Bewegung im Nahostkonflikt
Es gibt einen Ausweg
Eine Zwei-Staaten-Lösung im Konflikt zwischen
Israel und Palästinensern, auf die offenbar alle Beteiligten
setzen, ist von den inzwischen geschaffenen Fakten überholt worden.
In der von Israel angestrebten Form ist ein palästinensischer
Staat nicht lebensfähig: Er wäre ein Bantustan, ein Gefängnisstaat
nach dem Schnittmuster eines Apartheid-Staates. Eine Nahost-Union
aber, die sich an der EU orientiert, könnte einen drohenden Aufstand
verhindern. Ein Zwei-Phasen-Plan.
Von Jeff Halper
Gegenwärtig, im Herbst 2005, stehen wir in Palästina/Israel
an einem historischen Scheideweg, manchmal auch einfach
als die Klemme bezeichnet, in der wir festsitzen. In Scharons
Augen hat Israel seinen jahrhundertelangen Streit mit den Palästinensern
schon gewonnen.Wenn er sich die politische wie geografische
Landschaft betrachtet, überkommt ihn große Zufriedenheit.
Endlich hat er die Aufgabe erfüllt, die schon 1977 ihm, dem damaligen
Vorsitzenden des Ministerkomitees für Siedlungsfragen, von Menachem
Begin übertragen worden war: die Herrschaft über das Land
Israel auf Dauer zu sichern und die Entstehung eines lebensfähigen
Palästinenser-Staats zu verhindern.
Mit den unbegrenzten Hilfsmitteln und der Autorität, über
die Scharon verfügte, machte er sich daran, unumkehrbare Tatsachen
zu schaffen, facts on the ground, mit denen jegliche Gesprächsstrategie
unmöglich gemacht wird, die auch nur im Entferntesten Israels
Herrschaft über das gesamte Gebiet westlich des Jordans gefährden
könnte. Sowohl die Likud- als auch die Labour-Regierungen unterstützten
ihn, als er die Errichtung von 200 (unter Einbeziehung der Außenstellen:
400) neuen Siedlungen überwachte, auf Grund und Boden, den man
den Palästinensern in der Westbank, in Ostjerusalem und im Gaza-Streifen
genommen hatte. Heute, selbst nach dem Auszug der 8000 Siedler aus
dem Gaza-Streifen, leben immer noch 500000 Israelis auf palästinensischem
Gebiet, das Israel seit 1967 besetzt hält. Noch während
des Osloer Friedensprozesses, als Israel und die Palästinenser
unter Vermittlung der Regierung Clinton eigentlich über die Zukunft
des Palästinenser-Gebiets sprechen sollten, verdoppelte Israel
die Zahl seiner Siedler und legte mit Erlaubnis der USA und deren
finanzieller Hilfe ein neues Straßensystem an: 29 Schnellstraßen,
die die neuen Siedlungen unwiderruflich mit dem bisherigen Staat Israel
verbinden sollten. Gleichzeitig wurden 96 Prozent der Palästinenser
eingeschlossen in Landstriche, die Scharon gern Kantone
nennt: etwa 70 winzige, isolierte Enklaven, ohne das Recht auf Freizügigkeit,
regelrecht eingesperrt hinter elektronisch gesicherten Zäunen
und hinter Betonmauern, die doppelt so hoch sind wie die Berliner
Mauer. Die Palästinenser (einschließlich derer mit israelischer
Staatsangehörigkeit) stellen im Westjordanland etwa die Hälfte
der Gesamtbevölkerung; trotzdem leben sie heute, eingepfercht
in ihren mittellosen und überfüllten Kantonen,
auf nur 15 Prozent des Territoriums.
Das Dilemma Israels und Scharons Ausweg
Um die Herrschaft Israels jedoch auf Dauer abzusichern, mussten die
facts on the ground auch noch als unabänderliche
politische Tatsachen legitimiert werden. Im Völkerrecht ist Besatzung
definiert als eine zeitweise bestehende Lage, die nur durch Verhandlungen
geklärt werden kann. Es verbietet einer Besatzungsmacht alle
Maßnahmen, eine Kontrolle auf Dauer einzurichten, es verbietet
insbesondere, die eigene Bevölkerung in das besetzte Gebiet umzusiedeln
und dafür Siedlungen zu errichten. Das ist noch nicht alles:
Das Völkerrecht macht eine Besatzungsmacht (wie Israel) verantwortlich
für das Wohlergehen der Zivilbevölkerung in den von ihr
kontrollierten Gebieten.
Um nun diese völkerrechtlichen Bestimmungen zu umgehen und Israels
Besetzung zu einer unumstößlichen Realität zu machen,
suchte Scharon Hilfe bei Israels erstem und einzigem Schutzpatron
für solche Fälle: bei den USA, die ihm auch umgehend zu
Willen waren. Im April 2004 hat die Regierung Bush Israels sogenannte
Siedlungsblocks auf der Westbank beschönigend als größere
Bevölkerungszentren bezeichnet formell anerkannt;
damit enteignete man noch einmal 20 bis 25 Prozent der ohnehin schon
zerstückelten Landfläche, auf der die Palästinenser
einen eigenen kleinen Staat gründen wollten. Die anderen drei
Mitglieder des Nahost-Quartetts, Europa, Russland und die Vereinten
Nationen ebenso wie die Palästinenser, waren verständlicherweise
empört über die unilaterale Übertragung von Palästinenser-Land
an Israel durch die USA. Für null und nichtig erklärten
die USA kurzerhand die UN-Resolution 242, die Grundlage für jede
Zwei-Staaten-Lösung, und machten damit die Idee eines lebensfähigen
Palästinenser-Staats ebenso obsolet wie die ganze Road Map. Dieser
entscheidende Wandel der amerikanischen Außenpolitik wurde anschließend
vom Kongress beinahe einstimmig gutgeheißen: Das Abgeordnetenhaus
stimmte mit 407 zu 9, der Senat mit 95 zu 3 Stimmen dafür.
Fast unmittelbar danach beschleunigte die Regierung Israels das Siedlungsprogramm.
Sie verkündete die Gründung einer neuen Stadt (Givat Yael,
55000 Einwohner) zwischen Jerusalem und Bethlehem, den Bau von 3500
neuen Häusern im Korridor E 1, der Jerusalem mit der Siedlung
Maaleh Adumin verbindet, sowie die beträchtliche Erweiterung
der Stadt Ariel. Da all dies innerhalb der Siedlungsblocks geschehen
sollte, die von den USA bereits als dauerhafte Besitzungen Israels
anerkannt waren, hatte die Regierung Scharon das Argument zur Hand,
dass sie dadurch nicht die Road Map verletzt hatte, die ja weitere
Siedlungen untersagt.
Die Annexion der Siedlungsblocks verschafft Israel zwar die totale
Kontrolle über das ganze Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem
Jordan, aber trotzdem braucht Israel immer noch einen Palästinenser-Staat.
In den besetzten Gebieten leben nämlich fast vier Millionen Palästinenser,
und Israel kann ihnen weder seine Staatsbürgerschaft gewähren,
noch sie in fortdauerndem Gewahrsam halten. Wenn es also diese vier
Millionen nicht irgendwie loswird, dann geraten sowohl
seine Identität als jüdischer Staat, als auch dessen unwidersprochene
Herrschaft über sein Staatsgebiet in Gefahr. Man fand daher einen
Ausweg aus diesem Dilemma: ein Rumpf-Palästina einzurichten,
einen Mini-Staat, ein Bantustan aus 10 bis 15 Prozent des Landes.
Diese Lösung würde Israel von den Palästinensern in
den besetzten Gebieten befreien, ohne seine Oberherrschaft über
das Land und seine natürlichen Ressourcen zu beschneiden. Genau
das will Scharon erreichen (obwohl er versuchen wird, den Vorgang
über möglichst viele Jahre hin zu strecken), und Bush hat
den Plan bereits gutgeheißen. Das ist nichts anderes als Apartheid
im vollen und genauen Wortsinn, die dauerhafte und institutionalisierte
Herrschaft eines Volkes über ein anderes Volk.
Die ersten beiden Etappen dieses Apartheid-Plans für ein Größeres
Israel hat Scharon erreicht: die Schaffung der facts on
the ground und die formale Anerkennung der Israel-Expansion
durch die USA. Jetzt fehlt dem Regierungschef nur noch ein letzter
Schritt zur Erfüllung seiner Vision: entweder die Unterschrift
eines palästinensischen Marionetten-Präsidenten, der diesem
Bantustan zustimmt, oder notfalls ein vorgeschobener Grund dafür,
den Mini-Staat selbst auszurufen. Arafat hat sich dieser Rolle verweigert.
Jetzt ist Präsident Mahmoud Abbas an der Reihe. Anfang Oktober
2005 sprach Scharons Strategie-Berater Eyal Arad von der Möglichkeit,
die Räumung besetzter Gebiete als Strategie zu nutzen, bei der
allein Israel seine künftigen Grenzen festlegt. Die Botschaft,
die man damit an Abbas schickte, war laut und deutlich: Entweder du
kooperierst, oder du verlierst auch noch deinen letzten Einfluss auf
eine politische Lösung des Konflikts.
Mit anderen Worten: Scharon manipuliert Abbas in ein Täuschungsmanöver
hinein, in die Wiederholung des großzügigen Angebots
von Camp David im Jahr 2000. Wenn es damals bei Barak funktioniert
hat, warum dann nicht ein zweites Mal, wo es ums Ganze geht? Was würde
Abbas sagen, wenn Scharon ihm den Gaza-Streifen, 70 bis 80 Prozent
des Westjordanlands und eine symbolische Präsenz in Ost-Jerusalem
anbieten würde? Sicher, das wäre keine gerechte oder nachhaltige
Lösung. Die Palästinenser wären weiterhin auf 15 oder
weniger Prozent ihres Gebiets in fünf oder sechs Kantonen
eingeschlossen, ohne Kontrolle über ihre Grenzen oder ihre Wasserversorgung,
ja sogar ohne Lufthoheit. Massiv umgeben von einem israelischen Groß-Jerusalem
wären sie ohne Zugang zur Stadt. Jedem denkbaren Palästinenser-Staat
wäre damit das politische, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche
Herz herausgeschnitten. Israel würde seine Siedlungsblocks behalten
und 80 Prozent seiner Siedler. Aber auf der Landkarte sähe Scharons
großzügiges Angebot mehr als akzeptabel aus.
Er glaubt ohnehin, das Konzept der Lebensfähigkeit eines Staates
ist viel zu kompliziert für das Verständnis der meisten
Menschen, politische Entscheidungsträger eingeschlossen. Aber
Abbas hätte er damit in eine No-win-Situation gebracht: Sag ja,
und du bist der Quisling, der Landesverräter, den Israel seit
Jahren sucht, der einem totgeborenen Mini- und Apartheid-Staat zustimmt.
Sag nein, und Scharon poltert: Seht ihr?! Die Palästinenser
haben schon wieder ein großzügiges Angebot zurückgewiesen!
Die wollen einfach keinen Frieden! Und Israel ist wieder fein
raus und kann weiter ungehindert seine Herrschaft über die besetzten
Gebiete ausdehnen, jahrelang, vor jeder Kritik geschützt, während
es mit der stillen Unterstützung der USA weitere Siedlungsblocks
annektiert.
Das Dilemma der Palästinenser ohne Ausweg
In den späten achtziger Jahren hatte die Palästinensische
Autonomiebehörde die Idee des Einheitsstaats zugunsten einer
Zwei-Staaten-Theorie fallengelassen. Jetzt geht es ihr wie der israelischen
Mainstream-Linken und eigentlich der gesamten Völkergemeinschaft:
Sie bleibt angekettet an einen politischen Aktionsplan, der durch
vollendete Tatsachen, die facts on the ground und die
politische Entwicklung insgesamt, überholt ist. Dieser Plan wurde
zwar in allen Friedensinitiativen (von der UN-Resolution 242 von 1967
bis zur Road Map) immer wieder formuliert und ist seit 1988 auch von
der palästinensischen Führung akzeptiert: Er verlangt die
Gründung eines lebensfähigen Palästinenserstaats auf
(fast) dem gesamten Gebiet, das Israel 1967 besetzt hat. Aber diese
denkbare Konfliktlösung ist heute tot und begraben. Die israelische
Besiedlung hat einen kritischen Punkt erreicht, auf einem Weg ohne
Wiederkehr (und zu dieser Besiedlung zähle ich auch das massive
Netz von Umgehungs-Autobahnen, den sogenannten Grenzzaun
und andere Einrichtungen, die zusammen ich gern die Überwachungsmatrix
nenne). Immer wieder wurden Lösungsvorschläge vorgetragen,
zum Beispiel ein Gebietstausch, mit dem wenigstens die Übertragung
von 22 Prozent Land an die Palästinenser gesichert werden sollte;
aber kein einziger Vorschlag hat bisher andere wesentliche Fragen
angesprochen: die Lebensfähigkeit, die Souveränität
und die territoriale Unverletzlichkeit eines Palästinenserstaats
sowie die Flüchtlingsfrage. Die palästinensische Führung
hat große Geduld und Flexibilität bewiesen, als sie die
Zwei-Staaten-Option überhaupt in Erwägung zog und am Ende
auch akzeptierte, eine Option, die Israel jahrelang (immer zu seinem
eigenen Vorteil) angeboten hatte. Aber die Palästinenser sind
augenscheinlich unfähig zu politisch neuen Lösungsvorschlägen,
durch die sie sich von der heute überholten Zwei-Staaten-Theorie
befreien könnten.
Zwar streben die Palästinenser, Hand in Hand mit der internationalen
Gemeinschaft, weiter nach dieser Lösung (wenn auch nicht gerade
leidenschaftlich). Aber das einzig mögliche Ergebnis wäre
eine Art schöngeredete Apartheid: ein Palästinenserstaat,
der Israel von diesem Bevölkerungsteil entlastet
und ihm gleichzeitig die weitere Beherrschung des ganzen Landes erlaubt.
Aus der Sicht der Betroffenen und Washingtons bietet dieses Ergebnis
offenbar wieder keine denkbare Lösung.
Elemente eines Friedens in Gerechtigkeit
Es scheint die Zeit gekommen, einmal einen Schritt zurückzutreten
von der politischen und der geografischen Landkarte und sie mit einem
unverbrauchten Denken neu zu betrachten. Die so gefundenen
Lösungen müssen sowohl die Bedürfnisse der Palästinenser
als auch der Israelis ins Auge fassen und ein hohes Maß an Umsetzbarkeit
besitzen. Fangen wir einmal mit den Elementen an, die für jeden
gerechten und dauerhaften Frieden unabdingbar sind:
1. Nationale Lebensformen der beiden Völker
Der Konflikt zwischen Israel und Palästina betrifft zwei Völker,
zwei Nationen, und jede der beiden fordert das kollektive Recht auf
Selbstbestimmung. Zwar macht diese Forderung die Zwei-Staaten-Lösung
so verführerisch logisch, aber sie ist auch ein wesentliches
Element in jedem anderen Lösungsansatz, auch bei einer denkbaren
Lösung Ein Staat, zwei Nationen.
2. Lebensfähigkeit
Wie immer der Palästinenser-Staat am Ende aussieht: Er muss jedenfalls
lebensfähig und souverän sein. Er muss seine Grenzen und
seine lebenswichtigen Ressourcen (vor allem Wasser) kontrollieren
können. Er braucht ein zusammhängendes Territorium und vor
allem die Fähigkeit, selbst eine lebensfähige Wirtschaft
zu entwickeln. Dabei sind wir zwei wesentliche Dinge beachten, und
wir dürfen ihre Bedeutung nicht kleinreden. Erstens: Neben allen
Entwicklungsproblemen wird der kleine Palästinenserstaat seine
Flüchtlinge aufnehmen und integrieren müssen; es sind möglicherweise
Hunderttausende, hauptsächlich verarmte Menschen ohne Berufsbildung
und ohne jede Erfahrung mit demokratischen Einrichtungen. Zweitens:
Über 60 Prozent der Palästinenser in den besetzten Gebieten
und in den Flüchtlingslagern sind jünger als 25 Jahre. Hier
wurde eine ganze Generation junger Menschen traumatisiert, ins rohe
Elend gestürzt, ihrer Bildungs- und Berufschancen beraubt. Die
Forderung der Palästinenser nach einem lebensfähigen Staat
ist kein Zeichen der Unbelehrbarkeit, sondern eine eher nüchterne
Einschätzung der ungeheuren nationalen Aufgabe, die ihnen hier
bevorsteht. Die RAND-Corporation hat vor kurzem eine 500-Seiten-Studie
zur Struktur eines lebensfähigen Palästinenserstaats vorgelegt;
darin wird ein sehr weitgehender, in Wirklichkeit eher unwahrscheinlicher
Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten vorausgesetzt. Was
die Zwei-Staaten-Lösung obsolet gemacht hat, ist also nicht so
sehr die Errichtung eines eigenen Palästinenser-Staats, sondern
vielmehr die Forderung nach dessen Lebensfähigkeit.
3. Die Flüchtlinge
Achtzig Prozent der Palästinenser sind Flüchtlinge. Ein
nachhaltiger Friede entsteht nicht aus schlichten Verfahrensregeln.
Jenseits der Selbstbestimmung und der Lebensfähigkeit liegt nämlich
eine noch höhere Forderung: Gerechtigkeit. Die Dauerhaftigkeit
jedes Friedenszustands steht und fällt mit einer gerechten Lösung
der Flüchtlingsfrage. Das Problem scheint eigentlich leicht lösbar
zu sein; sogar die Flüchtlinge in den Lagern sind dieser Auffassung.
Alles, was man braucht, ist ein Paket aus drei Teilen:
die israelische Anerkennung des Rückkehrrechts der Flüchtlinge,
die Anerkennung Israels, das Flüchtlingsproblem selbst verursacht
zu haben, und erst dann bilaterale Durchführungsvereinbarungen
für eine kombinierte Rückführung, Neuansiedlung und
Entschädigung.
4. Die Region
Der auf Israel und Palästina verengte Blick lässt einen
entscheidenden Zusammenhang fast verschwinden: die regionale Dimension
des Konflikts. Flüchtlinge, Sicherheit, Wasser, Wirtschaftsentwicklung,
Demokratisierung keines dieser Schlüsselprobleme kann
mit Aussicht auf Erfolg in engen, nationalen Grenzen behandelt werden.
Wenn wir dagegen den Blick auf die gesamte Region richten, dann öffnen
sich (wie im Folgenden deutlich wird) ganz neue Möglichkeiten
der Konfliktlösung, die der Zwei-Staaten-Ansatz und erst recht
der Einheitsstaat nicht bieten können.
5. Die Sicherheit Israels
Israel hat ein verständliches, grundsätzliches und legitimes
Verlangen nach Sicherheit. Abweichend von israelischen Regierungen
ist die israelische Friedensbewegung überzeugt, dass Sicherheit
nicht in der Selbstisolierung liegt, dass also Israel weder Frieden
noch Sicherheit finden wird, solange es nicht mit den Palästinensern
einen tragfähigen Friedenszustand schafft und dazu eine gewisse
Integration Israels in die Nahost-Region. Ganz entschieden zurückgewiesen
wird von uns die Vorstellung, Sicherheit könne durch militärische
Mittel erreicht werden. Die israelische Forderung, zuerst vor
weiteren politischen Gesprächen müsse das Sicherheitsproblem
gelöst sein, ist ebenso unlogisch wie selbstgerecht. Wir wissen
(und die israelischen Politiker wissen es, und die Palästinenser
wissen es auch), dass der Terrorismus ein Symptom ist, das nur durch
eine vorurteilslose Behandlung aller tieferliegenden Spannungen beseitigt
werden kann. Genau wie die USA benützt auch Israel Sicherheitsfragen
als Vorwand für eine politische Agenda; in unserem Fall geschieht
das zur Rechtfertigung von Repression und Gewalt, womit die Palästinenser
gezwungen werden sollen, sich mit einem von Israel kontrollierten
Bantustan abzufinden.
Die unmöglichen Optionen
Wohin führt uns nun das alles? Es führt uns zu einer kritischen
Wertung der vorliegenden Optionen und auf den Weg einer neuartigen,
unorthodoxen Betrachtung, die in langen Zeiträumen denkt. Nach
allem oben Gesagten bleiben uns vier Lösungen, von
denen aber nur eine einzige realisierbar erscheint: ein Staatenbund.
Die drei anderen sind folgende:
- Die bekannte Zwei-Staaten-Lösung, bei der auf den besetzten
Gebieten (mit kleinen Grenzkorrekturen) ein Palästinenser-Staat
entstehen soll.
Wie wir wissen, ist das die Position, die von der Autonomiebehörde
und von drei Nahost-Quartett-Partnern eingenommen wird (von Europa,
Russland und den Vereinten Nationen, während die USA sich dem
von Israel vertretenen Israel-plus/Palästina-minus-Plan
angeschlossen haben). Diese Option wird auch von liberalen Zionisten
innerhalb Israels propagiert, insbesondere von den Teilnehmern der
Genfer Initiative sowie von ihren Anhängern in der jüdischen
Diaspora. Die hier bereits diskutierten Tatsachen, speziell die facts
on the ground und die offizielle amerikanische Anerkennung der
großen Siedlungsblocks, machen diesen Vorschlag aber bedeutungslos.
- Eine Israel-plus/Palästina-minus-Lösung, also
diejenige Zwei-Staaten-Variante, die von allen Regierungen Israels
und auch von den USA befürwortet wird.
In dieser Option wird ein Palästinenser-Staat mit eingeschränkter
Souveränität und Tragfähigkeit entworfen, der zwischen
den größeren Siedlungsblocks Israels errichtet wird, abgerundet
durch den Austausch kleinerer Gebietsteile. Die israelische Führung
ist überzeugt davon, dass die Palästinenser militärisch
besiegt, im Elend, in der Fremde, vor politischer Isolierung und hinter
einem Eisernen Vorhang aus Siedlungen und Grenzbarrieren
zu dieser Lösung überredet werden können, wenn
man ihre Führung nur richtig vorbereitet und ihr freundlich zuredet.
Die israelische Friedensbewegung steht diesem Plan kritisch gegenüber;
sie hält ihn für undurchführbar, nicht tragfähig
und für eine besonders raffinierte Form von Apartheid.
- Ein einziger Staat, entweder aus zwei Nationen oder als Einheitsstaat.
Auf den ersten Blick ist dieser Ansatz der natürlichste und eine
gerechte Alternative. Israel beansprucht schließlich das gesamte
Land, das Land Israel, als eine Einheit, und es hat das
Gebiet durch seine Siedlungspolitik bereits zu einer Einheit verschmolzen.
Wenn die Palästinenser nun anfingen, aus ihrem Kampf um Unabhängigkeit
einen Kampf um Bürgerrechte zu machen, so wie es in Südafrika
geschah, könnten sie die Israelis vor eine sehr unangenehme Situation
stellen, indem sie das Gespenst der Apartheid an die Wand malen. Und
doch: Der Plan ist vielleicht gerecht und verlockend, aber der Einheitsstaat
ist bereits verloren, ein Opfer der Realpolitik. Der Übergang
Israels von einem jüdischen zu einem gemeinsamen Staat mit einer
palästinensischen Bevölkerungsmehrheit würde auf den
entschlossenen Widerstand der jüdischen Bevölkerung Israels
stoßen, ebenso bei den Juden in der Diaspora, der Regierung
der USA und den meisten (wenn nicht allen) Staaten Europas. Ein weiterer
Aspekt: Der Einheitsstaat wird zwar von den Palästinensern weithin
begrüßt, die palästinensische Führung jedoch
hat wenig Lust, einen Plan mit so geringen Erfolgsaussichten auf ihre
politische Tagesordnung zu setzen. Gleichwohl hoffen immer noch viele
Palästinenser auf die Entstehung eines demokratischen Einheitsstaats
in Israel-Palästina.
Eine Umweglösung in zwei Phasen
Nach allem Gesagten ist also die Zwei-Staaten-Idee praktisch unrealisierbar,
der Einheitsstaat ein totgeborenes Kind und die Israel-plus/Palästina-minus-Idee
schlicht unakzeptabel. Uns bleibt nur noch eine weitere Option: ein
regionaler Staatenbund, eine Art Zwei-Staaten-plus-Lösung.
Dieser Ansatz sieht einen Übergang in zwei Phasen vor, indem
die staatliche Selbstbestimmung von der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit
abgekoppelt wird. Dieser Lösungsansatz ist vielleicht nicht so
elegant wie andere, viel komplexer und unmöglich in einem 10-Sekunden-TV-Statement
darzustellen, aber er hat den Vorteil höherer Machbarkeit. Wie
in der Europäischen Union würde auch hier ein Gleichgewicht
aufrechterhalten zwischen der nationalen Unabhängigkeit und der
Freizügigkeit innerhalb des Staatenbunds. Auf diese Weise wäre
die israelische Besetzung zwar nicht beseitigt, aber neutralisiert,
indem die Palästinenser für ihre Bereitschaft zu territorialen
Kompromissen durch eine vertiefte wirtschaftliche, soziale und geografische
Einbindung in den Staatenbund entschädigt würden. Dieser
Plan ist nicht nur gerecht und nachhaltig, er bietet darüber
hinaus eine ausgesprochene Win-win-Lösung.
Die Zwei-Staaten-Lösung geht nicht weit genug, ihre Konstruktion
ist lebensfremd, und sie erweist sich als unfähig, die tieferen
Ursachen des Konflikts anzugehen. Dagegen betont der hier skizzierte
Zwei-Phasen-Vorschlag eine ganze Reihe weiterführender
Entwicklungen: friedensschaffende und vertrauensbildende Maßnahmen,
Wirtschaftswachstum, die Entstehung starker Zivilgesellschaften und
nicht zuletzt eine beginnende Versöhnung, die schließlich
zu einer echten Konfliktlösung führen kann. Die Umrisse
dieses Plans sind einfach zu skizzieren:
Phase 1: ein Palästinenser-Staat neben dem Staat Israel
Diese Phase beginnt mit der Anerkennung der palästinensischen
Forderung nach Selbstbestimmung als einer fundamentalen Ursache des
Konflikts. Sodann wird ein palästinensischer Staat gegründet.
Damit sind palästinensische Vorbedingungen hinsichtlich nationaler
Souveränität, politischer Identität und Mitgliedschaft
in der internationalen Gemeinschaft erfüllt. Die formale Staatlichkeit
jedoch garantiert noch nicht die Lebensfähigkeit des Staates.
Wenn die Palästinenser lediglich einen Staat wünschten,
dann könnten sie ihn morgen haben: den Mini-Staat, das bekannte
Angebot von Barak und Scharon. Aber hier geht es ihnen
nicht bloß um einen Staat. Die schlimmste Angst der Palästinenser
ist, in diesem Staat eingesperrt zu sein, in einem Bantustan, einem
Gefängnis-Staat, und das liegt weder heute noch in ferner Zukunft
im Interesse der Menschen.
Der Zwei-Phasen-Ansatz eröffnet einen Weg aus dieser
Falle heraus, selbst dann noch, wenn die Präsenz der Israelis
zwar vermindert, aber nicht weitestgehend abgeschafft ist. Wir könnten
die Palästinenser dahin bringen, einen halbwegs lebensfähigen
Staat auf den besetzten Gebieten zu akzeptieren (mit oder ohne Gebietstausch),
aber nur unter einer Bedingung: eine Garantie der internationalen
Gemeinschaft für die Errichtung eines regionalen Staatenbundes
innerhalb eines überschaubaren Zeitraums von fünf bis zehn
Jahren. Auf diese Weise würde in der ersten Phase ein Palästinenser-Staat
(mit Grenzen zu Jordanien, Syrien und Ägypten) geschaffen und
damit das Problem der Selbstbestimmung angegangen; in der zweiten
Phase würde der Staatenbund geschaffen und das Problem der staatlichen
Lebensfähigkeit behandelt. Hiermit erhielten die Palästinenser
eine Verankerung in der Region, die ihnen erlauben würde,
auch für ihre langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Probleme
Lösungen zu finden.
Phase 2: der Staatenbund und eine mögliche Nahost-Union
In der Folge des neuen Palästinenser-Staats würde die internationale
Gemeinschaft bei der Schaffung eines regionalen Staatenbundes aus
Israel, Palästina und Jordanien als ehrlicher Makler
tätig werden; Syrien und Libanon könnten in vermutlich nicht
allzulanger Zeit ebenfalls dazugehören. Allmählich könnte
daraus, wenn auch Ägypten und andere Staaten der Region diesem
Staatenbund beitreten, eine vollgültige Nahost-Union
daraus erwachsen.
Die entscheidende Bedingung hierbei ist das Recht der hier lebenden
Menschen, innerhalb der Union Arbeits- und Wohnort frei zu wählen.
Dieses Recht befreit die Palästinenser aus ihrem Gefängnis.
Der kleine, eben erst entstandene Palästinenser-Staat wird nicht
mit Verantwortungen belastet, denen er nicht gerecht werden kann,
sondern im Gegenteil: Diese Belastungen werden innerhalb des Staatenbundes
auf alle Schultern verteilt. Auch das Flüchtlingsproblem, im
Kern: die individuelle Wahl des Wohnorts, ist berücksichtigt;
Palästinenser, die innerhalb des Staatenbundes leben, könnten
wählen zwischen der Beibehaltung ihrer aktuellen Staatsangehörigkeit,
dem Erwerb der palästinensischen Staatsangehörigkeit oder
der Auswanderung in ein Land außerhalb des Staatenbundes. Sie
könnten also auch in ihre alte Heimat zurückkehren,
die heute Israel heißt, aber sie könnten es mit ihrer palästinensischen
Staatsangehörigkeit oder mit der eines anderen Mitgliedstaats.
Israel wäre nicht verpflichtet, sie zu israelischen Staatsbürgern
zu machen, wie ja auch Israelis, die in Palästina leben (Menschen,
die weiterhin in Maaleh Adumin oder Hebron bleiben wollen, die
früheren Siedler), ihre israelische Staatsbürgerschaft
behalten. Hiermit sind auch die israelischen Sorgen um ihre staatliche
Integrität berücksichtigt.
In einem solchen Staatenbund wäre sogar ein beträchtlicher
Zustrom palästinensischer Flüchtlinge nach Israel kein Problem.
Was für Israel bedrohlich wird, ist ja nicht die einfache Anwesenheit
der Flüchtlinge. Schließlich wohnen schon heute 350000
ausländische Gastarbeiter und ebenso viele russische Christen
im Lande. Die Bedrohung der Souveränität Israels besteht
in etwas anderem: im Recht der Flüchtlinge auf die israelische
Staatsangehörigkeit. Wenn jedoch das Recht auf Rückkehr
getrennt ist von dem Recht auf eine Staatsangehörigkeit, dann
verwirklichen die Palästinenser mit eigener Staatsangehörigkeit
in ihrem Staat ihre politische Identität und sind für die
Souveränität Israels keine Herausforderung mehr. Sie genießen
vielmehr eine gerechte individuelle Freiheit, da sie je nach Wunsch
in einem beliebigen Teil von Palästina-Israel oder auch in der
weiteren Region leben und arbeiten können.
Die Staatenbund-Lösung würde außerdem keinen Abbau
von Siedlungen erfordern (die jetzt natürlich dazugehören),
sie verlangt auch kein Ende der Besetzung, was bisher
der größte Stolperstein des Zwei-Staaten-Plans war. Der
Bundesstaat neutralisiert diese Dinge ganz einfach: Er macht alle
Zäune, Mauern, Kontrollpunkte und Umgehungsstraßen überflüssig
und irrelevant.
Diese Zwei-Phasen-Lösung wird selbstverständlich auf Widerstand
stoßen. Israel, das sich für eine Art Nahost-Singapur hält,
hat nicht die Absicht, sich in die Region zu integrieren, die Herrschaft
über das gesamte Land abzugeben oder auch nur, bleiben wir bescheiden,
die palästinensischen Flüchtlinge aufzunehmen. Andererseits
bietet die Lösung dem israelischen Volk, das im Gegensatz
zu seinen Regierungen mit der Besetzung nichts mehr zu tun
haben will, einen Ausweg aus seiner unhaltbaren Lage.
Die autoritären Regime in dieser Region werden sich einer solchen
Lösung aus Angst vor der damit verbundenen Demokratisierung widersetzen.
Trotzdem: Die Vorteile dieser Beendigung des Konflikts liegen auf
der Hand. Internationaler Druck, wirtschaftliche Anreize und die Initiative
einer starken Zivilgesellschaft könnten die Länder der Region
von der Notwendigkeit der Teilnahme überzeugen. Für die
Palästinenser ergeben sich sogar ausschließlich Vorteile
daraus. Der Zwei-Phasen-Plan bietet ihnen erheblich mehr Möglichkeiten
als die Zwei-Staaten-Lösung, und er ist viel leichter zu realisieren
als der Einheitsstaat.
Eine solche Union klingt, im heutigen Konfliktzustand, nach Tagtraum
und Hirngespinst. Aber die Infrastruktur für diese Lösung
steht schon bereit.
Die Palästinenser besitzen im Friedensprozess einen wirksamen
Hebel: Sie können weitere Türen öffnen. Sobald sie
der arabischen Welt, der Welt der Muslime, zu verstehen geben, dass
sie die Beilegung ihrer Streitigkeiten mit Israel beschlossen haben,
dass die Zeit reif ist für eine Normalisierung, in diesem Augenblick
kann eine wirkliche Versöhnung zwischen den Völkern und
die Integration Israels in die Nahost-Region in Gang kommen. Dieser
allererste Schritt ist das schwerste Hindernis; der zweite Schritt,
die allmähliche Bildung einer regionalen Nahost-Union, ist in
diesem Friedensprozess der leichtere.
Von der Automatik zu einer Strategie
Die klassische Diplomatie hat sich als unfähig erwiesen, hier
einen gerechten und dauerhaften Frieden zu schaffen. Jetzt liegt der
Auftrag eindeutig bei der internationalen Zivilgesellschaft. Aber
ihr Engagement und ihre Dynamik reichen nicht aus. Graswurzel-Initiativen
brauchen Führungsstärke und Zielvorgabe, in erster Linie
von den Palästinensern, dann aber auch aus der israelischen Friedensbewegung.
Bis jetzt erhalten sie von beiden Seiten nichts. Unser aller Unfähigkeit,
den günstigen historischen Augenblick zu ergreifen, hebt die
Notwendigkeit von Konsultationsgesprächen nur umso deutlicher
hervor, sowohl bei den Palästinensern als auch bei Israel und
seinen internationalen Verbündeten, wenn es denn überhaupt
zu einer zielführenden Aktivität kommen soll. Nicht-Regierungsorganisationen
in Palästina, Israel und in vielen anderen Ländern liegen
darnieder, weil ihnen ein schlüssiger Aktionsplan, hierarchisierte
Prioritäten und eine wirksame Gemeinsamkeit im Handeln fehlen.
Dieser Mangel an Ziel und Richtung und das Unbehagen daran verlangen
dringlich unsere Aufmerksamkeit, gerade jetzt, wo wir an einem historischen
Scheideweg stehen: Die israelische Besetzung war seit Jahren nicht
so mächtig wie heute und noch nie so verwundbar. In unserer
Zeit des Übergangs müssen wir die wesentlichen, die relevanten
Fragen stellen: Wo stehen wir in unserem Kampf für einen gerechten,
dauerhaften Frieden? Welche Ziele haben wir? Wie erreichen wir sie?
Für welches politische Programm sollten sich die Anhänger
eines gerechten Friedens tatsächlich engagieren? Die Zwei-Staaten-Theorie
bleibt leider die einzige Agenda der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Auf völkerrechtlicher Grundlage geht sie von einer Art Automatik
aus, von der Annahme nämlich, die israelische Besetzung werde
unter ihrem eigenen Unrecht, unter dem palästinensischen Widerstand,
sumud (Standfestigkeit) und internationalem Druck eines Tages einfach
zusammenbrechen. Eine solche Erwartung kann man kaum als tatkräftige
Strategie bezeichnen. Sie ähnelt eher einem passiven Glauben
an mystische Geschichtskräfte, die uns angeblich von sich aus
zu einer Zwei-Staaten-Lösung oder irgendeinem anderen befriedigenden
Ende des Konflikts hinleiten. Ja, man verlässt sich geradezu
auf so geheimnisvolle historische Prozesse. Einen solchen Prozess
befürworten die Palästinenser, aber sie lenken ihn nicht,
sie führen ihn nicht an. Dieser Glaube an eine historische Automatik
erklärt bei der Palästinenser-Führung den Mangel an
aktivem Eintreten für eine Lösung ebenso wie ihre Klagelitanei
über das ihnen angetane Unrecht statt einer wirkungsvollen Kritik
der aktuellen Situation und entsprechend vorausschauenden Maßnahmen.
(Es gibt hier allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme: Nasser al-Qibweh,
den palästinensischen Vertreter bei den Vereinten Nationen, der
dort mit deutlichen Worten gegen die Trennmauer protestiert hat.)
Die israelische Politik definiert die Auseinandersetzung mit ihren
eigenen Begriffen (Krieg gegen den Terror, kein
Partner für den Frieden, Trennzaun), mit Programmen
(Disengagement) und glatten Unwahrheiten (Baraks großzügiges
Angebot) und beherrscht damit die gesamte Diskussion. Angesichts
solch aggressiven Vorgehens ist das Vertrauen auf eine historische
Automatik ein offensichtlich untaugliches Mittel. Eine Strategie ist
hierin nicht zu erkennen.
Es fehlen zwei wesentliche Bestandteile eines erfolgreichen Vorgehens:
erstens eine Vision, das heißt ein erreichbares Ziel; und zweitens
eine effiziente Organisation mit einer erfolgversprechenden Strategie.
Wir müssen heute eine strategische Entscheidung treffen: Wenn
wir wirklich für eine Zwei-Staaten-Lösung eintreten wollen,
dann dürfen wir sie nicht länger als automatisch eintretendes
Ergebnis betrachten. Die Autonomiebehörde müsste sie vielmehr
initiativ und tatkräftig verfolgen und gleichzeitig die Friedensaktivisten
davon überzeugen, dass dies auch das Endspiel ist.
Andererseits: Wenn die lebensfähige Zwei-Staaten-Lösung
für uns obsolet ist, lediglich ein taktischer Eröffnungszug
am Beginn von Verhandlungen, dann müssen die Palästinenser,
aber auch ihre zivilgesellschaftlichen Verbündeten daheim, in
Israel und in aller Welt, eine Rückzugsposition aufbauen
die dann das eigentliche Endspiel wäre. Dafür
habe ich hier den Staatenbund vorgeschlagen. Wenn jemand eine bessere
Idee hat: Der Zeitpunkt, den Mund aufzumachen, ist gekommen.
Wir sitzen irgendwie in der Zwickmühle. Natürlich können
wir nicht eine Lösung vertreten, die die Palästinenser nicht
selbst wollen. Solange die palästinensische Führung den
Zwei-Staaten-Plan beibehält, muss man, so scheint mir, ihre Bemühungen
unterstützen. Und doch: Ich bin ein Israeli, innig mit meinem
Land vertraut; ich weiß, dass die Siedlungen nicht zurücknehmbar
sind, weder physisch noch innenpolitisch; ich kenne auch die Unwandelbarkeit
der kritiklosen Allparteien-Unterstützung in der Regierung und
im Kongress der USA für Israel oder was die amerikanische
Pro-Israel-Lobby als Israel definiert; deshalb glaube
ich nicht mehr, dass ein lebensfähiger Palästinenser-Staat
noch möglich ist, und deshalb scheint es mir wichtig, dass wir
nach anderen, neuen Wegen suchen, die uns aus diesem Chaos herausführen.
Wenn wir Nicht-Palästinenser schon keine vernünftige eigene
Lösung vorschlagen können, dann könnten wir wenigstens
für die Menschenrechte eintreten, für eine umfassende Perspektive,
die niemanden ausschließt und uns politisch unverbraucht denken
lässt.
Der israelische Unilateralismus hat nur ein Null-Ergebnis: Er kann
den Palästinensern nichts bieten, was sich für sie zu verhandeln
lohnt. Die Road Map behauptet, dass nur durch ein wirkliches Ende
der Besetzung und die Gründung eines tragfähigen Palästinenser-Staats
irgendwann das Ende dieses auch global folgenreichen Konflikts erreicht
werden kann. Aber eine echte Zwei-Staaten-Lösung ist vermutlich
tot; sie ist ein Opfer der israelischen Expansionspolitik. Eine solche
Apartheid-Lösung ist keine Möglichkeit, die wir gutheißen
können.
Die Apartheid herrscht indes schon jetzt bei uns. Scharon muss sehr
schnell tätig werden, wenn er sein Lebenswerk noch vollenden
will; im nächsten Jahr ist seine Amtszeit zu Ende. Das ist unsere
wahre Klemme. Wir können es uns nicht leisten, dass
irgendetwas anderes, so wichtig es auch sein mag, unsere Aufmerksamkeit
auf sich zieht. Entweder wir bekommen eine gerechte und nachhaltige
Lösung, oder wir bleiben in der Apartheid stecken, die wir jetzt
schon haben. Möglicherweise erleben wir auch noch, anderthalb
Jahrzehnte nach dem Sturz des rassistischen Regimes in Südafrika,
einen regelrechten Anti-Apartheid-Kampf im eigenen Land. In spätestens
einem halben Jahr werden wir es wissen.
(Übersetzung aus dem Englischen: Philipp Reuter)