Die Zukunft ist schon da
Züchtungsversuche
Die Entsorgung überflüssiger Embryonen ist
kein moralisches, erst recht kein technisches Problem mehr (zum kleinen
Ausgleich wächst dann manchmal statt einer geplanten Leber ein
neuer Embryo heran). Nur die Beseitigung der Alten und überhaupt
all derer, die das Züchtungsideal nicht erreichten, verlangt
nach fantasievollen Lösungen. Die Literatur hat sie vorgezeichnet.
Von Bernhard Kathan
Ich entnahm eines der Zentrifugenröhrchen, in denen die Leberzellen
gezüchtet wurden, und setzte es unter das Stereomikroskop. Ich
meinte meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Was ich sah, war
keine Leber, würde auch nie eine werden. Ich sah eine winzige
Plazenta, die mit tausend Zotten in die umgebende Nährlösung
ragte. Ich schaltete Durchlicht ein. Deutlich konnte man Blutgefäße
erkennen, eine winzige Nabelschnur, durch die das Blut zu einem unförmigen
Körperchen strömte, an dem man schon deutlich den späteren
Kopf mit den überdimensionalen Augenwülsten, fast fertig
ausgebildete Arme und Beine und den fischförmig gekrümmten
Körper erkennen konnte. Selbst das Herz pulsierte schon, trieb
das Blut mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Äderchen,
über die Nabelschnur zurück zur Plazenta. Das Ganze mochte
etwa acht Millimeter groß sein. Ein richtiger Embryo. Ein falscher
Embryo. Ein künstlicher Embryo.
Aus Lebergewebe soll für eine Transplantation eine neue Leber
gezüchtet werden. Zum Erstaunen der Biologin entwickeln sich
statt Leberzellen Embryonen. Eine ihrer Kolleginnen, sie wünscht
sich so sehr ein Kind, lässt sich vom Institutstechniker einen
der Embryonen implantieren. Freilich muss zuvor der Muttermund, wenn
er das Implantationsrohr aufnehmen soll, erst mit einem
Quellstift geweitet werden. Ihr Stöhnen hat nichts
mit Lust zu tun, es ist Ausdruck empfundener Schmerzen. Interessanterweise
bedarf der Embryotransfer einer Implantationsfolie, die
sich nach dem erfolgten Eingriff in der Gebärmutter auflöst.
Einem anderen Embryo wird eine Leber entnommen, um sie für die
Transplantation (der Gewebespender ist der Empfänger des Organs)
weiterzuzüchten: Wir suchten den größten Embryo
aus. Er bewegte sich schon, streckte die Händchen, öffnete
den Mund, als wolle er gähnen, und ballte dann eine Faust. Es
wurde mir eiskalt, als ich ihn betäubte und aus dem Gefäß
nahm. Albert assistierte. Wir entnahmen die winzige Leber, schlossen
sie an die Nährstoffversorgung an, wogen sie und stellten sie
zurück in den Brutschrank.
Die Biologin trägt das Kind aus (Niemand wird wissen, dass
es aus dem Reagenzglas stammt), der Leberpatient stirbt nach
allgemeinem Organversagen. Dank der Möglichkeit, aus beliebigen
Körperzellen Embryonen zu züchten, werden schon bald darauf
Arbeiter und lebende Kampfmaschinen am Fließband produziert.
Ultravibrationstische, Bestrahlungseinrichtungen,
Anschlüsse für Nährlösung und Sauerstoff
und günstigste klimatische Bedingungen sind nötig,
um das Wachstum zu beschleunigen. Was wäre schon Forschung, gelänge
alles auf Anhieb. Das Kind kommt auch nur stockend, nach langer Wehentätigkeit
zur Welt. Übertragen auf das Phantasma technischen, also männlichen
Gebärens: Die Luftbrütung erweist sich als Irrweg. Die Feten
zerren an ihren Nabelschnüren. Gehen sie nicht daran zugrunde,
dann infolge eines Sturzes vom Bruttisch (Es sah aus, als begingen
sie Selbstmord). Und am Ende der Geschichte proben die Kunstmenschen
den Aufstand und bewahren die Welt vor ihrer atomaren Zerstörung
(Peter Lorenz, Homunkuli, 1978).
Industriell produzierte Menschen, oft mit gleichem Aussehen und gleichen
Eigenschaften, tauchen in der Literatur erst zu Beginn des zwanzigsten
Jahrhunderts auf. 1910 erschien der Roman Im Reich der Homunkuliden
des Wiener Volksschriftstellers Rudolf Hawel. Ein Wissenschaftler
wacht mit seinem Diener nach zweitausendjährigem Schlaf in einer
Gesellschaft von Homunkuliden auf. Es gibt keine Frauen mehr. Die
Fortpflanzung geschieht geschlechtslos, ektogenetisch, seriell. Die
Gesellschaft ist totalitär organisiert. Wie in einem Ameisenstaat
sind jedem exakte Funktionen zugeteilt. Als das Buch erschien, rollte
bei Ford bereits das Modell T vom Band. Mit Biotechnologie hatte all
das wenig zu tun.
Auf wissenschaftliche Erkenntnisse bezogen sich dagegen als Ärzte
und Biologen ausgewiesene Experten wie R. H. Francé, J. B.
S. Haldane, Konstantin Mereschkowskij, Paul Mantegazza oder andere,
die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eugenische Zukunftsromane
verfassten. Sie bedienten sich des Genres, um eigene gesellschaftspolitische
Vorstellungen einem breiten Publikum verständlich zu machen.
Nicht zufällig wird in diesen Zukunftsromanen die geniale, aber
einsame, meist aus der scientific community ausgeschlossene Schöpferfigur
verworfen, die uns bei Mary Shelley als Frankenstein, bei G. H. Wells
als Dr. Moreau oder bei Maurice Renard als Doktor Lerne begegnet.
Da gibt es keinen Wissenschaftler mehr, der, Junggeselle geblieben,
versuchte, ohne Verkehr mit einer Frau ein Kind zu zeugen,
den Mutterboden nachzubilden, ein weiches, nachgiebiges, vor allem
aber eindrucksfähiges Geflecht.
Unter all diesen Texten ist insbesondere Haldanes Essay Daedalus oder
Wissenschaft und Zukunft (1925) zu nennen. Haldane erwähnt neben
anderen Thomas Hunt Morgan, der um 1908 begann, Experimente mit der
Drosophila, einer kleinen Taufliege, durchzuführen. 1911 veröffentlichte
Morgan die erste Chromosomenkarte. Er nennt den Anatomen Edgar Allen
und den Biochemiker Edward Adelbert Doisy, die 1923 Mäusen und
Ratten, deren Eierstöcke entfernt wurden, eine aus Follikeln
von Schweinen gewonnene Flüssigkeit injizierten. 40 bis 48 Stunden
später waren die Nagetiere brünstig, also geschlechtlich
erregt und paarungsbereit. Geschlechtslos gemachte Weibchen warben
um Männchen und ließen sich von ihnen begatten. Haldane
verwies auch auf Experimente mit Nährlösungen, die zeigten,
dass sich Gewebeteile am Leben erhalten oder gar zum Wachsen bringen
lassen. Bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es möglich,
Embryonen einige Tage lang in einem Serum zu kultivieren. 1899 gelang
es dem Experimentalbiologen Jacques Loeb, unbefruchtete Seeigeleier
in einer Lösung mit höherem Salzgehalt als Seewasser zu
lebensfähigen Embryonen heranzuziehen und zur Teilung zu bringen.
Haldane konnte sich selbst auf Versuche beziehen, Embryonen von einem
Weibchen auf ein anderes zu übertragen. Gregory Pincus, der Erfinder
der Pille, führte damals als junger Wissenschaftler
in Haldanes Labor Befruchtungsexperimente an Kaninchen durch.
Ektogenetische Fortpflanzung hieß für Haldane vor allem
endgültige Trennung von Geschlechtsliebe und Zeugung, die Unterwerfung
der Reproduktion unter die kontrollierten Bedingungen des biologischen
Labors. Wenngleich sich die früher übliche Schwangerschaft
günstig auf das Seelenleben des Menschen ausgewirkt
habe und in der ektogenetischen Fortpflanzung die Stillfähigkeit
der Frauen erst durch Injektionen von Plazentin stimuliert
werden müsse, würden doch die Auswirkungen der Selektion
deren Schattenseiten reichlich aufwiegen. Mit jeder neu hervorgebrachten
Generation würde mehr erstklassige Musik hervorgebracht, während
die Zahl der überführten Diebe abnehme. Was bedeutet schon
die Entfernung von Eierstöcken und Gebärmutter angesichts
des Versprechens, die Ektogenese würde die Menschen in einem
völlig neuen Sinne frei machen, die Frauen von der
Last der Schwangerschaft und Geburt befreien? Dass die Entfernung
der Gebärmutter einer Verstümmelung gleichkommt, fällt
für Haldane nicht ins Gewicht. Er hat keine Zweifel daran, dass
sich in Zukunft mit Hormonen nicht allein die Drüsentätigkeit
der Frau, sondern auch eine Art Mutterinstinkt stimulieren lassen
wird. Es ist nur konsequent weitergedacht, wenn die Menschen in der
biotechnisch organisierten Gesellschaft nicht mehr politische Parteien
wählen, sondern über Züchtungsanliegen abstimmen, etwa
für oder gegen Greifschwänze bei den Urenkeln. An die Stelle
der Politik ist die Ästhetik des Warenhauses getreten.
Auf Haldanes Zukunftsvorstellungen reagierte Bertrand Russel mit seiner
Gegenschrift Ikarus oder Die Zukunft der Wissenschaft (dt. 1926).
Er wies das lineare Fortschrittsmodell mit der Feststellung zurück,
die Anwendungen der Wissenschaft könnten nicht von dieser determiniert
werden. Angeregt durch Haldane spielte Aldous Huxley in seinem utopischen
Roman Schöne neue Welt (1932) wichtige von Haldane völlig
unbeachtete Fragen durch und kam zur Schlussfolgerung, dass
die Ektogenese auf die industrielle Produktion von Menschen hinauslaufen
müsse. Bei Huxley hat die ektogenetische Fortpflanzung nicht
eine Veredelung der Menschheit zur Folge. Ein Industriebetrieb benötigt
nicht allein Führungspersonal. Stellen auf mittleren Ebenen müssen
ebenso besetzt sein, wie es einer Unzahl von Kräften
bedarf, die im besten Fall automatengleich alle niederen Aufgaben
erfüllen. Zwar verdanken auch letztere ihre Entstehung bestem
Erbmaterial, sie werden aber im Laufe ihrer Entwicklung mit Hilfe
von Röntgenbestrahlungen, plötzlicher Kälte, Alkohol
oder Sauerstoffentzug behandelt, so dass sie am Ende an Behinderte
denken lassen, die nur begrenzt in der Lage sind, am gesellschaftlichen
Leben teilzunehmen. Dass sie von der Fortpflanzung ausgeschlossen
sind, muss nicht näher ausgeführt werden. Um die ektogenetische
Fortpflanzung noch effizienter zu machen, werden befruchtete Eier,
ehe die eigentliche Embryonalentwicklung beginnt, zu einer Knospung
angeregt. So lässt sich aus jedem einzelnen Ei eine Vielzahl
völlig identischer Individuen züchten.
Bei Huxley wandelt sich Haldanes Labor zur Fabrik, in der die Beschäftigten
in einer höchst arbeitsteiligen Struktur gleichbleibende Handgriffe
ausführen. Er bemüht zwar Ford, tatsächlich lässt
seine Beschreibung eher an die Schlachthöfe von Cincinnati oder
Chicago denken, in denen lange vor Ford Arbeitsabläufe durch
das Fließband organisiert wurden. Huxley war mit den naturwissenschaftlichen
Diskussionen seiner Zeit nicht allein durch seinen Bruder, den Biologen
Julian Huxley vertraut. Er war auch mit Haldane befreundet. Im Gegensatz
zu Haldane wusste er, dass die Naturwissenschaften alles andere als
objektiv, sondern als Teil kultureller und gesellschaftlicher Praxis
zu sehen sind.
Bereits einige Jahre zuvor hat Konrad Loele in Züllinger und
seine Zucht (1920) nahezu alle Überlegungen von Huxley vorweggenommen.
Einem Chemieprofessor namens Züllinger gelingt es, ein Verfahren
zur Produktion von Kunstfleisch zu entwickeln. Fleischstücke
in Nährlösungen, denen wachstumsfördernde Fermente
beigesetzt sind, schieben ununterbrochen einen Strang neuer
Muskelfasern aus sich heraus. In ähnlicher Weise werden
Kuheuter zur permanenten Milchproduktion angeregt. Seine Erfahrungen
mit Nährlösungen überträgt Züllinger auf
die ektogenetische Fortpflanzung von Menschen, nicht ohne das Verfahren
vorerst in Tierversuchen zu überprüfen. So zerschneidet
er die Gebärmutter einer Maus in kleine Stücke und lässt
diese in einer Nährlösung zu Trägermedien für
die ähnlich behandelten und schließlich befruchteten Eizellen
anwachsen. In der Folge erweist es sich als schwieriger als angenommen,
die im Tierversuch gesammelten Erfahrungen auf menschliche Organe
zu übertragen: Die ersten Versuche ergaben überhaupt
nur große Klumpen von häutigen Wucherungen, die mit Haarbüscheln,
Horngebilden und einer Unzahl halbverfaulter Zähne durchsetzt
waren. Statt Embryonen entwickeln sich Teratome, Keimzellentumore.
Dennoch gelingt es Züllinger schließlich, ektogenetisch
gesunde Menschen zu produzieren. Da diesen bestenfalls die Funktion
von Arbeitssklaven zukommt, wird jeder von ihnen mit einer Verblödungsspritze
behandelt und zwangssterilisiert: Im Röntgenraum fand eine
kurze, aber außerordentlich intensive Bestrahlung der neunzehn
Züchtlinge statt, die ihnen für immer die viehischen Gelüste
vertrieb. Die nummerierten Züchtlinge, sie werden in der
Regel mit einem Hundenamen gerufen, können ohne Umstände,
oft einfach der Unterhaltung oder fraglicher medizinischer Experimente
wegen, getötet werden.
Loeles Buch nimmt in sarkastisch-satirischer Weise Deutschlands Entwicklung
zu einem totalitären Staat vorweg. Sein Chemieprofessor Züllinger
ist im Gegensatz zu H. G. Wells Dr. Moreau eine durchaus sympathisch-schrullige
Figur, deren Erfindungen sich vor allem dem Bemühen verdanken,
in einem totalitären Staat zu überleben. Züllinger
selbst ist davon bedroht, mit der von ihm erfundenen Verblödungsspritze
behandelt oder getötet zu werden. Loeles Buch ist Trash im besten
Sinn, gesammelter und geordneter Abfall, so verdichtet, dass selbst
heutige Leser zwischen Schrecken und Lachanfällen hin- und her
gerissen sind. Über den Autor ist so gut wie nichts bekannt,
abgesehen von den drei Büchern, die noch an seine Existenz erinnern.
Die damals genauesten Züchtungsbeschreibungen finden sich bei
Ludwig Dexheimer, der unter dem Pseudonym Ri Tokko den prognostischen
Roman Das Automatenzeitalter (1931) veröffentlichte. Im Jahr
2500 führen alle Menschen ein sorgenfreies Leben. Die Technik
ist so weit entwickelt, dass menschliche Arbeit, abgesehen von Ehrenämtern
weniger, überflüssig geworden ist. Dank systematisch praktizierter
Eugenik sind Krankheiten äußerst selten geworden. Die Fortpflanzung
geschieht ektogenetisch. Die Frauen, die infolge sorgsamer Auslese
von besonderer Schönheit sind, gebären nicht mehr, denn
ihre vollendeten Körper würden dadurch, und sei es nur vorübergehend,
entstellt. Wenngleich Narkose und Anästhesie schon lange früher
dem Geburtsakt das Schmerzhafte genommen hätten, habe doch erst
die ektogenetische Fortpflanzung die Frau vom Fluch befreit, Kinder
unter Schmerzen gebären zu müssen. Dank Ektogenese ist die
Frau nicht mehr gezwungen, schwach, schutzbedürftig und hilflos
zu sein.
Die Früchte wachsen in sogenannten Uteratoren heran.
Ihre sorgfältig geplante Produktion geschieht maschinell und
automatisch. Eltern gibt es nur noch im biologischen Sinn. Sie liefern
einzig die Geschlechtszellen. Sie bekommen sich weder gegenseitig
zu Gesicht, noch erfahren sie je, ob und welches Kind sich ihren Anlagen
verdankt. Den Mädchen wird von Beginn an aller Mutterinstinkt
abtrainiert. Nicht länger ist der Mensch das Produkt zufälliger
Umstände, sondern das Ergebnis sorgfältiger Veredlungsarbeit,
also mehr ein Kunst- als ein Naturprodukt. Die Welt hat sich in eine
einzige Zuchtanstalt verwandelt. Obwohl nach 500 Jahren angewandter
Eugenik die meisten Menschen dem angestrebten Ideal entsprechen, kommen
für die Fortpflanzung nur jene in Frage, die sich aus Sicht der
genetischen Abteilung durch die denkbar günstigsten
Eigenschaften von der Masse abheben. Zu diesem Zweck werden die Qualitäten
der Vorfahren jedes Einzelnen in Genetogrammen erfasst
und tagtäglich einer Untersuchung durch einen vollautomatischen
Hygienographen unterworfen.
Sollten Menschen je in Retorten herangezüchtet werden, so gäbe
es nicht länger eine Geburt im eigentlichen Sinn. Es ist nicht
uninteressant, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die nur noch Menschen
kennt, die alle bereits vor ihrer Geburt Objekte intensivmedizinischer
Behandlung waren. Bei Haldane wird der ektogenetisch produzierte Nachwuchs
einfach an die Luft gebracht, bei Huxley entkorkt,
bei Loele werden die Kunstmenschen aus einem Nährteig und Eihüllen
befreit, bei anderen werden die Fruchtblasen, die wie Schweine in
einem Schlachthof an Arbeitern vorbeischweben, mit einem Messer aufgeschnitten,
das austretende Fruchtwasser wird gesammelt und einer Wiederaufbereitungsanlage
zugeführt. An die Stelle des Geburtsaktes tritt die Entnahme
einer standardisierten Ware, eines Massenprodukts, aus ihrer Verpackung.
Alle Waren gelten als geschichtslos, neutral. Sie sollen nur das sein,
was sie vorgeben zu sein. An ihre Entstehung sollen sie keinesfalls
erinnern. So betrachtet ist es nur konsequent, wenn die Körper
der Toten nicht bestattet, sondern der Wiederverwertung zugeführt
werden. Sie dienen der Phosphorgewinnung und Kunstdüngerproduktion.
Über den Umweg der Pflanzen gelangen sie wieder in die Mägen
der Menschen.
Die heutige Reproduktionsmedizin kennt weder Bruträume noch Fließbänder,
die nach vorgegebenem Plan bedarfsgerecht Nachwuchs ausstoßen.
Die Vorstellung, Kinder in der Retorte heranzuzüchten, hat sich
entgegen allen Vorhersagen bislang nicht behauptet. Wie sollte es
auch möglich sein, ein so komplexes Organ wie die Gebärmutter
nachzubilden? Warum sollte dies ökonomisch sinnvoll sein, da
sich doch in absehbarer Zeit genügend junge Frauen finden lassen,
die gegen entsprechende Anreize diesbezügliche Funktionen übernehmen.
Zweifellos werden an die Stelle früherer Ammen Austragemütter
treten. Sie werden sich aus den untersten Schichten der Gesellschaft
rekrutieren. In ihnen werden die Dienstmädchen früherer
Zeiten wiederkehren. Unterschiedliche Dienstleistungsbetriebe werden
sich auf die Rekrutierung von Austragemüttern, ihre Betreuung
und Kontrolle, auf die Embryonenproduktion wie den Embryonentransfer
bis hin zu den damit verbundenen rechtlichen Fragen spezialisieren.
Es wird keine Frage der Ausbildung sein, Austragemutter zu werden.
Freilich werden nur Frauen in Frage kommen, die jung und gesund sind,
deren psychologische Testergebnisse neben der Bereitschaft, sich der
nötigen Disziplin zu unterwerfen (nicht rauchen, nicht trinken,
regelmäßige Kontrollen), vor allem erwarten lassen, das
von ihnen ausgetragene Kind nicht emotional zu besetzen. In der Regel
werden sie Mehrlinge zur Welt bringen. Werden drei Embryonen transferiert,
so werden 28 Prozent der jungen Frauen Zwillinge, etwa fünf Prozent
von ihnen Drillinge gebären. Es wird gesetzliche Regelungen geben,
in denen (Mindest-)Rechte und Pflichten von Austragemüttern festgehalten
sind. Neben all den damit verbundenen Unschärfen wird freilich
noch längere Zeit unklar bleiben, für welche Leistung Austragemütter
abgegolten werden. Lässt sich das Austragen einer Schwangerschaft
als Arbeit bezeichnen? Was wird bezahlt? Der Verschleiß des
Körpers? Der Verzicht auf ein eigenes Kind? Sich vielfältigsten
medizinischen Untersuchungen zu unterwerfen, sich auch schmerzhaften
Eingriffen unterziehen zu müssen? Dafür, zwar ein Kind geboren
zu haben, dieses aber nicht das eigene nennen zu dürfen?
Wer es sich leisten kann, wird die Dienste von Austragemüttern
in Anspruch nehmen. So wird weder der eiene Körper verunstaltet
noch die Karriere durch eine Schwangerschaft unnötig unterbrochen.
Frauen können selbst dann Mutter werden, wenn sie sich nicht
mehr im gebärfähigen Alter befinden. Es bedarf nur weniger
Termine. Dank einer hormonellen Behandlung lassen sich im besten Alter
genügend Eizellen gewinnen, mit dem gewünschten Samen befruchten
und die so gewonnenen Embryonen nach entsprechender Diagnostik für
einen späteren Zeitpunkt in flüssigem Stickstoff vorrätig
halten.
Im Humanbereich beschränken sich die diesbezüglichen Techniken
bislang auf Kinderwunschpatientinnen. Sogenannte Leihmütter
bilden dabei noch die Ausnahme. In der Rinderhaltung kommen dagegen
die heutigen Reproduktionstechniken umfassend zur Anwendung, weil
es darum geht, möglichst viele Nachkommen von züchterisch
interessanten Individuen zu bekommen, also das genetische Potenzial
hinsichtlich der Selektion auf Leistung, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit
und Gesundheit mit der Konsequenz der Ausmerzung unwirtschaftlicher
Individuen voll auszuschöpfen. Aus einem Embryo lassen
sich bis zu acht genetisch identische Nachkommen erzeugt. Bereits
im Präimplantationszeitraum durchgeführte Selektionen ermöglichen
erhebliche zeitliche Vorteile und ersparen unnötige Tragezeiten.
Während es mit Hilfe der künstlichen Befruchtung möglich
war, aus hochwertigem Samenmaterial weniger Stiere abertausende Nachkommen
zu züchten, so waren beim weiblichen Zuchtmaterial
enge Grenzen gesetzt. Leistungsfähige Kühe konnten ihre
Eigenschaften nur an wenige Kälber weitergeben. Die Möglichkeiten
der heutigen Biotechnologie erlauben es, das Erbmaterial von Kühen
besser zu nutzen. Es können auch Follikel entnommen werden, die
außerhalb des Körpers zur Reife gebracht werden. Eizellen
lassen sich bereits vor der Geschlechtsreife, selbst in frühester
Kindheit gewinnen. Weiter: Embryoproduktion als Vornutzung vor dem
Austragen. Follikelpunktion bei Kühen, die zu Tode gekommen sind.
Mehrfach wiederholte Follikelpunktion ohne Hormoneinsatz. Embryoerzeugung
bei Individuen, die pathologisch-anatomische Störungen in den
dem Ovar nachgeschalteten Organbereichen haben.
Allein im Jahr 2002 wurden etwa 630000 Embryonen gewonnen, von denen
knapp die Hälfte direkt übertragen, der Rest tiefgefroren
wurde. Der Architekt Sigfried Giedion schrieb in seinem 1948 erstmals
erschienenen Standardwerk Die Herrschaft der Mechanisierung angesichts
der in der Tierhaltung praktizierten künstlichen Befruchtung,
es sei ein gefährlicher Punkt erreicht, wenn die Zeugung zu einem
mechanisierbaren Vorgang werde. Angesichts heutiger Fortpflanzungstechnologien
erscheint eine künstliche Besamung als geradezu steinzeitlicher
Vorgang. Die Erfolge der Reproduktionsmedizin in der Tierzucht sind
unbestreitbar. So hat sich die Milchleistung bei Rindern in den letzten
fünfzig Jahren nahezu verdoppelt, mag sich ein Teil dieser enormen
Leistungssteigerung auch einer besseren Fütterung oder anderen
Faktoren verdanken. Man sollte aber nicht außer Acht lassen,
dass all diese Rinder einer lebenslangen veterinärmedizinischen
Behandlung bedürfen, dass diese Hochleistungskühe eigentlich
als krank zu gelten haben. Genau genommen sind solche Tiere nur lebensfähig
in künstlich geschaffenen, technischen Biotopen.
Auf den Menschen lassen sich die hier entwickelten Modelle allerdings
nur bedingt übertragen. Im Gegensatz zu Tieren ist die Fortpflanzung
beim Menschen in höchstem Maß mit Bedeutungen überfrachtet.
Dexheimer schreibt, mit Rindern habe man es leichter, da gebe es selbst
bei der seltsamsten Kreuzung keine psychologischen Momente.
In Anlehnung an Frank Wedekinds Mine-Haha beschäftigt sich Kazuo
Ishiguro in seinem Roman Alles, was wir geben mussten (2005) mit der
Frage, wie eine Sozialisation beschaffen sein müsste, damit Klone,
deren einzige Funktion darin besteht, als lebende Organbanken zur
Verfügung zu stehen, sich den Erwartungen entsprechend verhalten.
Seine Überlegungen mögen erschrecken, sie sind aber überzeugend.
Ishiguros Klone fügen sich in ihr vorgegebenes Schicksal. Bedauerlicherweise
wird der Roman der Unterhaltungsliteratur zugeordnet, als fiktives,
aber durchaus denkbares Modell nicht ernst genommen. Dagegen löste
Peter Sloterdijks Elmauer Vortrag, der unter dem Titel Regeln für
den Menschenpark erschien, eine heftige Kontroverse aus, und dies,
obwohl der Autor sich dabei bestenfalls in Andeutungen ergeht, die
der Leser auf die eine oder andere Weise zu interpretieren hat. Sloterdijk
forderte, das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken
zu formulieren. Menschenzüchtung finde längst statt,
sie habe immer stattgefunden, heute gehe es um eine gattungspolitische
Entscheidung, man müsse die Karten offen auf den
Tisch legen, sagen, was für eine Art Mensch wir künftig
haben wollten.
Menschenpark! Hätte sich Sloterdijk doch mit den eugenischen
Zukunftsromanen beschäftigt! In den meisten von ihnen leben die
Menschen in Parklandschaften. Mögen sie noch so gesund sein,
sie haben sich an klassizistischen Körperstandbildnissen zu messen,
die allerorts zu sehen sind. Sloterdijks Klage um den herrschenden
Geburtenfatalismus, der die Fortpflanzung den Launen der
Natur überlasse, findet sich in diesen Zukunftsromanen ebenso
wie die Forderung nach einer demokratiefreien Arbeitsgemeinschaft
aus echten Philosophen und einschlägigen Gentechnikern, die nicht
länger moralische Fragen erörtern, sondern praktische Maßnahmen
ergreifen. Wie die damaligen Eugenikbefürworter setzt Sloterdijk
der vertrackten gesellschaftlichen Wirklichkeit einfache biologistische
Heilsversprechen entgegen.
Es fehlt nicht an Experten, unter ihnen auch Philosophen, die sich
darum bemühen, Rahmenbedingungen für die Biotechnologie
zu formulieren, mehr noch, die letztlich auch darüber entscheiden,
was für eine Art Mensch wir künftig [nicht] haben
wollen. Die Arbeit solcher Kommissionen zeigt nicht allein,
dass die Grenzziehung zwischen Behandlung und Züchtung höchst
unscharf ist, sondern dass ihre Festlegungen den biotechnologischen
Entwicklungen hinterherhinken, dass neue Erkenntnisse stets zur konkreten
Anwendung drängen.
1908 beschäftigte sich das Deutsche Reichsgericht erstmals mit
der Frage der künstlichen Befruchtung. Der Kläger bestritt
die Vaterschaft, habe doch ohne sein Zutun und gegen seinen Willen
eine künstliche Zeugung stattgefunden. Das Reichsgericht
sah in der künstlichen Befruchtung kein Surrogat für
die normale Zeugung und gab dem Kläger Recht. Ein Sachverständiger,
der dem Verfahren hinzugezogen wurde, verneinte gar die Möglichkeit
einer künstlichen Befruchtung. Trotz der Erfahrungen aus der
Tierzucht sowie aus zahllosen Experimenten bezweifelten damals nicht
wenige Ärzte die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung
beim Menschen. Es sollte nicht einmal hundert Jahre dauern, bis in
einem richtungsweisenden Verfahren das in-vitro gezeugte Kind nicht
der Frau, die es geboren hat, sondern der genetischen Mutter bzw.
den genetischen Eltern zugesprochen wurde. In den nächsten Jahren
wird die Reproduktionsbiologie zweifellos mit Optionen aufwarten,
an die selbst Biologen noch vor kurzer Zeit nicht zu glauben wagten.
Es lohnt sich heute wieder, Günther Anders zu lesen. Seine vor
einem halben Jahrhundert formulierte Behauptung, wonach die Technik
zu einem Subjekt der Geschichte geworden sei, ist angesichts der heutigen
Biotechnologie von großer Aktualität. Günther Anders
hält das Gekonnte nicht nur für das Gesollte, sondern das
Gesollte für das Unvermeidliche. Für ihn droht die Biotechnologie
den Menschen zu einem Produkt zu machen, welches ähnlich Konsumgütern
bereits überholt ist, sobald es ausgeliefert oder geboren wird.
Ausliefern meint nicht allein den Transport von Waren
zum Endverbraucher, sondern auch dem Tod preisgeben. Ein
mit Hilfe der Biotechnologie produzierter Mensch wird vor allem ein
mangelhaftes Produkt sein, er wird im Wissen leben müssen, dass
nachfolgende Generationen (Serien) mit glänzenderen Brusthaaren,
größeren Brüsten, leistungsfähigeren Gehirnen,
einer höheren Toleranz gegen radioaktive Stoffe, geringerer Allergieneigung
und so fort ausgestattet sein werden. Die Biotechnologie verspricht
einen schönen, gesunden und störungsfreien Menschen, dabei
gerät dieser in die Verwandtschaft zu Staubsaugern, Autos oder
anderen trivialen Konsumgegenständen. Hier liegt auch der wesentliche
Grund, warum die Science Fiction genügend Texte kennt, in denen
das Recht auf Dummheit, Sprachlosigkeit, selbst das auf Schmerz und
Tod eingeklagt wird.
Es ist kein Zufall, dass sich in die Romane der Menschenzüchtung
immer wieder die Produktion und der Konsum von Waren drängen,
auffallenderweise selbst bei jenen, die wie Haldane oder Dexheimer
vehement biologistisch-eugenische Positionen vertreten. Und wenn uns
diese noch etwas lehren, dann vor allem, dass Anthropotechniken untrennbar
mit Thanatotechniken verknüpft sind. Gibt es Experten, die über
den Beginn des Lebens bzw. das Leben entscheiden, dann wird auch der
Tod neu definiert. Bereits in Hawels Trivialroman wird die fabrikmäßige
Herstellung von Menschen mit ihrer Tötung, eigentlich Entsorgung,
assoziiert. Zeigen Homunkuliden Störungen, die man früher
als Vergehen oder Verbrechen gerichtlich geahndet hätte, werden
sie Ärzten und Spitälern zugewiesen, sie kommen in die Fabrik
zurück, aus der sie hervorgegangen sind. Lässt sich der
Fehler nicht beheben, dann wird das Exemplar nicht wieder aus
dem Schlaf erweckt.
Je schöner die durch Züchtung entwickelten Menschen, umso
brachialer sind die Methoden, sich jener zu entledigen, die dem vorgegebenen
Ideal nicht entsprechen. Im Zukunftsroman des russischen Biologen
Konstantin Mereschkowskij Das irdische Paradies (1903) ist die heile
Welt Ergebnis grenzenloser Gewalt, angefangen bei der Sterilisation
bis hin zur systematischen Ausrottung all jener Menschen und Völker,
die nicht den Vorgaben der Biologen entsprechen. Frauen mit Fehlern,
es genügen zwei Brüste, die nicht schön sitzen, sind
dazu verurteilt, kinderlos zu bleiben, um ihre Fehler nicht an ihre
Nachkommen weiterzugeben. Die Idealmenschen werden, wenn sie auch
nur die ersten Anzeichen von Krankheit oder Alter zeigen, mit einem
stark wirkenden Gift getötet, welches den sicheren Tod
herbeiführt. Wer zum Krüppel geworden ist, und sei
er durch fremde Schuld erblindet, begibt sich aus eigenem Antrieb
in die Halle des Vergessens. Das macht nur, wer sich als
Mängelexemplar begreift. Und es beginnt allemal mit Sortieranlagen.
In den eugenischen Zukunftsromanen finden sich denn auch Fließbänder,
die Neugeborene durchlaufen, um dann, wenn sie nicht die erforderliche
Punkteanzahl erreichen, thermisch oder auf andere Weise
getötet zu werden: Er ließ eine Feder schnappen,
man hörte einen von einem kleinen Knall begleiteten Seufzer.
Das Kind, von einem 2000 Grad heißen Luftstrom umflutet, war
verschwunden, und es blieb nichts als ein Häuflein Asche übrig.
Zweifellos werden sich die ausgemusterten oder zu anderen Zwecken
verwerteten Embryonen in jenen Alten wiederfinden, die als
beziehungslos und unnütz definiert mit Hilfe modernster
Medizin entsorgt werden, und zwar schmerzlos. Man muss sich mit Tierzucht
beschäftigen. Hier findet sich das große Experimentierfeld
für die Organisation allen Lebens. Vor allem die heutige Rinderhaltung
erscheint mir diesbezüglich als beängstigendes Modell. Wir
haben es mit nahezu selbststeuernden Systemen zu tun, in welche sich
die Kühe aus eigenem Antrieb einfügen. In solchen Betrieben
sind Genetogramme, Hygienographen und die
serielle Produktion von Leben längst Wirklichkeit. Ein Computerprogramm
bestimmt nicht allein dank rund um die Uhr gesammelter Daten, wann
eine Kuh in die Besamungsbox dirigiert wird, es mustert selbsttätig
Kühe für den Abtransport in den Schlachthof aus. Die Zukunft
hat bereits begonnen.