Die durchlöcherte Schweiz

Festungen, Bunker – und jetzt Tunnels

In guten und in schlechten Zeiten, in ziviler und in militärischer Absicht: die Schweizer höhlen ihre Alpen aus. Einige einst gigantische Festungsbauten wurden zwar in unterirdische Erlebnisparks umgerüstet. Doch in der Kategorie Eisenbahn-Tunnelbau ist die Schweiz gerade auf dem Weg zur Weltspitze. Die Untertunnelung des Alpenlandes ist Ausdruck zweier folgenreicher Traditionen: nationaler Rückzug und globale Vernetzung.

Von Jürg Müller-Muralt

Ein idyllischer Waldweg am Fuss des Harders, des Hausbergs von Interlaken im Berner Oberland. Etwas abseits des Pfades eine am Fels klebende Holzverschalung im Blockhüttenstil mit einer einfachen Holztüre: ein Unterstand für Waldarbeiter, ein Geräteschuppen vielleicht. Vor dem Eingang stehen an einem regnerischen Aprilsonntag 2014 rund zwanzig Personen; zu erkennen ist auch der mittlerweile 84-jährige frühere Generalstabschef der Schweizer Armee. Was die Gruppe zusammenführt, ist der Umstand, dass erstmals eine breitere Öffentlichkeit Gelegenheit erhält, einen Blick hinter die unauffällige Holzverschalung zu werfen. Denn dahinter verbirgt sich kein Geräteschuppen, sondern eine bis vor Kurzen streng geheime militärische Anlage der Top-Kategorie. Im Zweiten Weltkrieg war hier tief im Berg der bombensichere Bunker des Generalstabs der Schweizer Armee. Bis in die Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts diente der so genannte Goldey-Stollen dann als Kommandoposten eines Übermittlungsregiments.
Interlaken, Touristenmagnet seit Jahrhunderten zwischen dem Thunerund dem Brienzersee mit Blick auf das Jungfraumassiv, wo einst Goethe, Lord Byron, Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn und Richard Wagner abstiegen, wo Queen Victoria und ihre Briten Sommerferien verbrachten und wo sich heute vor allem arabische und asiatische Touristen tummeln – dieses Interlaken war auch lange ein militärischer Hotspot. Die Lage mitten in der Schweiz, abgeschirmt durch zwei Seen und umgeben von hohen Bergen, prädestinierte es zum Sitz der Armeeführung zwischen 1941 und 1944. Es war die Zeit des Réduits, des Rückzugs grosser Teile der Armee in den Zentralraum der Alpen, aus der Einsicht heraus, dass das flache Mittelland im Falle eines deutschen Einmarsches wohl nicht hätte gehalten werden können.

Mehr Mythos als Abschreckung

Dafür befestigte man umso nachhaltiger den Alpenraum. Interlaken als Sitz des Armeekommandos ist ein klassisches Beispiel dafür. In den Bergen rund um den Touristenort befinden sich noch heute ungezählte Tunnelsysteme aller Art, Kommandoposten, unterirdische Munitionsund Treibstoffdepots, Infanteriebunker und Artilleriefestungen. Sämtliche Zugänge nach Interlaken zu Wasser und zu Lande wären im Kriegsfall flächendeckend von grossen Festungswerken aus unter Beschuss genommen worden.
Den Tatbeweis, ob die in den Bergen eingegrabene Armee auch erfolgreich das Land hätte verteidigen können, hat die Schweiz glücklicherweise nie antreten müssen. Unter Historikern ist umstritten, ob das Réduit überhaupt eine abschreckende Wirkung entfaltet hat und einem Gegner tatsächlich standgehalten hätte. Umso stärker hat sich der Mythos von den militärisch uneinnehmbaren Alpenfestungen ins kollektive helvetische Bewusstsein eingepflanzt.

Der Gotthard als „helvetischer Sinai“

Es ist ein durchaus dialektisches Bewusstsein. Denn die Löcher in den Bergen und die mentale Identifikation mit ihnen entspringen der doppelten historischen Erfahrung, dass die Schweizer Alpen sowohl granitene Bollwerke als auch die schnellste Verbindung zwischen Nordund Südeuropa sind. Geradezu symbolhaft kommt das am Gotthard zum Ausdruck. Die Geschichte dieses Gebirgsmassivs ist aufs Engste verknüpft mit zivilen Tunneln und militärischen Festungen; die Gegend ist durchlöchert wie ein Emmentaler Käse. An diesem „helvetischen Sinai“, wie ihn der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt einmal nannte, lässt sich wie kaum an einem anderen Ort der Schweiz Verteidigung und Verkehr, Rückzug und Offenheit des Landes besser exemplifizieren.
Nicht von ungefähr wurde mit der Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels von 1882 auch gleich mit dem Bau militärischer Befestigungen am Nordund Südportal begonnen; schon damals waren ausländisches Know-how und deutsche Qualitätsarbeit gefragt: Das Artilleriewerk folgte den Plänen eines österreichisch-ungarischen Generalgenieinspekteurs, die Kanonen lieferte Krupp. Der Gotthard wurde endgültig zum Faustpfand im militärisch-politischen Kalkül: Wer die Schweiz in Ruhe liess, darf die Tunnels benützen, wer sie angreift, wird sich spätestens an den Alpenfestungen die Zähne ausbeissen und die Zerstörung von Tunnels und Verkehrswegen in Kauf nehmen müssen, so lautete die Botschaft. General Guisan, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg, soll beim legendären Rütli-Rapport von 1940, als er den höchsten Offizieren das Réduit-Konzept erläuterte, gesagt haben: „Nie darf am Gotthard eine andere als die Schweizer Flagge wehen.“ Doch im gleichen Moment rollten unten durch die Züge von Hitler-Deutschland nach Mussolini-Italien: Der Gotthardtunnel war eine zentrale Transportverbindung zwischen den beiden kriegführenden Staaten. Der Umfang des Güterverkehrs vervierfachte sich während des Krieges, wobei es bei weitem nicht nur um zivile Güter ging.
Demnächst wird der Gotthard erneut im Zentrum des nationalen und internationalen Interesses stehen, diesmal durchaus unmilitärisch, aber erneut mit nationaler Symbolkraft aufgeladen: Spätestens 2017 wird der längste Eisenbahntunnel der Welt, der Gotthard-Basistunnel, eröffnet. „In diesem technischen Spitzenwerk verschmelzen wieder einmal Ursprung und Fortschritt, und sie setzen auch diesmal mächtige Gefühle frei“, schreibt Peter von Matt. Dabei war der Gotthard nur einer von mehreren historisch wichtigen Alpenübergängen. Seinen bis heute ungebrochenen Mythos verdankt er vielmehr der geografischen Nähe zum mittelalterlichen schweizerischen Gründungsmythos rund um das Rütli und den Vierwaldstättersee.

Autarkes System tief im Gebirge

Viel mehr als der Mythos ist auch von den einst mächtigen Alpenfestungen nicht übrig geblieben. 1995 ist die Mehrzahl der Anlagen aufgehoben worden, der Rest – ausgenommen einige nach wie vor geheime Führungsbunker wird bald folgen. Finanzielle und strategische Überlegungen haben dem militärischen Tunnelsystem nach dem Ende des Kalten Krieges den Garaus bereitet. Dabei waren in den „besten Zeiten“ die Dimensionen geradezu gigantisch: Insgesamt rund 26 000 Objekte zählte dieses System. Die Festungen mit fix installierten Kanonen und anderen Waffen waren über die ganze Gebirgslandschaft verteilt. Es gilt die Faustregel: Wo immer sich ein Gebirge erhebt, gibt – oder gab es eine militärische Unterwelt. Viele Festungen bildeten eine autarke Welt, das heisst sie waren nebst den Waffen mit einer Infrastruktur versehen, die es erlaubte, tief im Berg physisch zu überleben. Es gab eine eigene Stromversorgung, Schlafsäle, Aufenthaltsräume, Küchen, Bäckereien, Operationssäle – und natürlich auch einen Totenraum. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten Festungen waren zudem atombombensicher konstruiert.

Was einst streng geheim war, mutiert nun allmählich in eine Art unterirdischen Erlebnispark. Zahlreiche private Vereinigungen kaufen der Armee die Kavernen ab und machen sie der Öffentlichkeit zugänglich. In geradezu liebevoller Weise werden die ungenutzten Höhlen restauriert und mit originalgetreuen Militaria ausgestattet, eine zusätzliche Touristenattraktion: Man kann also künftig immer häufiger nicht nur auf die Schweizer Berge steigen, sondern gewissermassen in sie hineinkriechen: „Ein Erlebnis für Jung und Alt: Besuchen Sie diese interessante Bunkeranlage in der Beatenbucht am Thunersee“, heisst es beispielsweise im Faltprospekt eines Infanteriebunkers.

Vom Regierungsbunker zum Hochsicherheits-Safe

Es gibt auch durchaus ausgefallene Nutzungen. Die auf 2000 Metern über dem Meer gelegene Gotthard-Artilleriefestung San Carlo auf der Tessiner Seite etwa wurde 2004 zur wohl bestgeschützten Herberge des Landes umgerüstet: Die alte Festung ist jetzt ein Viersterne-Seminarund Erlebnishotel namens „La Claustra“. In der Eigenwerbung liest sich das wie folgt: „Wer sich in dieses Hotel begibt, kann es fühlen, riechen und hören: Hier befindet man sich in einer Höhle, genauer: in einem ausgedienten Artilleriebunker am Gotthard. Jetzt ist es möglich, an diesem Ort Seminare und Retraiten abzuhalten und dabei in eine unterirdische Welt und ihre Geborgenheit einzutauchen.“
Ganz anders erging es dem ehemaligen Regierungsbunker in Amsteg nördlich des Gotthards. Dort wo einst ein zweistöckiges Chalet in den Fels gebaut wurde, um der obersten Landesbehörde so etwas wie eine zivile Umgebung zu vermitteln, dort wo einst unter anderem 123 Automobile und 13 Lastwagen Platz fanden, ist nun ein Geschäft eingezogen, das ebenso auf Diskretion Wert legt wie einst die Militärs: Die Swiss Data Safe AG. Die Firma bietet gemäss Eigenwerbung „in Felsenfestungsanlagen einer nationalen und internationalen Kundschaft umfangreiche Schutzund Sicherheits-Dienstleistungen.“ Gebunkert werden dort „IT-Systeme, Daten, Akten und Archive, Wertsachen, Kunstund Kulturgüter“. Und dabei ist diese „Infrastruktur in den Schweizer Alpen“ erst noch sicherer als in jeder Bank, denn Sicherungsmassnahmen „übertreffen die Richtlinien der Banken“ in puncto Schliesssysteme, Zugangskontrolle, Überwachung und Brandschutz.

Sarkastisches literarisches Denkmal

Apropos Bundesratsbunker: Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat der ganzen Festungsideologie ein beklemmend-sarkastisches literarisches Denkmal gesetzt. In seiner Erzählung „Winterkrieg in Tibet“ von 1981 skizziert er das Atomkriegs-Untergangsszenario eines Dritten Weltkriegs. Dabei haben sich die Schweizer Regierung und das Parlament samt Beamtenapparat in ein Bunkersystem unter der Blümlisalp, einem Gebirge im Berner Oberland, zurückgezogen: „Das Parlamentsgebäude war unter der Blümlisalp genau nachgebildet (...) Sogar die gleiche Aussicht, Dekorateure vom Stadttheater hatten mit vergrösserten Fotografien und Scheinwerfern dafür gesorgt. Um die Anlage herum waren die Wohnungen, die Kinos, die Kapelle, die Bars, die Kegelbahnen, das Spital in die Blümlisalp gebaut.“ Damit hätten wenigstens die Vertreter der politischen Institutionen den Atomschlag über den Alpen unversehrt und unverstrahlt überlebt.
Den Bezug zur Realität – so Dürrenmatt – hat die verbunkerte Regierung freilich längst verloren, Minister halten gar Reden, in denen sie mit Durchhalteparolen das nicht mehr existente Volk bei Laune halten wollen. Die Schweiz sei schliesslich nicht verloren, weil die “rechtmässige, vom Volk gewählte Regierung unter der Blümlisalp frei ihrer Pflicht nachgehe, Tag und Nacht; sie regiere, sie verordne, sie beschliesse Gesetze, sie sei das eigentlich wahre Volk und niemand anders.“ Auch so kann man sich die Autarkie der alpinen Festungsanlagen vorstellen ...

Bunker unter jedem Häuschen

Dürrenmatts postapokalyptische Groteske, das liegt in der Natur des Genres, überzeichnet die Situation. Aber wer sich den Ausbau des sogenannten Zivilschutzes in der Schweiz vor Augen hält, kann zum Schluss kommen, dass tatsächlich Groteskes vor sich ging. Zur Zeit des Kalten Krieges, insbesondere seit den 1970er Jahren, wurde der Zivilschutz massiv ausgebaut. In jedem neu gebauten Einfamilienhaus mussten atombombensichere Schutzräume eingerichtet werden, was zu einem weltweit einzigartigen System unterirdischer Betonzellen führte. Insgesamt gibt es in der Schweiz über 300 000 Zivilbunker und rund 5100 grössere öffentliche Schutzräume, die insgesamt Plätze für mehr Menschen bieten, als im Land leben. Allein im Sonnenbergtunnel bei Luzern etwa wurde ein Schutzstollen für 20 000 Personen gebaut.
Dieses teure, schon fast paranoide Schutzbedürfnis ist in gewissem Sinn die in die Zeit des Kalten Krieges perpetuierte Réduit-Konzeption der Armee, etwa nach dem Motto: Jedem Schweizer sein privates Réduit unter der Erde. Die Ideologie, die dahinter steckte, nährte die Illusion, die Schweiz könne gewissermassen als Insel sämtliche kriegerischen und atomaren Katastrophen überleben. Dass die Schweizerinnen und Schweizer ihren privaten Bunker oft belächelten und selten als sicherheitstechnisches Heiligtum behandelten, zeigt die Tatsache, dass er meist zweckentfremdet wurde und wird: als zusätzlichen Lagerraum oder als Weinkeller.
Auch die offizielle Politik wollte zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die Schutzraumpflicht aufheben. Doch dann kam 2011 die Atomkatastrophe von Fukushima; der im Parlament eingeleitete Prozess, Schutzräume in privaten Liegenschaften nicht mehr vorzuschreiben, wurde gestoppt. Jetzt gilt weiterhin: Sind in einer Gemeinde zu wenig Schutzplätze vorhanden, müssen Hauseigentümer beim Bau von Häusern Schutzräume erstellen, allerdings grundsätzlich nur noch bei grösseren Überbauungen.

Wettkampf zwischen der Schweiz und Ostasien

Unabhängig von sicherheitspolitischen Konjunkturzyklen geht die verkehrstechnische Bohrlust unvermindert weiter; sie ist auch älter als die militärische. Bereits 1707 wurde der erste Tunnel in die Schweizer Alpen gesprengt, ein kurzes Loch, das Urnerloch im Gotthardgebiet. Seither wurden unzählige kleine und auch rekordlange Tunnel gebaut. Bei seiner Eröffnung 1882 war der Gotthard-Scheiteltunnel der längste Tunnel der Welt. Diesen Superlativ hatte die Schweiz eine Zeitlang verloren. Und jetzt ist sie gerade daran, sich in Sachen Tunnellänge wieder den Spitzenrang zurückzuerobern: Mit dem im Endausbau befindlichen, 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel wird der weltweit längste Eisenbahntunnel wieder in der Schweiz liegen. Basistunnel heisst dieses Bauwerk der Superlative deshalb, weil es das Gebirge praktisch von Talgrund zu Talgrund durchquert, ohne steile Auffahrtrampen zum so genannten Scheiteltunnel. Damit hat der Gotthard zwei Eisenbahntunnel auf unterschiedlichen Etagen, gleich wie seit einigen Jahren auch die Nord-Süd-Eisenbahnachse am Lötschberg.
Der Wettkampf um den längsten Eisenbahntunnel wird zwischen Ostasien und der Schweiz entschieden. Denn nun spricht man in China von einem Unterwasser-Eisenbahntunnel im Gelben Meer von 123 Kilometern Länge. Wenn man auch die U-Bahn-Tunnel dazuzählt, liegt China schon jetzt an der Weltspitze: Shanghai hat ein Metronetz von 440 Kilometern und überrundet damit London. In dieser Kategorie kann die Schweiz nicht mithalten, weil es keine nennenswerten U-Bahn-Netze gibt. Doch selbst in dieser Sparte hält die Schweiz einen kleinen Rekord: Die kurze U-Bahn-Strecke in Lausanne ist jene mit dem grössten Höhenunterschied, nämlich 336 Meter. Aber aufgepasst: In den Walliser Alpen gibt es Alpin-Metros, unterirdische Standseilbahnen, die nicht nur wesentlich höher gelegen sind, sondern auch grössere Höhenunterschiede überwinden.

Und immer auch mit ausländischer Hilfe

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vermehrt auch grosse Strassentunnels gebaut, so in den Siebzigerjahren der Gotthard-Strassentunnel. Doch die grossen und legendären Tunnelbauwerke sind für die Eisenbahn erstellt worden, das zeigen allein schon die Gesamtlängen: Die Strassentunnel umfassen über 400 Kilometer, die Eisenbahntunnel sind mit einer Gesamtlänge von über 800 Kilometern mehr als doppelt so lang. Hier haben es die Schweizer – allerdings mit tatkräftiger ausländischer Unterstützung – zur Meisterschaft gebracht. Der erste Bahntunnel der Schweiz, der 1858 eröffnete Hauensteintunnel zwischen Olten und Basel, wurde von einem Engländer, Robert Stephenson, geplant.
Die gefährlichen Aushubarbeiten bei den grossen Alpentunneln mit zahlreichen tödlichen Unfällen wurden zu grossen Teilen von ausländischen Arbeitern, vor allem Italienern, durchgeführt. Auch heute noch spielen Mineure aus dem Ausland eine zentrale Rolle: So wurde die Bohrmaschine für den Gotthard-Basistunnel auf den Namen Sissi getauft, auf den Namen der legendären österreichischen Kaiserin; dies deshalb, weil österreichische Mineure die ersten Meter mit ihr bohrten. Es ist allerdings eine gewaltige Sissi: das Ungetüm ist 400 Meter lang, länger als vier Fussballfelder. Angetrieben wird sie von zehn Motoren. Sissis Bohrkopf hat einen Durchmesser von knapp 20 Metern.
Der Gotthard-Basistunnel ist seit 2011 durchschlagen, derzeit werden die Feinarbeiten ausgeführt. Doch mit der Inbetriebnahme des Tunnels spätestens 2017 ist die allmählich völlige Durchlöcherung der Alpen noch längst nicht abgeschlossen. Das zeigt allein der Umstand, dass auf der politischen Bühne bereits um das nächste Tunnel-Grossprojekt gerungen wird: Eine zweite Röhre für den 1980 eröffneten Gotthard-Strassentunnel, der drittlängste Strassentunnel der Welt und der längste der Alpen. Wie bei jedem grossen Tunnelvorhaben in der Schweiz fliegen die Fetzen: Gegner und Befürworter liefern sich heftige Debatten. Bei den meisten grossen Bohr-Projekten setzten sich in der Vergangenheit schliesslich die Befürworter durch.
Die helvetische Tunnel-Saga geht also weiter. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die topografischen Gegebenheiten eines Landes können nicht ausgetrickst werden. Wie auch immer man in historischer Perspektive oder in aktuellen politischen Debatten zur „Untertunnelung“ der Schweiz stehen mag – sie ist ein Teil des ständigen Widerstreits zweier wirkmächtiger Traditionen des Alpenlandes: nationaler Rückzug und globale Vernetzung.