Die Extremen zähmen

WIEDERAUFFLAMMENDER NATIONALISMUS

Jean-Marie Le Pens weibliche Erben verschaffen dem europa-feindlichen Front National breitere Akzeptanz. Es geht ihnen um mehr Frankreich – und vor allem um weniger Ausländer. Sogar in Paris, wo doch so viele ausländische Musiker, Maler und Dichter zu Franzosen wurden? Ein Bericht aus der französischen Metropole.

Von Carlos Widmann

Kann es ein besseres Mittel gegen Politikverdrossenheit geben? Die Abgeordnete Marion Maréchal ist blond und hübsch, schlank und schick, dazu von sprudelnder Eloquenz. Sie hat ein gewinnendes, bisweilen verträumt wirkendes Lächeln. Vor zwei Jahren wurde sie, damals 22, prompt in die französische Nationalversammlung gewählt – als deren jüngstes Mitglied in der Geschichte der Fünften Republik. In der 2500 Jahre alten Kleinstadt Carpentras, die zu ihrem Wahlkreis in der Provence gehört, stürzt Maréchal sich ohne Personenschutz in die Gassen, schüttelt Hände, tauscht Küsschen aus, redet Klartext. Den Passanten ist anzusehen, dass diese Volksvertreterin auf Anhieb Sympathien weckt. Besonders die Jüngeren, die Frankreichs Berufspolitiker sonst partout nicht cool finden, sind von ihr hingerissen.

Nur, wie kann eine junge Person, die so trendy auftritt, bei einem hochsensiblen Thema plötzlich auf retro umschalten? Die Abgeordnete Marion Maréchal spricht sich gegen die bereits von Präsident Francois Hollande abgesegnete HomoEhe aus – wie jene anderthalb Millionen Katholiken, die im April und Mai 2013 in wütendem Protest die Pariser Boulevards überfluteten. Die Nachwuchspolitikerin verteidigt ihre Position mit cartesianischer Logik: sie habe gar nichts gegen Schwule und gegen die legale Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, wie sie seit 1999 vom Gesetz geboten wird; aber Familie sei etwas anderes. „Ich finde, man kann sie nicht nach persönlichem Bedarf beliebig umbauen.“ Eine Ehe sei mehr als die soziale Anerkennung eines Liebesverhältnisses. „Wo ziehen wir die Grenze? Wenn ein Mann fünf Frauen liebt und von diesen wie dergeliebt wird, müssen wir dann die Polygamie legalisieren?“

Ihr voller Name lautet Marion MaréchalLe Pen. Der Mädchenname ihrer Mutter (und Nachname ihres Großvaters) ist ihr wichtig, und sie verleugnet nicht, dass sie am Tisch des Patriarchen Jean-Marie Le Pen aufgewachsen ist – des rabaukenhaften Gründers und mehrmaligen Präsidentschaftskandidaten des Front National. „Rechtsextrem“ lautet die gängige Kennzeichnung ihrer Partei, aber damit will sich deren neue Führung nicht mehr abfinden: Marions Tante Marine Le Pen, 46, versucht als Parteichefin und politische Erbin ihres Vaters das aus grenzende Etikett loszuwerden, notfalls auf dem Klageweg. Tatsächlich sind Programm und Propaganda des FN ideologisch so weit gesäubert, dass er heute höchstens als „rechtspopulistisch“ apostrophiert werden kann, was ja immer noch hinreichend negativ klingt.

Der Front National wirkt wie ein Familienunternehmen. Tante Marine Le Pen, die jüngste der drei Töchter des 85jährigen FN-Ehrenvorsitzenden Jean-Marie Le Pen, zog ihre Nichte Marion an Mutters statt groß – auch politisch. Wieviel Einfluß der Opa im Pavillion de l‘Ecury noch ausübt, dem Sitz der Sippe im noblen SaintCloud bei Paris, ist kaum zu ermitteln, aber das Schlagzeilen bringende Spiel mit antisemitischen Klischees und rassistischen Untertönen ist abgeschafft. Parteikader, die in die alte Hetze verfielen, wurden geschasst, und Neuzugänge wissen: wer provoziert, der fliegt.

Marine Le Pen will raus aus der Schmuddelecke à la Jobbik

Anders als ihre Nichte Marion hat Tante Marine den Sprung in die Nationalversammlung noch nicht geschafft. Physiognomisch weist sie Ähnlichkeit mit dem kantigen Vater auf, und auch dessen cholerische Züge sind ihr nicht fremd. Aber die Medienpräsenz, die sie ihrem Parteivorsitz verdankt, weiß Marine Le Pen als Profi zu nutzen. Auch schauspielerisch: wenn sie den Kopf schüttelt und die Augen zum Himmel dreht, sobald ihr das Erbe ihres Vaters vorgeworfen wird – oder wenn sie Innenminister Manuel Valls, den jungen harten Mann im Kabinett Hollandes, wie einen Schuljungen abkanzelt. Ihren Herrn Papa hat Marine Le Pen bewogen, im EuropaParlament der „Allianz nationaler Bewegungen“ den Rücken zuzukehren, um nicht länger in der Schmuddelecke mit rassistischen Parteien wie Ungarns Jobbik zu stehen.

„Nationalistisch“ aber darf der Front National nach wie vor genannt werden – nur gilt das unter Franzosen nicht unbedingt als Makel. Wie Friedrich Sieburg vor sechzig Jahren anmerkte, will Frankreich nicht begreifen, „dass das internationale Zusammenleben den fortschreitenden Verzicht auf nationale Souveränität voraussetzt“.

(Gott in Frankreich?, Vorwort von 1954.) „Wir Deutsche sind nur allzu bereit, Stück für Stück von unserer Freiheitssphäre zu opfern und dem Staate mehr zu geben als des Staates ist. Nur so kann es geschehen, dass wir die politischen Musterknaben eines internationalen Systems geworden sind, das die Einordnung, das Opfer und die Zusammenlegung der Interessen fordert. Frankreich macht da keine gute Figur, es sträubt sich, finassiert, verlangt Privilegien, überwiegend auf Kosten Deutschlands.“ Auch im 21. Jahrhundert ist diese Haltung nicht ausgestorben. Gegen den Euro, gegen Brüssel, gegen angebliche deutsche Dominanz kann Marine Le Pen nicht nur im rechtsbürgerlichen Lager punkten, sondern auch beim starken linken Flügel der Sozialisten. Der zeigt sich vom Genossen Hollande und dessen jüngster ideologischer Kehrtwende zur Mitte hin – seinem verdächtigen „Verantwortungsspakt“ mit Frankreichs Unternehmern und seinem scheuen Brautwerben um Angela Merkel – offen angewidert.

„Die verbotene Debatte – Raus aus dem Euro?“, verkündete Anfang Februar von allen Kiosken Frankreichs das Titelblatt der „Marianne“. Mit der Gestikulation eines verwegenen Tabubrechers fragte das Pariser Wochenmagazin, warum die Mainstream Politiker solche Scheu vor einem heißen Thema hätten, das nicht nur die Wähler, sondern auch einige der sichtbarsten public intellectuals umtreibt. Der medial allgegenwärtige Philosoph Alain Finkielkraut hatte den Ton vorgegeben mit der polemischen Parole: „Wir werden uns nie durch die europäischen Institutionen vertreten fühlen. Das natürliche Habitat der Demokratie ist die Nation.“ Worauf er die EU-Kommission als eine anonyme und undurchsichtige Macht geißelte, für die Franz Kafka mit seinem „Schloss“ die aktuell bleibende Metapher geliefert habe.

Selbst Emmanuel Todt hat gedreht

Der Historiker und Antropologe Emmanuel Todd, der in jeder französischen Debatte zu den Stichwortgebern gehört, hatte noch vor wenigen Jahren großzügig gefordert, dass Frankreich seinen Sitz im Uno-Sicherheitsrat mit Deutschland teilen solle. Davon ist er nun ganz weit abgekommen: Mainstream-Wirtschaftler wie Xavier Timbau und Patrick Artus hätten ihn davon überzeugt, ganz konkret den Austritt Frankreichs aus der gemeinsamen Währung zu fordern. „Ich bin letzthin ein bisschen in der Welt herumgekommen und weiß: aus Washington, Tokio oder Bern betrachtet, ist die Euro-Zone das schwarze Loch der Weltwirtschaft – einer der beiden Faktoren, zusammen mit dem chinesischen Außenhandelsüberschuss, die für die weltweite Depression verantwortlich sind. Deutschland ist auf einem nationalistischen Kurs und benutzt den Euro, um seine Partner zu schwächen. Aus unsererer sado-masochistischen Abhängigkeit von Deutschland, somit also auch aus dem Euro, müssen wir schnellstens heraus!“

Die in Frankreich weit verbreitete Euroskepsis würde indes als Zündstoff nicht genügen, um Marine Le Pen und ihrem Front National bei der Europawahl Ende Mai zum großen Durchbruch zu verhelfen. Explosiver und stimmenträchtiger ist das Thema Freizügigkeit – oder „Masseneinwanderung“, wie es in der Schweiz für die Volksabstimmung populistisch formuliert wurde. Tante Marine Le Pen und ihre Nichte Marion Maréchal können sich in dem Punkt auf Schützenhilfe aus ganz Europa verlassen. David Cameron will den von Brüssel diktierten freien Zuzug aus Bulgarien und Rumänien nicht akzeptieren – will vor allem die aus diesen beiden Ländern erwarteten RomaSippen von Britanniens Grenzkontrollen zurückweisen lassen. Und der Premier verbindet seine Reformforderungen an die Brüsseler Bürokratie mit dem Versprechen an die eigenen Wähler, ihren weiteren Verbleib in der EU einer Volksabstimmung zu unterwerfen. Kein Wunder: Camerons profiliertester innenpolitischer Rivale ist heute der mediengewandte Ex-Konservative Nigel Farage, der mit seiner europafeindlichen United Kingdom Independence Party in den Meinungsumfragen sowohl Labour wie die Liberalen überflügelt hat.

Unerwarteter Steilpass aus der Schweiz

Das Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung scheint weithin Signalwirkung gehabt und bei vielen die Sorge um die eigene Identität wachgerüttelt zu haben. Belgiens Vlaams Belang, Österreichs FPÖ, die Hinterwäldler der italienischen Lega Nord, Geert Wilders‘ niederländische Freiheitspartei, dazu die Alternative für Deutschland und die Wahren Finnen... es ist schon eine breite Palette, die gegen die EU Farbe bekennt. Marine Le Pen muss sich nicht allein fühlen; sie hat – anders als ihr Verbündeter Geert Wilders – zwar dem Anti-Islamismus abgeschworen, doch die Angst vor Massenzuwanderung ist ihr Trumpf. Ein amerikanischer Professor berichtete der New York Times jüngst voller Empörung, warum: Es sei schwer, einen Tag unter Franzosen zu leben, ohne zu hören, dass das größte Problem die ethnischen Minderheiten seien, und dass die Anwesenheit von Immigranten Frankreichs Identität gefährde. Dem hätte Friedrich Sieburg scharf widersprochen, der 1929 die „Kraft“ bewunderte, „mit der Frankreich die ausländische Einwanderung aufsaugt und sich einverleibt. Nicht das Blut ist die Bindung, sondern der Geist. Nur in Frankreich ist es möglich, dass ein Rumäne, ein Amerikaner, ein Russe zum französischen Autor wird. Farbige sind in Paris so gründlich mit der Bevölkerung zusammengerührt, dass sie nicht mehr als exotische Elemente empfunden werden.“

Das hat sich gründlich geändert, und die Frage, welche Seite daran den größeren Schuldanteil hat, ist müßig. Es ist die schiere Quantität der Einwanderer und ihrer Nachkommen, die sie darin bestärkt, ihre mitgebrachte Identität für wichtiger zu halten als die des Gastlandes. Da kollidieren Welten, und wenn im Fußballstadion Frankreich auf Algerien trifft, buhen Staatsbürger mit Migrationshintergrund die Marseillaise nieder. So etwas mögen französische Arbeiter nicht – nicht einmal jene, die früher kommunistisch zu wählen pflegten und zuletzt eher halbherzig für die Sozialisten stimmten. Dort findet der Front National mit seiner immer „gaullistischer“ klingenden Rhetorik den stärksten Zulauf. Im Departement Seine-Maritime – um Le Havre, Dieppe, Rouen – ist die Partei der Familie Le Pen drauf und dran, die traditionelle Rechte um Sarkozy, Fabius und Juppé ganz von der Szene zu drängen. „Es ist hier genau wie am Pas de Calais“, vertraute Marine Le Pen einem Reporter von Le Monde an. „Sobald wir unsere Kandidaten aufstellen, verschwindet die bürgerliche Opposition in der Versenkung und wir stehen den Sozialisten Hollandes allein gegenüber.“ Wenn diese Konstellation sich in genug anderen Gegenden wiederholt, hat der Front National gute Aussichten, die Partei des absinkenden Staatspräsidenten zu schlagen und im europäischen Parlament als Sieger aufzutreten. Schon wird ein Triumph der Rechtspopulisten vorausgesagt – vielleicht aus Zweckpessimisus, um die Ängste der Wähler zugunsten der Partei Hollandes zu mobilisieren.

Nicht nur Marine Le Pen, auch die französischen Sozialisten versuchen, mit der Abneigung gegen Überfremdung Stimmen zu einzufangen. Innenminister Manuel Valls hat 2013 den Hinauswurf von „Nichtsesshaften“ gegenüber dem Vorjahr verdoppelt: 20 000 Roma wurden mit Trara des Landes verwiesen, 165 Zigeunerlager abgerissen. Ob das wohl genügt, um den Euro zu retten? Die Titelgeschichte der Zeitschrift „Marianne“ nimmt sich mit zwölf Jahren Verspätung das Aussehen der europäischen Geldscheine vor und findet deren Symbolik unbefriedigend: Lauter elegante Brücken und Portale, die ins Nichts führen.