Nummer 9, März 2006



Editorial
 


 

Jetzt ist es passiert: Ich kann das Wort Dialog nicht mehr hören. Eine dänische Zeitung veröffentlicht Karikaturen, Muslime in aller Welt sind empört oder lassen sich empören, und die üblichen Verdächtigen kochen über dem Feuer der brennenden Flaggen ihre Suppen.
Da meldet sich Botho Strauß wieder zu Wort, Kardinal Lehmann bringt sich ins Spiel, der Papst ist auch schon da, der Weltkirchenrat berät, der österreichische Bundeskanzler ist „mit Tirolerhut“ (Der Standard) dabei, unsere eigene Bundeskanzlerin stellt sich dazu in die Nachrichten, der Außenminister gleich hinterher, und selbst Michel Friedman, unruppig und geläutert, zeigt sich dialogbegeistert.
Hatten wir das alles nicht schon mal? Aber ja, nach dem 11. September. Und wo war dann der angeblich immer schon so dringliche Dialog (sei es „der Religionen“, sei es „der Kulturen“) diese viereinhalb Jahre?

Wir im „Westen“ verlangen von den Muslimen, sie sollten sich endlich stärker, sichtbarer, entschiedener von Gewalt und Terrorismus distanzieren. Dann nämlich fiele es uns leichter, zwischen friedlichen und fanatischen Muslimen zu unterscheiden.
Gleichzeitig nehmen wir ihnen übel, dass sie mit dem Finger auf Guantánamo und den Irak zeigen, wenn wir nur schüchtern „Pressefreiheit“ rufen. Dass sie uns Doppelmoral vorwerfen.
Aber wo bleibt, auch nur auf deutscher Seite, eine starke, sichtbare, entschiedene Distanzierung von dieser finsteren Gewalt in unserer eigenen Sphäre? Gut, Frau Merkel hat das Thema Guantánamo einmal „angesprochen“. Aber haben wir unseren Botschafter zur Berichterstattung zurückgerufen? Haben wir diesen Gulag der Vogelfreien vor den UN-Sicherheitsrat gebracht, eine Resolution verlangt? Nein. Aus einem einfachen, realpolitischen Grund: Die USA sind mächtig, und wir stehen in dem langen Schatten, den sie werfen. Wir schonen sie.
Zurück den Muslimen. Haben wir tatsächlich das Recht, von ihnen Distanzierung zu verlangen, solange wir selbst dazu unfähig sind?

Jetzt schalte ich also ab, wenn jemand „Dialog“ sagt oder schreibt; ich habe ihn im Verdacht, er verfolgt damit eine ganz andere Agenda (z.B. Regierender Bürgermeister zu werden), bringt sich im Kampf, nicht der Kulturen, sondern um das knappe Gut Aufmerksamkeit wohlfeil ins Spiel und vor die Kamera.
Dort aber, wo nie eine Kamera steht, wo nie etwas Spektakuläres passiert, wo das Leben mehr oder weniger ruhig seinen alltäglichen, verwickelten, harmoniebedürftigen, immer neu ausgehandelten Gang geht, in unserer Gesellschaft unterhalb der medialen Erregungsschwelle und abseits der peinlich vorhersehbaren Empörungen, findet ein anderes Zusammenleben zwischen Deutschen und Migranten statt, beileibe nicht reibungslos, nicht ohne lange, lebhafte Diskussionen, vielleicht nicht immer „friedlich“, aber aktiv auf Ausgleich gerichtet, Gerechtigkeit und Anerkennung.

Man braucht sich auch nur einmal die vielfältigen Förderungsinitiativen für Schüler „mit Migrantenhintergrund“ anzusehen: ein geradezu unendliches Angebot von Kommunen und politischen Stiftungen, in bürokratischer Sprache u.a. „Lernhilfen“, „Hausaufgabenbetreuung“, „Führen eines Bewerbungsgesprächs“, „Stützunterricht in Sozialkunde“ genannt. Niemand sagt, dass das genug ist, dass dort alles zum Besten steht oder große Erfolge winken. Aber hier werden, abseits der Nachrichten, ohne Fernsehen, ohne hysterische Aufmerksamkeit, alltäglich Dialoge eingerichtet und gepflegt. Nicht zwischen Kulturen, sondern mit Menschen.

Den hohen Dialog aber hätten wir besser schon vor einigen Jahrzehnten angefangen, da hätten wir ihn nämlich noch in aller Ruhe haben können (wenn wir ihn gewollt hätten, aber damals waren wir uns zu gut dafür). Die Chance hätte zum Beispiel, man glaubt es kaum, der libysche Staatschef geboten, der sich 1972 mit arabischen Intellektuellen in Kairo traf und in aller Offenheit über die Entwicklungszwänge der arabischen Länder diskutierte, einschließlich der Frage einer „Reformation“ des Islam (eine Forderung, die neulich auch der frühere Mufti von Marseille, Soheib Bencheikh, erhoben hat). Wir bringen ein Protokoll der Diskussion in diesem Heft (Seite 79). Andererseits: Wenn wir einmal, mit unserem Autor Oskar Holl, die „Kultur des Mittelmeers“ ins Auge fassen (Seite 46), haben wir mit den südlichen Anrainern womöglich mehr gemeinsam, als wir wissen wollen. Und wenn schon Dialog: Ganz Mutige könnten ja, wie Hans Durrer, zeitweise als Gastarbeiter in ein muslimisches Land gehen (Seite 58)
Fritz Glunk.

PS in eigener Sache
Die Neue Zürcher Zeitung hat am 10. Februar DIE GAZETTE ausführlich und genau mit einem anderen Periodikum verglichen, einem Magazin, laut Untertitelanspruch, „für politische Kultur“. Unsere Zeitschrift kommt ganz gut weg dabei. Sie sei, schreibt Heribert Seifert dort, „ohne Eitelkeit und Selbstgefälligkeit“, lasse ihre eigene „Programmprosa“ glücklicherweise „folgenlos“, zeige ein puristisches Layout (wie positiv ist jetzt das gemeint?), sei vor allem ein Lesestück und lade den Leser zum Mitdenken ein. En détail: „intelligent zusammengetragene Fundsachen“, klug argumentierende, „bewegliche und spannende“ Essays und Themen, „gescheite analytische Reportagen“, perspektivenreich und unaufgeregt, Erfahrung und Reflexion „lesbar und erhellend verknüpft“.
Danke. Wir werden so und besser weitermachen.
Der vollständige Text ist natürlich auf unserer Website nachzulesen (www.gazette.de/Presse.html).