Eichhörnchen, Squirrels und die
Nähe zu den USA
London am Atlantik
Man muss nur hinsehen: Der aufmerksame Reisende bemerkt eigenartige
Attraktivitätsverlagerungen in einer Stadt, die nur
scheinbar zum Kontinent hinüberschaut, in Wahrheit aber über
einen weiten Ozean hinweg auf die USA.
Von Florian Sattler
Von den Grauhörnchen (sciurus carolinensis), englisch squirrel,
heißt es im Brockhaus, sie seien eine den eurasiatischen Eichhörnchen
(sciurus vulgaris) ähnliche nordamerikanische Nagetierart ohne
Ohrpinsel. Das sind sie nicht. Sie sind ihnen ganz und gar nicht ähnlich,
und zwar nicht so sehr wegen der fehlenden Ohrpinsel, sondern weil
sie nicht davonlaufen, als ich vielen von ihnen beim morgendlichen
Lauf durch den Londoner St. James Park begegne, anders als die Oachkatzel
im Münchner Englischen Garten. Vor einem Marder oder einem Habicht
hätten sie Reißaus genommen, einen Menschen dagegen, der
läuft, halten sie zu Recht für harmlos. Ich würde nicht
so weit gehen, den squirrels die Lebensgier von Ratten zu attestieren,
denen sie sehr stark gleichen, wenn man vom buschigen, vibrierenden
Schwanz einmal absieht. Trotz ihrer Unverfrorenheit verfügen
squirrels über ein hohes Maß an sciurischem Charme.
Rein sprachlich betrachtet, wird die Sache erst wirklich verwickelt.
Die Amerikaner bezeichnen ihre Grauhörnchen mit dem allgemeinen
Ausdruck für Eichhörnchen als squirrel, offenbar
eine Lautmalerei für die raschen Schwanzbewegungen. Unsere rotbraunen,
von Frankreich bis Nordjapan verbreiteten possierlichen, wenn auch
schüchternen Eichhörnchen dagegen heißen bei ihnen
chipmunk, ganz so, als wären sie die Ausnahme und nicht
die Regel innerhalb der großen weiten Squirrel-Welt.
Die wilden grauen Hörnchen wurden von den Römern etwa um
Christi Geburt nach Europa eingemeindet und 1973 nach mehreren vergeblichen
Anläufen endgültig in die Europäische Gemeinschaft
aufgenommen. Auf der britischen Insel haben sie, ich weiß nicht
aufgrund welcher Planungen oder Zufälle, die scheuen braunen
Hörnchen verdrängt. Zumindest in den Parks der Hauptstadt
London, wo es viel zu holen gibt, ist das der Augenschein. In ein
paar wallisischen oder schottischen Wäldern mag es Rückzugsgebiete
für die fliehenden Eichhörnchen geben. Obwohl der Atlantik
wesentlich breiter ist als der Ärmelkanal, was die Eichhörnchen
angeht, ist Amerika England viel näher als Europa.
Man muss nicht, aber man könnte in diesem Umstand einen Hinweis
auf die Art der Beziehungen sehen zwischen dem Vereinigten Königreich
von Großbritannien und Nordirland und den Vereinigten Staaten
von Amerika. Dieses enge Verhältnis wurde immer wieder zum Leitmotiv,
als ich im Oktober 2005 nach London reiste in den Tagen, in denen
die 25 Regierungschefs der Europäischen Union in Schloss Hampton
Court versuchten, das auf Grund gelaufene europäische Schiff
wieder flott zu bekommen. Natürlich interessiert dieses Thema
vor allem seit 2002, seit Donald Rumsfelds altes Europa
im Fall des von den USA energisch betriebenen Irak-Einmarsches ganz
anders optiert hat als die Regierung ihrer königlichen Majestät.
Im selben St. James Park, in dem die folgenreiche Verdrängung
von Eichhörnchen durch die squirrels stattgefunden hat,
ist mir da, wo mit der Nase die Nähe der Royal Horse Guard festzustellen
ist, der Zusammenhang zwischen Geschichte, Militär und Schulerziehung
aufgegangen. Dort steht ein fast mannshohes Denkmal, das in bunten
Farben einen hohen Militärorden wiedergibt. Sicher stammt es
aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der die Bravour der britischen
Soldaten ein Grund dafür war, dass Hitlers und Görings Eroberungspläne
gründlich misslangen; Vergangenheit also, allerdings lässt
die Art, wie die Londoner heute mit diesem Denkmal umgehen, vermuten,
dass es sich nicht nur um vergangene Vergangenheit handelt. Englands
keineswegs unblutige Geschichte, in der sich die Monarchie nur höchst
mühsam als Zentralgewalt in London durchsetzen konnte, ist am
Ende alles in allem doch eine schöne Erfolgsgeschichte gewesen,
selbst wenn unterwegs ein gewaltiges Weltreich abhanden gekommen ist.
Aber auch so: Ende gut, alles gut.
Dieses Lebensgefühl kommt der Armee und ihren Umgangsformen zugute.
In großer Schadenfreude nimmt die Nation regelmäßig
daran teil, wie den königlichen Prinzen in der Kaserne die Faxen
ausgetrieben werden. Und während in der Bundesrepublik Willy
Brandt lauthals verkündete: Die Schule der Nation ist die Schule,
scheint auf den britischen Inseln die Armee stilbildend wirken zu
dürfen. Von Initiationsriten ist zu hören, von Jüngeren,
die den Älteren zu parieren haben, von drakonischen Strafen.
Längst schallen der Ruf dieser Schulen, ihre robusten Benimmregeln
und ihre unbezweifelte Autorität auch zu uns herüber.
Woher kommt es sonst, dass man in jeder deutschen Mittel- oder Oberschicht-Einladung
auf mindestens ein Elternpaar stößt, das stolz verkündet:
Wir haben unser Kind für ein Jahr in eine englische Schule geschickt.
Natürlich hat das auch mit der universellen Verbreitung der englischen
Sprache zu tun und ihrer unerlässlichen Beherrschung in allen
möglichen Berufen. Aber die Kinder sollen in diesen Schulen ja
nicht nur Englisch lernen. Es geht auch um Moral, um Gehorsam, Sportsgeist,
Selbstständigkeit; um Tugenden also, die bei uns irgendwann nach
1968 etwas außer Gebrauch gekommen zu sein scheinen. Die gleichen
Leute, die noch vor kurzem stolz berichteten, wie sie es dem Schnösel
von Studienrat in der Sprechstunde des Gymnasiums mal so richtig gezeigt
hätten, geben jetzt bei ganz ähnlichen Konflikten dem englischen
headmaster regelmäßig gegen ihre Kinder Recht.
Woody Allen ist von Manhattan nach London umgezogen. In dem Film Matchpoint
kann man erkennen, wie viel er von dieser Stadt begriffen hat bis
zur Karikatur der Frau des Premierministers Tony Blair. Vor allem
für Film und Fernsehen stimmt der terminus english-speaking world.
Das fiel mir im März 1998 auf, als ich einen Londoner Freund
aus Studienzeiten besuchte. Piers Paul Read hatte Karriere als Autor
gemacht, zehn Romane geschrieben; zwei seiner Sachbücher, Alive
und The Train Robbers, wurden Bestseller. Wir hatten gerade das für
englische Verhältnisse opulente Abendessen verzehrt, und ich
freute mich auf eine muntere Abendunterhaltung, als der Hausherr abrupt,
kaum waren Käse und Obst abgeräumt, in die oberen Gemächer
verschwand. Als Erklärung führte er an, er müsse sich
jetzt die amerikanische Fernsehserie Friends zu Gemüte
führen; davon dürfe er keine Folge auslassen, sonst könne
er seinen nächsten Roman nicht schreiben. Dessen psychologisches
Material, Sprache und Gefühle müsse er dieser, wie er sehr
wohl wisse, weiß Gott mittelmäßigen Serie entlehnen.
Nur solange er den Durchschnittsgeschmack der Amerikaner treffe, könne
er Erfolg haben, das müsse ich doch einsehen. Ich sah es ein
und dachte mir, dass die Freiheit der gemeinsamen englischen Sprache
eben auch Zwang für diejenigen bedeuten kann, die professionell
mit ihr umgehen.
1958 war ich zum ersten Mal in London. 13 Jahre nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs. Der sonst sehr zuvorkommenden Tante Peggy Fielding
musste ich die Frage beantworten: Florian, tell me, do you think
that Adenauer is really different from Adolf Hitler? Und wenn
ich auf der Straße nach dem Weg fragte, hieß es immer
barsch und falsch: Turn down to the right!
Auffällig ist die Attraktivitätsverlagerung von Piccadilly
Circus zum Trafalgar Square in dem halben Jahrhundert seither. Dort
sammeln sich jetzt die Flaneure. Es liegt auch an der National Gallery,
der die Massen der Touristen zuströmen. Als ich auf einer säulengestützten
Mauer Platz genommen habe, muss ich zweimal nachfragen, so leise und
zurückhaltend tragen zwei Bobbys offenkundig pakistanischer Herkunft
die Aufforderung vor: You are not supposed to sit here!
Ein paar hundert Meter weiter befindet sich seit 1990 die Royal Portrait
Galery. Und wie royal sie ist! Es könnte einen der schiere republikanische
Neid überkommen, wenn man sieht, wie viel besser sich die englische
Geschichte darstellen lässt, nur deshalb, weil die Monarchen
so viele Porträts hinterlassen haben. Und da sitzen sie dann,
die Schulklassen, schön gekleidete Kinder, oft farbig, und schauen
die Bilder von Heinrich VIII. an und lassen sich erklären, warum
er so viele Frauen geheiratet und umgebracht hat.
Am Sonntag machen wir Besuch beim deutschen Botschafter in Belgravia.
Er hat uns zwischen seine Termine gequetscht, obwohl es in diesen
Tagen wimmelt von Ministern der rotgrünen Bundesregierung, die
kurz vor Torschluss noch einmal standesgemäß logieren wollen
in der britischen Hauptstadt. Die Repräsentationsräume wirken
so, als dürfte Queen Elisabeth, sollte sie einmal von Buckingham
Palace herüberkommen, nicht den geringsten Unterschied wahrnehmen,
dieselben Möbel und Bilder aus dem 18. Jahrhundert, die gleiche
Weitläufigkeit. Aber im Erdgeschoss gibt es, eine Idee des jetzigen
Hausherrn, auch wechselnde Ausstellungen mit zeitgenössischer
Kunst. Thomas Matussek berichtet von seinen hartnäckigen Versuchen
in Radiointerviews, Joseph Ratzinger aus der Schusslinie der Tabloids
zu bringen. My father was a Flakhelfer, too. Inzwischen
hat es auch der nationale Curriculum Board gemerkt: Die Fernsehprogramme
haben bei den Engländern, was die Deutschen betrifft, ein schiefes
Geschichtsbild erzeugt. Too much Hitler und zu wenig Kenntnisse
über die 60 Jahre seither. Im Schulunterricht soll dem jetzt
entgegengearbeitet werden.
Gerhard Schröder und Tony ticken so ungleich, weiß der
Botschafter, weil sie vor dem zweiten Golfkrieg auf dem third way
außerordentlich eng kooperierten. Der Kanzler ist aus Verkehrsgründen
eine halbe Stunde auf dem Flughafen festgehalten. Als sein Stuhl in
Hampton Court bei der EU-Konferenz zunächst leer bleibt, antworten
die Gastgeber auf Journalistenfragen, wo denn der deutsche Kanzler
bleibe: We dont know.
Das Essen ist in London besser und noch internationaler geworden.
Bei der Pizza Margherita herrscht keinerlei Marktwirtschaft. Sie kostet
in teuren wie in billigen Restaurants überall 4 Pfund 95. Die
in den siebziger Jahren noch verbreiteten grünen Glibberpuddings
scheinen ausgestorben. Die Straßengastronomie wird nicht mehr
so stark von fish n chips beherrscht, Döner
und Shishkebab sind im Vormarsch. Unter den Kellnerinnen fällt
der hohe Anteil Polinnen auf, meist kommen sie aus Schlesien und aus
dem Umland von Krakau.
Der Friedhof von Highgate hat einen geschäftstüchtigen Freundeskreis.
Am Eingang begrüßt uns eine ältere Dame, die aussieht
wie Miss Marple. Sie kassiert zwei Pfund: Yes, this way down
and then to your left, you will find his grave. Ein poetischer
Gang durch die Grabreihen. Berühmte und Unberühmte aus aller
Herren Länder haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Der weiße Schädel von Karl Marx ist zu groß und zu
klobig, fast so, als wäre er in der DDR hergestellt worden.
Am letzten Abend überquere ich auf der vibrierenden Leichtmetallbrücke
parallel zur Waterloo Bridge die Themse auf dem Weg zu Henrik Ibsens
Stützen der Gesellschaft. Erst während der glänzenden
Aufführung wird klar, woher die Neugier für dieses Stück
rührt. Es ist die Gestalt des Amerika-Auswanderers, der in seine
norwegische Heimat zurückkehrt. Jeder Nebensatz wird vom Publikum
genauestens registriert. Nicht die europäische Hafenstadt mit
ihren Schmerzen und Intrigen interessiert, sondern das Land der unbegrenzten
Möglichkeiten über dem großen Ozean.