Graben, jede Brücke kann gefährlich werden. Ein unglaublicher Lärm liegt in der Luft, ein unaufhörliches Schreien, Jammern, Kreischen. Dazu ein heulender Wind; eiskalter Schnee und Hagel hier, da ein Flammenregen. Die Sümpfe verströmen einen übelriechenden, eitrigen Pesthauch. Sträucher bluten und sprechen, Körperteil nach Körperteil verwandelt sich ein Mensch vor den Augen des Wanderers in ein amphibisches Monster. Andere stecken bis zum Hals im Eis fest. Selbst ein Stadttor, das heimatliche Gebilde von Menschenhand, ist wie diese ganze höllisch-feindliche Naturszenerie ein Raum der Verzweiflung, ja die Hölle selbst ist diese Stadt, in die Dante und Virgil eintreten: „Durch mich geht es in die Stadt des Leidens, durch mich geht es in das ewige Leid, durch mich geht es unter die verlorenen Schatten,“ steht über dem Tor. „Gebt alle Hoffnung auf, ihr, die ihr eintretet!“ Trostlos, aber was für ein Thriller!
Vom Erdmittelpunkt, dem tiefsten Kreis der Hölle, steigen die Wanderer wieder nach oben und erreichen auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel den Läuterungsberg. Er ist dadurch entstanden, dass das aus dem Trichter durch den Luzifer-Sturz verdrängte Erdreich sich zu solcher Erhebung auftürmte. Sofort ändert sich die Stimmung der Szene: Es ist still, ein wolkenloser Tag, sanft weht ein warmer, weicher Wind. Nachts ruhen die Wanderer, tags aber, in der Sonne der Gnade, begegnen sie auf den neun Simsen den vielen schon körperlosen Seelen, die alle zum Gipfel unterwegs sind. Auch die Zeit ist zurückgekehrt: Fast keiner hat Muße, sich mit Dante abzugeben, alle haben es voller Erwartung eilig, weiter und nach oben zu gelangen. Kurz vor dem Gipfel muss der Wanderer noch eine Flammenwand durchschreiten, die ihn ängstigt, aber Virgil verheißt ihm auf der andern Seite nicht nur „die Gräser, die Blumen und die Sträucher, welche hier die Erde aus sich allein hervorbringt“, sondern vor allem Beatrice, die ihn von dort ins Paradies begleiten wird.
Auf dieser letzten Etappe der Wanderung, in der Zeit und Raum wegfallen, ergeben sich gewisse Beschreibungsprobleme. Eigentlich wandert der Wanderer gar nicht mehr: Er schwebt. Fast alle Sinnesempfindungen, die bisher und besonders in der Hölle eine Rolle spielten, sind nun wie abgestorben. Die Seelen im Paradies bedürfen keiner Augen, keiner Sprache und keines Gehörs mehr, um einander zu lieben und zu verstehen. Alles, was Dante hier begegnet, ist von sich aus unsinnlich. Die scheinbaren Übergänge von einem „Himmelsring“ zum nächsten nimmt Dante als ein immer intensiver strahlendes Licht wahr, bis ihn zuletzt, im endlich erkennenden Anblick Gottes selbst, die Sprache und die Kraft der Bilder verlassen: „Indessen schlug in meinen Geist ein Blitzstrahl ein, mit welchem sich mein Wunsch erfüllte. Der hohen Phantasie versagte hier die Kraft.“ Was er hier gesehen hat, kann er nicht mehr schildern. Irgendwie war in der Hölle wesentlich mehr los!
Dies alles ist kein literarischer Spaziergang. Denn die „Göttliche Komödie“ ist schon vom schieren Umfang her ein gewaltiges Werk. So kommt es, dass viele nur ein paar schaurige Anekdoten und besonders gruselige Szenen im Kopf haben wie Reisesouvenirs. Dante aber zu lesen, als wäre da einfach jemand unterwegs, von Highlight zu Highlight samt staunenden „Ahs!“ und Erinnerungsfotos – das wäre eine bedauernswerte Verstümmelung des Textes. Allerdings ist zuzugeben, dass die existenzielle Bedeutungsschwere der Dichtung dem heutigen Leser zu schaffen macht. Das lassen gleich die ersten Zeilen der Dichtung erkennen, in denen der Autor, so scheint es, von einer Verirrung spricht: „In der Mitte unserer Lebensbahn kam ich zu mir in einem finsteren Wald, denn der gerade Weg war mir verfehlt.“ Der „wilde Wald“ erscheint ihm kaum weniger bitter als der Tod. Dante hat sich natürlich nicht verlaufen, sondern der Autor konfrontiert uns mit dem harten Sprung aus dem Leben in einen jenseitigen Zustand, in dem alle Vertrautheit mit der Umgebung jäh verlorengeht. Er lässt gewissermaßen sein altes Leben im Staub der Erde hinter sich und begibt sich auf einen besseren, den rechten, den „geraden Weg“. Kein heutiger Schriftsteller würde in drei Zeilen einen so rücksichtslosen Einstieg wählen!
Der gängigste Teil der Dichtung ist demgegenüber seit Dantes Zeiten die Hölle. Sie spricht so sehr die Sinne an, dass die Schauerszenen schmerzen. Die phantastisch ausgemalten Qualen, die Folter-Teufel, die Erzählungen und Klagen der Verdammten, die Unheimlichkeit der Landschaft – noch nie vorher hatte ein Dichter dies alles in so filmreifer Liebe zum Detail beschrieben. Zu dieser Attraktion der Hölle kommt unsere eigene Erfahrung der Brutalitäten des 20. Jahrhunderts. Dies alles macht die Hölle, das „Inferno“ Dantes, zu einer immer wieder verwendeten Metapher. Und wenn wir heute „dantesk“ sagen, meinen wir genau dies: eine unheimliche, lebensgefährliche, undurchschaubare Umgebung voll Qualen und Leid.
Für Dante und den Wanderer jedoch ist diese Landschaft nicht etwa ein Gegenstand aufgeregter Verwunderung, schon gar kein Erlebnis mit Eventcharakter, sondern Anlass, ja Aufforderung zu einer inneren Umkehr. Der Abstand zum heutigen Sehen lässt sich an Dantes Zeitgenossen Petrarca verdeutlichen.
Im Frühjahr 1336 begibt dieser sich auf eine Bergwanderung. Das Ziel ist der Mont Ventoux, ein etwa 1900 Meter hoher Berg in der Provence. Das Vorhaben ist ungewöhnlich, denn ein Wandern allein um des Wanderns willen ist damals ziemlich ungehörig. Und doch macht Petrarca eine Entdeckung, die weit über sich hinausweist – in die Renaissance. „Obwohl ich längst – sogar von heidnischen Philosophen – hätte lernen müssen, dass außer der Seele nichts wunderbar, und neben ihrer Größe nichts groß ist.“ Dieser plötzlich neuentdeckten Größe des Menschen entspricht sein Blick, der vom Gipfel in die Runde geht, bis ins Rhone-Tal bei Lyon, an den Strand von Marseille. In diesem hohen Rundblick liegt kaum verborgen eine frühe Ästhetik des Naturerlebnisses, das heißt eine anklingende Besitznahme der Umgebung durch den Menschen und der beginnende Verbrauch der Landschaft. Sein Blick sagt ihr: „Ich bin groß, und du liegst mir zu Füßen.“
Zwar bewundert er die Natur, aber sie hat ihm nichts zu sagen. Ganz anders bei dem Jenseits-Wanderer Dante. Hier lässt sich die Landschaft schon deshalb nicht konsumtiv bewundern, weil sie dem Menschen feindlich gegenübertritt, und zwar so übermächtig, dass allein der Gedanke an eine Beherrschung absurd wäre. Die Landschaft gewinnt eine dramatische Steigerung, sie bewegt sich vor unseren Auge mit immer neu und überraschend hereinbrechender Wucht, so dass der Wanderer Dante in ihr beinahe passiv erscheint (und tatsächlich fällt er ja auch einige Male in Ohnmacht, so überwältigt und betäubt ist er von der Szenerie).
Was aber sagt ihm diese übermächtige Umgebung?
Es fällt auf, dass in Dante während der gesamten „Göttlichen Komödie“ keinerlei innere Wandlung stattfindet. An keiner Stelle beschreibt er, was das Erlittene oder Gesehene oder eine realisierte Hoffnung an seinem Charakter oder an seiner Einstellung zum Leben verändert hätte. Sicher, immer wieder fragt er seinen Begleiter, was es mit dieser oder jener Szene auf sich habe, und er quittiert die Erklärung mit gesteigertem Verständnis, als ginge es ihm vor allem darum. Sogar die Vorwürfe, die Beatrice gegen ihn und sein jugendliches Lotterleben erhebt, sollen bitte nicht allzu schwer ins Gewicht fallen. Sofort treten Engel dazwischen, die Anklägerin möge nicht so streng mit ihm umgehen, und er wird prompt hereingebeten ins Paradies. Selbst diese Etappe erfüllt ihn nicht etwa mit stärkerer Sehnsucht nach einer Gemeinschaft mit den Seligen. Erst der Anblick Gottes wirft ihn zu Boden und, müssen wir annehmen, auf die Erde zurück. So insgesamt ungeschoren, unverändert kommt er davon.
Wagen wir eine These: Dante ist von dieser Jenseits-Umgebung deshalb nicht im Innersten getroffen, weil sie ihm, nach Maßgabe seines Lebens, nicht unbekannt ist. Die Hölle, die „Stadt der Leiden“, hat er in dieser Form zwar nicht gekannt, aber die Schmerzen der unglücklichen Liebe, der Verbannung, der politischen Verfolgung und der letztendlichen Vereinsamung hat er in vollem Maß durchlebt. So geht sein Blick nicht wie bei Petrarca von einem Feldherrnhügel hinab, sondern der Richtungssinn geht genau andersherum: Die Landschaft schaut ihn an. Sie trifft in seinem Innern auf eine biografisch vorbereitete Leinwand. Man könnte sagen, Dante geht durch die Bühnenbilder der Natur nicht als Individuum und Einzelfall, sondern exemplarisch als unser aller Vertreter. Wir sollen uns dabei nicht am Einzelschicksal Dantes delektieren oder entsetzen. Vielmehr sollen wir erkennen: Im Gang durch Hölle und Fegefeuer ins Paradies wird unsere eigene Sache verhandelt. Das ist es, was die Jenseits-Landschaft dem Wanderer Dante sagt. Im kleineren Maßstab hat Rainer Maria Rilke diesen Blick so beschrieben: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“