Nummer 8, Dezember 2005



Editorial
 


 

Und schon ist wieder Ruhe. Als in Frankreich 1200 Autos pro Nacht brannten, war das ein Event, Spitzennachricht, „Prickeln auf höchstem Niveau“. Die späteren 600 waren noch ein Feuerfilmchen wert, 300 eine Kurznachricht ohne. Als die Zahl auf 100 sank, herrschte wieder Ruhe. Kein Wort mehr, kein Film. Hundert Autos pro Nacht brennen in Frankreich immer, erfährt man jetzt.
Die Ruhe hat nun auch die Alles-Versteher ergriffen. Sie haben uns Texte geliefert, Sätze mit „Überflüssige“ und „Perspektive“ und „Dialog“, und die besonders Mutigen schrieben, frei von historischen Bedenken, sogar „Ghetto“, ganz als wären wir in Minsk 1942 oder in Warschau 1943. Danach zog sich das zeitweise soziale Gewissen wieder in seine Expertenburgen zurück. Fazit insgesamt: Vergeblichkeit. Die Staatsbürgerschaft, die eigenen Schulen, Bürgerinitiativen wie Banlieuescope, oder SOS Raçisme, die Fatwas und die ehrenamtlichen Ordnungshüter der Union des Organisations Islamiques de France, sogar Sarkozys staatliche Gesprächsangebote (unglaublich, aber es gab sie) – nichts hat geholfen. Nichts wurde verhindert.
Nun ist es ja nicht so, dass „Überflüssige“ etwas Falsches beschreibt. Zwar: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist, wie in Deutschland, auch in Frankreich auf niedrigem Stand, vier oder fünf Prozent. Eine sehr gute Ausbildung (Lycée, ein Studium), wird man also sagen dürfen, führt hier wie dort nicht unbedingt in die Überflüssigkeit. Einige aus Clichy-sous-Bois haben es ja tatsächlich „zu etwas gebracht“, mittelstandsmäßig. Wer allerdings keine erfolgreiche Ausbildung auf diesem Niveau absolviert hat, der bleibt eine Stufe tiefer hängen, bei den Absolventen des Collège mitsamt deren eingeschränkten Berufschancen. Wer aber auch hier keinen Abschluss schafft, fällt unten durch; ihm bleibt dann nur noch die Gesellschaft, aus der er kam, selbst wenn (oder gerade wenn) es eine Parallelgesellschaft ist. Auch hier ist er aber nicht ohne Perspektiven: Die Karrieren hier werden im Waffen- und Drogenhandel gemacht, das schnelle Geld für den schnellen Wagen. „Ich träume von Dreier-BMWs und 190er-Benz“, rappt die Hamburger Gruppe H-Town Ridaz, nicht von Perspektiven. Früher gab es vielleicht noch einfache Arbeiten (die noch nicht Billiglohnjobs hießen), aber heute nicht mehr. Früher knipsten in der Pariser Metro farbige Französinnen die Tickets; heute werden die Tickets maschinengelesen.
Auf seinem Weg nach unten wird der „Betroffene“ jedoch vielfach und vor allem stufenspezifisch begleitet: von Berufsberatern, Stadtteilarbeitern, Sozialarbeitern und – nach einer Strafverfolgung irgendwann – Bewährungshelfern.
Und wenn gar nichts mehr nützt, wenn all diese Berater und Arbeiter und Helfer verzweifelt die Hände in die Luft werfen, dann schauen wir wieder weg. Dann tolerieren wir wieder: die Polygamie (in Deutschland wie in Frankreich, obwohl sie hier wie dort verboten ist), die Jagd auf kopftuchlose

Mädchen in den muslimischen Banlieues, die nicht wirklich auffällige Kriminalität.
Bis zur nächsten Revolte.
Aber hier fehlt etwas. Es fehlt eine Forderung an die Revoltierenden. Es sind unsere Revoltierenden, unsere (europäischen) Landsleute; sie leben, wie auch immer parallel, mit uns in einer politischen Einheit, einer Union, die mit einem bestimmten Gesetz angetreten ist: einen Raum des Friedens, der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit zu schaffen. Wenn nun ein Staat wie Frankreich dies bereitzustellen immerhin begonnen hat, was ist dann falsch oder auch nur unvernünftig daran, den Banlieusards die Forderung vorzulegen, nicht vom schnellen Geld zu träumen, sondern – auch wenn es Mühe kostet – zu lernen, auf einem Collège, einem Lycée, einer Universität? Es sich einige Jahre lang nicht leicht zu machen, sondern sich anzustrengen – ist das zu viel verlangt? Nicht die eigenen Schulen und Busse abzufackeln, sondern politische Verantwortung zu organisieren – ist das unzumutbar? Politisch unkorrekt?
Aber das werden unsere Experten nicht sagen. Sie – und wir mit ihnen: Wir werden ab morgen, wenn alles wieder ruhig und „unter Kontrolle“ ist, schon wieder wegschauen. Wir haben nun mal, heißt es dann, einen „Bodensatz“, den eine moderne Gesellschaft zwangsläufig mit sich herumträgt, ein auch von der Polizei toleriertes „Milieu“ von nur labiler Verstecktheit.
Dabei hätten wir keinen Grund zu so bequemer Nicht-Wahrnehmung. Auch in Deutschland vermehrt sich die Zahl der „Unterausgebildeten“ jährlich um 850000 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss; das heißt: 10 bis 15 Prozent eines Jahrgangs bleiben ohne Perspektive. Ralph Ghadban, der Berliner Soziologe, nannte das „eine tickende Bombe“ (DIE GAZETTE 6, Juni 2005). Aber das ist offenbar kein Thema. Noch nicht.
Wie ja auch der „globale Mittelstand“, die Gruppe der knapp 30 reichen Staaten des Nordens, blind hinwegsieht über die weltweit Unterprivilegierten, den verarmenden Süden. Obwohl diese Menschen schon auf sich aufmerksam machen. Sie zünden nicht unsere Lieblingsspielzeuge an; sie bleiben in den Zäunen von Melilla und Ceuta hängen, sie ertrinken vor der Küste Siziliens, sie ersticken in Amsterdam in Containern.
Frage: Wer von uns kennt eigentlich das erste der UN-Millenniumsziele, die Halbierung der Armut weltweit bis 2015?
Wenn eine Gesellschaft zerfällt (siehe James William Kunstlers Szenario in diesem Heft), kommt es einem beinahe zynisch vor, über die fällige Bescheidenheit unserer Intellektuellen nachzudenken (wie Klaus Podak) oder mit Tilo Schabert über die Notwendigkeit der Demokratie.
Oder aber: unter diesen Umständen erst recht.
Fritz R. Glunk