Und schon ist wieder Ruhe. Als in Frankreich 1200 Autos pro Nacht
brannten, war das ein Event, Spitzennachricht, Prickeln auf
höchstem Niveau. Die späteren 600 waren noch ein Feuerfilmchen
wert, 300 eine Kurznachricht ohne. Als die Zahl auf 100 sank, herrschte
wieder Ruhe. Kein Wort mehr, kein Film. Hundert Autos pro Nacht brennen
in Frankreich immer, erfährt man jetzt.
Die Ruhe hat nun auch die Alles-Versteher ergriffen. Sie haben uns
Texte geliefert, Sätze mit Überflüssige
und Perspektive und Dialog, und die besonders
Mutigen schrieben, frei von historischen Bedenken, sogar Ghetto,
ganz als wären wir in Minsk 1942 oder in Warschau 1943. Danach
zog sich das zeitweise soziale Gewissen wieder in seine Expertenburgen
zurück. Fazit insgesamt: Vergeblichkeit. Die Staatsbürgerschaft,
die eigenen Schulen, Bürgerinitiativen wie Banlieuescope, oder
SOS Raçisme, die Fatwas und die ehrenamtlichen Ordnungshüter
der Union des Organisations Islamiques de France, sogar Sarkozys staatliche
Gesprächsangebote (unglaublich, aber es gab sie) nichts
hat geholfen. Nichts wurde verhindert.
Nun ist es ja nicht so, dass Überflüssige etwas
Falsches beschreibt. Zwar: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern
ist, wie in Deutschland, auch in Frankreich auf niedrigem Stand, vier
oder fünf Prozent. Eine sehr gute Ausbildung (Lycée, ein
Studium), wird man also sagen dürfen, führt hier wie dort
nicht unbedingt in die Überflüssigkeit. Einige aus Clichy-sous-Bois
haben es ja tatsächlich zu etwas gebracht, mittelstandsmäßig.
Wer allerdings keine erfolgreiche Ausbildung auf diesem Niveau absolviert
hat, der bleibt eine Stufe tiefer hängen, bei den Absolventen
des Collège mitsamt deren eingeschränkten Berufschancen.
Wer aber auch hier keinen Abschluss schafft, fällt unten durch;
ihm bleibt dann nur noch die Gesellschaft, aus der er kam, selbst
wenn (oder gerade wenn) es eine Parallelgesellschaft ist. Auch hier
ist er aber nicht ohne Perspektiven: Die Karrieren hier werden im
Waffen- und Drogenhandel gemacht, das schnelle Geld für den schnellen
Wagen. Ich träume von Dreier-BMWs und 190er-Benz,
rappt die Hamburger Gruppe H-Town Ridaz, nicht von Perspektiven. Früher
gab es vielleicht noch einfache Arbeiten (die noch nicht Billiglohnjobs
hießen), aber heute nicht mehr. Früher knipsten in der
Pariser Metro farbige Französinnen die Tickets; heute werden
die Tickets maschinengelesen.
Auf seinem Weg nach unten wird der Betroffene jedoch vielfach
und vor allem stufenspezifisch begleitet: von Berufsberatern, Stadtteilarbeitern,
Sozialarbeitern und nach einer Strafverfolgung irgendwann
Bewährungshelfern.
Und wenn gar nichts mehr nützt, wenn all diese Berater und Arbeiter
und Helfer verzweifelt die Hände in die Luft werfen, dann schauen
wir wieder weg. Dann tolerieren wir wieder: die Polygamie (in Deutschland
wie in Frankreich, obwohl sie hier wie dort verboten ist), die Jagd
auf kopftuchlose
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Mädchen in den muslimischen Banlieues, die nicht
wirklich auffällige Kriminalität.
Bis zur nächsten Revolte.
Aber hier fehlt etwas. Es fehlt eine Forderung an die Revoltierenden.
Es sind unsere Revoltierenden, unsere (europäischen) Landsleute;
sie leben, wie auch immer parallel, mit uns in einer politischen Einheit,
einer Union, die mit einem bestimmten Gesetz angetreten ist: einen
Raum des Friedens, der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit zu schaffen.
Wenn nun ein Staat wie Frankreich dies bereitzustellen immerhin begonnen
hat, was ist dann falsch oder auch nur unvernünftig daran, den
Banlieusards die Forderung vorzulegen, nicht vom schnellen Geld zu
träumen, sondern auch wenn es Mühe kostet
zu lernen, auf einem Collège, einem Lycée, einer Universität?
Es sich einige Jahre lang nicht leicht zu machen, sondern sich anzustrengen
ist das zu viel verlangt? Nicht die eigenen Schulen und Busse
abzufackeln, sondern politische Verantwortung zu organisieren
ist das unzumutbar? Politisch unkorrekt?
Aber das werden unsere Experten nicht sagen. Sie und wir mit
ihnen: Wir werden ab morgen, wenn alles wieder ruhig und unter
Kontrolle ist, schon wieder wegschauen. Wir haben nun mal, heißt
es dann, einen Bodensatz, den eine moderne Gesellschaft
zwangsläufig mit sich herumträgt, ein auch von der Polizei
toleriertes Milieu von nur labiler Verstecktheit.
Dabei hätten wir keinen Grund zu so bequemer Nicht-Wahrnehmung.
Auch in Deutschland vermehrt sich die Zahl der Unterausgebildeten
jährlich um 850000 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss; das
heißt: 10 bis 15 Prozent eines Jahrgangs bleiben ohne Perspektive.
Ralph Ghadban, der Berliner Soziologe, nannte das eine tickende
Bombe (DIE GAZETTE 6, Juni 2005). Aber das ist offenbar kein
Thema. Noch nicht.
Wie ja auch der globale Mittelstand, die Gruppe der knapp
30 reichen Staaten des Nordens, blind hinwegsieht über die weltweit
Unterprivilegierten, den verarmenden Süden. Obwohl diese Menschen
schon auf sich aufmerksam machen. Sie zünden nicht unsere Lieblingsspielzeuge
an; sie bleiben in den Zäunen von Melilla und Ceuta hängen,
sie ertrinken vor der Küste Siziliens, sie ersticken in Amsterdam
in Containern.
Frage: Wer von uns kennt eigentlich das erste der UN-Millenniumsziele,
die Halbierung der Armut weltweit bis 2015?
Wenn eine Gesellschaft zerfällt (siehe James William Kunstlers
Szenario in diesem Heft), kommt es einem beinahe zynisch vor, über
die fällige Bescheidenheit unserer Intellektuellen nachzudenken
(wie Klaus Podak) oder mit Tilo Schabert über die Notwendigkeit
der Demokratie.
Oder aber: unter diesen Umständen erst recht.
Fritz R. Glunk
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