Gazette 42 Editorial

„Nein, bitte nicht! Auf der Titelseite der GAZETTE eine französische Politikerin, die niemand kennt?“ meinte eine treue, aber in diesem Punkt nun doch etwas enttäuschte Leserin nach dem Erscheinen der letzten Ausgabe. Ja, es stimmt, nur regelmäßige Beobachter der Politik in Frankreich kannten sie, Marine Le Pen, damals im März, als
sie bei uns das Cover zierte. Jetzt, nach den Wahlen des Europaparlamentes, kennt jeder sie, diese Rechtspopulistin, die in Frankreich ein politisches Erdbeben auszulösen vermochte.

Die Aufgabe der GAZETTE ist es nicht, auf Bekanntes und Vertrau- tes hinzuweisen. Die Redaktion versucht vielmehr, auf Vergessenes, Verdrängtes, auf zu wenig Beachtetes aufmerksam zu machen. Des- halb geht sie in diesem Heft, das im Jubiläumsjahr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges dem Schwerpunkt-Thema „Krieg und Frie- den“ gewidmet ist, auch vor allem der Frage nach, wie es möglich ist, dass die Schweiz seit 166 Jahren in keinen Krieg mehr verwickelt war. Hans-Ulrich Jost, der Schweizer Historiker, erklärt es – mit einer Dosis Selbstkritik, die nicht allen Schweizern gefallen wird. Was wiederum das Thema des Berner Politologen Klaus Armingeon ist, der zur Frage Wie sehen sich die Schweizer und wie denken sie, dass Andere sie sehen? interessante Beobachtungen vorlegt.

Die Europa-Wahlen haben eines deutlich werden lassen: Dass die EU aus einem Europa der Kriege einen friedlichen Staatenbund hat schaffen können, ist, drei Generationen nach dem größten Krieg aller Zeiten, vergessen. Friede ist zur vermeintlichen Selbstver- ständlichkeit geworden. Aufwind haben jene, die sich von Brüssel überfahren fühlen, die es nicht mehr wahrhaben wollen, wohin Na- tionalismus führen kann – trotz all der Publikationen zum 100-Jahr- Jubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Es scheinen also jene Recht zu bekommen, die daran zweifeln, ob die Menschen aus der Geschichte zu lernen imstande sind.

Aber noch etwas: Es drohen nicht nur Kriege. Es drohen auch scheinbar dem Frieden dienende Abkommen, das Freihandels- abkommen TTIP zwischen der EU und den USA zum Beispiel. Doch ich will nicht vorgreifen. Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, sollen sich ja die Zeit nehmen, die neue GAZETTE zu lesen. Nur zum Durchblättern gibt es Billigeres.

Christian Müller
Chefredakteur