Fürchten Sie Flüchtlinge nicht – helfen Sie ihnen!

Flüchtlinge als Bedrohung zu behandeln, ist unmenschlich: Flüchtlinge suchen keine Konflikte,
sie fliehen vor ihnen.

Von António Guterres

Das Jahr ist noch jung und schon besudelt von all dem Blutvergießen; Unsicherheit und Furcht vor Terrorismus dominieren die öffentliche Debatte, Angst und wirtschaftliche Unzufriedenheit schüren Extremismus jeglicher Art. Eine wachsende Anzahl von Menschen wenden sich Populisten und Fremdenhassern und – in einigen extremen Fällen – der Gewalt selbst zu.

Diese Entwicklung beeinträchtigt das Leben von Flüchtlingen und anderen gewaltsam Heimatvertriebenen in erheblichem Maße. Sie flüchten vor dem Trauma zuhause, und in ihren Exilorten erwartet sie Feindseligkeit: Sie sind die Sündenböcke für eine Reihe von Problemen, vom Terrorismus bis zur Wirtschaftskrise, und ihre Gastgeber empfinden sie als Bedrohung der eigenen Lebensweise, nennen sie illegale Migranten, Kriminelle oder Schlimmeres.

Bei all der aufkommenden Panik jedoch dürfen wir eines nicht vergessen: Die größte Gefahr sind nicht die Flüchtlinge, sondern die Flüchtlinge selbst sind in größter Gefahr. Menschen, denen Asyl gewährt wird, sind per Definition Überlebende grausamer Verfolgung und Gewalt. Viele von ihnen sind unter äußersten Strapazen und Gefahren in die Sicherheit geflüchtet – auf riskanten Nebenwegen durch Kriegsgebiete, gezwungen, sich in die Hände von Schmugglerringen zu begeben, um über Grenzen zu kommen, und Raubüberfällen von Banditen und Piraten ausgesetzt.

Im vergangenen Jahr flüchteten fast 220 000 Menschen in unsicheren Booten über das Mittelmeer – mehr als dreimal so viele Menschen wie während des libyschen Bürgerkriegs 2011. Deutliche Steigerungen waren auch im Golf von Aden, in Südostasien und in der Karibik zu verzeichnen, mit weltweit 360 000 Menschen, die über den Seeweg flüchteten.

Eine Folge dieser Entwicklung: Mehr als 4300 Menschen wurden im vergangenen Jahr auf See als tot oder vermisst gemeldet, die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich erheblich höher. Unzählige andere wurden von Schmugglern misshandelt und geschlagen, oder sie wurden gekidnappt und gezwungen, für Schmuggler-Ringe zu arbeiten. Und nun kämpfen Flüchtlinge mit der wachsenden Feindseligkeit in den Ländern, die sie für Schutzorte hielten.

Natürlich sollen die sicherheitsrelevanten Herausforderungen für die Asylländer nicht geleugnet werden, die die großen Flüchtlingsströme mit sich bringen, die wiederum der Gewalt und Unsicherheit andernorts geschuldet sind. Es gibt immer ein Risiko, und meine Organisation* achtet darauf sehr genau. Aber die Flüchtlinge suchen keine Konflikte, sie fliehen vor ihnen. Flüchtlinge wie eine Bedrohung zu behandeln anstatt sie als Menschen in Not zu sehen, ist unmenschlich, uneffektiv und kontraproduktiv. Menschen, die mit einer Flucht ihr Leben retten wollen, kann man nicht davon abhalten, ohne dass sich die Situation weiter zuspitzt.

Im heutigen Klima der Angst müssen wir uns auf die größten Bedrohungen konzentrieren - auf die Bedrohung von Flüchtlingen und deren Familien. Wenn wir verhindern wollen, dass sich diese Bedrohungen vermehren und ausbreiten, müssen wir die Vorausstzungen schaffen für eine friedliche Rückkehr in die Heimatländer. Das tun wir, indem wir Schutz und Unterstützung bereitstellen und indem wir Menschen helfen, nicht nur zu überleben, sondern sich entwickeln zu können.

Über 51 Millionen Menschen weltweit wurden aus ihrer Heimat vertrieben, mehr als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Immer mehr Konflikte, Menschenrechtsverletzungen und Heimatlosigkeit, dazu Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Verstädterung in Kombination mit Arbeitslosigkeit und Ernährungs- und Wassergefährdung, haben ganze Gemeinwesen gegen ihren Willen entwurzelt. Dies ist mehr als eine unangenehme Statistik, es ist eine Herausforderung, die die Kapazitäten des humanitären Hilfssystems breits überschritten hat – und die allen Anzeichen nach immer größer wird.

Unsere Reaktion auf diese Herausforderung allerdings war bestenfalls mittelmäßig und im schlechtesten Fall jämmerlich unzureichend. Humanitäre Hilfsaktionen sind massiv unterfinanziert, sowohl im Bereich der Grundbedürfnisse als auch im Bereich der Vorsorge gegen die Abwanderung, wie zum Beispiel im Bereich der Bildung.

Manche Regierungen versuchen, ihre Grenzen dicht zu machen („lock up shop“) und investieren in Abschreckung, führen „Pushback-Operationen“ durch und verhaften automatisch die Asylsuchenden, darunter auch Kinder. Italiens großmütige Operation „Mare Nostrum“, bei der über 160 000  Menschen auf hoher See gerettet werden konnten, ist gerade ausgelaufen – und die EU plant keinen Ersatz zusätzlich zu den Grenzkontrollen, die im November 2014 im Rahmen der „Triton Operation“ eingeführt worden sind. Viele Menschen werden deshalb ihr Leben verlieren.

Die Konzentration auf Grenzkontrollen wird das Problem nicht lösen. Regierungen haben zwar die Pflicht, Einwanderung zu kontrollieren, aber die Politik muss sicherstellen, dass verlorene Menschenleben nicht zum „Kollateralschaden“ abgewertet werden.

Die Art und Weise, wie wir mit Bevölkerungsbewegungen umgehen, wird unser Jahrhundert grundlegend prägen, mit Auswirkungen auf die nächsten Generationen. Um diese Thematik zu bewältigen, muss Migration für die Menschen zu einer Option werden anstelle einer überlebenswichtigen Notwendigkeit. Wir müssen unser Augenmerk viel mehr auf die Ursachen von Vertreibung legen, müssen die Konfliktprävention forcieren und Entwicklungspolitik mit menschlicher Mobilität verlinken.

Und wir müssen die Erst-Antragsländer und die Transitstaaten unterstützen. Meist bleiben Menschen lieber näher an Zuhause, aber die Nachbarländer sind zunehmend überfordert und es mangelt ihnen an Handlungsmöglichkeiten. So ist es kein Wunder, dass Flüchtlinge immer weiter weg gehen.

Arme Staaten weltweit beherbergen im Moment fast 90 Prozent der Flüchtlinge – und leiden unter der Last. Mit dem Ergebnis, dass manche sich extremer Mitteln bedienen, um Flüchtlinge fernzuhalten – nicht aus fehlender Großzügigkeit, sondern weil sie den Notstand nicht länger alleine bewältigen können. Trotzdem werden ihre Hilferufe nicht gehört. Das ist nicht länger vertret- und hinnehmbar.

Genauso wichtig ist es, den Flüchtlingen Hoffnung für die Zukunft zu geben, die Möglichkeit, ihre Leben wieder aufzubauen und etwas zur Gemeinschaft beizusteuern. In einer Welt mit mehr als 50 Millionen Vertriebenen, von denen viele jahrelang weit weg von zuhause leben werden, reichen Zelte nicht aus. Menschen brauchen 

die Möglichkeit zu lernen, Arbeit zu finden und sich in die Gesellschaft zu integrieren – sonst werden sie ausgeschlossen oder abhängig von Hilfe – oder sind der Ausbeutung, dem Missbrauch und der Versuchung einer Radikalisierung ausgesetzt.

Der wachsende und irrige Fokus auf die Bedrohung, die von Flüchtlingen ausgeht – anstelle der Bedrohung der Flüchtlinge selbst – hat enorm schädliche Auswirkungen. Diese Sichtweise verzögert die Rückkehr zu Frieden und Wohlstand in ihren Heimatländern, was wiederum die Rückkehr der Flüchtlinge möglich machen würde. Sie nährt die Angst und die Ressentiments – mit negativen Konsequenzen für alle. Und es besteht die Gefahr, dass diese Sichtweise eine „Self-fulfilling-Prophecy“ wird, die genau das Problem, das sie zu vermeiden sucht, erschafft, statt dessen Ursache zu bekämpfen. 

Seit Jahrhunderten flüchten Menschen vor Unsicherheit: Der Zustand der Welt lässt keine Hoffnung zu, dass sich dies bald ändern wird. Wie Länder mit den Bedürfnissen jener umgehen, die innerhalb ihrer Grenzen Schutz suchen, ist ein Gradmesser der Kraft dieser Länder und wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie dieses Jahrhundert, das so schlimm begonnen hat, ausgeht.

Bei komplexen Problemen ist es oft das Beste, zurückzugehen zu den Grundprinzipien: Leben schützen, Menschenrechte würdigen, Toleranz fördern und Vielfalt wertschätzen! Nach den niederträchtigen Anschlägen auf ein Satire-Magazin in Paris gingen Mitte Januar dieses Jahres Millionen von Menschen auf die Straße, um genau diese Ideale zu verteidigen. Ihnen müssen wir zuhören.

Die Sicherheit und den Wohlstand unserer Gesellschaften zu gewährleisten, steht nicht im Widerspruch zu diesen Prinzipien. Genau genommen bedingen sie sich gegenseitig. Wir dürfen denen, die Hass hegen, nicht erlauben, unsere Überzeugungen zu unterminieren.

Die Art, wie wir vertriebene Menschen behandeln, markiert die Frontlinie im Kampf der Ideale. Sie wird eine entscheidende Rolle spielen bei der Frage, ob wir nach den schrecklichen Tragödien der vergangenen Jahre eine Wende herbeiführen und anhaltenden Frieden schaffen können. Doch wir werden es nie schaffen, Konflikte zu beenden, wenn wir die Opfer dieser Konflikte als deren Ursache missverstehen.

* Dieser Beitrag des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge,  António Guterres, wurde der GAZETTE exklusiv von der in Berlin erscheinenden englischsprachigen Zeitung „The Atlantic Times“ zum erstmaligen Abdruck in deutscher Sprache zur Verfügung gestellt (Übersetzung Sabine Magnet). Wir bedanken uns.