Parteiprogramme
Beschlossen und
vergessen?
Die eilig hingeschriebenen Wahlplattformen
der deutschen Parteien geben dem Politikverdrossenen scheinbar Recht:
Sie sind, sagt er sich und anderen, nicht das Papier wert, auf dem
sie stehen. Und die Parteiprogramme wirft er gleich hinterher. Visuelle
Medien, das Fernsehen vornweg, stellen keine Überlegungen vor,
sondern zeigen Gesichter, die Statements abgeben kurz, schlicht,
einprägsam.
Aber auch wenn Parteiprogramme keine Aktionspläne sein können,
sagen sie doch etwas Grundsätzliches über die Parteien aus,
die uns zur Wahl stehen. Der Autor, nach Willy Brandt SPD-Vorsitzender,
wirft einen prüfenden Blick auf alte und neue Programme deutscher
Parteien: Überlegungen zur Geschichte, die in die Auseinandersetzungen
der unmittelbaren Gegenwart führen.
Von Hans-Jochen Vogel
Der Freundeskreis des Herbert-Wehner-Bildungswerkes trifft sich
alljährlich unmittelbar vor dem Geburtstag seines Namensgebers
hier in Dresden. Seit einigen Jahren findet im Rahmen dieses Treffens
auch eine öffentliche Veranstaltung zu einem Thema statt, das
Herbert Wehner für wichtig gehalten hat oder doch für wichtig
gehalten hätte, wenn er heute noch leben würde.
Das ist gut so. Denn auf diese Weise wird die Erinnerung an einen
großen Sohn Dresdens und einen Mann wachgehalten, der zu den
prägenden Gestalten der Bundesrepublik in deren ersten Jahrzehnten
gehörte. Gerade auf Grund seines besonderen Lebensweges und seiner
Erfahrungen mit dem Kommunismus er nannte ihn, als er mit ihm
brach, den Gott, der keiner war hat er sich, 1946
von Kurt Schumacher zum Beitritt aufgefordert, dann als Sozialdemokrat
unentwegt für den Aufbau demokratischer Strukturen, dafür,
dass seine Partei fähig wurde, Regierungsverantwortung zu übernehmen,
und für die großen innen- und außenpolitischen Fortschritte
engagiert, die dadurch möglich geworden sind.
Ich betone das gleich zu Eingang, weil von bestimmter Seite selbst
15 Jahre nach seinem Tode wegen seiner Moskauer Jahre immer wieder
Vorwürfe gegen Herbert Wehner erhoben werden, die ihn noch im
Nachhinein herabwürdigen sollen. Vorwürfe, die nicht nur
die seinerzeitigen Verhältnisse im Moskau der 30er Jahre des
vorigen Jahrhunderts außer acht lassen, sondern auch mit den
Fakten leichtfertig umgehen. Die auch verschweigen, wie sehr Herbert
Wehner zeit seines späteren Lebens bemüht war, durch seinen
rastlosen Einsatz für seine Mitmenschen das gutzumachen, was
er in einer früheren Lebensphase an Fehlern und Irrtümern
zu verantworten hatte. Wahrscheinlich wollen ihm die Kritiker, von
denen ich spreche, nicht verzeihen, dass er damals nicht auch erschossen
wurde. Das an- und auszusprechen halte ich nicht nur als sein Nachfolger
im Amt des Fraktionsvorsitzenden für meine Pflicht, sondern genauso
als ein Sozialdemokrat, der den Grundwert der Solidarität auch
gegenüber einem Toten ernst nimmt.
Als Thema der heutigen Veranstaltung wurde schon vor Monaten die Frage
nach der politischen Bedeutung von Grundsatzprogrammen festgelegt,
die anhand des sozialdemokratischen Beispiels beantwortet werden soll.
Das ist ein Thema, das auch Herbert Wehner durchaus beschäftigt
hat, und zwar vor allem in den Jahren, in denen das Godesberger Programm
entstand. Denn entgegen gelegentlich geäußerten Meinungen
hat er sich nämlich an den Vorarbeiten intensiv beteiligt und
unter anderem Anfang 1958 einen ersten Entwurf zum außen- und
weltpolitischen Teil des Programms vorgelegt. Auch hat er in der Kommission
mitgearbeitet, die im Mai 1959 vom Parteivorstand eingesetzt wurde
und den endgültigen Programmentwurf im Wesentlichen formulierte.
Schließlich ist das Programm 1959 nicht zuletzt deshalb mit
so großer Mehrheit verabschiedet worden, weil Herbert Wehner
auf dem Parteitag eine leidenschaftliche Rede für dessen Annahme
hielt.
Inzwischen ist die zunächst für den Herbst dieses Jahres
vorgesehene Verabschiedung eines neuen Grundsatzprogramms aus den
bekannten Gründen verschoben worden. Und die Wahlvorbereitungen
nehmen nicht nur die öffentliche Aufmerksamkeit immer stärker
in Anspruch. Dennoch begrüße ich es, dass die Veranstalter
an ihrer ursprünglichen Absicht festhalten, denn jedenfalls unsere
Partei darf nämlich nicht alles den jeweils aktuellen Bedürfnissen
unterordnen und sich damit ebenfalls dem Verdacht der Kurzatmigkeit,
ja der Beliebigkeit aussetzen. Sie muss vielmehr erkennen lassen,
woran sie sich orientiert, welche Werte für sie maßgebend
sind und welche Zwecke sie über den Tag hinaus verfolgt.
Damit sind wir jetzt bei unserem Thema. Ich will es behandeln, indem
ich zunächst kurz auf die Grundsatzprogramme anderer Parteien
eingehe und mich dann mit der politischen Bedeutung unserer Programme
beschäftige. Daran soll sich noch eine kurze Schlussbemerkung
knüpfen.
Zunächst also ein Blick auf die Grundsatzprogramme der übrigen
Parteien. Ja, alle im Bundestag vertretenen Parteien besitzen solche
Programme. Die geltenden Texte stammen bei der CDU aus dem Jahre 1994,
der CSU aus dem Jahre 1993, der FDP aus dem Jahre 1997, den Grünen
aus dem Jahre 2002 und der PDS aus dem Jahre 2003.
Die Programme der CDU und CSU stehen allerdings kaum im Bewusstsein
der Bevölkerung. Bei der CSU würde es wahrscheinlich die
meisten sogar überraschen, dass sie überhaupt ein solches
Programm hat. Auch durchaus lesenswerte Papiere, die Alois Glück
derzeit Präsident des bayerischen Landtags zu einzelnen
Fragen präsentiert hat, ändern daran kaum etwas, weil sie
offenbar selbst innerhalb der Partei nicht allzu viel Aufmerksamkeit
finden. Es ist auch nicht bekannt, dass bei einer dieser beiden Parteien
eine neue Fassung in Aussicht genommen wäre. Offenbar ist hier
der längerfristige Programmbedarf überhaupt geringer. Für
die Zeiträume, in denen diese Parteien die bestehenden Verhältnisse
und Strukturen eher unangetastet lassen wollten und ihre politische
Kraft aus ihrem Beharrungsvermögen herleiteten, überrascht
das nicht. In der Gegenwart neigen sie hingegen durchaus zu kräftigen
Veränderungen, etwa der Sozialstruktur. Aber es erscheint ihnen
offenbar nicht angezeigt, diese Absicht programmatisch zu untermauern.
Dagegen sprechen wohl schon die fortbestehenden inhaltlichen Unklarheiten
und die Schwierigkeiten, die sich beispielsweise aus der Auseinandersetzung
mit der katholischen Soziallehre ergeben würden. An politisch
bedeutsamen Programmentscheidungen der CDU ist mir überhaupt
nur die von Konrad Adenauer bewirkte Ersetzung des für die britische
Besatzungszone geltenden Ahlener Programms von 1947 durch die Düsseldorfer
Leitsätze vom Juli 1949 in Erinnerung. In diesen verabschiedete
sich die Union nämlich von der im Ahlener Programm geforderten
Vergesellschaftung der Bergwerke und propagierte stattdessen eine
soziale Marktwirtschaft, die vom System der Planwirtschaft
ebenso abzusetzen sei wie von der freien Wirtschaft liberalistischer
Prägung.
Ähnlich bedeutsam waren für die FDP meines Erachtens nur
die Freiburger Thesen vom Oktober 1971. Sie wurden in den Anfangsjahren
der sozial-liberalen Koalition verabschiedet und enthielten Bekenntnisse
zu sozialstaatlichen und rechtsstaatlichen Positionen, die von der
FDP etwa zur Mitbestimmung nur dies eine Mal und zu den bürgerlichen
Freiheiten seitdem jedenfalls in dieser Deutlichkeit nicht mehr zu
hören waren.
Die Grünen haben bekanntlich zum Zeitpunkt ihrer Gründung
und ihres Einzugs in das Parlament substanzielle Reformen gefordert,
und das nicht nur im Umweltbereich. Im weiteren Verlauf sind diese
Forderungen bis heute erheblich milder geworden. Die Erkenntnis, dass
der Marsch durch die Institutionen die Marschierer stärker verändert
hat als die Institutionen, gilt auch insoweit. Heftige Auseinandersetzungen
sind den Grünen auf diesem Weg nicht erspart geblieben. Diese
habe ich jedoch mehr als Einzelkonflikte und nicht so sehr als ein
Ringen um ein bestimmtes Grundsatzprogramm wahrgenommen.
Die PDS schließlich hat zunächst die Auseinandersetzung
mit dem überkommenen SED-Programm und dann ein gewisses Maß
an Einordnung in die bundesrepublikanische Realität zu bewältigen
versucht. Ob und inwieweit ihr dies gelungen ist, will ich an dieser
Stelle nicht beantworten, weil es zu weit führen würde.
Aber nun zu uns selbst der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Wir waren seit unserer Gründung im Jahre 1863 stets eine Reform-
und schon deshalb eine Programmpartei. Das heißt, die SPD hat
ihre politischen Zielvorstellungen von Anfang an nicht nur punktuell
vertreten, sondern
- jeweils mit einem Gesamtentwurf zusammengefasst,
- aus allgemeinen Grundsätzen abgeleitet und
- in unterschiedlichem, aber stets beträchtlichem Umfang zur
Grundlage ihrer praktischen Politik gemacht.
Das galt schon für die frühesten programmatischen Texte
wie etwa das sogenannte Arbeiterprogramm Ferdinand Lassalles
von 1862 und sein berühmtes offenes Antwortschreiben
vom 1. März 1863 an das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen
Deutschen Arbeiterkongresses. Ihnen folgten dann bis heute nicht weniger
als acht Grundsatzprogramme. Nacheinander waren das das anlässlich
der Gründung der Bebelschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
1869 in Eisenach angenommene Programm, das anlässlich der Vereinigung
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins mit der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei also der Lassalleaner und der Eisenacher,
wie man damals sagte 1875 verabschiedete Gothaer Programm,
das Erfurter Programm von 1891, das Görlitzer Programm von 1921,
das Heidelberger Programm von 1925, das Godesberger Programm von 1959,
das Berliner Programm von 1989 und nicht zu vergessen das Grundsatzprogramm
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in der DDR, das am 25.
Februar 1990 in Leipzig verabschiedet wurde.
Diese Programme, insbesondere die von 1891 und von 1959, sind wesentliche
Bestandteile unserer Geschichte und bereits unter diesem Aspekt politisch
bedeutsam. Keine andere deutsche Partei kann sich auf eine vergleichbare
Tradition berufen.
Politisch bedeutsam waren in der Regel auch die Diskussions- und Arbeitsprozesse,
die der Verabschiedung der jeweiligen Programme vorausgingen. Jedenfalls
trifft das für die beiden Programme zu, deren Entstehung ich
selbst miterlebt und im zweiten Fall als Parteivorsitzender mit zum
Abschluss gebracht habe. Sie begannen beim Godesberger Programm im
Grunde schon nach der verlorenen Bundestagswahl von 1953 und beim
Berliner Programm spätestens 1982. Die Beteiligung der Partei
war in beiden Fällen lebhaft und im Vorfeld des Godesberger Programms
in wichtigen Punkten auch kontrovers.
Manche haben das etwas abschätzig als Selbstbeschäftigung
der Partei bezeichnet. Mir sind beide Phasen dagegen als Zeiten der
Selbstvergewisserung und der gemeinsamen Anstrengung in Erinnerung,
auf Grund neuer Einsichten und neuer Herausforderungen, die auf Veränderungen
der Wirklichkeit beruhten, neue Antworten zu geben. An der Diskussion
beteiligten sich in beiden Fällen auch Außenstehende. Beim
Godesberger Programm beispielsweise Oswald von Nell-Breuning und beim
Berliner Programm Carl Friedrich von Weizsäcker. Und auch das
Medieninteresse war in beiden Fällen erheblich. Viele Menschen
gewannen so den Eindruck, die SPD schaue über den Tellerrand
hinaus, sei zu Selbstkorrekturen fähig und nehme ihre Aufgaben
ernst. Das hing auch mit der Wahrnehmung bestimmter Persönlichkeiten
zusammen. Im Zusammenhang mit dem Godesberger Programm waren das unter
anderem Carlo Schmid, Adolf Arndt, Waldemar von Knoeringen, Fritz
Erler, Willi Eichler und eben Herbert Wehner; beim Berliner Programm
Willy Brandt, Erhard Eppler, Thomas Meier und in gewissem Maße
auch ich selbst. Insgesamt war also nicht nur das Ziel, sondern auch
schon der Weg bedeutsam.
Worin lag nun die inhaltliche Bedeutung der Programme?
Sie lag nicht darin, dass jedes Mitglied der Partei die jeweils gültigen
Programme unter dem Arm getragen oder regelmäßig in ihnen
geblättert hätte. Auch in der parlamentarischen Arbeit war
selten zu hören, dieser oder jener Vorschlag werde unter Berufung
auf das Grundsatzprogramm eingebracht. Und eher noch seltener wurde
in der Bundestagsfraktion der Vorwurf erhoben, diese oder jene Vorlage
widerspreche dem Grundsatzprogramm und dürfe deshalb nicht weiterverfolgt
werden. Insofern aber nur insofern könnte die ironisch
klingende Feststellung beschlossen und sogleich vergessen
einen gewissen Wahrheitsgehalt beanspruchen.
Die meisten Programme haben aber über die jeweiligen Gesamtvorstellungen
der Sozialdemokratie, über die von ihr angestrebte Gesellschaftsordnung
und über ihre Antworten auf Grundfragen des mitmenschlichen Zusammenlebens
Auskunft gegeben. Und darin liegt ihre substanzielle politische Bedeutung.
Das gilt schon für die Gründungsprogramme von 1862/63 und
1869. Beide forderten, daß die Arbeiterschaft die Umgestaltung
der Verhältnisse selbst in die Hand nehmen müsse und sie
sich nicht länger mehr mit der Rolle einer Hilfstruppe liberaler
bürgerlicher Fortschrittsparteien begnügen dürfe. Beide
bekannten sich zur Demokratie als der anzustrebenden Staatsform. Ein
Bekenntnis, von dem die Sozialdemokratie zu keiner Zeit abgewichen
ist und das sie im letzten Jahrhundert durch klare Absagen an jede
Form der Diktatur ergänzt hat. Und beide proklamierten als Kernziel
der Arbeiterbewegung die Überwindung der grob ungerechten Verteilung
von Macht und Wohlstand, wobei Lassalle im allgemeinen, geheimen,
direkten und gleichen Wahlrecht das Hauptinstrument zur Durchsetzung
der notwendigen Reformen sah.
Die politische Bedeutung des Gothaer Programms von 1875 lag vor allem
darin, daß es die Vereinigung der beiden bis dahin getrennten
Arbeiterparteien ermöglichte. Zur Erreichung dieses Zweckes nahm
es ein - von Marx scharf kritisiertes - Nebeneinander von Lassalle'schen
und Marx'schen Gedanken in Kauf. So etwa die Forderungen nach Vergesellschaftung
der Produktionsmittel ebenso wie die nach der genossenschaftlichen
Regelung der Gesamtarbeit.
Das Erfurter Programm von 1891, beschlossen kurz nach dem Fall des
Sozialistengesetzes, zerfiel in einen theoretischen und einen praktisch-politischen
Teil. Der theoretische Teil, von Karl Kautsky formuliert, stand ganz
unter dem Einfluss von Karl Marx und postulierte demgemäß
die historische Zwangsläufigkeit des Sozialismus als Endzustand
der gesellschaftlichen Entwicklung und den Klassenkampf und die Vergesellschaftung
der Produktionsmittel als die entscheidenden Schritte zur Überwindung
der Klassengesellschaft. Der von Eduard Bernstein verfasste praktisch-politische
Teil enthielt demgegenüber konkrete Aussagen zur Demokratisierung
des Staates und der Gesellschaft sowie zur sozialen Besserstellung
der Arbeiterschaft, darunter die Forderungen nach der Sicherung der
Meinungs- und Versammlungsfreiheit und des Koalitionsrechtes, dem
Acht-Stunden-Tag, der Einführung von Arbeitsämtern, der
Verreichlichung der Arbeiterversicherungen und erstmals ausdrücklich
des Frauenwahlrechts. Die Religion wurde, wie schon im Gothaer Programm,
zur Privatsache erklärt.
Die politisch bedeutsamste Besonderheit des Erfurter Programms war
das soeben beschriebene Spannungsverhältnis zwischen seinen beiden
Teilen, das bald auch im sogenannten Revisionismusstreit zwischen
Karl Kautsky und Eduard Bernstein seinen Niederschlag fand. Zwar begünstigte
der zweite Teil praktische und auch erfolgreiche Reformanstrengungen
vor allem auf der kommunalen und der Länderebene. Der erste Teil
aber bewirkte insbesondere während des revolutionären Umbruchs
im November 1918 und dann in den Jahren der Weimarer Republik ein
gewisses Zögern, die Regierungsverantwortung im Reich entschlossen
und notfalls um den Preis von Zugeständnissen in Koalitionen
wahrzunehmen und zu verteidigen. Der Gedanke, die Gesetzmäßigkeit
der Geschichte werde sich ohnehin durchsetzen, ließ die Regierungsmacht
als weniger bedeutsam und die Opposition als eher zu bevorzugende
Alternative erscheinen. Allerdings half man dann den Regierungen zur
Abwehr größeren Unheils mehrfach aus der Opposition heraus
durch sogenannte Duldungsstrategien, in denen man das kleinere Übel
sah. Preußen lieferte dazu unter Otto Braun ein Gegenmodell,
bildete aber die Ausnahme.
Das Görlitzer und das Heidelberger Programm von 1921 und 1925
standen im Zusammenhang mit der Abspaltung der USPD und der späteren
Wiedervereinigung mit größeren Teilen der Führungsschichten
der USPD. Die Mitgliedschaft der USPD wanderte bekanntlich in ihrer
Mehrheit zur KPD ab, die erst dadurch eine Massenpartei wurde. Dem
entsprechend enthielt das Görlitzer Programm Ansätze zu
einem Volksparteimodell, während im Heidelberger Programm mit
Rücksicht auf die zurückgekehrten USPDler die Unabwendbarkeit
des Klassenkampfes wieder stärker in den Vordergrund rückte.
Dort finden sich aber auch am Ende zwei Sätze, die ich wegen
ihrer visionären Perspektive wörtlich zitieren möchte.
Sie lauten:
(Die Sozialdemokratie) tritt ein für die aus wirtschaftlichen
Ursachen zwingend gewordene Schaffung der europäischen Wirtschaftseinheit,
für die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa, um damit
zur Interessen-Solidarität der Völker aller Kontinente zu
gelangen. Sie fordert die Demokratisierung des Völkerbundes und
seine Ausgestaltung zu einem wirksamen Interesse der Friedenspolitik.
Bis zur Verabschiedung des nächsten, des Godesberger Programms,
vergingen 34 Jahre. Sie waren gekennzeichnet durch den Aufstieg des
Nationalsozialismus, die von diesem Gewaltregime verursachte Katastrophe
und den unerwartet raschen Wiederaufstieg der Bundesrepublik, zu dem
die Sozialdemokratie einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Gestützt
auf die Erfahrungen jener Zeit hält das Godesberger Programm
am Begriff des demokratischen Sozialismus fest, definiert ihn aber
nicht mehr als einen mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel
verknüpften Endzustand, sondern als die dauernde Aufgabe, den
sozialdemokratischen Grundwerten der Freiheit, der Gerechtigkeit und
der Solidarität durch gesellschaftliche Reformen immer aufs Neue
gerecht zu werden. Alle übrigen Neuerungen des Godesberger Programms,
so etwa ein verändertes, an Werten orientiertes Staats- und Rechtsverständnis,
die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Begründungen für
die Grundwerte und die Anerkennung eines eigenständigen Auftrags
der Kirchen, stehen damit im Einklang. All diese programmatischen
Aussagen und die Bejahung werthafter Institutionen und aus dem Hauptgrundrecht
der Menschenwürde hergeleiteter Grundrechte beruhen nicht auf
einem einzigen Geltungsgrund. Vielmehr hat sich die deutsche Sozialdemokratie
mit dem Godesberger Programm in Abkehr von früheren monokausalen
Festlegungen endgültig der Pluralität und Gleichberechtigung
der Begründungen geöffnet. In Übereinstimmung damit
heißt es im Godesberger Text:
Der demokratische Sozialismus, der in Europa in christlicher
Ethik, im Humanismus und in der klassischen Philosophie verwurzelt
ist, will keine letzten Wahrheiten verkünden nicht aus
Verständnislosigkeit und nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber
den Weltanschauungen oder religiösen Wahrheiten, sondern aus
der Achtung vor den Glaubensentscheidungen des Menschen, über
deren Inhalte weder eine politische Partei noch der Staat zu bestimmen
haben. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist die Partei
der Freiheit des Geistes. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen,
die aus verschiedenen Glaubens- und Denkrichtungen kommen. Ihre Übereinstimmung
beruht auf gemeinsamen sittlichen Grundwerten und gleichen politischen
Zielen. Die Sozialdemokratische Partei erstrebt eine Lebensordnung
im Geiste dieser Grundwerte. Der Sozialismus ist eine dauernde Aufgabe,
Freiheit und Gerechtigkeit zu erkämpfen, sie zu bewahren und
sich in ihnen zu bewähren.
Die politische Bedeutung dieser programmatischen Weiterentwicklung
ist auch von heute her gesehen fundamental. Es war in Gestalt des
endgültigen Übergangs von der Klassen- zur Volkspartei die
tiefste Veränderung in der sozialdemokratischen Programmgeschichte
und eine entscheidende Voraussetzung für die Übernahme der
Regierungsverantwortung in den folgenden Jahren und für die damit
eröffneten Einflussnahmen auf die Gestaltung unseres Gemeinwesens
und der Lebensverhältnisse seiner Bürgerinnen und Bürger.
Das Berliner Programm von 1989 hat die zentralen Entscheidungen des
Godesberger Programms bekräftigt. Zugleich hat es versucht, auf
die Herausforderungen zu antworten, die seitdem neu auf unsere Gesellschaft,
ja auf die Menschheit zugekommen sind. Es tut dies unter anderem mit
der Idee eines neuen Fortschrittsverständnisses, einer sozial
und ökologisch verantwortbaren Industriegesellschaft, einer humanen
und sozialen Beherrschung der Technik, der gesellschaftlichen Gleichheit
von Frauen und Männern, der Sicherung und des Umbaus des Sozialstaats,
der gemeinsamen Sicherheit anstelle atomarer Abschreckung und einer
gerechteren Weltwirtschaftsordnung, die auch die Belange der Entwicklungsländer
berücksichtigt. Seine politische Bedeutung ist hinter den Erwartungen
aus einem durchaus erfreulichen Grund zurückgeblieben
nämlich deshalb, weil seiner Verabschiedung unmittelbar der Fall
der Mauer vorausging und alsbald die Implosion des kommunistischen
Systems und die deutsche Einheit folgten. Nicht wenige seiner Aussagen
sind aber nach wie vor von Belang.
Das Leipziger Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
in der DDR vom Februar 1990 schließlich hat aus ähnlichen
Gründen wie das Berliner Programm nur eine eingeschränkte
politische Bedeutung erlangt. Vieles darin ist aber auch heute noch
lesens- und bedenkenswert. So etwa der Schlusssatz:
Eine nicht mehr veränderungsbedürftige Gesellschaft
wird es niemals geben. Deshalb beschreibt diese unsere Leitvorstellung
nicht einen erdachten Zielpunkt des Geschichtsprozesses, sondern gibt
die Richtung an, in der wir uns bewegen und die Gesellschaft gestalten
wollen.
Mancher mag sich wundern, dass ich so ausführlich auf unsere
Programmgeschichte eingegangen bin. Aber auch hier gilt die alte Weisheit:
Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wo er
sich befindet und wohin ihn sein Weg führen soll. Und lernen
kann nein: muss man aus der Geschichte allemal. Sonst
verdorren unsere Wurzeln und wir entbehren der Impulse und der Kraft,
die uns aus dem Wissen um die Kämpfe, die Rückschläge,
aber gerade auch um die Erfolge früherer Generationen erwachsen.
Wir jammern dann auch weniger, als das heute für meinen Geschmack
zu viele zu kontinuierlich tun.
Was ergibt sich nun aus all dem für die Gegenwart?
Ich meine, das begonnene Bemühen um ein neues Grundsatzprogramm
sollte nach der Wahl fortgesetzt werden. Hätten wir es vor dem
regulären Ablauf der Wahlperiode zustande gebracht, wäre
es übrigens das erste Programm, das in einer Zeit erarbeitet
und verabschiedet worden wäre, in der sich die Partei in der
Regierung befand. Ich hoffe, das bleibt auch unter den veränderten
Umständen so. Jedenfalls halte ich es, anders als andere, nicht
für ausgeschlossen. Denn wer nicht kämpft, hat schon verloren,
wer kämpft, kann gewinnen.
Ich nannte bereits einen Grund, warum ein neues Grundsatzprogramm
notwendig erscheint. Es kommt hinzu, dass sich die Realität in
den 16 Jahren, die seitdem vergangen sind, auch sonst substanziell
verändert hat. Ich nenne nur das Stichwort Globalisierung, mit
dem die Verschärfung des internationalen Wettbewerbs deshalb
eng verbunden ist, weil in anderen Ländern Produkte gleicher
Qualität mit deutlich geringeren Lohnkosten und Steuerbelastungen
hergestellt werden können als bei uns. Auch dass es seit langer
Zeit erstmals nicht mehr um die gerechte Verteilung von für nahezu
selbstverständlich gehaltenen Zuwächsen, sondern um den
gerechten Umgang mit einem Weniger geht, hängt damit zusammen.
Weiter nenne ich die Stichworte weltweiter Terror, der mit der Privatisierung
von Gewalt einhergeht, Unilateralismus, die wirtschaftliche Entwicklung
Chinas und die Entwicklung, die die Europäische Union seither
genommen hat, aber auch das Übergreifen menschlicher Gestaltungsmacht
auf Grundelemente des Menschseins auf dem Gebiet der Bio- und Gentechnik.
Anderes war schon existent, trat aber erst danach stärker in
unser Bewusstsein. So die demographische Entwicklung oder die Tatsache,
dass wir ein Einwanderungsland sind. Im Berliner Programm finden sich
zumeist schon Ansätze zu Antworten auf diese Herausforderungen.
Sie reichen jedoch nicht mehr aus. Deshalb ist es gut, dass nach neuen
konkreten Antworten gesucht wird. Und eine intensive, über die
Parteigrenzen hinausreichende Diskussion der Probleme kann dem Gemeinwesen
und auch uns nur helfen.
Aber es gibt auch Aussagen des Berliner Programms, an denen festgehalten
werden muss. Beispielsweise an der Beschreibung unseres Menschenbildes
und der zentralen Bedeutung, die den Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit
und Solidarität für die Gestaltung unserer Gesellschaft
unverändert zukommt. Ich wüsste nicht, was hier jedenfalls
inhaltlich geändert werden sollte. Im Gegenteil. In einer
Zeit, in der sich die meisten Entwicklungen beschleunigen, in der
sich das ökonomische Prinzip immer weiter in den Vordergrund
schiebt, in der täglich eine Flut von Informationen, Bildern
und Reizen auf uns alle niedergeht und da und dort eine Tendenz zur
Beliebigkeit, eines anything goes, wenn es nur Spaß macht, um
sich greift, wird es noch wichtiger, den Menschen eine klare Orientierung
und damit auch einen Halt zu geben. Deshalb bedarf es hier eher noch
einer stärkeren Betonung. Und ich frage mich, ob hier wirklich
feinsinnige Betrachtungen über gerechte Ungleichheiten
einen so breiten Raum einnehmen müssen, wie es manche verlangen.
Auch der Teilhabegedanke, von dem es jetzt gelegentlich heißt,
er solle an die Stelle des Verteilungsaspektes treten, sollte das
bleiben, was das Berliner Programm über ihn gesagt hat: nämlich
ein Element der Verteilungs- und Zugangsgerechtigkeit. Übrigens
halte ich auch einen Satz wie Die Wirtschaft hat dem Gemeinwohl
zu dienen keineswegs für überholt. Er gibt ja auch
nur wieder, was in Art. 14 GG steht. Unbehagen könnte der folgende
Satz erregen: Das Kapital hat dem Menschen, nicht der Mensch
dem Kapital zu dienen. Aber wer ihn streichen will, muss wissen,
von wem er stammt. Nicht von einem Klassenkämpfer, sondern von
dem kürzlich verstorbenen Papst Johannes Paul II., der anlässlich
seines Todes zu Recht als eine der ganz großen Persönlichkeiten
des 20. Jahrhunderts gewürdigt worden ist.
Noch etwas liegt mir am Herzen. Das ist der Begriff des demokratischen
Sozialismus, den das Godesberger Programm und das Berliner Programm
mit großer Selbstverständlichkeit als Beschreibung unseres
Gesellschaftsmodells und als Kriterium unserer politischen Entscheidungen
verwenden. Ich weiß, der Begriff ist von anderen schlimm missbraucht
worden. Es gab auch Vorschläge, ihn nun endgültig beiseite
zu legen. Ich halte es da mit Willy Brandt. Der hat dazu ein Jahr
vor seinem Tod im Sommer 1991 in einer Rede in der Frankfurter Paulskirche
wörtlich Folgendes gesagt: Heute meinen nicht wenige, der
Begriff Sozialismus sei für immer verbraucht; er
wurde in der Tat heillos kompromittiert. Aber es wird sich als geschichtlicher
Irrtum erweisen, das dem demokratischen Sozialismus, der Sozialdemokratie
zugrundeliegende Ideal die Zusammenfügung von Freiheit,
Gerechtigkeit und Solidarität als überholt abtun
zu wollen. Dabei sollten wir es belassen. Das hat auch etwas
mit Orientierung und mit Selbstbewusstsein zu tun und mit der Erinnerung
an Männer und Frauen, die eben dafür in den Zeiten der Verfolgung
ihr Leben eingesetzt haben. Zu meiner nicht geringen Überraschung
kann ich seit kurzer Zeit zu dieser Frage auch noch eine andere Stimme
zitieren, die dazu Folgendes gesagt hat:
Der demokratische Sozialismus hat sich als ein heilsames Gegengewicht
gegenüber den radikal liberalen Positionen in die beiden bestehenden
Modelle gemeint ist, mit Blick auf das 19. Jahrhundert,
ein Europa, das laizistische und das staatskirchliche Modell des liberalen
Protestantismus einzufügen vermocht, sie bereichert
und korrigiert. Und weiter: In vielem stand und steht
der demokratische Sozialismus der katholischen Soziallehre nahe, jedenfalls
hat er zur sozialen Bewusstseinsbildung erheblich beigetragen.
Das hat der heutige Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal im Mai 2004
in einem Vortrag vor dem italienischen Senat gesagt.
Und schließlich ein letzter Punkt: Zu meinem Verständnis
der Sozialdemokratie gehört auch eine konkrete Vision, die weit
über den Tag hinausreicht. Im Kaiserreich war es die Vision einer
demokratischen und sozialen Republik. Zur Zeit Willy Brandts war es
die Vision der Ostpolitik zur Überwindung der deutschen Spaltung
und zur Stärkung der Sicherheit und des Friedens in Europa. Heute
sollten wir uns darauf besinnen, warum unsere Partei vor über
140 Jahren entstanden ist. Sie ist entstanden, weil damals Macht und
Wohlstand in Deutschland grob ungerecht verteilt waren. Und sie hat
entscheidend dazu beigetragen, das zu ändern. Diese Erfahrung
sollten wir auf die globale Ebene übertragen, auf der Macht und
Wohlstand in einem noch viel krasseren, ja in einem geradezu empörenden
Maße auseinander klaffen. Wissen wir eigentlich, dass eine Milliarde
Menschen auf dieser Erde von weniger als einem Euro am Tag lebt und
zwei Milliarden von weniger als zwei Euro? Und denken wir darüber
nach, wie die internationalen Institutionen aussehen würden,
wenn sie nach der seinerzeitigen Lassalleschen Kernforderung
One man one vote besetzt wären? Ich bin kein
Phantast. Aber der Kampf um eine gerechtere Weltordnung das
sollte heute die konkrete Vision der Sozialdemokratie sein. Das wäre
auch eine überzeugendere Anstrengung zur Austrocknung des Sumpfes,
aus dem Terror und Gewalt letzten Endes ihre Nahrung ziehen. Eine
überzeugendere jedenfalls als militärische Präventivschläge.
Auch hier könnte ich mich auf Willy Brandt und sein Engagement
als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission berufen. Übrigens
auch auf Herbert Wehner. Der schrieb im April 1958 an Willi Eichler
unter anderem: Es sei eine sozialistische Aufgabe, den
Arbeitnehmern klar zu machen, dass Hunger und Unterentwicklung in
anderen Teilen der Welt ihre eigene soziale Sicherheit gefährdeten.
Ich weiß: Ich habe Ihnen einiges zugemutet. Aber wer mich einlädt,
muss damit rechnen. Vielleicht ist es mir wenigstens gelungen, das
Selbstbewusstsein der anwesenden Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
und gegenüber den anderen hier Anwesenden die Glaubwürdigkeit
der Sozialdemokratie und das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit unserer
Bemühungen etwas zu stärken. Das hat auch Herbert Wehner
immer wieder versucht. Und das wäre ja schon eine ganze Menge.
Leicht gekürzte Fassung eines Referats von Dr. Hans-Jochen Vogel
im Rahmen einer Veranstaltung des Herbert-Wehner-Bildungswerkes in
Dresden am 8. Juli 2005. Der vollständige Text ist unter http://www.gazette.de/Archiv2/Gazette7/Vogel.html
zugänglich.