|
|
|
|
|
Jetzt ist es passiert: Ich kann das Wort Dialog nicht
mehr hören. Eine dänische Zeitung veröffentlicht Karikaturen,
Muslime in aller Welt sind empört oder lassen sich empören,
und die üblichen Verdächtigen kochen über dem Feuer der
brennenden Flaggen ihre Suppen. Wir im Westen verlangen von den Muslimen,
sie sollten sich endlich stärker, sichtbarer, entschiedener von
Gewalt und Terrorismus distanzieren. Dann nämlich fiele es uns
leichter, zwischen friedlichen und fanatischen Muslimen zu unterscheiden.
Jetzt schalte ich also ab, wenn jemand Dialog
sagt oder schreibt; ich habe ihn im Verdacht, er verfolgt damit eine
ganz andere Agenda (z.B. Regierender Bürgermeister zu werden),
bringt sich im Kampf, nicht der Kulturen, sondern um das knappe Gut
Aufmerksamkeit wohlfeil ins Spiel und vor die Kamera. |
|
Man braucht sich auch nur einmal die vielfältigen Förderungsinitiativen für Schüler mit Migrantenhintergrund anzusehen: ein geradezu unendliches Angebot von Kommunen und politischen Stiftungen, in bürokratischer Sprache u.a. Lernhilfen, Hausaufgabenbetreuung, Führen eines Bewerbungsgesprächs, Stützunterricht in Sozialkunde genannt. Niemand sagt, dass das genug ist, dass dort alles zum Besten steht oder große Erfolge winken. Aber hier werden, abseits der Nachrichten, ohne Fernsehen, ohne hysterische Aufmerksamkeit, alltäglich Dialoge eingerichtet und gepflegt. Nicht zwischen Kulturen, sondern mit Menschen. Den hohen Dialog aber hätten wir besser schon vor einigen Jahrzehnten
angefangen, da hätten wir ihn nämlich noch in aller Ruhe
haben können (wenn wir ihn gewollt hätten, aber damals waren
wir uns zu gut dafür). Die Chance hätte zum Beispiel, man
glaubt es kaum, der libysche Staatschef geboten, der sich 1972 mit
arabischen Intellektuellen in Kairo traf und in aller Offenheit über
die Entwicklungszwänge der arabischen Länder diskutierte,
einschließlich der Frage einer Reformation des Islam
(eine Forderung, die neulich auch der frühere Mufti von Marseille,
Soheib Bencheikh, erhoben hat). Wir bringen ein Protokoll der Diskussion
in diesem Heft (Seite 79). Andererseits: Wenn wir einmal, mit unserem
Autor Oskar Holl, die Kultur des Mittelmeers ins Auge
fassen (Seite 46), haben wir mit den südlichen Anrainern womöglich
mehr gemeinsam, als wir wissen wollen. Und wenn schon Dialog: Ganz
Mutige könnten ja, wie Hans Durrer, zeitweise als Gastarbeiter
in ein muslimisches Land gehen (Seite 58) PS in eigener Sache |