Von der permissiven Lethargie zur Reformation?

 

Banker sind korrekt gekleidet, tragen stets eine Krawatte und – für Kenner nonverbaler Signale – Schuhe vom Typ Oxford: zeitlos konservativ, mit ein paar feinen Verzierungen vorne, in den Farben Schwarz, Antique Oxblood oder Chestnut Calf, und schweinisch teuer. Und: die Banker sind oberflächlich, einfach nur Geld-orientiert eben. Doch stimmt dieses Klischee? Es gibt auch Banker, die über sich und ihr Handwerk nachdenken. Ein Schweizer Insider geht in sich.

Von Jürg Frey

Die laufenden politischen Debatten im Zusammenhang mit dem darniederliegenden Bankkundengeheimnis decken Eigenheiten der Schweizerischen Kultur auf, die sich über viele Jahre entwickelt haben. Ob aus Nord, West oder Übersee: Viele haben vor dem Hintergrund des gläsernen Kunden den Stab über die Banken in der Schweiz gebrochen. Die folgende Aussage reflektiert im Rückblick das Selbstverständnis und die Legitimation der hiesigen Bankenindustrie, ihren Kunden absolute Vertraulichkeit zu gewähren:

„Ich sage heute als Vertreter jener Bank, die für ihre Vorreiterrolle bei der strikten Auslegung der Sorgfaltspflicht bekannt geworden ist, dass es für mich im höchsten Masse moralisch vertretbar ist, Vermögenswerte von fiskalisch Verfolgten vor dem Zugriff ihrer Behörden zu schützen. Wer mehr als 50 % seiner rechtmässig erworbenen Einkünfte für Steuern und Abgaben bezahlen muss, ist faktisch ein Staatssklave und bedarf besonderer Anteilnahme und Hilfe. Es ist an der Zeit, sich von der defensiven Haltung in dieser Frage zu lösen und zur Offensive überzugehen.“1)  (Hans-Dieter Vontobel an der GV der Vontobel Holding, 21.4.1999)

Hans-Dieter Vontobel hat vor dem Hintergrund der indirekten Enteignung von – vor allem – deutschen Kunden die Haltung der Schweizer Banken gerechtfertigt. Der Neutralitätsgedanke mag hier mitgespielt haben: Die Schweiz ist der sichere Hort für Menschen im Ausland, die entweder bedroht sind (Rechtssicherheit, Enteignung, mangelnde Vertraulichkeit) oder denen jede zweite „sauer“ verdiente Geldeinheit vom Staat mittels Steuern wieder abgeknöpft wird. Oder spielte da noch die Legende von Wilhelm Tell mit, der sich der Übermacht der Habsburger entgegenstellte und dem Hut des Landvogts Gessler den Gruß verweigerte? Die Gelegenheit jedoch, sich mit dem Schuss auf den Apfel aus der aktuellen Umklammerung zu lösen, hat die Schweiz schon lange verpasst.

Zur Aussage von Hans-Dieter Vontobel stellen sich die folgenden Fragen: Woher nimmt die Schweiz das Recht, sich jahrzehntelang über die Steuerhoheit anderer Ländern hinwegzusetzen, vor allem wenn es um deren Bürger geht (asymmetrische Souveränität)? Und wie erklärt es sich, dass immer wieder unrechtmäßig erworbene Gelder ihren Weg in die Schweiz finden – vor allem in Fällen, bei denen es offensichtlich war, dass etwas nicht stimmen konnte?

Seit 1999 ist viel geschehen, und heute würde kaum noch ein Bankier es wagen, die oben erwähnte Aussage zu wiederholen. Der letzte Exponent, der sich gegenüber den USA zur Wehr setzte, musste sein Unternehmen im Januar 2012 unter deren Druck notleidend verkaufen. 

Warum gerade in der Schweiz?

Das Bankgeschäft und die damit direkt verbundenen Industrien sind ein wichtiger Pfeiler im Schweizer Dienstleistungsangebot. Arm an Rohstoffen und inmitten der Alpen gelegen, hat sich das kleine Land die Neutralität, die Vermittlung, die Forschung und Innovation sowie die Beratung in vielerlei Hinsicht zu Nutzen gemacht. Daraus sind verschiedene Organisationen und Industrien entstanden. Eine der erfolgreichsten war und 

ist die Finanzindustrie. Das kleine Land verwaltet immer noch die meisten der grenzüberschreitenden Vermögen dieser Welt (Stand Ende 2013).

Das Klischee der biederen „Gnome vom Paradeplatz“ (dem Zürcher Bankenviertel) war vielfach verankert, und Schweizer Bankiers wurden vielfach karikiert: unscheinbar, aber korrekt gekleidet, „gschaffig“, zuverlässig und pflichtbewusst, distanziert liebenswürdig und etwas hölzern, vielsprachig, aber mit starkem Akzent, vermittelnd auf der Drehscheibe der internationalen Finanzwelt, und trotzdem in der Essenz bescheiden.

Es ist denkbar, dass die Reformation und die Aufklärung in der Schweiz einen grossen Einfluss auf die Arbeitsethik hatten. Es ist erlaubt, Zinsen einzufordern, Vermögen und Kapital sind die Früchte harter Arbeit. Arbeit ist somit höchstes Gut (die Arbeitslosigkeit hat in den letzten Jahrzehnten selten die Marke von 3 Prozent überschritten). Die Volksmeinung, dass, wer Arbeit sucht, auch Arbeit findet, hat sich tief im schweizerischen Selbstbewusstsein verankert. Wer sich in den Arbeitsprozess integriert und das tut, was von ihm erwartet wird, fällt auch nicht auf, schwimmt mit, pocht nicht auf Individualität. Ist es Zufall, dass sich die Finanzindustrie dort am stärksten entwickeln konnte, in Genf und in Zürich, wo die beiden Reformatoren der Schweiz, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli, gewirkt haben? Der deutsche Soziologe Max Weber (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904/05) zumindest fände seine Thesen bestätigt.

Dem Bedürfnis der vorwiegend ausländischen Kundschaft nach Schutz und Diskretion (legitim und weniger legitim) haben die Schweizer Banken gerne entsprochen. Durch die erwähnten Eigenschaften, die zuweilen opportunistische Neutralität und mit ihrem Standort im Herzen Europas nahmen sie eine Sonderstellung ein. Die meist servile und obrigkeitsgläubige Art erschwerte es, kritisch zu sein und das eigene Tun und Handeln zu hinterfragen. Daraus resultierte, dass auch Gelder mit zweifelhaftem Hintergrund verwaltet wurden. Die sogenannten PEP (Politisch Exponierte Personen) haben eine lange Historie in der Schweiz. Fliegt eine exponierte Person auf, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Schweizer Bank involviert war.

NEIN ist ein unerhörtes Wort

Im Jahr 2014 konstatierte die Schweizer Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) mit Stolz, 1.753 Verdachtsmeldungen über ein Vermögen von 3.3 Milliarden erhalten zu haben. Dies zeugt zweifelsfrei von einem funktionierenden Rechtssystem. Wäre es aber nicht besser gewesen, die Banken und Vermögensverwalter hätten dafür gesorgt, dass die offensichtlichsten Fälle gar nie in der Schweiz angekommen wären? Wieso ist es nicht gelungen, die Geschäftspraxis mehr zu hinterfragen und im Zweifelsfall NEIN zu sagen? NEIN ist ein unerhörtes Wort im schweizerischen Dienstleistungssektor. Man fühlt sich dem Kunden gegenüber so stark verpflichtet, dass es zuweilen bizarre Formen annimmt. Wie jedoch kann der Berater das Handeln des Kunden hinterfragen, wenn er sich selbst nicht in Frage stellt? Dass Sorgfaltspflichten missachtet werden, wenn ein Staatschef während oder nach seiner Amtsausübung mehrere Millionen – in einigen Fällen Hunderte von Millionen – bei einer Bank in der Schweiz platzieren kann, liegt auf der Hand. Mittlerweile, wohl als Reaktion auf die Missstände, ist der Kontoeröffnungsprozess für PEP und für Kunden aus sogenannten Risikoländern ein Spießrutenlauf. Es ist wohl nirgends auf der Welt so schwierig, ein Konto zu eröffnen, wie in der Schweiz.

In der Börsenhausse der 1990er Jahre entwickelte sich zudem eine Kultur, die im Mix mit den erwähnten opportunistischen Eigenschaften zu einem explosiven Cocktail mutieren sollte: Bankiers wurden zu Bankern und setzten Ambitionen frei, die den Kundeninteressen diametral zuwider liefen. Der schweizerische Bankenplatz entfernte sich immer mehr von den durchaus auch positiven Tugenden des „Gnomen vom Paradeplatz“. Er kopierte nicht nur zunehmend das Geschäftsmodell des angelsächsischen Marktes, sondern rekrutierte immer mehr Schlüsselmitarbeiter und Manager, denen die hiesige Kultur verstaubt vorkam. Banken waren ursprünglich Mittel zum Zweck, das Schmieröl einer florierenden Wirtschaft, der sichere Hort für Spargelder und Kreditgeber für investierende Unternehmen – peinlich darauf bedacht, dass Spargelder und Ausleihungen nicht in ein Missverhältnis gerieten.

Dass dieses Modell ausgedient hat, ist hier nicht weiter zu erörtern. Es ging und geht leider immer noch darum, möglichst viele zusätzliche und gewinnbringende Geschäftsfelder zu entwickeln. Die Umsätze und somit auch die Gewinne vervielfachten sich. Durch die sprudelnden Gewinne gab es auch mehr zu verteilen. Der Bonus – ursprünglich ein 13. Monatslohn, mittlerweile ein Schimpfwort – wurde zu einem wichtigen Lohnbestandteil vieler Mitarbeiter. Nun war nur noch das individuelle Resultat am Ende des Kalenderjahres massgebend: wie voll die Lohntüte sein würde. Im Team gemeinsame Ziele zu erreichen wurde zum Lippenbekenntnis. Jedes Jahr begann das Spiel von neuem, der Zähler wurde auf null gestellt und es ging darum, wieder möglichst viel „Produkte“ zu verkaufen, viel Umsatz zu generieren, auf Teufel komm raus neue Gelder zu akquirieren und „Deals“ an Land zu ziehen. Verantwortung für das eigene Handeln und Einstehen für die Kundeninteressen rückten in den Hintergrund, Solidarität gegenüber dem Arbeitgeber war nicht mehr gefragt. Relativ leicht konnte man als einigermassen erfolgreicher Mitarbeiter von einer Bank zur anderen wechseln, in den meisten Fällen zu besseren Konditionen. Für die weniger erfolgreichen scheute sich der Arbeitgeber nicht, die Reißleine zu ziehen: Hire & Fire.

Goldgräber in eigener Sache

Auf diesem Nährboden schwollen Risiken exponentiell an. Dieses Phänomen fand – wie wir mittlerweile wissen – nicht nur in der Schweiz statt. Trotzdem, aus dem „Gnomen“ wurde ein Goldgräber in eigener Sache, und vielfach wurde alles auf eine Karte gesetzt. Dem Einfallsreichtum, vor allem im Umgang mit unversteuerten Geldern, waren fast keine Grenzen gesetzt. Im Zusammenhang mit den USA war dies nahezu letal. Fast alle waren Mitläufer und tanzten, solange die Musik spielte. Viele Mitarbeitende erklären heute, dass sie Teil eines Bankensystems waren und nichts anderes gekannt hätten (der Verfasser schließt sich hier nicht aus). Die Geschichte hat uns aber gelehrt, dass Mitläufertum fatale Folgen haben kann. Mitlaufen entbindet nicht von Verantwortung.

Die opportunistische Haltung der Schweizer Banken hat der Schweiz langfristig mehr geschadet als geholfen. Sie hat ihren Konkurrenten im Kampf um die globale Vermögensverwaltung in die Hände gespielt. Heute, nach zahlreichen Etappen im Zermürbungskampf um den gläsernen Bankkunden, offenbaren sich zwei Mängel, die typisch scheinen für dieses Land: Der erste Mangel ist, dass wir zu lange um ein Problem kreisen, ohne etwas dagegen zu tun. Wir schlafen darüber, lassen die Sache ruhen, ziehen uns zurück und hoffen, dass sich alles von selbst auflöst (im Fachjargon: Übung Nescafé). In den meisten Fällen jedoch eskalieren die Probleme, und dann manifestiert sich der zweite Mangel: Einmal angeschossen, empören wir uns erst über die Nestbeschmutzer, lamentieren über die Ungerechtigkeit, die uns widerfahren ist – um dann über das Maß hinaus mit der Gegenpartei zu kollaborieren.

Manifest geworden ist dieser Mechanismus unter anderem in der Haltung des Bundesrates und der UBS, die am 19. August 2009 Datensätze von 4.450 US-amerikanischen Kunden an den US-Fiskus übermittelte. Obwohl die Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf vehement betonte, dass das Abkommen Schweizer Recht nicht verletzte, wurde mit diesem Vorgehen auf der Exekutivebene im Alleingang geltendes Recht missachtet und das Bankkundengeheimnis außer Kraft gesetzt. Es ist möglich – oder sogar wahrscheinlich – dass es dabei auch um das nackte Überleben der UBS ging. In diesem Zusammenhang stellt sich jedoch die Frage, ob die Rechtssicherheit eines Landes dem Überleben eines einzelnen Instituts unterzuordnen sei. Zudem wirft das rasche und von außen nur schwer nachvollziehbare Einlenken im Fall UBS weitere Fragen auf, welche wohl kaum je beantwortet werden können.

Kritik nicht nur von außen

Kritische Stimmen zu der Schweizer Eigenheit, dass in diesem Land Steuerhinterziehung keine Straftat ist, gab es aber auch innerhalb der Schweiz immer wieder. Der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Hans Peter „Mani“ Matter, ein äußerst populärer und politisch engagierter Liedermacher, lehnte sich bereits 1968 gegen 

die permissive Lethargie auf und konstatierte, dass die schweizerische Staatskarosse im Schlamm stecken geblieben ist: „Wenn man damit einverstanden ist, dass der Schweiz heute die Zukunftsperspektive fehlt, dass unser kleines, reiches Land wichtigere Aufgaben hätte, als das Bankgeheimnis zu verteidigen und deutschen Industriemagnaten ein Steuerparadies abzugeben, dass eine neue Zielsetzung nötig wäre – wird man sich dann auf die Totalrevision [der schweizerischen Bundesverfassung] versteifen wollen? Wird man nicht besser einen Projektwettbewerb ausschreiben mit dem allgemeinen Auftrag: die Schweiz von morgen?“2)

Wie die Schweizer Bankenwelt von morgen aussieht, wird im Moment vor allem durch das Ausland induziert. Die Karten werden neu gemischt. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Steuermoral, Kasinokapitalismus, der Kampf gegen Terrorismus und die daraus resultierenden sinnvollen und auch weniger sinnvollen Aktivitäten sind vom unangenehmen Weckruf zum Finanzplatz-Wirbelsturm mutiert. Dass es immer noch Banken gibt, die trotz eines Verlustes Boni an ihre Mitarbeiter ausschütten, zeigt, dass wir aus der Geschichte nach wie vor nichts gelernt haben. Die Zeit läuft ab und es ist absehbar, dass sich Schweizer (Steuer-)Gesetze denjenigen Europas angleichen werden, werden müssen.

Es liegt an der Finanzindustrie, an deren Mitarbeitern und auch an den Politikern, dieses Problem endlich zu erkennen und entsprechend zu handeln. Wir haben zu lange gewartet, als dass wir noch opportunistisch taktieren können. Wo sind die langfristig denkenden Unternehmer, die den kurzfristig orientierten Finanzhaien die Stirne bieten? Reformieren wir uns selbst, läuten wir den Generationenwechsel ein und nennen wir die Probleme beim Namen. Besinnen wir uns auf unsere Stärken, bevor wir uns weiter von außen in ein Korsett zwingen lassen müssen.

1) Dr. Hans-Dieter Vontobel an der Generalversammlung der Vontobel Holding, Zürich, 21. April 1999
2) Mani Matter: Das Cambridge Notizheft, Notizen von Mai bis Ende September 1968, Zytglogge Verlag

Paradeplatz Zürich, wo UBS und Credit Suisse ihren Sitz haben: Die Schweizer Flagge ist immer noch ein Label. Foto: Jürg Frey