Heimat

Nicht nur ein Wort

Recht auf Heimat. Es wird immer wieder gefordert, lauthals etwa von dem ebenso streitbaren wie umstrittenen Völkerrechtler Alfred-Maurice de Zayas. Nur: Was ist denn eigentlich Heimat? Was steckt hinter dem Wort, das in andere Sprachen zu übersetzen gar nicht so einfach ist?

Von Fritz R. Glunk

Schulaufgabe 1952, Aufsatzthema „Meine Heimat“. Der Sechzehnjährige kaut, während alle andern schon schreiben, an seinem Bleistift. Was war denn seine Heimat? Die frühen Monate in Danzig? Oder der Aufenthalt in Luckenwalde bei Berlin? Oder die Nürnberger Zeit? Oder Eggenfelden in Niederbayern oder Lindau am Bodensee oder Ratzing im Chiemgau, immer nur ein paar prekäre Jahre? Nach einer halben Stunde fasst er etwas wie einen Mehrheitsbeschluss: Es sollte der Ort sein, an dem er die längste Zeit verbracht hatte: Eggenfelden (40 Monate). Der Aufsatz bekam immerhin eine Drei. Aber war Niederbayern nun seine Heimat? Hatte er überhaupt eine?

Später lernte er: Heimat kann alles Mögliche sein. Ein Segelboot zum Beispiel (mit dem ein junges Ehepaar mit zwei Kindern fünf Jahre lang auf den Weltmeeren unterwegs ist: „Wir hatten unsere Heimat immer dabei“). Ein bekannter Geruch (sagt eine Eventmanagerin). Der Schoß einer Frau (wie in Gottfried Benns nicht für Sensible gemachtem Gedicht Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke).
Und dann natürlich auch die Heimat ganz im traditionellen Sinn: ein Ort, eine Gegend, ein Land. Manchmal klingt das dann, als wären nur noch Menschen in armen Gebieten dazu fähig, während man im modernen Westen eher die Mobilität pflegt. Die zitierte Eventmanagerin findet es denn auch reizvoll, „immer auf der Suche zu sein. Die Stunden im Zug, auf Flughäfen oder Autobahnen suggerieren ein Weiterkommen.“ Sie hat jetzt eine „digitale Heimat“ gefunden, im Internet; dort „trifft sie“, wie sie sagt, ihre Familie, ihre Freunde und Kollegen. Immerhin findet sie auch in „Menschen, die mich lieben“ eine „geistig-seelische Heimat“.

So hypertrophes Nomadentum ist in Ländern der Dritten Welt weniger verbreitet. In William Boyds 007. A James Bond Novel erklärt Adeka aus dem fiktiven afrikanischen Land Zanzarim seinen Widerstand gegen die Umsiedling seines Stammes: „‚Sie verstehen das nicht, Mr. Bond. Sie müssen ein Fakassa sein, um diese Gefühlstiefe zu haben, diese Nähe ...’ Das richtige Wort schien ihn im Stich zu lassen. „Wir leben hier im Delta des Zanza seit Hunderten, vielleicht Tausenden von Jahren. Es ist unsere Heimat – unser Herzland – in jeder leidenschaftlichen, instinktiven Bedeutung des Wortes.’ Er lächelte vor sich hin. ‚Ich erwarte nicht, dass Sie wissen, wovon ich rede. Sie sind kein Afrikaner.’“

Die Deutschen waren bis vor kurzem noch Afrikaner. Der Stolz auf ihr Wort „Heimat“ (niemand sonst habe ein so schönes Wort) bringt manche noch heute zu der Meinung, nur sie hätten überhaupt so etwas wie Heimat und Heimatgefühl. In anderen Sprachen sehe man doch, wie sich der Mensch bestenfalls in ein Haus zurückziehe („My home is my castle“) oder er rede, wie im Spanischen und Italienischen, gleich vom großen Vaterland (patria). Der Stolz ist unberechtigt.

Der Mekong im Norden Thailands ist im Frühjahr, nach der Schneeschmelze im Himalaja, ein ziemlich breiter Fluss; aus dem Urwald heraus ist man sofort am hellbraun dahinschießenden Wasser, und die Boote nach Kambodscha hinüber werden von der Strömung weit abgetrieben. Im Sommer und im Herbst jedoch sinkt der Wasserspiegel um etwa vierzig Meter und entblößt auf beiden Seiten hohe Steilufer. Sie sind kein schöner Anblick: Aus der schwarzen Erde wuchern überall struppige, blattlose Gehölze hervor, in denen sich unzählige Plastiktüten aus dem Oberlauf verfangen haben, weiß und bunt flattern sie im Wind. Beide Ufer sind damit getüpfelt, so weit das Auge reicht.

Aber es gibt noch etwas zu sehen. In den schlüpfrigen Steilhängen rechts und links sind Terrassenbeete angelegt, fünf oder sechs, von oben am Urwald bis herunter an den Wasserspiegel. Die Terrassen sind zwangsläufig schmal, kaum dass zwei Menschen, barund schwarzfüßig bis zum Knie, aneinander vorbeikommen. Hier bauen sie heimisches Gemüse an. Es muss, besonders in den unteren Etagen, schnellwachsendes Gemüse sein, denn bald schwillt der Fluss nach der Schneeschmelze im Hochgebirge, wieder an; sein Wasser steigt höher und höher, überschwemmt alle Beete, zerstört alle Aufbauten. Fünf Monate lang gibt es die Terrassen nun nicht mehr, nur hellbraunes Wasser. Und im nächsten Sommer beginnt die ganze Arbeit von Neuem. Bis zur nächsten Überschwemmung.

Warum tun Menschen so etwas? Warum ziehen sie nicht irgend woanders hin, wo sie es leichter hätten? Wo kein reißender Strom ihnen jedes Jahr ihre mühselige Arbeit im Steilufer zunichtemacht? Ich weiß nicht, ob diese Menschen ein Wort für „Heimat“ haben. Möglicherweise haben sie in ihrer Arbeit im Steilufer gar keine Zeit, so ein Gefühl zu entwickeln. Aber es muss etwas geben, was sie hier hält.

Ja man könnte sogar sagen: Von Heimat sprechen Menschen erst dann besonders intensiv, wenn sie sie verloren haben. So gesehen ist Heimat eine Erinnerung, eine Sehnsucht und nicht eigentlich ein Ort.

Absichtlich heimatlos ist kein Mensch. Absichtlich heimatlos sind nur einige multinationale Unternehmen. Sie fühlen sich durch nichts an Menschen und gar an Orte gebunden. Sie ziehen marodierend über den Globus, immer auf der Suche nach den relativ niedrigsten Produktionskosten, von China nach Bangladesch und demnächst wohl weiter nach Afrika, auf den noch recht jungfräulichen Arbeitsmarkt. Ihre Manager sind meist in Firmenflugzeugen unterwegs. Wohnen sie überhaupt irgendwo? Haben sie an einem Ort Freunde oder nur Kontakte weltweit? Trifft man sie je in der U-Bahn?

Demgegenüber ist noch das provinziellste Heimatgefühl die reine Menschlichkeit.