Politische Mythen
Gegenwärtige Vergangenheiten
Die mythenpolitisch eher unauffällige
Bundesrepublik Deutschland hat, anders als die DDR, nie eine forcierte
Symbolpolitik betrieben. Und doch schafft auch sie sich ihren Gründungsmythos
und identitätsstiftende gemeinsame Erinnerungen, ein kollekives
Gedächtnis. Und der Bezugspunkt Drittes Reich wird
künftig zwar kein Monopol mehr beanspruchen können, als
formativer Bestandteil aber, wenn auch schwieriger vermittelbar,
dieser Republik erhalten bleiben.
Von Jens Hacke
Dem Mythosbegriff haftet etwas Rückwärtsgewandtes an:
Mit Mythen assoziiert man die alteuropäische, voraufgeklärte
Welt, die sich überwiegend durch das gesprochene Wort verständigte.
Vom Mythos zum Logos, so lautet die Formel, die für die abendländische
Philosophie gilt. Damit ist oft eine Fortschrittslinie bezeichnet,
die von einer Ablösung des Mythos ausgeht dies impliziert
die Hinwendung zur Historik und Geschichtlichkeit, den Anspruch von
Wahrheit und Authentizität sowie den Maßstab der Rationalität.
In der Moderne ist der Mythos oftmals als kraftvolle Gegenmacht zur
Abstraktheit der technischen Zivilisation beschworen worden. Gegen
die Herrschaft des Intellekts, der Vernunft und Gewaltenteilung beschwört
der soziale Mythos Ganzheitlichkeit, Willen und Heroismus. Nach dem
von Nietzsche ausgerufenen Tod Gottes und der von Max
Weber diagnostizierten Entzauberung der Welt suchten Intellektuelle
nach erneuter Verzauberung und Ästhetisierung des Sachlichen.
Im Gefolge Nietzsches wurde an die ursprüngliche Lebensmacht
des Mythos angeknüpft, denn in primitiven Gesellschaften war
der Mythos nicht bloß Erzählung, sondern lebendige Wirklichkeit.
Mythen stellten die Behauptung einer vorrationalen höheren und
privilegierten Wahrheit dar; sie enthielten kein geschichtliches Bewußtsein.
Arnold Gehlen hat das fehlende geschichtliche Bewußtsein zum
wichtigsten Wesensmerkmal des Mythos erklärt, während er
ihm durchaus eine eigene Rationalität zuerkannte, da überwiegend
explanatorische Mythen eine Legitimierungs- und Stützfunktion
besäßen, um den sich entleerenden auf Narration
verzichtenden Ritus zu erklären. Der Mythos ist
selber Logos, und was ihn tötet, ist nicht die steigende Rationalität,
sondern das entstehende historische Bewußtsein." (Urmensch
und Spätkultur: 250)
Mythen als Analysekategorie
Befasst man sich mit politischen Mythen, so steht man vor der Schwierigkeit,
in einem ausdifferenzierten kulturwissenschaftlichen Feld das eigene
Profil zu markieren. Insbesondere in den historischen Kulturwissenschaften,
aber auch in den Sozialwissenschaften hat man die Mobilisierungs-
und Integrationskraft von kollektiven Vorstellungen, Denk- und Weltbildern
jenseits der sozialen und schichtenspezifisch geprägten Interessenlagen
entdeckt. Kollektives Gedächtnis, Geschichtspolitik und Identitätsstiftung
sind modisch gewordene Begriffe, die man mit Mythen ebenso in Verbindung
bringt wie das aus Frankreich importierte Konzept der Erinnerungsorte.
Mythen sind in diesem Zusammenhang vor allem Geschichtsmythen, und
untersucht wird zumeist die möglicherweise identitätsstiftende
Konstruktion dieser mythischen Vergegenwärtigung des Historischen.
Dabei legt der Historiker häufig den nicht näher explizierten
Maßstab des historisch tatsächlich Geschehenen an
Mythos ist also erstens das, was sich vom Ereignis entfernt hat und
einseitig ausgedeutet worden ist. Der historisch orientierte Mythosbegriff
kann also erstens traditionell das Genre der Ursprungserzählung
bezeichnen: Revolution und Nation werden somit seit 1789 zu posttraditionalen
Neomythen (Nipperdey). Der Begriff des Mythos kann zweitens
auf die ganze Bandbreite von dogmatisch erstarrten Interpretationen
historischer Sachverhalte angewendet werden: Von der materialistischen
Geschichtsauffassung bis zu deutschen Sonderwegen ist dann alle teleologisch
zugespitzte Historiographie mythosverdächtig. Drittens hat die
Geschichtsschreibung in ihrer Entwicklung zu rezeptionsgeschichtlichen
Themen Mythen selbst zum Thema gemacht: Sie tut dies vor allem beschreibend,
mit dem Augenmerk auf den Mythopoeten, indem sie nachweist,
welche Interessengruppen auf welche Weise einen geschichtlichen Stoff
mythisch instrumentalisieren; über den Mythos selbst und über
seine Leistungsfähigkeit bzw. seine gesellschaftliche Relevanz
kann auf diese Weise kaum etwas gesagt werden.
Diese Herangehensweisen verkehren eine wesentliche Eigenschaft des
Mythos ins Gegenteil: Betont wird nämlich die dogmatische Fixierungsleistung
des Mythos, währenddessen sich der Mythos ursprünglich gerade
durch seine Unbestimmtheit, Wandlungsfähigkeit und Interpretierbarkeit
auszeichnet. Von dieser Seite her gewinnt er seine Fähigkeit
zur Integration. So hat Gadamer (Wahrheit und Methode II: 126f.) betont,
daß es zu allen Zeiten eine falsch gestellte Frage"
sei, ob und in welchem Sinne ein Mythos geglaubt oder für plausibel
gehalten wird.
Politische Mythen
Unter politischen Mythen versteht man bislang vorzugsweise Gründungsmythen
jeder Mythos ist Gründung, jede Gründung ist Mythos,
so hat es Claus Leggewie formuliert. Herfried Münkler hat dieses
existenzielle Mythosverständnis in seinen Analysen dahingehend
verfeinert, als dass er Modifikationsformen und Ergänzungen als
variantenreiche Ansippungen begreift. Auf diese Weise
bekommt er Metaphern, Symbole und mythenträchtige Bilder in den
Blick. Tradierte, einfache Bilder und Ikonografien, stilisierte Geschichten
und sakralisierte Historie können über einfache Codes komplexe
Botschaften transportieren, die viel wirkungsmächtiger sind als
deren rationalisierte Formen. Mythen also Narrationen
sorgen für Identität, indem sie, wie Münkler ausgearbeitet
hat, Loyalitäten konzentrieren, Komplexität reduzieren und
Kontingenz eliminieren. Es ist deswegen nur natürlich, dass auch
in liberalen westlichen Gesellschaften auf Mythen als Formen der sozialen
Kommunikation zurückgegriffen wird. Sie bieten den Vorteil, vage
zu bleiben und auf bildreiche Weise zu integrieren, indem man den
Rezipienten Raum für Allusionen und Assoziationsmöglichkeiten
lässt. Auf kulturellem und politischem Feld konkurrieren in der
nach-aufgeklärten Gesellschaft alternative Mythen miteinander.
Dies macht sie zum Thema für die Sozialwissenschaften.
Es soll hier von einem pragmatischen, breit angelegten Mythosbegriff
ausgegangen werden. Nicht lediglich die klassischen Gründungs-
und Ursprungsmythen (Nationalepen, Revolutionen, Ursprungserzählungen)
werden durch den Mythosbegriff erfaßt, sondern prinzipiell kann
zunächst alles Historische, das sich als erzählbar und visualisierbar
erweist, mythische Qualität entfalten. Ereignisse, Gegenstände,
Bilder, Personen etc. eignen sich zur Mythisierung, sobald sie
ihrem ursprünglichen Kontext enthoben eine eigene symbolische,
interpretierbare Bedeutung entfalten. Sie werden Repräsentationen,
deren Bedeutung nur durch die Vermittlungsleistung eines Interpretierenden
erklärt werden kann. Für den Politikwissenschaftler sind
alle Ebenen dieses Mythisierungsprozesses von Interesse: 1. der Prozeß
der Anverwandlung des Materials zum Mythos, d.h. die interpretierende
Transformationsleistung, 2. der Ursprung des Bezeichneten, 3. die
tatsächliche Wirkung des Mythos bzw. seine von den Intentionen
des Mythopoeten möglicherweise abweichende Rezeption.
Mythen im gesellschaftlichen Feld
Wie lässt sich nun die modellhafte Vorstellung von politischen
Mythen auf bundesrepublikanische gesellschaftliche Wirklichkeit anwenden?
Zunächst ist als Einschränkung vorauszuschicken: Debatten
um die Konstruktionen und Wirkungen von Mythen sind im hohen Grade
Elitendiskurse. Eliten in Politik, Kultur und Medien besetzen die
Rolle der Mythopoeten. Sie tun dies allerdings nicht im luftleeren
Raum, sondern sind auf die Bedingungen der politischen Kultur und
der politischen Mentalität angewiesen. Jede Mythopoiesis muss
sich sofort in der Öffentlichkeit bewähren und etwas artikulieren,
was bereits als Stimmung existiert. Diskutieren wir die Leistungsfähigkeit
von Mythen im sozialen Raum, so haben wir es mit einem Diskursstrang
unter vielen anderen zu tun, die zu einer kollektiven Identitätsbildung
beitragen. In Verschränkung mit anderen politischen, sozialen
und kulturellen Konfliktfeldern lassen sich an Mythendiskursen gewisse
Trends erkennen; isoliert hingegen läuft die Untersuchung von
politischen Mythen Gefahr, Intentionalität zu suggerieren, wo
tatsächlich nur von Repräsentation die Rede sein kann.
Erinnert sei hier an Herfried Münklers innerdeutschen mythischen
Leistungsabgleich. Der unglaubwürdige Antifaschismus-Mythos der
DDR samt der verspätet erfolgten mythischen Traditionsüberhöhung
deutscher Geschichte (Bauernkrieg, Preußenerbe, Novemberrevolution
etc.) sei weniger attraktiv gewesen als das präsentistische Mythenarsenal
der Bundesrepublik, die sich mit dem Wirtschaftswunder und der D-Mark
ihre eigenen Gründungsmythen schuf. Man kann auch sagen: Gesteuerte
Politik mit dem Mythos in ihrem Dogmatismus muss auf lange Sicht dem
freien Spiel der Polymythie in pluralistischen Gesellschaften unterlegen
bleiben, denn im letzteren Fall gewinnt der Mythos zwar nie eine wirklich
gesellschaftsprägende Kraft, dort herrscht aber Erfolgsgarantie:
Die attraktivsten Modelle finden hier auf lange Sicht die meiste Resonanz.
Die Plausibilität, Attraktivität und Überlebensfähigkeit
von Mythen wird gleichsam am Markt geprüft, so dass eine liberale
Gesellschaft nicht Gefahr läuft, überlebte Mythen als totes
Gepäck mit sich zu schleppen, wie dies in totalitären Staaten
der Fall sein kann.
Nähert man sich nun der bundesrepublikanischen Mythengeschichte,
so ließe sich Münklers These präzisieren: Die Bundesrepublik
als mythenunauffälliger Staat setzte sich gegenüber der
DDR auch deshalb durch, weil sie auf eine forcierte Mythenpolitik
verzichtete. Die Ernüchterung nach der Absolutsetzung des politischen
Mythos im Nationalsozialismus war so groß, dass man abwarten
musste, bis Sachlichkeit und Rationalität selbst zum Mythos werden
konnten. Mit der Zeit schlug der rationalisierte altbundesrepublikanische
Logos zum Mythos um, könnte man einen berühmten Satz aus
Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung
variieren. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, so
kann man den Verzicht auf gesteuerte Mythenpolitik im bundesrepublikanischen
Fall auch deuten. Gerade deswegen konnte sie als mythosträchtiges
Objekt den DDR-Bürgern zum gelobten Land werden. Nach der Wiedervereinigung
und nach der verschärften wirtschaftlichen Krise und Depression
wird dieses Modell gleichsam umgekehrt: Die alten Bundesrepublikaner
mythisieren seitdem die Bonner Erfolgsgeschichte, insbesondere den
kommoden, rheinischen Kapitalismus (den zumutungsfreien Blümschen
Herz-Jesu-Sozialismus), während in den neuen Bundesländern
der einstmals leuchtende Mythos Bundesrepublik rapide an Strahlkraft
verlor. Die Zäsur der Jahre 1989/90 lässt sich in ihrer
ganzen Tiefe auch an den Erschütterungen bewährter mythischer
Erzählstrukturen ablesen.
Der Nationalsozialismus als geschichtspolitisches Zentrum
Die Geschichte des Nationalsozialismus war und dies ist übergreifend
festgestellt worden der zentrale Bezugspunkt für die Geschichtspolitik
der beiden deutschen Staaten während des Kalten Krieges. Sie
war Mythenschatz und moralischer Orientierungsrahmen gleichermaßen:
In der DDR wählte man die zunächst bequemer erscheinende
Option, sich auf die Seite des Widerstands, auf die Seite des Antifaschismus
zu stellen. Dies hatte den Vorteil eines klaren Frontverlaufs, aber
den Nachteil der Unglaubwürdigkeit von 16 Millionen Antifaschisten
und den Nachteil der voreiligen Identifikation mit dem Stalinismus.
In der Bundesrepublik akzeptierte man die Verantwortung für die
NS-Verbrechen und setzte sich mit der Schuld daran auseinander. Dies
hatte zunächst den Nachteil, auf wenig Widerhall bei den verstrickten
und mitschuldigen Zeitgenossen zu stoßen, stellte sich aber
nach einer gewissen Zeit als glaubwürdiges moralisches Kapital
heraus, dass über Generationenkonflikte zur gesellschaftlichen
Selbstverständigung führte. Trotz anfänglichem kommunikativen
Beschweigen (Lübbe) und diagnostizierten Verdrängungsmechanismen
(Unfähigkeit zu trauern [Mitscherlich]) gilt die
Aufarbeitung in der Bundesrepublik mittlerweile als gelungen. Weltmeister
der Vergangenheitsbewältigung nannte der Friedenspreisträger
Péter Esterházy unlängst die Deutschen. Die Literatur
über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist fast unüberschaubar
geworden, und es ist gefährlich, wenn man sie zu früh in
den Bereich der politischen Mythenforschung delegiert, denn zu sehr
gehört die Verurteilung der NS-Verbrechen und die Kontrastfolie
des Unrechtstaates zum Selbstverständnis der alten Bundesrepublik:
sie ist Bestandteil der politischen Bildung und wird Bezugspunkt des
öffentlichen Lebens bleiben. Mehr noch: Es gibt guten Grund für
die Prognose, dass mit wachsendem zeitlichem Abstand, mit dem Aussterben
der Zeitzeugengeneration die ritualisierte öffentliche und damit
zwangsläufig mythische Inszenierung des Nationalsozialismus zunehmen
wird. Die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus bleibt
als formativer Bestandteil der Bundesrepublik unerlässlich, auch
wenn sie kein Monopol mehr beanspruchen kann, weil neue Bezugspunkte
die Staatsraison der Bundesrepublik bestimmen. Diese Vermittlung wird
aber gleichzeitig immer schwieriger, weil sie im Übergang vom
kommunikativen zum kollektiven Gedächtnis nicht mehr auf das
Vorverständnis jüngerer Generationen in dem bisherigen Maße
bauen kann.
Wandel im Umgang mit dem Nationalsozialismus
Mit anderen Worten: Je unwesentlicher die NS-Vergangenheit für
das Selbstverständnis des einzelnen Bürgers als Staatsbürger
der Bundesrepublik wird, umso monumentaler könnte der Erinnerungsaufwand
werden. Das Holocaust-Mahnmal ist ein Beispiel für diesen Trend
der gleichzeitigen Monumentalisierung und Ausdifferenzierung. Es steht
nicht zur Disposition, dass an Völkermord als NS-Verbrechen erinnert
werden muss, sondern die Debatte verlagert sich zunehmend auf die
Frage, wie diese Erinnerung in aussagestarke Symbole umgesetzt werden
kann. Das Problem, auf welche Weise diese symbolische Repräsentation
des Vergangenen wirkt, hängt mit der Funktionsweise von Mythen
zusammen, die einen komplexen historischen Sachverhalt extrem verdichten
und in ein eingängiges Narrativ zwingen. Die extreme ästhetische
Tendenz zur Abstraktion bringt es im Falle des Holocaust-Mahnmals
mit sich, dass die Botschaft des Denkmals ohne eine Explikationsleistung
des unterirdischen Dokumentationszentrums nicht mehr zu erschließen
ist. Dabei klaffen zwei Dinge auseinander: Die immer differenziertere
historische Forschung und das umfassende Wissen der Deutungseliten
stehen großen Teilen der Bevölkerung gegenüber, für
die die Jahre 1933-1945 so fern wie andere Geschichtsepochen gerückt
sind. Die Intensität von Intellektuellendebatten wie um das Holocaust-Mahnmal
oder die Walser-Rede hat ihren Grund vermutlich auch im gesteigerten
Bewusstsein der Selbstbezüglichkeit: Unterstellungen, Missverständnisse
und Vorwürfe gewinnen an Vehemenz, je größer die Anstrengung
um öffentliche Resonanz ist.
Auch medial ist zu beobachten, dass quantitativ die Beschäftigung
mit dem Nationalsozialismus keineswegs nachlässt, sondern sogar
zunimmt. Allerdings hat sie ihre einheitsstiftende und integrative
Kraft eingebüßt der Bezug auf die NS-Vergangenheit
hat seine politische Orientierungsfunktion verloren, er wird willkürlicher
und unterstreicht damit den neuen Hang zur Polymythie: Guido Knopps
Panoptikum des Grauens, Vertreibungs- und Bombenkriegsthematisierungen,
Eichingers Hitler-Film, der den Untergang des Dritten
Reiches als abgründiges Bunker-Spiel inszeniert, aber auch die
jüngste Inszenierung der Rolle Albert Speers und seiner Familie
all diese Zugänge zum Nationalsozialismus zeichnen sich
durch Reduktionen aus. Sie wären in der alten Bundesrepublik
so noch nicht möglich gewesen, als ein direkter Umgang mit der
NS-Vergangenheit unter moralischen Gesichtspunkten vorherrschte. In
dieses Bild passt auch der offiziöse Umgang mit dem Ende des
Dritten Reiches: Während der Flakhelfer Helmut Kohl
es ablehnte, zu alliierten Feiern des Kriegsendes oder des D-Days
zu erscheinen, kann der im vorletzten Kriegsjahr geborene Gerhard
Schröder Seite an Seite mit den ehemaligen Siegermächten,
gewissermaßen final eine Historisierung vornehmend, das Ende
der Nachkriegszeit verkünden.
Welche Folgen der Generationswechsel für die Erinnerungskultur
zeitigt, lässt sich natürlich noch nicht genau vorhersagen,
aber Tendenzen zeichnen sich ab. Als Medium der populären Erinnerungskultur
etabliert sich der Familienroman. Die frühere Stern-Journalistin
Wibke Bruhns und der Kinderliterat Uwe Timm haben über die Verstrickungen
ihrer Eltern und Geschwister in Krieg, Diktatur und Widerstand historische
Bestseller geschrieben. Und auch der Kanzler zelebriert öffentlich
seinen Familienroman, stellt im Kanzleramt auf seinem
Arbeitsschreibtisch ein Foto des lang vermissten Vaters mit Reichswehrhelm
auf. Der Kulturwissenschaftler Harald Welzer hat diesen eigentümlichen
Umgang der Nachgeborenen mit der NS-Vergangenheit und die Funktion
des Familiengedächtnisses um einem erstaunlichen Befund ergänzt:
Opa war kein Nazi insbesondere die Enkelgeneration
scheint zu Extremen zu neigen: Entweder kommt es zu schonungsloser
Aufrechnung und entschiedener moralischer Verurteilung, oder aber
im Privaten es macht sich ein Bedürfnis nach Entschuldung
und Entlastung breit. Öffentliches und privates Gedächtnis
bleiben hier unverbunden.
Dies alles zeugt von einem veränderten Umgang mit dem NS, der
sich aus den zwanghaften Loyalitäten des Kalten Krieges gelöst
hat. Zwar kann man dies im einzelnen als Gewinn an Vielfalt und als
Befreiung aus Denkverboten der political correctness begrüßen.
Es liegen aber auch neue Schwierigkeiten in diesem freien und in gewissem
Sinne undisziplinierten Umgang mit der Geschichte, und es ist überhaupt
noch nicht klar, welches Ordnungsschema hinter neuen Instrumentalisierungen
der Historie liegt, die neue Mythologien bergen. Erstaunt nimmt man
dann zur Kenntnis, wie Kanzler Schröder die Männer des 20.
Juli zu Vordenkern eines geeinten Europas macht, wie die Ex-Justizministerin
Herta Däubler-Gmelin Präsident Bush mit Hitler vergleicht
oder wie Außenminister Fischer den Kosovo-Einsatz zur Bedingung
dafür macht, daß sich Auschwitz nie wieder ereigne. Jeder
einzelne dieser Punkte wäre in den 1980er Jahren von links noch
als eine unerträgliche Verharmlosung gebrandmarkt worden.
Der Nationalsozialismus als Ganzes oder aber die stellvertretende
Chiffre Auschwitz löst sich aus ihrer alles überschattenden
Bedeutung, indem man erkennt, dass dieser negative Mythos
in eine Sackgasse geführt hat. Insbesondere die bundesrepublikanische
Neue Linke versuchte die Zukunft der Bundesrepublik konsequent mit
Blick auf den Nationalsozialismus zu beurteilen und verfehlte damit
die politische Realität. Die Interpretation der deutschen Teilung
als Sühneleistung für Auschwitz die Mauer als
Mahnmal , wie Günter Grass lange Zeit stellvertretend
für viele die Staatsraison der Bundesrepublik aus einem negativen
Nationalismus begründete, ist der bekannteste Beleg für
diese problematische Geschichtsreduktion.
Die These, die sich nun für den Umgang mit der NS-Vergangenheit
bzw. für die Mythisierung der Epoche 1933-1945 aufstellen lässt,
lautet: Das klar strukturierte Bezugssystem mit den Leitbegriffen
Schuld, Verantwortung, Sühne, Reue verliert seinen unmittelbaren
Bezug. Die Erblast des Nationalsozialismus wird mit dem Verschwinden
der Erlebnisgeneration zunehmend universalisiert. Der Nationalsozialismus
bleibt allerdings um Philipp Jenningers eigentlich treffendes
Wort aufzugreifen ein Faszinosum; deswegen sind ihm seine mythosbildenden
Qualitäten gewiss. Auch wenn die historische Forschung scheinbar
lückenlose Aufklärung bieten sollte, so zwingt die Erinnerungskultur
der Bundesrepublik dazu, das Wissen um die NS-Vergangenheit immer
wieder auf verständliche Formeln herunterzubrechen. Dieser Prozess
wird in Zukunft interessanter werden, weil sich aus der Erinnerung
keinerlei positive Gehalte von Politik mehr begründen lassen.
Historisierung und Mythisierung der Bonner Republik
Was sind nun die neuen mythischen Bezugsfelder der Bundesrepublik,
die neben den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit
getreten sind? Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Republik
dabei ist, sich ihre eigene Geschichte mythisch aufzubereiten. Das
muss nicht zwangsläufig auf eine Neuverzauberung der alten Bundesrepublik
herauslaufen, aber fraglos gewinnen etwa die Ära Adenauer, die
Ära Brandt mit historischem Abstand zunehmend ihren eigenen Glanz.
Ob das von Ludwig Erhard samt qualmender Zigarre verkörperte
Wirtschaftswunder (Wohlstand für Alle), ob Brandts
verkündetes Wagnis der Demokratie (Wir fangen erst richtig
an) oder der Beitrag der Studentenbewegung zur Identitätsfindung
und späteren Selbstversöhnung mit der Bundesrepublik
all dies wird mittlerweile zu einer harmonisierten Geschichte von
einer Ankunft im Westen (Axel Schildt) verwoben. Hinzu
kommt eine mythische Stilisierung der lange verschmähten Alltäglichkeit,
Normalität und Provinzialität des westdeutschen Staates,
die in Terrorzeiten das Bedürfnis nach Identität und Verwurzeltsein
in der Bundesrepublik zu stillen scheint. Ein Blick auf die Fernseh-
und Filmerfolge der letzten Jahre unterstreicht diesen Trend. (...)
Sicherlich besteht die Erwartung, dass Politiker das Bedürfnis
nach dem Mythos bedienen, aber die offiziöse Staatsrepräsentation
ist in diesem Bereich unerfahrener und unsicherer als in anderen Nationen,
überdies werden Tendenzen zur Sakralisierung und Mythisierung
weit kritischer beäugt als anderswo. Nicht umsonst hat Helmut
Kohl nach der Wiedervereinigung auf die von seinem Amtsvorgänger
Helmut Schmidt geforderte Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede
und damit auf einen politischen Opferkult verzichtet.
Sein Aufbruch ins gelobte Land (blühende Landschaften)
hat seine mythische Kraft nie entfalten können: Was in anderen
Nationen (USA, Israel) zum mythischen Standardrepertoire gehört,
hat hierzulande nie zu einer Transzendierung der tristen Realität
gereicht; es wurde phantasielos an der sozialen Realität gemessen,
anstatt Aufbruch und Patriotismus zu entfachen.
Mauerfall und Wiedervereinigung weckten da sowohl Begehrlichkeiten
als auch Chancen für einen neuen Gründungsmythos. Je nach
politischer Stimmungslage wird dessen Mangel beklagt, verspräche
man sich doch von gründungsmythischer Integrationskraft die Freisetzung
neuer Kraftquellen für den Reformprozeß und die Bewältigung
ökonomischer Krisen. Es ist jedoch fraglich, ob eine solche Sicht
des politischen Mythos schon an ihrem bloßen Funktionalismus
scheitert. Man kann dies analog zu einer funktionalen Religionstheorie
betrachten: Glaubt man nur an die guten Nebenwirkungen der religiösen
Kontingenzbewältigungspraxis, hat man den Glauben schon soweit
rationalisiert, daß man unmöglich an die Offenbarung um
ihrer selbst willen glauben kann. Ähnlich scheint es sich auch
mit einem essentialistischen/emphatischen Mythosbegriff zu verhalten.
Eine überraschende Wende, die man hinsichtlich der mythischen
Aneignung der bundesrepublikanischen Geschichte feststellen kann,
ist die retrospektive Charismatisierung ihres Führungspersonals.
Die früher geschichtslose Phase wird nun selbst historisch: Während
Ernst Jünger anlässlich des Regierungswechsels 1982 noch
gelangweilt kommentierte, der eine Helmut geht, der andere Helmut
kommt, haben gerade die beiden Kanzler Schmidt und Kohl fleißig
an ihrer eigenen Mythengeschichte mitgebastelt. Als bundesrepublikanische
Dinosaurier, die noch die ganze politische Elite Bonns gekannt und
die gesamte bundesrepublikanische Geschichte in politischen Ämtern
erlebt haben, ist es ihnen gelungen, mit den charismatischen Kanzlern
Adenauer und Brandt gleichzuziehen. Nicht mehr lediglich als erste
Angestellte des Staates bzw. als Oggersheimer Biedermann, sondern
als Weltökonom (Schmidt), Europäer (beide) und Einheitskanzler
(Kohl) beherrschen die beiden auch durch ihre publizistische Steuerung
das bundesrepublikanische Gedächtnis.
Der Mythos ist in der Bundesrepublik immer auf die Vergangenheit bezogen
worden. Damit hat sich die ursprüngliche Bedeutung des Mythos
wie sie von Gehlen noch definiert worden ist umgekehrt.
Seiner Auffassung nach ist nicht die steigende Rationalität,
sondern das historische Bewusstsein dem Mythos entgegengesetzt. Nach
unserem heutigen Verständnis hat sich die ursprüngliche
Bedeutung des Mythos verschoben: Mythen sind Varianten des historischen
Bewusstseins. Folgt man einer Überlegung Helmut Königs,
so hat die Vergangenheitsbewältigung oder die Bemühung ihrer
Aufarbeitung und Deutung die Revolution bzw. den Krieg als Medium
der Umgestaltung und Transformation von Gesellschaften abgelöst.
König sieht darin eine rationale und reflexive Praxis, die zwar
mühevoll und vergleichsweise unspektakulär, aber erfolgreich
sei.