Nummer 9, März 2006                                    


                                                                                                                                                            
 

Die Zukunft ist schon da

Züchtungsversuche

Die Entsorgung überflüssiger Embryonen ist kein moralisches, erst recht kein technisches Problem mehr (zum kleinen Ausgleich wächst dann manchmal statt einer geplanten Leber ein neuer Embryo heran). Nur die Beseitigung der Alten und überhaupt all derer, die das Züchtungsideal nicht erreichten, verlangt nach fantasievollen Lösungen. Die Literatur hat sie vorgezeichnet.

Von Bernhard Kathan

Ich entnahm eines der Zentrifugenröhrchen, in denen die Leberzellen gezüchtet wurden, und setzte es unter das Stereomikroskop. Ich meinte meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Was ich sah, war keine Leber, würde auch nie eine werden. Ich sah eine winzige Plazenta, die mit tausend Zotten in die umgebende Nährlösung ragte. Ich schaltete Durchlicht ein. Deutlich konnte man Blutgefäße erkennen, eine winzige Nabelschnur, durch die das Blut zu einem unförmigen Körperchen strömte, an dem man schon deutlich den späteren Kopf mit den überdimensionalen Augenwülsten, fast fertig ausgebildete Arme und Beine und den fischförmig gekrümmten Körper erkennen konnte. Selbst das Herz pulsierte schon, trieb das Blut mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Äderchen, über die Nabelschnur zurück zur Plazenta. Das Ganze mochte etwa acht Millimeter groß sein. Ein richtiger Embryo. Ein falscher Embryo. Ein künstlicher Embryo.“
Aus Lebergewebe soll für eine Transplantation eine neue Leber gezüchtet werden. Zum Erstaunen der Biologin entwickeln sich statt Leberzellen Embryonen. Eine ihrer Kolleginnen, sie wünscht sich so sehr ein Kind, lässt sich vom Institutstechniker einen der Embryonen implantieren. Freilich muss zuvor der Muttermund, wenn er das „Implantationsrohr“ aufnehmen soll, erst mit einem „Quellstift“ geweitet werden. Ihr Stöhnen hat nichts mit Lust zu tun, es ist Ausdruck empfundener Schmerzen. Interessanterweise bedarf der Embryotransfer einer „Implantationsfolie“, die sich nach dem erfolgten Eingriff in der Gebärmutter auflöst. Einem anderen Embryo wird eine Leber entnommen, um sie für die Transplantation (der Gewebespender ist der Empfänger des Organs) weiterzuzüchten: „Wir suchten den größten Embryo aus. Er bewegte sich schon, streckte die Händchen, öffnete den Mund, als wolle er gähnen, und ballte dann eine Faust. Es wurde mir eiskalt, als ich ihn betäubte und aus dem Gefäß nahm. Albert assistierte. Wir entnahmen die winzige Leber, schlossen sie an die Nährstoffversorgung an, wogen sie und stellten sie zurück in den Brutschrank.“
Die Biologin trägt das Kind aus („Niemand wird wissen, dass es aus dem Reagenzglas stammt“), der Leberpatient stirbt nach allgemeinem Organversagen. Dank der Möglichkeit, aus beliebigen Körperzellen Embryonen zu züchten, werden schon bald darauf Arbeiter und lebende Kampfmaschinen am Fließband produziert. „Ultravibrationstische“, „Bestrahlungseinrichtungen“, „Anschlüsse für Nährlösung und Sauerstoff“ und „günstigste klimatische Bedingungen“ sind nötig, um das Wachstum zu beschleunigen. Was wäre schon Forschung, gelänge alles auf Anhieb. Das Kind kommt auch nur stockend, nach langer Wehentätigkeit zur Welt. Übertragen auf das Phantasma technischen, also männlichen Gebärens: Die Luftbrütung erweist sich als Irrweg. Die Feten zerren an ihren Nabelschnüren. Gehen sie nicht daran zugrunde, dann infolge eines Sturzes vom Bruttisch („Es sah aus, als begingen sie Selbstmord“). Und am Ende der Geschichte proben die Kunstmenschen den Aufstand und bewahren die Welt vor ihrer atomaren Zerstörung (Peter Lorenz, Homunkuli, 1978).
Industriell produzierte Menschen, oft mit gleichem Aussehen und gleichen Eigenschaften, tauchen in der Literatur erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf. 1910 erschien der Roman Im Reich der Homunkuliden des Wiener Volksschriftstellers Rudolf Hawel. Ein Wissenschaftler wacht mit seinem Diener nach zweitausendjährigem Schlaf in einer Gesellschaft von Homunkuliden auf. Es gibt keine Frauen mehr. Die Fortpflanzung geschieht geschlechtslos, ektogenetisch, seriell. Die Gesellschaft ist totalitär organisiert. Wie in einem Ameisenstaat sind jedem exakte Funktionen zugeteilt. Als das Buch erschien, rollte bei Ford bereits das Modell T vom Band. Mit Biotechnologie hatte all das wenig zu tun.
Auf wissenschaftliche Erkenntnisse bezogen sich dagegen als Ärzte und Biologen ausgewiesene Experten wie R. H. Francé, J. B. S. Haldane, Konstantin Mereschkowskij, Paul Mantegazza oder andere, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eugenische Zukunftsromane verfassten. Sie bedienten sich des Genres, um eigene gesellschaftspolitische Vorstellungen einem breiten Publikum verständlich zu machen. Nicht zufällig wird in diesen Zukunftsromanen die geniale, aber einsame, meist aus der scientific community ausgeschlossene Schöpferfigur verworfen, die uns bei Mary Shelley als Frankenstein, bei G. H. Wells als Dr. Moreau oder bei Maurice Renard als Doktor Lerne begegnet. Da gibt es keinen Wissenschaftler mehr, der, Junggeselle geblieben, versuchte, „ohne Verkehr mit einer Frau ein Kind zu zeugen“, den Mutterboden nachzubilden, ein weiches, nachgiebiges, vor allem aber „eindrucksfähiges“ Geflecht.

Unter all diesen Texten ist insbesondere Haldanes Essay Daedalus oder Wissenschaft und Zukunft (1925) zu nennen. Haldane erwähnt neben anderen Thomas Hunt Morgan, der um 1908 begann, Experimente mit der Drosophila, einer kleinen Taufliege, durchzuführen. 1911 veröffentlichte Morgan die erste Chromosomenkarte. Er nennt den Anatomen Edgar Allen und den Biochemiker Edward Adelbert Doisy, die 1923 Mäusen und Ratten, deren Eierstöcke entfernt wurden, eine aus Follikeln von Schweinen gewonnene Flüssigkeit injizierten. 40 bis 48 Stunden später waren die Nagetiere brünstig, also geschlechtlich erregt und paarungsbereit. Geschlechtslos gemachte Weibchen warben um Männchen und ließen sich von ihnen begatten. Haldane verwies auch auf Experimente mit Nährlösungen, die zeigten, dass sich Gewebeteile am Leben erhalten oder gar zum Wachsen bringen lassen. Bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es möglich, Embryonen einige Tage lang in einem Serum zu kultivieren. 1899 gelang es dem Experimentalbiologen Jacques Loeb, unbefruchtete Seeigeleier in einer Lösung mit höherem Salzgehalt als Seewasser zu lebensfähigen Embryonen heranzuziehen und zur Teilung zu bringen. Haldane konnte sich selbst auf Versuche beziehen, Embryonen von einem Weibchen auf ein anderes zu übertragen. Gregory Pincus, der Erfinder der „Pille“, führte damals als junger Wissenschaftler in Haldanes Labor Befruchtungsexperimente an Kaninchen durch.
Ektogenetische Fortpflanzung hieß für Haldane vor allem endgültige Trennung von Geschlechtsliebe und Zeugung, die Unterwerfung der Reproduktion unter die kontrollierten Bedingungen des biologischen Labors. Wenngleich sich die früher übliche Schwangerschaft günstig auf das „Seelenleben des Menschen“ ausgewirkt habe und in der ektogenetischen Fortpflanzung die Stillfähigkeit der Frauen erst durch „Injektionen von Plazentin“ stimuliert werden müsse, würden doch die Auswirkungen der Selektion deren Schattenseiten reichlich aufwiegen. Mit jeder neu hervorgebrachten Generation würde mehr erstklassige Musik hervorgebracht, während die Zahl der überführten Diebe abnehme. Was bedeutet schon die Entfernung von Eierstöcken und Gebärmutter angesichts des Versprechens, die Ektogenese würde die Menschen in einem „völlig neuen Sinne frei“ machen, die Frauen von der Last der Schwangerschaft und Geburt befreien? Dass die Entfernung der Gebärmutter einer Verstümmelung gleichkommt, fällt für Haldane nicht ins Gewicht. Er hat keine Zweifel daran, dass sich in Zukunft mit Hormonen nicht allein die Drüsentätigkeit der Frau, sondern auch eine Art Mutterinstinkt stimulieren lassen wird. Es ist nur konsequent weitergedacht, wenn die Menschen in der biotechnisch organisierten Gesellschaft nicht mehr politische Parteien wählen, sondern über Züchtungsanliegen abstimmen, etwa für oder gegen Greifschwänze bei den Urenkeln. An die Stelle der Politik ist die Ästhetik des Warenhauses getreten.
Auf Haldanes Zukunftsvorstellungen reagierte Bertrand Russel mit seiner Gegenschrift Ikarus oder Die Zukunft der Wissenschaft (dt. 1926). Er wies das lineare Fortschrittsmodell mit der Feststellung zurück, die Anwendungen der Wissenschaft könnten nicht von dieser determiniert werden. Angeregt durch Haldane spielte Aldous Huxley in seinem utopischen Roman Schöne neue Welt (1932) wichtige – von Haldane völlig unbeachtete – Fragen durch und kam zur Schlussfolgerung, dass die Ektogenese auf die industrielle Produktion von Menschen hinauslaufen müsse. Bei Huxley hat die ektogenetische Fortpflanzung nicht eine Veredelung der Menschheit zur Folge. Ein Industriebetrieb benötigt nicht allein Führungspersonal. Stellen auf mittleren Ebenen müssen ebenso besetzt sein, wie es einer Unzahl von „Kräften“ bedarf, die im besten Fall automatengleich alle niederen Aufgaben erfüllen. Zwar verdanken auch letztere ihre Entstehung bestem Erbmaterial, sie werden aber im Laufe ihrer Entwicklung mit Hilfe von Röntgenbestrahlungen, plötzlicher Kälte, Alkohol oder Sauerstoffentzug behandelt, so dass sie am Ende an Behinderte denken lassen, die nur begrenzt in der Lage sind, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dass sie von der Fortpflanzung ausgeschlossen sind, muss nicht näher ausgeführt werden. Um die ektogenetische Fortpflanzung noch effizienter zu machen, werden befruchtete Eier, ehe die eigentliche Embryonalentwicklung beginnt, zu einer „Knospung“ angeregt. So lässt sich aus jedem einzelnen Ei eine Vielzahl völlig identischer Individuen züchten.
Bei Huxley wandelt sich Haldanes Labor zur Fabrik, in der die Beschäftigten in einer höchst arbeitsteiligen Struktur gleichbleibende Handgriffe ausführen. Er bemüht zwar Ford, tatsächlich lässt seine Beschreibung eher an die Schlachthöfe von Cincinnati oder Chicago denken, in denen lange vor Ford Arbeitsabläufe durch das Fließband organisiert wurden. Huxley war mit den naturwissenschaftlichen Diskussionen seiner Zeit nicht allein durch seinen Bruder, den Biologen Julian Huxley vertraut. Er war auch mit Haldane befreundet. Im Gegensatz zu Haldane wusste er, dass die Naturwissenschaften alles andere als objektiv, sondern als Teil kultureller und gesellschaftlicher Praxis zu sehen sind.

Bereits einige Jahre zuvor hat Konrad Loele in Züllinger und seine Zucht (1920) nahezu alle Überlegungen von Huxley vorweggenommen. Einem Chemieprofessor namens Züllinger gelingt es, ein Verfahren zur Produktion von Kunstfleisch zu entwickeln. Fleischstücke in Nährlösungen, denen wachstumsfördernde Fermente beigesetzt sind, schieben ununterbrochen „einen Strang neuer Muskelfasern aus sich heraus“. In ähnlicher Weise werden Kuheuter zur permanenten Milchproduktion angeregt. Seine Erfahrungen mit Nährlösungen überträgt Züllinger auf die ektogenetische Fortpflanzung von Menschen, nicht ohne das Verfahren vorerst in Tierversuchen zu überprüfen. So zerschneidet er die Gebärmutter einer Maus in kleine Stücke und lässt diese in einer Nährlösung zu Trägermedien für die ähnlich behandelten und schließlich befruchteten Eizellen anwachsen. In der Folge erweist es sich als schwieriger als angenommen, die im Tierversuch gesammelten Erfahrungen auf menschliche Organe zu übertragen: „Die ersten Versuche ergaben überhaupt nur große Klumpen von häutigen Wucherungen, die mit Haarbüscheln, Horngebilden und einer Unzahl halbverfaulter Zähne durchsetzt waren.“ Statt Embryonen entwickeln sich Teratome, Keimzellentumore. Dennoch gelingt es Züllinger schließlich, ektogenetisch gesunde Menschen zu produzieren. Da diesen bestenfalls die Funktion von Arbeitssklaven zukommt, wird jeder von ihnen mit einer Verblödungsspritze behandelt und zwangssterilisiert: „Im Röntgenraum fand eine kurze, aber außerordentlich intensive Bestrahlung der neunzehn Züchtlinge statt, die ihnen für immer die viehischen Gelüste vertrieb.“ Die nummerierten Züchtlinge, sie werden in der Regel mit einem Hundenamen gerufen, können ohne Umstände, oft einfach der Unterhaltung oder fraglicher medizinischer Experimente wegen, getötet werden.
Loeles Buch nimmt in sarkastisch-satirischer Weise Deutschlands Entwicklung zu einem totalitären Staat vorweg. Sein Chemieprofessor Züllinger ist im Gegensatz zu H. G. Wells’ Dr. Moreau eine durchaus sympathisch-schrullige Figur, deren Erfindungen sich vor allem dem Bemühen verdanken, in einem totalitären Staat zu überleben. Züllinger selbst ist davon bedroht, mit der von ihm erfundenen „Verblödungsspritze“ behandelt oder getötet zu werden. Loeles Buch ist Trash im besten Sinn, gesammelter und geordneter Abfall, so verdichtet, dass selbst heutige Leser zwischen Schrecken und Lachanfällen hin- und her gerissen sind. Über den Autor ist so gut wie nichts bekannt, abgesehen von den drei Büchern, die noch an seine Existenz erinnern.

Die damals genauesten Züchtungsbeschreibungen finden sich bei Ludwig Dexheimer, der unter dem Pseudonym Ri Tokko den prognostischen Roman Das Automatenzeitalter (1931) veröffentlichte. Im Jahr 2500 führen alle Menschen ein sorgenfreies Leben. Die Technik ist so weit entwickelt, dass menschliche Arbeit, abgesehen von Ehrenämtern weniger, überflüssig geworden ist. Dank systematisch praktizierter Eugenik sind Krankheiten äußerst selten geworden. Die Fortpflanzung geschieht ektogenetisch. Die Frauen, die infolge sorgsamer Auslese von besonderer Schönheit sind, gebären nicht mehr, denn ihre vollendeten Körper würden dadurch, und sei es nur vorübergehend, entstellt. Wenngleich Narkose und Anästhesie schon lange früher dem Geburtsakt das Schmerzhafte genommen hätten, habe doch erst die ektogenetische Fortpflanzung die Frau vom Fluch befreit, Kinder unter Schmerzen gebären zu müssen. Dank Ektogenese ist die Frau nicht mehr gezwungen, schwach, schutzbedürftig und hilflos zu sein.
Die Früchte wachsen in sogenannten „Uteratoren“ heran. Ihre sorgfältig geplante Produktion geschieht maschinell und automatisch. Eltern gibt es nur noch im biologischen Sinn. Sie liefern einzig die Geschlechtszellen. Sie bekommen sich weder gegenseitig zu Gesicht, noch erfahren sie je, ob und welches Kind sich ihren Anlagen verdankt. Den Mädchen wird von Beginn an aller Mutterinstinkt abtrainiert. Nicht länger ist der Mensch das Produkt zufälliger Umstände, sondern das Ergebnis sorgfältiger „Veredlungsarbeit“, also mehr ein Kunst- als ein Naturprodukt. Die Welt hat sich in eine einzige Zuchtanstalt verwandelt. Obwohl nach 500 Jahren angewandter Eugenik die meisten Menschen dem angestrebten Ideal entsprechen, kommen für die Fortpflanzung nur jene in Frage, die sich aus Sicht der „genetischen Abteilung“ durch die denkbar günstigsten Eigenschaften von der Masse abheben. Zu diesem Zweck werden die Qualitäten der Vorfahren jedes Einzelnen in „Genetogrammen“ erfasst und tagtäglich einer Untersuchung durch einen vollautomatischen „Hygienographen“ unterworfen.
Sollten Menschen je in Retorten herangezüchtet werden, so gäbe es nicht länger eine Geburt im eigentlichen Sinn. Es ist nicht uninteressant, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die nur noch Menschen kennt, die alle bereits vor ihrer „Geburt“ Objekte intensivmedizinischer Behandlung waren. Bei Haldane wird der ektogenetisch produzierte Nachwuchs einfach „an die Luft gebracht“, bei Huxley „entkorkt“, bei Loele werden die Kunstmenschen aus einem Nährteig und Eihüllen befreit, bei anderen werden die Fruchtblasen, die wie Schweine in einem Schlachthof an Arbeitern vorbeischweben, mit einem Messer aufgeschnitten, das austretende Fruchtwasser wird gesammelt und einer Wiederaufbereitungsanlage zugeführt. An die Stelle des Geburtsaktes tritt die Entnahme einer standardisierten Ware, eines Massenprodukts, aus ihrer Verpackung. Alle Waren gelten als geschichtslos, neutral. Sie sollen nur das sein, was sie vorgeben zu sein. An ihre Entstehung sollen sie keinesfalls erinnern. So betrachtet ist es nur konsequent, wenn die Körper der Toten nicht bestattet, sondern der Wiederverwertung zugeführt werden. Sie dienen der Phosphorgewinnung und Kunstdüngerproduktion. Über den Umweg der Pflanzen gelangen sie wieder in die Mägen der Menschen.

Die heutige Reproduktionsmedizin kennt weder Bruträume noch Fließbänder, die nach vorgegebenem Plan bedarfsgerecht Nachwuchs ausstoßen. Die Vorstellung, Kinder in der Retorte heranzuzüchten, hat sich entgegen allen Vorhersagen bislang nicht behauptet. Wie sollte es auch möglich sein, ein so komplexes Organ wie die Gebärmutter nachzubilden? Warum sollte dies ökonomisch sinnvoll sein, da sich doch in absehbarer Zeit genügend junge Frauen finden lassen, die gegen entsprechende Anreize diesbezügliche Funktionen übernehmen. Zweifellos werden an die Stelle früherer Ammen Austragemütter treten. Sie werden sich aus den untersten Schichten der Gesellschaft rekrutieren. In ihnen werden die Dienstmädchen früherer Zeiten wiederkehren. Unterschiedliche Dienstleistungsbetriebe werden sich auf die Rekrutierung von Austragemüttern, ihre Betreuung und Kontrolle, auf die Embryonenproduktion wie den Embryonentransfer bis hin zu den damit verbundenen rechtlichen Fragen spezialisieren. Es wird keine Frage der Ausbildung sein, Austragemutter zu werden. Freilich werden nur Frauen in Frage kommen, die jung und gesund sind, deren psychologische Testergebnisse neben der Bereitschaft, sich der nötigen Disziplin zu unterwerfen (nicht rauchen, nicht trinken, regelmäßige Kontrollen), vor allem erwarten lassen, das von ihnen ausgetragene Kind nicht emotional zu besetzen. In der Regel werden sie Mehrlinge zur Welt bringen. Werden drei Embryonen transferiert, so werden 28 Prozent der jungen Frauen Zwillinge, etwa fünf Prozent von ihnen Drillinge gebären. Es wird gesetzliche Regelungen geben, in denen (Mindest-)Rechte und Pflichten von Austragemüttern festgehalten sind. Neben all den damit verbundenen Unschärfen wird freilich noch längere Zeit unklar bleiben, für welche Leistung Austragemütter abgegolten werden. Lässt sich das Austragen einer Schwangerschaft als Arbeit bezeichnen? Was wird bezahlt? Der Verschleiß des Körpers? Der Verzicht auf ein eigenes Kind? Sich vielfältigsten medizinischen Untersuchungen zu unterwerfen, sich auch schmerzhaften Eingriffen unterziehen zu müssen? Dafür, zwar ein Kind geboren zu haben, dieses aber nicht das eigene nennen zu dürfen?
Wer es sich leisten kann, wird die Dienste von Austragemüttern in Anspruch nehmen. So wird weder der eiene Körper verunstaltet noch die Karriere durch eine Schwangerschaft unnötig unterbrochen. Frauen können selbst dann Mutter werden, wenn sie sich nicht mehr im gebärfähigen Alter befinden. Es bedarf nur weniger Termine. Dank einer hormonellen Behandlung lassen sich im besten Alter genügend Eizellen gewinnen, mit dem gewünschten Samen befruchten und die so gewonnenen Embryonen nach entsprechender Diagnostik für einen späteren Zeitpunkt in flüssigem Stickstoff vorrätig halten.

Im Humanbereich beschränken sich die diesbezüglichen Techniken bislang auf Kinderwunschpatientinnen. Sogenannte „Leihmütter“ bilden dabei noch die Ausnahme. In der Rinderhaltung kommen dagegen die heutigen Reproduktionstechniken umfassend zur Anwendung, weil es darum geht, möglichst viele Nachkommen von „züchterisch interessanten Individuen“ zu bekommen, also das genetische Potenzial hinsichtlich der „Selektion auf Leistung, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit und Gesundheit mit der Konsequenz der Ausmerzung unwirtschaftlicher Individuen“ voll auszuschöpfen. Aus einem Embryo lassen sich bis zu acht genetisch identische Nachkommen erzeugt. Bereits im Präimplantationszeitraum durchgeführte Selektionen ermöglichen erhebliche zeitliche Vorteile und ersparen unnötige Tragezeiten. Während es mit Hilfe der künstlichen Befruchtung möglich war, aus hochwertigem Samenmaterial weniger Stiere abertausende Nachkommen zu züchten, so waren beim „weiblichen Zuchtmaterial“ enge Grenzen gesetzt. Leistungsfähige Kühe konnten ihre Eigenschaften nur an wenige Kälber weitergeben. Die Möglichkeiten der heutigen Biotechnologie erlauben es, das Erbmaterial von Kühen besser zu nutzen. Es können auch Follikel entnommen werden, die außerhalb des Körpers zur Reife gebracht werden. Eizellen lassen sich bereits vor der Geschlechtsreife, selbst in frühester Kindheit gewinnen. Weiter: Embryoproduktion als Vornutzung vor dem Austragen. Follikelpunktion bei Kühen, die zu Tode gekommen sind. Mehrfach wiederholte Follikelpunktion ohne Hormoneinsatz. Embryoerzeugung bei Individuen, die pathologisch-anatomische Störungen in den dem Ovar nachgeschalteten Organbereichen haben.

Allein im Jahr 2002 wurden etwa 630000 Embryonen gewonnen, von denen knapp die Hälfte direkt übertragen, der Rest tiefgefroren wurde. Der Architekt Sigfried Giedion schrieb in seinem 1948 erstmals erschienenen Standardwerk Die Herrschaft der Mechanisierung angesichts der in der Tierhaltung praktizierten künstlichen Befruchtung, es sei ein gefährlicher Punkt erreicht, wenn die Zeugung zu einem mechanisierbaren Vorgang werde. Angesichts heutiger Fortpflanzungstechnologien erscheint eine künstliche Besamung als geradezu steinzeitlicher Vorgang. Die Erfolge der Reproduktionsmedizin in der Tierzucht sind unbestreitbar. So hat sich die Milchleistung bei Rindern in den letzten fünfzig Jahren nahezu verdoppelt, mag sich ein Teil dieser enormen Leistungssteigerung auch einer besseren Fütterung oder anderen Faktoren verdanken. Man sollte aber nicht außer Acht lassen, dass all diese Rinder einer lebenslangen veterinärmedizinischen Behandlung bedürfen, dass diese Hochleistungskühe eigentlich als krank zu gelten haben. Genau genommen sind solche Tiere nur lebensfähig in künstlich geschaffenen, technischen Biotopen.
Auf den Menschen lassen sich die hier entwickelten Modelle allerdings nur bedingt übertragen. Im Gegensatz zu Tieren ist die Fortpflanzung beim Menschen in höchstem Maß mit Bedeutungen überfrachtet. Dexheimer schreibt, mit Rindern habe man es leichter, da gebe es selbst bei der seltsamsten Kreuzung keine „psychologischen Momente“.
In Anlehnung an Frank Wedekinds Mine-Haha beschäftigt sich Kazuo Ishiguro in seinem Roman Alles, was wir geben mussten (2005) mit der Frage, wie eine Sozialisation beschaffen sein müsste, damit Klone, deren einzige Funktion darin besteht, als lebende Organbanken zur Verfügung zu stehen, sich den Erwartungen entsprechend verhalten. Seine Überlegungen mögen erschrecken, sie sind aber überzeugend. Ishiguros Klone fügen sich in ihr vorgegebenes Schicksal. Bedauerlicherweise wird der Roman der Unterhaltungsliteratur zugeordnet, als fiktives, aber durchaus denkbares Modell nicht ernst genommen. Dagegen löste Peter Sloterdijks Elmauer Vortrag, der unter dem Titel Regeln für den Menschenpark erschien, eine heftige Kontroverse aus, und dies, obwohl der Autor sich dabei bestenfalls in Andeutungen ergeht, die der Leser auf die eine oder andere Weise zu interpretieren hat. Sloterdijk forderte, „das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren“. Menschenzüchtung finde längst statt, sie habe immer stattgefunden, heute gehe es um eine „gattungspolitische Entscheidung“, man müsse „die Karten offen auf den Tisch legen“, sagen, „was für eine Art Mensch wir künftig haben“ wollten.

Menschenpark! Hätte sich Sloterdijk doch mit den eugenischen Zukunftsromanen beschäftigt! In den meisten von ihnen leben die Menschen in Parklandschaften. Mögen sie noch so gesund sein, sie haben sich an klassizistischen Körperstandbildnissen zu messen, die allerorts zu sehen sind. Sloterdijks Klage um den herrschenden „Geburtenfatalismus“, der die Fortpflanzung den Launen der Natur überlasse, findet sich in diesen Zukunftsromanen ebenso wie die Forderung nach einer „demokratiefreien Arbeitsgemeinschaft aus echten Philosophen und einschlägigen Gentechnikern, die nicht länger moralische Fragen erörtern, sondern praktische Maßnahmen“ ergreifen. Wie die damaligen Eugenikbefürworter setzt Sloterdijk der vertrackten gesellschaftlichen Wirklichkeit einfache biologistische Heilsversprechen entgegen.
Es fehlt nicht an Experten, unter ihnen auch Philosophen, die sich darum bemühen, Rahmenbedingungen für die Biotechnologie zu formulieren, mehr noch, die letztlich auch darüber entscheiden, was „für eine Art Mensch wir künftig [nicht] haben wollen“. Die Arbeit solcher Kommissionen zeigt nicht allein, dass die Grenzziehung zwischen Behandlung und Züchtung höchst unscharf ist, sondern dass ihre Festlegungen den biotechnologischen Entwicklungen hinterherhinken, dass neue Erkenntnisse stets zur konkreten Anwendung drängen.
1908 beschäftigte sich das Deutsche Reichsgericht erstmals mit der Frage der künstlichen Befruchtung. Der Kläger bestritt die Vaterschaft, habe doch ohne sein Zutun und gegen seinen Willen eine „künstliche Zeugung“ stattgefunden. Das Reichsgericht sah in der künstlichen Befruchtung „kein Surrogat für die normale Zeugung“ und gab dem Kläger Recht. Ein Sachverständiger, der dem Verfahren hinzugezogen wurde, verneinte gar die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung. Trotz der Erfahrungen aus der Tierzucht sowie aus zahllosen Experimenten bezweifelten damals nicht wenige Ärzte die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung beim Menschen. Es sollte nicht einmal hundert Jahre dauern, bis in einem richtungsweisenden Verfahren das in-vitro gezeugte Kind nicht der Frau, die es geboren hat, sondern der genetischen Mutter bzw. den genetischen Eltern zugesprochen wurde. In den nächsten Jahren wird die Reproduktionsbiologie zweifellos mit Optionen aufwarten, an die selbst Biologen noch vor kurzer Zeit nicht zu glauben wagten.
Es lohnt sich heute wieder, Günther Anders zu lesen. Seine vor einem halben Jahrhundert formulierte Behauptung, wonach die Technik zu einem Subjekt der Geschichte geworden sei, ist angesichts der heutigen Biotechnologie von großer Aktualität. Günther Anders hält das Gekonnte nicht nur für das Gesollte, sondern das Gesollte für das Unvermeidliche. Für ihn droht die Biotechnologie den Menschen zu einem Produkt zu machen, welches ähnlich Konsumgütern bereits überholt ist, sobald es ausgeliefert oder geboren wird. „Ausliefern“ meint nicht allein den Transport von Waren zum Endverbraucher, sondern auch „dem Tod preisgeben“. Ein mit Hilfe der Biotechnologie produzierter Mensch wird vor allem ein mangelhaftes Produkt sein, er wird im Wissen leben müssen, dass nachfolgende Generationen (Serien) mit glänzenderen Brusthaaren, größeren Brüsten, leistungsfähigeren Gehirnen, einer höheren Toleranz gegen radioaktive Stoffe, geringerer Allergieneigung und so fort ausgestattet sein werden. Die Biotechnologie verspricht einen schönen, gesunden und störungsfreien Menschen, dabei gerät dieser in die Verwandtschaft zu Staubsaugern, Autos oder anderen trivialen Konsumgegenständen. Hier liegt auch der wesentliche Grund, warum die Science Fiction genügend Texte kennt, in denen das Recht auf Dummheit, Sprachlosigkeit, selbst das auf Schmerz und Tod eingeklagt wird.
Es ist kein Zufall, dass sich in die Romane der Menschenzüchtung immer wieder die Produktion und der Konsum von Waren drängen, auffallenderweise selbst bei jenen, die wie Haldane oder Dexheimer vehement biologistisch-eugenische Positionen vertreten. Und wenn uns diese noch etwas lehren, dann vor allem, dass Anthropotechniken untrennbar mit Thanatotechniken verknüpft sind. Gibt es Experten, die über den Beginn des Lebens bzw. das Leben entscheiden, dann wird auch der Tod neu definiert. Bereits in Hawels Trivialroman wird die fabrikmäßige Herstellung von Menschen mit ihrer Tötung, eigentlich Entsorgung, assoziiert. Zeigen Homunkuliden Störungen, die man früher als Vergehen oder Verbrechen gerichtlich geahndet hätte, werden sie Ärzten und Spitälern zugewiesen, sie kommen in die Fabrik zurück, aus der sie hervorgegangen sind. Lässt sich der Fehler nicht beheben, „dann wird das Exemplar nicht wieder aus dem Schlaf erweckt“.

Je schöner die durch Züchtung entwickelten Menschen, umso brachialer sind die Methoden, sich jener zu entledigen, die dem vorgegebenen Ideal nicht entsprechen. Im Zukunftsroman des russischen Biologen Konstantin Mereschkowskij Das irdische Paradies (1903) ist die heile Welt Ergebnis grenzenloser Gewalt, angefangen bei der Sterilisation bis hin zur systematischen Ausrottung all jener Menschen und Völker, die nicht den Vorgaben der Biologen entsprechen. Frauen mit Fehlern, es genügen zwei Brüste, die nicht schön sitzen, sind dazu verurteilt, kinderlos zu bleiben, um ihre Fehler nicht an ihre Nachkommen weiterzugeben. Die Idealmenschen werden, wenn sie auch nur die ersten Anzeichen von Krankheit oder Alter zeigen, mit einem stark wirkenden Gift getötet, welches „den sicheren Tod herbeiführt“. Wer zum Krüppel geworden ist, und sei er durch fremde Schuld erblindet, begibt sich aus eigenem Antrieb in die „Halle des Vergessens“. Das macht nur, wer sich als Mängelexemplar begreift. Und es beginnt allemal mit Sortieranlagen. In den eugenischen Zukunftsromanen finden sich denn auch Fließbänder, die Neugeborene durchlaufen, um dann, wenn sie nicht die erforderliche Punkteanzahl erreichen, „thermisch“ oder auf andere Weise getötet zu werden: „Er ließ eine Feder schnappen, man hörte einen von einem kleinen Knall begleiteten Seufzer. Das Kind, von einem 2000 Grad heißen Luftstrom umflutet, war verschwunden, und es blieb nichts als ein Häuflein Asche übrig.“

Zweifellos werden sich die ausgemusterten oder zu anderen Zwecken verwerteten Embryonen in jenen Alten wiederfinden, die – als beziehungslos und unnütz definiert – mit Hilfe modernster Medizin entsorgt werden, und zwar schmerzlos. Man muss sich mit Tierzucht beschäftigen. Hier findet sich das große Experimentierfeld für die Organisation allen Lebens. Vor allem die heutige Rinderhaltung erscheint mir diesbezüglich als beängstigendes Modell. Wir haben es mit nahezu selbststeuernden Systemen zu tun, in welche sich die Kühe aus eigenem Antrieb einfügen. In solchen Betrieben sind „Genetogramme“, „Hygienographen“ und die serielle Produktion von Leben längst Wirklichkeit. Ein Computerprogramm bestimmt nicht allein dank rund um die Uhr gesammelter Daten, wann eine Kuh in die Besamungsbox dirigiert wird, es mustert selbsttätig Kühe für den Abtransport in den Schlachthof aus. Die Zukunft hat bereits begonnen.