Gazette 41 Editorial

Die Europäische Union ist in den letzten Wochen gleich mehrfach in den Fokus des politischen Interesses geraten:

  • in Kiew durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den EU-freundlichen Demonstranten und den Ordnungshütern im Auftrag des eher Russland-freundlichen Staatspräsidenten,
  • in der Schweiz durch die Volksabstimmung zur sogenannten Masseneinwanderungsinitiative, durch deren – wenn auch knappe – Annahme die Schweiz de facto die Teilnahme an der europäischen Personenfreizügigkeit aufgekündigt hat.

Die EU von außen gesehen: in einem Land bewundert und mit dem Wunsch der Annäherung, in einem anderen Land kritisiert und mit dem Wunsch nach größerer Distanz.
Das im Hinblick auf die Wahlen zum Europa-Parlament (im Mai 2014) bereits Ende 2013 von der Redaktion festgelegte Schwerpunktthema der hier vorliegenden GAZETTE – „Europa und der wiederaufflammende Nationalismus“ – ist, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen könnte, keineswegs eine Anlehnung an die Tagesaktualität. Die überlassen wir gerne dem Rundfunk, dem Fernsehen und der Tagespresse. Die Ereignisse in der Schweiz und in der Ukraine bestätigen nur die grundsätzliche Frage nach dem Stellenwert des Nationalstaates, nach seiner – echten und vermeintlichen – Souveränität und nach seiner denkbaren Ablösung durch transnationale Bündnisse. Anders gefragt: Passt der im 19. Jahrhundert „erfundene“ Nationalstaat überhaupt noch zu unserer globalisierten Welt? Verlag und Redaktion sind sich einig, Die GAZETTE als gewichtige politische Stimme in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz bekannter zu machen. Nicht mit Marketing und Werbung, sondern mit Inhalt und diskussionsfähigen Positionen. Aus diesem Grund freut es uns besonders, dass wir mit dem international bekannten Romancier und Max-Frisch-Preisträger 2014 Robert Menasse aus Wien und seinem Plädoyer für „Mehr Europa“ nicht nur die Stimme eines bedeutenden Intellektuellen, sondern auch eine Stimme aus Österreich im Blatt haben. Der – aus nationalstaatlicher Sicht – grenzüberschreitende Gedankenaustausch innerhalb des deutschsprachigen Europa ist, davon sind wir überzeugt, dringlicher und notwendiger denn je.

Christian Müller
Chefredakteur