Nummer 9, März 2006                                    


                                                                                                                                                            
 

Eichhörnchen, Squirrels und die Nähe zu den USA

London am Atlantik

Man muss nur hinsehen: Der aufmerksame Reisende bemerkt eigenartige „Attraktivitätsverlagerungen“ in einer Stadt, die nur
scheinbar zum Kontinent hinüberschaut, in Wahrheit aber über einen weiten Ozean hinweg auf die USA.

Von Florian Sattler


Von den Grauhörnchen (sciurus carolinensis), englisch squirrel, heißt es im Brockhaus, sie seien eine den eurasiatischen Eichhörnchen (sciurus vulgaris) ähnliche nordamerikanische Nagetierart ohne Ohrpinsel. Das sind sie nicht. Sie sind ihnen ganz und gar nicht ähnlich, und zwar nicht so sehr wegen der fehlenden Ohrpinsel, sondern weil sie nicht davonlaufen, als ich vielen von ihnen beim morgendlichen Lauf durch den Londoner St. James Park begegne, anders als die Oachkatzel im Münchner Englischen Garten. Vor einem Marder oder einem Habicht hätten sie Reißaus genommen, einen Menschen dagegen, der läuft, halten sie zu Recht für harmlos. Ich würde nicht so weit gehen, den squirrels die Lebensgier von Ratten zu attestieren, denen sie sehr stark gleichen, wenn man vom buschigen, vibrierenden Schwanz einmal absieht. Trotz ihrer Unverfrorenheit verfügen squirrels über ein hohes Maß an sciurischem Charme.
Rein sprachlich betrachtet, wird die Sache erst wirklich verwickelt. Die Amerikaner bezeichnen ihre Grauhörnchen mit dem allgemeinen Ausdruck für Eichhörnchen als squirrel, offenbar eine Lautmalerei für die raschen Schwanzbewegungen. Unsere rotbraunen, von Frankreich bis Nordjapan verbreiteten possierlichen, wenn auch schüchternen Eichhörnchen dagegen heißen bei ihnen chipmunk, ganz so, als wären sie die Ausnahme und nicht die Regel innerhalb der großen weiten Squirrel-Welt.
Die wilden grauen Hörnchen wurden von den Römern etwa um Christi Geburt nach Europa eingemeindet und 1973 nach mehreren vergeblichen Anläufen endgültig in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen. Auf der britischen Insel haben sie, ich weiß nicht aufgrund welcher Planungen oder Zufälle, die scheuen braunen Hörnchen verdrängt. Zumindest in den Parks der Hauptstadt London, wo es viel zu holen gibt, ist das der Augenschein. In ein paar wallisischen oder schottischen Wäldern mag es Rückzugsgebiete für die fliehenden Eichhörnchen geben. Obwohl der Atlantik wesentlich breiter ist als der Ärmelkanal, was die Eichhörnchen angeht, ist Amerika England viel näher als Europa.
Man muss nicht, aber man könnte in diesem Umstand einen Hinweis auf die Art der Beziehungen sehen zwischen dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses enge Verhältnis wurde immer wieder zum Leitmotiv, als ich im Oktober 2005 nach London reiste in den Tagen, in denen die 25 Regierungschefs der Europäischen Union in Schloss Hampton Court versuchten, das auf Grund gelaufene europäische Schiff wieder flott zu bekommen. Natürlich interessiert dieses Thema vor allem seit 2002, seit Donald Rumsfelds „altes Europa“ im Fall des von den USA energisch betriebenen Irak-Einmarsches ganz anders optiert hat als die Regierung ihrer königlichen Majestät.

Im selben St. James Park, in dem die folgenreiche Verdrängung von Eichhörnchen durch die squirrels stattgefunden hat, ist mir da, wo mit der Nase die Nähe der Royal Horse Guard festzustellen ist, der Zusammenhang zwischen Geschichte, Militär und Schulerziehung aufgegangen. Dort steht ein fast mannshohes Denkmal, das in bunten Farben einen hohen Militärorden wiedergibt. Sicher stammt es aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der die Bravour der britischen Soldaten ein Grund dafür war, dass Hitlers und Görings Eroberungspläne gründlich misslangen; Vergangenheit also, allerdings lässt die Art, wie die Londoner heute mit diesem Denkmal umgehen, vermuten, dass es sich nicht nur um vergangene Vergangenheit handelt. Englands keineswegs unblutige Geschichte, in der sich die Monarchie nur höchst mühsam als Zentralgewalt in London durchsetzen konnte, ist am Ende alles in allem doch eine schöne Erfolgsgeschichte gewesen, selbst wenn unterwegs ein gewaltiges Weltreich abhanden gekommen ist. Aber auch so: Ende gut, alles gut.
Dieses Lebensgefühl kommt der Armee und ihren Umgangsformen zugute. In großer Schadenfreude nimmt die Nation regelmäßig daran teil, wie den königlichen Prinzen in der Kaserne die Faxen ausgetrieben werden. Und während in der Bundesrepublik Willy Brandt lauthals verkündete: Die Schule der Nation ist die Schule, scheint auf den britischen Inseln die Armee stilbildend wirken zu dürfen. Von Initiationsriten ist zu hören, von Jüngeren, die den Älteren zu parieren haben, von drakonischen Strafen. Längst schallen der Ruf dieser Schulen, ihre robusten Benimmregeln und ihre unbezweifelte Autorität auch zu uns herüber.
Woher kommt es sonst, dass man in jeder deutschen Mittel- oder Oberschicht-Einladung auf mindestens ein Elternpaar stößt, das stolz verkündet: Wir haben unser Kind für ein Jahr in eine englische Schule geschickt. Natürlich hat das auch mit der universellen Verbreitung der englischen Sprache zu tun und ihrer unerlässlichen Beherrschung in allen möglichen Berufen. Aber die Kinder sollen in diesen Schulen ja nicht nur Englisch lernen. Es geht auch um Moral, um Gehorsam, Sportsgeist, Selbstständigkeit; um Tugenden also, die bei uns irgendwann nach 1968 etwas außer Gebrauch gekommen zu sein scheinen. Die gleichen Leute, die noch vor kurzem stolz berichteten, wie sie es dem Schnösel von Studienrat in der Sprechstunde des Gymnasiums mal so richtig gezeigt hätten, geben jetzt bei ganz ähnlichen Konflikten dem englischen headmaster regelmäßig gegen ihre Kinder Recht.

Woody Allen ist von Manhattan nach London umgezogen. In dem Film Matchpoint kann man erkennen, wie viel er von dieser Stadt begriffen hat bis zur Karikatur der Frau des Premierministers Tony Blair. Vor allem für Film und Fernsehen stimmt der terminus english-speaking world. Das fiel mir im März 1998 auf, als ich einen Londoner Freund aus Studienzeiten besuchte. Piers Paul Read hatte Karriere als Autor gemacht, zehn Romane geschrieben; zwei seiner Sachbücher, Alive und The Train Robbers, wurden Bestseller. Wir hatten gerade das für englische Verhältnisse opulente Abendessen verzehrt, und ich freute mich auf eine muntere Abendunterhaltung, als der Hausherr abrupt, kaum waren Käse und Obst abgeräumt, in die oberen Gemächer verschwand. Als Erklärung führte er an, er müsse sich jetzt die amerikanische Fernsehserie Friends zu Gemüte führen; davon dürfe er keine Folge auslassen, sonst könne er seinen nächsten Roman nicht schreiben. Dessen psychologisches Material, Sprache und Gefühle müsse er dieser, wie er sehr wohl wisse, weiß Gott mittelmäßigen Serie entlehnen. Nur solange er den Durchschnittsgeschmack der Amerikaner treffe, könne er Erfolg haben, das müsse ich doch einsehen. Ich sah es ein und dachte mir, dass die Freiheit der gemeinsamen englischen Sprache eben auch Zwang für diejenigen bedeuten kann, die professionell mit ihr umgehen.
1958 war ich zum ersten Mal in London. 13 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der sonst sehr zuvorkommenden Tante Peggy Fielding musste ich die Frage beantworten: „Florian, tell me, do you think that Adenauer is really different from Adolf Hitler?“ Und wenn ich auf der Straße nach dem Weg fragte, hieß es immer barsch und falsch: „Turn down to the right!“
Auffällig ist die Attraktivitätsverlagerung von Piccadilly Circus zum Trafalgar Square in dem halben Jahrhundert seither. Dort sammeln sich jetzt die Flaneure. Es liegt auch an der National Gallery, der die Massen der Touristen zuströmen. Als ich auf einer säulengestützten Mauer Platz genommen habe, muss ich zweimal nachfragen, so leise und zurückhaltend tragen zwei Bobbys offenkundig pakistanischer Herkunft die Aufforderung vor: „You are not supposed to sit here!“ Ein paar hundert Meter weiter befindet sich seit 1990 die Royal Portrait Galery. Und wie royal sie ist! Es könnte einen der schiere republikanische Neid überkommen, wenn man sieht, wie viel besser sich die englische Geschichte darstellen lässt, nur deshalb, weil die Monarchen so viele Porträts hinterlassen haben. Und da sitzen sie dann, die Schulklassen, schön gekleidete Kinder, oft farbig, und schauen die Bilder von Heinrich VIII. an und lassen sich erklären, warum er so viele Frauen geheiratet und umgebracht hat.


Am Sonntag machen wir Besuch beim deutschen Botschafter in Belgravia. Er hat uns zwischen seine Termine gequetscht, obwohl es in diesen Tagen wimmelt von Ministern der rotgrünen Bundesregierung, die kurz vor Torschluss noch einmal standesgemäß logieren wollen in der britischen Hauptstadt. Die Repräsentationsräume wirken so, als dürfte Queen Elisabeth, sollte sie einmal von Buckingham Palace herüberkommen, nicht den geringsten Unterschied wahrnehmen, dieselben Möbel und Bilder aus dem 18. Jahrhundert, die gleiche Weitläufigkeit. Aber im Erdgeschoss gibt es, eine Idee des jetzigen Hausherrn, auch wechselnde Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst. Thomas Matussek berichtet von seinen hartnäckigen Versuchen in Radiointerviews, Joseph Ratzinger aus der Schusslinie der Tabloids zu bringen. „ My father was a Flakhelfer, too.“ Inzwischen hat es auch der nationale Curriculum Board gemerkt: Die Fernsehprogramme haben bei den Engländern, was die Deutschen betrifft, ein schiefes Geschichtsbild erzeugt. „Too much Hitler“ und zu wenig Kenntnisse über die 60 Jahre seither. Im Schulunterricht soll dem jetzt entgegengearbeitet werden.

Gerhard Schröder und Tony ticken so ungleich, weiß der Botschafter, weil sie vor dem zweiten Golfkrieg auf dem third way außerordentlich eng kooperierten. Der Kanzler ist aus Verkehrsgründen eine halbe Stunde auf dem Flughafen festgehalten. Als sein Stuhl in Hampton Court bei der EU-Konferenz zunächst leer bleibt, antworten die Gastgeber auf Journalistenfragen, wo denn der deutsche Kanzler bleibe: „ We don’t know.“
Das Essen ist in London besser und noch internationaler geworden. Bei der Pizza Margherita herrscht keinerlei Marktwirtschaft. Sie kostet in teuren wie in billigen Restaurants überall 4 Pfund 95. Die in den siebziger Jahren noch verbreiteten grünen Glibberpuddings scheinen ausgestorben. Die Straßengastronomie wird nicht mehr so stark von fish ’n’ chips beherrscht, Döner und Shishkebab sind im Vormarsch. Unter den Kellnerinnen fällt der hohe Anteil Polinnen auf, meist kommen sie aus Schlesien und aus dem Umland von Krakau.
Der Friedhof von Highgate hat einen geschäftstüchtigen Freundeskreis. Am Eingang begrüßt uns eine ältere Dame, die aussieht wie Miss Marple. Sie kassiert zwei Pfund: „Yes, this way down and then to your left, you will find his grave.“ Ein poetischer Gang durch die Grabreihen. Berühmte und Unberühmte aus aller Herren Länder haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Der weiße Schädel von Karl Marx ist zu groß und zu klobig, fast so, als wäre er in der DDR hergestellt worden.
Am letzten Abend überquere ich auf der vibrierenden Leichtmetallbrücke parallel zur Waterloo Bridge die Themse auf dem Weg zu Henrik Ibsens Stützen der Gesellschaft. Erst während der glänzenden Aufführung wird klar, woher die Neugier für dieses Stück rührt. Es ist die Gestalt des Amerika-Auswanderers, der in seine norwegische Heimat zurückkehrt. Jeder Nebensatz wird vom Publikum genauestens registriert. Nicht die europäische Hafenstadt mit ihren Schmerzen und Intrigen interessiert, sondern das Land der unbegrenzten Möglichkeiten über dem großen Ozean.