Nummer 9, März 2006                                    



 

FrauenFragen

Retten Frauen die Welt?

Von Eva Herold


Damen, die sich öfters im Dunstkreis von Medien, Macht und Glamour aufhalten, reden viel von „Networking“ und dass wir endlich für uns selbst sprechen können – kurz, dass es an den Frauen sei, die Welt zu retten. Ach, ich weiß nicht. Schön, wir schmücken uns jetzt mit einer Bundeskanzlerin. (Sie hat zumindest bewiesen, dass sie intelligenter ist als Bayern-Ede und die anderen Testosteron-Pfauen. Was für eine Überraschung.) Das wiederum macht unserer altersmild gewordenen Feminismus-Ikone Alice Schwarzer „Hoffnung“. Muss ein schönes Gefühl sein. Sogar verständlich – hat doch die Frauenbewegung so lange dafür gekämpft, dass wir auch was zu sagen haben. Nur: Hier an der Basis reden Frauen schon seit einiger Zeit mit, und das gibt wenig Anlass zu irgendwelchen Hoffnungen.

Im real existierenden Deutschland vollzieht sich nämlich eine absolut gespenstische Wende – hin zu einem weiblich dominierten Neo-Spießbürgertum. Dieses Phänomen kriegt anscheinend keins der Medien-, Macht- oder Glamour-Mädels hautnah genug mit, um mal zu fragen: „Seid ihr alle wahnsinnig geworden?“ Denn was sich beim Fußvolk abspielt, lässt einen nun wirklich nicht glauben, dass Frauen es auf lange Sicht auch nur einen Hauch besser machen werden. Im Gegenteil. Der Alltag wird schlimmer. Früher trat zum Beispiel sozial unverträgliches Verhalten bei Frauen oft erst ab einem gewissen Alter auf und wurde für eine Erscheinungsform hormonell bedingten Irreseins gehalten. Wenn etwa die alte Schachtel von gegenüber anruft und sich beschwert, dass deine Katze schon wieder die Notdurft in ihrem Gemüsebeet verrichtet hat, denkst du: Naja, die mag halt keine Tiere und hat gern einen ordentlichen Garten. Oder wenn das wirklich ungefährlich aussehende Hündchen meiner Freundin Christiane schmachtenden Blicks vor einer reiferen Dame sitzen bleibt, die im Park ein halbes Hühnchen aus dem Papier verzehrt, woraufhin die meine Freundin anplärrt, sie möge ihr sofort den Köter aus den Augen schaffen. Christiane streift die Mitbürgerin mit einem nachsichtigen Blick, subsumiert das Keifen unter „Wechseljahresproblematik“ und zieht angeleinten Hundes von dannen. Nicht ohne der anderen versichert zu haben, dass, könnte jeder alles – und sei es nur ästhetisch – Störende aus seinem Blickfeld entfernen, diese spezielle Parkbank ganz gewiss frei wäre.

Nun erlebe ich aber seit einiger Zeit in der Nachbarschaft auch Szenen mit Dreißigjährigen, gegen die sich meine konventionelle Fünfzigerjahre-Mutter wie eine lebensfrohe, von den Ideen der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung beflügelte Person ausnimmt. Als hätte es Achtundsechzig nie gegeben, echauffieren sich diese Neu-Spießerinnen bei den Eigentümerversammlungen für ihre gerade angezahlten Leichtbauweise-Schuhschachteln allen Ernstes über Themen wie: Es könne doch nicht angehen, dass ihre Pisa-blöden Blagen zehn Meter über Schotter zur Bushaltestelle gehen müssen – das Stück Weg solle gefälligst sofort geteert werden.

Oder, mindestens so gaga: Mein neugieriger Hund lief in diesem Neubauviertel durch ein offenes Gartentürchen und betrat durch die ebenfalls offenstehende Verandatür unbefugt den frisch verlegten Teppichboden einer dieser brandneuen Mittelklasse-Eigentumswohnungen. Folge: Er hinterließ ein paar Staubspürchen. Das gab ein Geschrei. Als ich nach vielen höflichen Entschuldigungen, und nachdem ich einen minutenlangen Hausfrauen-Vortrag über mich hatte ergehen lassen, dann doch die Geduld verlor und der jungen Mutter erklärte, was ich von dieser Form der Kommunikation halte, hetzte sie mir ihren gleichaltrigen Mann hinterher, der vor Wut zitternd die Polizei (!) rief, mich fotografierte (!!) und wegen Beleidigung und Hausfriedensbruch (!!!) anzeigte. Als ob der arme Kerl zu Hause viel Frieden hätte. Ich meine, es ist ja total süß, dass einer seine Gattin so ritterlich gegen wildfremde Nachbarinnen und deren Haustiere verteidigt. Und, wie mir die diensthabende Beamtin auf dem örtlichen Revier mitteilte, durchaus kein Einzelfall: Unsere Mitbürger neigen derzeit verstärkt dazu, sich wegen der albernsten Kleinigkeiten gegenseitig vor den Kadi zu zerren. Was ist da schiefgegangen?

Meine Theorie: Eine große Lebensangst („Tiere sind irgendwie schmutzig und alle Wauwaus potenzielle Kampfhunde“) und die dazu passenden Absicherungs-Fantasien („Wenn sich mein Schwererziehbarer auf einer Schotterstraße die Knie aufschürft, steht uns Schmerzensgeld zu“) bilden eine Art passiv-aggressive Grundgestimmtheit. Darein mischt sich allerliebst die – von den Medien geschürte – allgemeine Zukunftsangst. Wenn diese Faktoren nun auf Bereiche einwirken, in denen Frauen traditionell das Sagen haben, resultieren daraus: wahnsinnig aufgeräumte Wohnungen, überbehütete Kindermonster, Elternbeirats-Terrorismus an den Schulen und Ikea/Segmüller/Alno als geschmacksbildende Institutionen. Keine unbedingt glückliche Kombination.

Man könnte natürlich argumentieren, dass mündige Staatsbürger gleich welchen Alters und Geschlechts, die ihr Selbstbewusstsein vorrangig aus der Tatsache beziehen, Steuerzahler zu sein, ohnehin nicht die tiefsinnigsten Gesprächspartner abgeben. Ein befreundeter Psychotherapeut merkte außerdem an: Die Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung in unserer auf Sicherheit und Ordnung fixierten Gesellschaft bringt nicht nur das Verordnungswesen, sondern auch die Angstneurosen zum Blühen. Und Angst erzeugt neben dem Fluchttrieb (aber wohin, bitteschön? Wo wär’s denn noch sicherer?) eben Aggression. Den Gedanken daran, was alles passieren kann, wenn Deutsche aggressiv werden, finde ich nicht allzu beruhigend, nebenbei gesagt.

Worauf ich hinauswill: Wie, genau, werden also ausgerechnet Frauen die Welt zu einem angenehmeren Ort machen? Wo ist da das Networking? Wer hat hier den Mut, für sich selbst zu sprechen? Na gut, wenn’s um den Sauberkeitsstandard von Teppichböden geht, vielleicht. Und um Kindererziehung, Gott beschütze uns. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, was eigentlich aus der Frauenbewegung geworden ist; mittlerweile befürchte ich jedoch, das ist der falsche Ansatz. Die richtige Frage müsste eher lauten: War die Frauenbewegung möglicherweise ein Irrweg? Bitte schreiben Sie jetzt keine wütenden Leserbriefe – schon vor langer Zeit äußerten Ester Vilar und Camille Paglia die Vermutung, dass wir blöden Gänse die Emanzipation gar nicht verdient haben. Und deren Bücher haben Sie sich doch damals brav ins Regal gestellt.