Einwanderer werden Staatsbürger
Mit allen Rechten und Pflichten
Wenn jemand von außen auf Deutschland
und die Deutschen schaut, sieht er die Dinge manchmal schärfer,
als die Innenansicht es zulässt. Der kanadische Autor und Kulturhistoriker
John Ralston Saul zum Beispiel ist überzeugt, dass Kanadier und
Deutsche die Bereitschaft zum Experiment, zum Risiko gemeinsam
haben. Ein unerwartetes Kompliment. Schließlich konnte
man bei uns jahrzehntelang mit Abwandlungen des Schlagworts Keine
Experimente Wahlen gewinnen. Vielleicht erlauben es die deutsch-kanadischen
Gemeinsamkeiten sogar, in Zukunft Fehler auf einem Gebiet zu vermeiden,
wo uns das Land mit den zwei Amtssprachen um Längen voraus ist:
bei der Integration von Einwanderern.
Von John Ralston Saul
Es ist ein allzu schönes Bild: Die EU, großer und kraftvoller
Garant für Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa, findet
Ergänzung durch eine demokratisch und wirtschaftlich reformierte,
aufstrebende Türkei. Millionen von Türken in den heutigen
Staaten Europas fühlen sich endlich zu Hause, die
neue demokratische und moderne Türkei wird weltweit zum Vorzeigemodell
für die Wirkungsmöglichkeiten der EU. Schön
zu schön, um wahr werden zu können.
Denn weder hat die EU heute die Kraft politisch wie wirtschaftlich
, in der gegenwärtigen Lage neue immense Integrationsleistungen
zu vollbringen, noch ist die Türkei erkennbar auf einem Weg,
in Sachen Demokratie und Ökonomie annähernd EU-Niveau zu
erreichen. Es lohnt sich daher, einen prüfenden Blick auf die
Politik der EU und der Türkei zu werfen, und die wahren Möglichkeiten
von den Wunschträumen zu trennen.
Seit Beginn des Kalten Krieges ist die Türkei ein wichtiger politischer,
insbesondere sicherheitspolitischer Partner Europas und der NATO.
Seit 1964 gibt es Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Türkei. In den späten
80er Jahren dann stellte sie einen formalen Antrag auf Mitgliedschaft
in der EG, der zunächst abgelehnt wurde. Beim Gipfel von Helsinki
1999 erhielt die Türkei schließlich den Kandidatenstatus,
der ihr auf dem Luxemburger Gipfel 1997 noch verweigert wurde
unter anderem auf Betreiben des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Die erneute
Entscheidung des Kopenhagener Gipfels vom Dezember 2002, die Verhandlungen
noch nicht aufzunehmen, setzte diese Politik fort. Sie verfolgte immer
das Ziel, die Reformen hin zu mehr Rechtsstaatlichkeit und Demokratie
in der Türkei zu fördern und ihr dafür ausreichend
Zeit zu geben.
Nach der Entscheidung von Kommission und Rat im letzten Jahr, ein
Datum für Beitrittsverhandlungen mit der Türkei festzulegen,
muss daran erinnert werden, dass mindestens zwei Kopenhagener
Beitrittskriterien bis heute nicht überprüfbar erfüllt
wurden. Zum einen ist dies die Aufnahmefähigkeit der EU, dazu
später mehr. Zum anderen gibt es immer noch keinen Beweis für
einen funktionierenden demokratischen Rechtsstaat in der Türkei.
Die unsägliche Inszenierung zur Reform des Strafrechtswesens
kurz vor der Kommissionsempfehlung im Herbst 2004 sollte eher von
diesem Problem ablenken. Dabei wurde kurz vor der Vorlage des Kommissionsberichts
eine Reform beschlossen, aber auch noch ein überzogener Ehebruch-Paragraph
vorgeschlagen und als Konzession an die EU in letzter Sekunde zurückgezogen
nach dem Motto Seht ihr, wir haben doch alles gemacht!
Unabhängig von der Gesetzeslage erreichen uns noch immer zahlreiche
beunruhigende Meldungen über Menschenrechtsverletzungen. Zwar
hat die Kommission eine Delegation in die Türkei geschickt, doch
der wird man kaum die Folterkammern der Gefängnisse gezeigt haben.
Nichtregierungsorganisationen mit permanentem Engagement in der Türkei
zeichnen immer noch ein düstereres Bild. Über 500 dokumentierte
Folterungen im Jahr 2003 wurden im Bericht der Kommission mit der
Bemerkung banalisiert, sie seien nicht systematisch. Die
Religionsfreiheit wird bis heute stark eingeschränkt, insbesondere
für die Griechisch-Orthodoxe Kirche. An diesem Beispiel wird
die Hinhaltetaktik der Türkei deutlich, denn während der
EU-Erweiterungskommissar Rehn in einem Brief zum aktuell beratenen
Stiftungsgesetz die Lösung der Fragen des Eigentums, der Rechtspersönlichkeit,
der Klerikerausbildung und des eigenständigen Betriebes anmahnt,
antwortet der türkische Außenminister Gül schlicht,
man werde sich der Sache im Oktober annehmen also nach dem
avisierten Termin zur Aufnahme der Beitrittsverhandlungen. Aber auch
die Meinungsfreiheit, die Rechte der Frauen sowie der Einfluss alter
administrativer, institutioneller und militärischer Strukturen
machen die Erfüllung der politischen Kriterien ebenso zweifelhaft
wie die gesellschaftliche Wirklichkeit, zum Beispiel bei Ehrenmorden
oder Kindesehen.
Nicht übergehen lässt sich zudem die Zypernfrage. Seit der
Besetzung des Nordens der Insel 1974 bleibt dies ein wunder Punkt.
Problematisch aus heutiger Sicht ist aber vor allem die Nichtanerkennung
des EU-Mitglieds Zypern durch den Kandidaten Türkei. Im Dezember
2004 gab die Türkei die nur schwache Zusicherung, wenigstens
ein Erweiterungsprotokoll mit der EU zu unterzeichnen, um bestehende
Verträge auf die erweiterte Union auszudehnen, was Zypern einschließt
und dieses damit indirekt anerkennt. Aber vor kurzem hat die Türkei
dies zudem an eine einseitige Erklärung geknüpft, der zufolge
das Protokoll ausdrücklich keine Anerkennung Zyperns bedeute.
Das besagt, dass selbst der Minimalkompromiss vom Dezember 2004 noch
unterlaufen wird. Es ist schwer vorstellbar, das jemand Mitglied eines
Clubs wird, dabei aber darauf beharrt, dass ein anderes Mitglied gar
nicht existiert.
Neben Zypern hat die Türkei hochproblematische Verhältnisse
zu weiteren Nachbarstaaten. An der Grenze zum Irak manifestiert sich
die Kurdenfrage. Seit ihrer Gründung versucht die Türkei,
durch Unterdrückung kurdischer Kultur und Menschenrechte eine
Erstarkung der Kurden zu verhindern. Die Beziehungen zum östlichen
Nachbarn Armenien sind quasi inexistent, da sich die Türkei beharrlich
weigert, den Völkermord an den Armeniern zwischen 1915 und 1925
anzuerkennen. Wer dieses Thema öffentlich behandelt, riskiert
immer noch Verfolgung. Der Innenminister Cemil Cicek persönlich
hat noch im Mai dieses Jahres eine Konferenz von nationalen und internationalen
Historikern unterbunden, die an Istanbuler Universitäten die
Thematik beraten wollten. Wer aber die Geschichte nicht anerkennt,
macht Versöhnung unmöglich.
Fast alle dieser Punkte diskutiert die EU mit der Türkei seit
Jahren. Schon 1995, beim Eintritt in die Zollunion mit der EU, hat
die Türkei Veränderungen hin zu mehr Rechtsstaatlichkeit
und Demokratie versprochen. Passiert ist anschließend fast nichts,
obwohl nur dies der Grund für die Zustimmung der EU war. Die
Regierung Erdogan hat nun einiges auf dem Papier verändert, die
Implementierung steht aber selbst in diesem Bereich oft noch aus.
Rückblickend auf vergangene Erweiterungsrunden stellen wir fest,
dass sich immer ähnliche Ängste bei den Gegnern und ähnliche
Argumente bei den Befürworten gegenüberstanden. Doch etwas
ist neu an der aktuellen Diskussion um die Überdehnung der EU,
um privilegierte Partnerschaften und um die Grenzen Europas. Ich will
kurz aufzeigen, warum wir unbedingt eine dritte eine ehrliche
Option für unsere Nachbarn brauchen.
Die Erweiterung des Jahres 2004 um zehn Staaten mit insgesamt 74 Millionen
Mitbürgern ist noch nicht ganz vervollständigt, die Märkte
noch nicht ganz integriert, die neuen Regeln werden teils immer noch
zum ersten Mal angewandt, die neuen Mitglieder des Europäischen
Parlamentes sind noch unsicher in den Gängen, und die neuen Mitglieder
der Kommission beziehen gerade erst ihr Büro, da entscheidet
die EU im Oktober desselben Jahres, dass nach Vollendung der Erweiterungsrunde
mit Bulgarien und Rumänien, vielleicht auch noch Kroatien, die
Türkei mit bald 80 Millionen Einwohnern Mitglied der EU werden
soll. Naiv, wer meint, die Menschen spürten nicht, dass solche
Entscheidungen zu schnell zu weit führen. Zumal auch der West-Balkan,
die Ukraine und andere vor der Türe stehen.
Erweiterungen um neue Vollmitglieder der EU erfüllen einen bestimmten
Zweck. Sie sollen Garant für Frieden und Stabilität, Wohlstand
sowie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sein, bei uns und unseren
Nachbarn. Bei der letzten Erweiterung kam hinzu, dass sie die historische
Versöhnung mit den Verlierern von Jalta darstellt, denn diese
haben ja nicht freiwillig auf der falschen Seite des Eisernen
Vorhangs gelebt. Doch sind die drei Hauptgründe und/oder der
Zusatzgrund auch bei der Türkei gegeben? Und wenn Zweifel angebracht
sind: Kann oder sollte die EU wirklich eingegangene Zusagen über
Bord werfen?
Niemand will, dass die EU bestehende Verträge einfach ignoriert.
Sie muss aber die Prüfung der Beitrittskriterien genau durchführen.
Gerade in der seit langem angespannten wirtschaftlichen Lage der EU
und insbesondere aus institutionellen Gründen gehört dazu
auch das Kriterium der Erweiterungsfähigkeit. Diese Frage muss
früh bewertet werden, damit den Beitrittsaspiranten nicht jahrelang
etwas versprochen wird, was man am Ende nicht halten kann. Es bedarf
einer ehrlichen Politik. Allen muss klar sein, dass die Aufnahmefähigkeit
wie die anderen Kopenhagener Kriterien entscheidend
sein kann. Auch wenn ein Kandidat seinerseits alle Bedingungen erfüllen
sollte, kann er nicht aufgenommen werden, wenn dieses Kriterium nicht
erfüllt ist.
Die Erweiterungsfähigkeit der EU wurde bislang als weiches Kriterium
behandelt, doch so kann es künftig nicht weitergehen, nicht bei
der Türkei und auch nicht bei anderen Antragstellern. Was beispielsweise
nützt eine Kontrolle, wenn am Ende das Ergebnis stünde,
dass eine Vollmitgliedschaft für beide Seiten nur zum Teil sinnvoll
wäre? Sagt man dann alles ab, mit allen Konsequenzen für
die Beziehungen zwischen der EU und diesem Nachbarn? Oder ignoriert
man die Probleme und sagt einfach zu? Das Erstere war nie, das Letztere
ist heute in keiner Weise mehr vertretbar.
Mit den heutigen 25 Staaten ist die EU bereits institutionell, politisch,
soziokulturell und vor allem ökonomisch an ihre Grenzen gestoßen.
Das Politische und Institutionelle wird sichtbar, wenn man sich verdeutlicht,
dass die EU mit 25 Staaten mit den geltenden Vetorechten im Rat oft
entscheidungsunfähig ist. Die nachgelieferte Hausaufgabe zur
Erweiterung des letzten Jahres, der Verfassungsvertrag, ist noch nicht
in Kraft. Die soziokulturellen Differenzen in der EU sind grundsätzlich
ein Reichtum, doch ohne feste Wertebasis könnte es schnell ungewollte
Konflikte geben. Abermals gibt die Verfassung Schutz: Schutz der Vielfalt
und der Minderheiten, aber auch Schutz unserer gemeinsamen humanen,
freiheitlichen Wertvorstellung. Doch um diesen Schutz durch die Verfassung
müssen wir noch kämpfen.
Die ökonomischen Grenzen des von der EU Leistbaren sind den Menschen
aber derzeit am deutlichsten bewusst. Hohe Arbeitslosigkeit und Stagnation
in vielen EU-Ländern erlauben kein Verständnis dafür,
ökonomische Belastungen durch kommende Beitritte einfach kleinzureden.
Während die erweiterte EU im Jahr 2004 durchschnittlich ein Bruttoinlandsprodukt
von 22320 Euro pro Kopf aufweist, liegt nach den Zahlen der EU-Kommission
jenes der Türkei bei nur 3334 Euro pro Kopf. Entsprechend dieser
kaum überbrückbaren Differenz muss das Kopenhagener Kriterium
der Aufnahmefähigkeit der EU zur Bewertung herangezogen werden.
Wenn die heutigen EU-Regeln angewandt würden, hätte die
türkische EU-Mitgliedschaft, auf der Basis der Zahlen der Europäischen
Kommission, eine Verdoppelung des deutschen Nettobeitrages zur EU
zur Folge (Mehrkosten 6 bis 8 Milliarden). Beim Beitritt würde
die Türkei der EU 100 Millionen neue Bürger und Grenzen
zum Irak, Iran und Syrien bescheren.
Um nicht missverstanden zu werden: Eine reformorientierte, europäische
Perspektive der Türkei muss unterstützt werden. Sie muss
aber auf der Basis der Klarheit und Wahrheit begründet sein,
wenn sie tragfähig sein soll. Die Menschen müssen das Gefühl
haben, dass nicht alles automatisch geht. Erweiterungen kommen nur
noch dann, wenn sie wirklich sinnvoll sind. Die aufgestellten Kriterien
müssen auch genau eingehalten werden. Untragbar ist in diesem
Zusammenhang eine Äußerung wie die des britischen Premierministers
und amtierenden Ratsvorsitzenden Tony Blair, er habe dem Ministerpräsidenten
[Erdogan] klar bestätigt, dass die Unterzeichnung des Ankara-Protokolls
nicht die Anerkennung Zyperns bedeutet. Wofür hat der Rat
dann dieses Protokoll zur Voraussetzung für die Aufnahme der
Verhandlungen gemacht? Solch versuchte Aufweichungen schüren
zu Recht in der Bevölkerung großes Misstrauen und
bei einigen EU-Staaten, insbesondere Zypern.
Auch die wirtschaftliche und juristische Konvergenz zwischen der EU
und den Aspiranten muss stärker unter Beweis gestellt werden.
Eine reine Lokomotiv-Strategie, nach der die Erweiterung an sich schon
die nötige Konvergenz automatisch nach sich zieht, ist unglaubwürdig,
und ihre Probleme sind nachträglich nicht mehr finanzierbar.
Aber: Eine reine Krönungs-Strategie, nach der erst nach völlig
erfolgter Angleichung krönend die EU-Mitgliedschaft winkt, ist
weder attraktiv noch sinnvoll. Daher müssen wir dringend weg
von der Dichotomie, dem binären Mitglied oder nicht.
Für eine Politik, die beiden Seiten nichts vorgaukeln will, brauchen
wir mindestens eine Zwischenstufe, die eine klare europäische
Perspektive darstellt und die sich auch klar von den üblichen
Politiken gegenüber allen anderen Nachbarn der EU abgrenzt
jedoch unterhalb der Vollmitgliedschaft. Diesen Status als EU-Nachbar
zu erreichen, muss ein starkes psychologisches Signal an die eigene
Bevölkerung sein: im Schoße Europas anzukommen. Es muss
mit der Aussicht auf ökonomischen Erfolg und letztlich auch mit
der Option einer später folgenden Mitgliedschaft verbunden sein
nur eben erst bei deutlich stärker nachgewiesener Konvergenz.
In Anlehnung an das sicher auch vorbildhaft wirkende Norwegen habe
ich daher die Idee des Europäischen Wirtschaftsraumes +
(EWR+) angeregt. In jedem Fall muss es eine deutliche Privilegierte
Partnerschaft sein.
Der EWR+ hätte gleich mehrere Vorteile für alle Beteiligten.
Er ist eine multilaterale Lösung. Er verschließt gleichzeitig
nicht die Tür vor der Mitgliedschaft denn wenn die Türkei
ein kompatibles Niveau erreicht hat, wie Finnland, Österreich
und Schweden es als EWR-Mitglieder taten, ist die Mitgliedschaft immer
noch möglich. So kann die EU der Türkei und anderen
eine europäische Perspektive bieten, ohne sich zu überdehnen.
Der Druck zu Reformen bleibt aufrechterhalten.
Auf einen Schlag lösbar sind dann die meisten unserer heute unlösbar
scheinenden Erweiterungsfragen, die sich am leichtesten als Länderliste
zusammenfassen lassen:
Kroatien? Ukraine? Montenegro? Bosnien? Moldawien? Weißrussland?
Serbien, Albanien, FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) und
das Kosovo? Und besonders wichtig: die Türkei? Kurz, alle Länder,
die im nächsten Jahrzehnt nicht Mitglied werden können,
sollen oder wollen.
Natürlich ist es in unserem ureigensten Interesse, in all diesen
Ländern Frieden, Stabilität, Wohlstand, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
vorzufinden. Wenn diese Länder es wünschen, dann sollten
wir das dafür am besten geeignete Mittel nutzen: ihnen eine europäische
Perspektive bieten. Es ist aber ebenso im Interesse aller Beteiligten,
wenn die heutige EU ihre eigene Stabilität und ihren Wohlstand
bewahrt und nicht durch Überdehnung zerbricht. Historisch sind
viele Staatengebilde zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung
gescheitert. Die Vollmitgliedschaft kann daher nicht länger die
einzige Alternative bleiben.
In einem EWR+ könnte die Türkei bis zu 70 Prozent der EU-Gesetze
(genannt Acquis) übernehmen. Zu einem späteren Zeitpunkt
können dann die Europäische Union und die Türkei entscheiden,
ob ein Beitritt des Landes noch gewollt ist auf der Basis praktisch
überprüfter Fortschritte, besonders im Bereich der beiden
genannten Kopenhagener Kriterien. Anders als bei den eingangs geschilderten
vergeblichen Anreizen, die Entwicklung der Türkei positiv zu
beeinflussen, können wir so auf Tatsachen bauen. Niemand in der
EU muss mehr Angst haben, dass die Türkei mit uns nach Art eines
Kuhhandels Zugeständnisse heraushandelt, die Reformen aber letztlich
nicht umgesetzt werden. Niemand in der stolzen Türkei muss mehr
befürchten, dass die EU letztlich Versprechen macht, die sie
gar nicht einhalten kann oder will.
Ein auf diese Weise neu belebter und ausgebauter EWR+ könnte
schon jetzt den Zusammenhalt vertiefen, ohne das Risiko gravierender
Fehler. Solche Fehler wären fatal, denn immerhin ist die Türkei
bereits heute bevölkerungsmäßig größer
als die zehn am 1. Mai beigetretenen neuen EU-Mitglieder zusammen,
und sie wird nach heutigen Prognosen ab 2010 größer als
jedes andere EU-Land sein. Vorsicht statt Nachsicht wäre also
im Interesse beider Seiten, dem der EU und der Türkei. Der EWR+
würde allen Beteiligten Zeit verschaffen: Zeit für mehr
rechtsstaatliche Reformen, Zeit für ihre überprüfbare
Umsetzung, Zeit für eine wirtschaftliche Gesundung und Zeit für
einen gesellschaftlichen Wandel in der Türkei. Wir brauchen diese
Zeit, damit wir nicht heute wechselseitig unehrliche Versprechen abgeben,
die wir morgen nicht werden halten können.
Es muss aber auch sichergestellt sein, dass das politische Projekt
EU entwicklungsfähig bleibt. Die EU als eine Freihandelszone
hat keine Perspektive und stärkt Europa in der globalen Ordnung
nicht ausreichend, um wirtschaftlich, kulturell und politisch zu überleben.
Das Kriterium der EU-Aufnahmefähigkeit kann in letzter Konsequenz
bedeuten, dass auch ein Land, das alle anderen Bedingungen erfüllt,
nicht Vollmitglied wird.
Kanada und Deutschland arbeiten weltweit und vielfältig zusammen.
Beide Länder gehören zur G8-Gruppe, beide sind bei vielen
friedenssichernden Maßnahmen Seite an Seite aktiv um
nur eine von Hunderten anderer internationaler Kooperationen zu nennen.
Und doch ist der Öffentlichkeit beider Länder kaum bewusst,
wer der jeweils andere Partner eigentlich ist oder weshalb sie von
Bedeutung sind füreinander. Zum Beispiel weiß kaum jemand,
in Ihrem Land oder in meinem, dass beide Länder die erfolgreichsten
und experimentierfreudigsten Bundesstaaten der Welt sind.
Selbstverständlich sind wir in vielen Dingen verschiedener Meinung,
in anderen nicht. Es gibt Politikbereiche, in denen Deutschland Kanada
voraus ist, und andere, in denen vermutlich Kanada weiter ist.
Ich werde mich hier auf die Themen Einwanderung und Staatsbürgerschaft
beschränken. Dies ist ein Bereich, in dem Kanada einen entscheidenden
Vorsprung besitzt. Zudem wird dieses Thema in den nächsten zwei
Jahrzehnten auf der ganzen Welt an Dringlichkeit zunehmen. Einer,
nur der sichtbarste Grund dafür ist die geringe Kinderzahl in
so fast jedem westlichen Land.
Ich möchte gern vier Punkte nennen.
Erstens: Die originellste aller Entscheidungen in der politischen
Geschichte Kanadas wurde im Jahr 1774 getroffen; danach wurde sie
noch einige Male wiederholt und damit jedes Mal aufs Neue bekräftigt.
Dies geschah jedes Mal nicht etwa nebenbei, sondern mit einem klarem
politischen Bewusstsein der Konsequenzen. Worum ging es? Die Entscheidung
betraf den Weg Kanadas in die Zukunft: Er sollte nicht wie damals
noch in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten, sondern in genau
umgekehrter Richtung verlaufen. Wir haben nämlich beschlossen,
gerade kein monolithischer Nationalstaat zu werden mit einer Sprache,
einer Kultur, einer Religion und, wenn wir schon dabei sind, einem
Gründungsmythos.
Warum haben wir das beschlossen? Wie sollte das gehen? Vom 18. Jahrhundert
an war Kanada in einer wenig beneidenswerten Lage. Es war ein armer,
elender, isolierter, nördlicher Fleck Erde und besonders unbeliebt
bei Einwanderern. Die bereits Eingewanderten stellten fest, dass es
keine Mehrheit irgendeiner Gruppe gab, keine Nationalsprache, keine
Leitkultur, keine dominante Religion. Es gab 60 000 Französischsprechende,
die sich selbst wie Flüchtlinge vorkamen, nachdem ihr gesamter
Landbesitz in andere (englische) Hände übergegangen war.
Und es gab 60 000 Englischsprechende, die aus den früher britischen
Kolonien im Süden geflohen waren und meist alles verloren hatten.
Und außerdem gab es eine noch viel höhere Zahl an kanadischen
Ureinwohnern, Vertriebene in ihrem eigenen Land.
Im Jahr 1774 also beschloss Kanada, sich der Wirklichkeit zu stellen:
Es gab keine natürliche Mehrheit irgendeiner Art. Es war deshalb
unmöglich, irgendeine vereinheitlichende Vorstellung von Staatsgebiet
oder Bevölkerung zu oktroyieren (und falls es einer
versuchen wollte, hätte es ohnehin nicht funktioniert). Das Ergebnis
war der Beginn der englisch-französischen Zweisprachigkeit und
der Verzicht darauf, zu bestimmen, ob jemand nun Katholik oder Protestantin
sein oder überhaupt einer bestimmten Religion angehören
sollte. Man muss wissen, dass ein Katholik damals in England kein
öffentliches Amt bekleiden durfte.
Mit anderen Worten, gut zweihundert Jahre lang war Kanada ein nicht-monolithisches
Experiment, mit seinen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Rückschlägen.
Dieses Experiment wurde 1840 durch Gesetz bestätigt, noch einmal
1867, noch einmal, als der Westen sich dem 20. Jahrhundert öffnete,
und ganz deutlich noch einmal zu Beginn der sechziger Jahre des vergangenen
Jahrhunderts.
Zweitens:
Kanada wird von seiner politischen Führung immer wieder als neues
Land bezeichnet. Das ist Unsinn. Wir experimentieren damit schon seit
dem frühen 17. Jahrhundert. 1848 haben wir das Experiment erfolgreich
in Gesetze gegossen mit dem Ergebnis, dass Kanada heute die
zweit- oder drittälteste ununterbrochene Demokratie der Welt
ist. Und der älteste ununterbrochene demokratische Bundesstaat
der Welt.
Drittens:
Als alter und erfahrener Bundesstaat wissen wir, was Kämpfe zwischen
konkurrierenden Machtzentren sind. Wir hatten diese Machtkämpfe
schon, bevor wir formal ein eigenes Land wurden. Ob es uns gefällt
oder nicht: Wir verstehen das Bedürfnis verschiedener Regionen
und Völker nach einem selbstbestimmten Platz in der Gesellschaft.
Viertens:
Eine genaue Theorie der Beziehung zwischen Einwanderung und Staatsbürgerschaft
hatten wir ebenfalls schon, bevor Kanada ein richtiges Land wurde.
Im Jahr 1840 schrieb Louis-Hyppolite LaFontaine einen Brief an die
Menschen in seinem Wahlkreis mit dem Titel Sendschreiben an
die Wahlberechtigten in Terrebonne. Darin legte er die Politik
für ein demokratisches Kanada dar sowie seine Überlegungen
zu Einwanderung und Staatsbürgerschaft. Zwei Wochen später
gelangte die Übersetzung des Briefes nach Toronto und wurde zur
Grundlage der Allianz zweier Reformbewegungen, der anglo- und der
frankophonen. Jeder in der damaligen Kolonie hatte den Brief gelesen.
Hier der Absatz, der sich mit der Einwanderung befasst:
Die Ereignisse, die die Zukunft für dieses Land bereithält,
sind von größter Bedeutung Kanada ist das Land unserer
Vorfahren; es ist ebenso unser Land wie das Adoptivland der verschiedenen
Bevölkerungsgruppen, die aus vielen Teilen des Globus zu uns
kommen, die sich ihre Wege bahnen durch unsere riesigen Wälder
zu den künftigen Ruhe- und Wohnstätten für ihre Familien
und ihre Hoffnungen. Wie für uns ist auch für sie der größte
Wunsch das Glück und das Gedeihen Kanadas, ein Erbe, das sie
ihren Nachkommen in diesem jungen und gastfreundlichen Land weiterzugeben
trachten sollten. Vor allem ihre Kinder müssen, wie wir selbst,
Kanadier sein.
Man sieht, der Grundsatz, dass Menschen als Einwanderer nach Kanada
kommen und ihren Platz als Staatsbürger selbst bestimmen, ist
in unserem Land schon 165 Jahre alt. Aber ich will Ihnen nichts vormachen:
Wir haben 120 Jahre gebraucht, um diverse Doppelzüngigkeiten
bei der Umsetzung dieses guten Prinzips aufzugeben. Mit anderen Worten:
Erst um 1960 herum war der schöne Grundsatz einigermaßen
identisch mit seiner praktischen Durchführung. Erst 1960 wurden
wir wirklich das, was wir uns vorgenommen hatten zu werden. Aber von
dieser Zeit an waren wir wenigstens hier relativ frei von Verlogenheit,
konnten wir die entscheidenden Vorteile herausarbeiten bei dem Experiment,
wie wir unseren Einwanderern helfen könnten, kanadische Staatsbürger
zu werden.
Heute nimmt Kanada jedes Jahr 220 000 bis 250 000 Einwanderer auf
das ist weniger als 1 Prozent unserer gesamten Bevölkerung.
Im 19. Jahrhundert, nach 1860, waren die Einwanderungswellen, bezogen
auf die Gesamtbevölkerung, noch erheblich höher als heute.
Und im vergangenen Jahrhundert kamen manches Jahr 200000 Menschen
nach Kanada, eine erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die kanadische
Bevölkerung damals lediglich sechs oder sieben Millionen betrug.
Von Anfang an hat jede Einwanderung bei den Menschen, die schon im
Land waren, Besorgnisse ausgelöst, speziell immer dann, wenn
die Einwanderer aus Weltgegenden kamen, die wir nicht kannten, oder
weil zum ersten Mal Menschen von dort zu uns kamen. Wie würden
sich diese Menschen in die Gesellschaft einfügen? Hatten sie
die passende Hautfarbe? Da sie aus einer anderen Kulturtradition kamen:
Würden sie je unsere Kultur verstehen? Würden sie nicht
unser Land verändern? Und wenn, dann bitte in welcher Weise?
Aus all diesen Fragen (manche von ihnen waren vernünftig, andere
einfach rassistisch) entstand eine Diskussion. Ihre Kernfrage lautete:
Wie kann sich ein Land verändern und gleichzeitig dasselbe bleiben?
Wie weit kann man den zivilisatorischen Wandel eines Landes hinnehmen,
damit es gleichbleibt und doch zu etwas Neuem wird?
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts machten sie uns alle
Angst: die eingewanderten Deutschen, Ukrainer, Polen und Finnen. Kurz
danach machten uns die Chinesen Sorgen, dazu Japaner und Sikhs. Vor
70, 80 Jahren leisteten wir uns diesen drei Gruppen gegenüber
eine Haltung, die man nur als klassischen Rassismus bezeichnen kann
(Sie können sich ihn vorstellen). Im späten 19. Jahrhundert
hatten wir die Chinesen als Gastarbeiter ins Land geholt,
weil wir Arbeiter für die längste Eisenbahn der Welt brauchten.
Anders gesagt: Sie sollten eine Zeitlang für uns arbeiten und
dann wieder weggehen, nach Hause zurück, wo sie hergekommen waren.
Wir haben zu diesem Zweck richtig Druck ausgeübt, wir haben sie
absichtlich schlecht behandelt, und von politischen Rechten
gar irgendeiner Einbürgerung war schon gar nicht die Rede.
Es ist offenkundig: Mit dieser Einstellung widersprachen wir unseren
eigenen Maßstäben und Gedanken zur Einwanderung und Staatsbürgerschaft.
Wir haben gern vergessen, dass jeder Mensch, der nach Kanada kam,
bestimmte Rechte und Pflichten hatte. Die Chinesen jedoch hatten nur
ein Recht: Geld zu verdienen, bevor sie wieder heimgingen. Und selbst
wenn sie blieben, hatten sie immer noch nur dieses eine Recht, Geld
zu verdienen.
Aber dann fielen uns ein paar Dinge auf. Weil diese Menschen keine
Staatsbürger waren, hatten sie auch nicht die Pflichten eines
Staatsbürgers; weil wir sie nicht wirklich akzeptierten, konnten
sie für unsere Gesellschaft kaum einen Beitrag leisten (selbst
wenn sie es wollten). Ein paar zogen sich daraufhin in ein Ghetto
zurück. Es interessierte sie einfach nicht, mehr Englisch oder
Französisch zu lernen, als sie unbedingt für ihren Job brauchten.
Auch die Grundsätze einer funktionierenden Demokratie interessierten
sie nicht. Kurz: Einige dieser Menschen, dieser Nicht-Staatsbürger,
hatten so gut wie keinen Platz in der Gesellschaft.
Wir fanden heraus, was eigentlich selbstverständlich war: dass
sich nämlich die Nicht-Staatsbürger ausgeschlossen fühlten
in einer Gesellschaft, in der sie lebten, aber ohne sich ihr anzupassen.
Außerdem wurde es ihnen großenteils verwehrt, irgendeinen
Gebrauch zu machen von ihrer Kreativität, ihrer Fähigkeit,
Arbeitsplätze zu schaffen, Unternehmen zu gründen, hier
und da die Führung zu übernehmen. Sie hatten nur begrenzte
Möglichkeiten, einen Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten.
Und kaum überraschend viele zogen sich auf sich
selbst zurück. Andere waren unerwartet optimistisch und wild
entschlossen, auch dann Kanadier zu werden, wenn Kanada zu dumm war,
sie zu akzeptieren. Und sie fanden einen nützlichen Platz in
unserer Gesellschaft. Diese Entwicklung hatte ein sehr spezielles
Resultat: Die neuen Staatsbürger betrachteten Menschen ohne Staatsbürgerschaft
als Außenseiter, sie fühlten sich nicht wohl mit ihnen.
Auch die Neu-Einwanderer ihrerseits wurden nervös. Und die alten
Staatsbürger sowieso. Und so entstand eine Phantasievorstellung
vom Leben dieser komischen Ausländer. Und anders herum ebenso:
Die Ausländer pflegten ihre eigenen Phantasien von uns, den schrecklichen
Inländern. Für ein wirklich gesellschaftliches Engagement,
gar für gegenseitiges Verständnis war da kein Platz. Anders
gesagt: Das Ergebnis war die emotional übertriebene Wahrnehmung
eines völlig Anderen. Der Realitätsgehalt solcher
Eindrücke tendierte gegen null.
Mitte des 20. Jahrhunderts kamen wir zur Besinnung und schafften solche
Ausgrenzungen ab. Danach konnte jeder unserer Einwanderer nach kurzer
Zeit kanadischer Staatsbürger werden. Von nun an nahmen sie alles
Kanadische begeistert in sich auf, das heißt: die Grundsätze
unserer Kultur, die staatsbürgerlichen Pflichten und unser Prinzip
der Vielsprachigkeit mit den zwei Amtssprachen Englisch und Französisch.
Das zeigte bei den Menschen, die schon vorher Kanadier gewesen waren,
eine bemerkenswerte Wirkung. Während wir den neuen Kanadiern,
ganz verschiedenen Menschen, dabei zusahen, wie sie unser Land in
sich aufnahmen, wie wir selbst es vorher getan hatten, und dabei unsere
Kultur veränderten, konnten wir gar nicht anders, als selbst
darüber nachzudenken, was das alles eigentlich zu bedeuten hatte.
Wie fühlten wir uns dabei? Wer waren wir eigentlich? Sehr bald
fanden wir heraus, dass wir ziemlich einfallsreiche Leute waren. Wir
sahen, dass wir intelligenter waren, als wir geglaubt hatten. Wir
sahen, dass wir großzügiger sein konnten, als es unsere
bisher ausgrenzenden Überlegungen erlaubt hatten. Wir entdeckten,
dass wir mutiger waren, als wir gedacht hatten. Wenn ich es mal flapsig
sagen darf: Man fühlt sich wohl dabei. Jeder Mensch ist gut in
einer Situation, in der er sich wohlfühlt. In unserem Fall veränderte
sich damit auch das ganze Problem der Unterschiede zwischen Menschen.
Statt Unterschiede zu fürchten, fingen beide Seiten an, sie zu
genießen. Sie entdeckten eine Zusammengehörigkeit, die
Unterschiede einschließt.
Und so haben wir im Lauf der Jahrzehnte jedes Jahr eine Viertelmillion
Einwanderer aufgenommen. Was bleibt, ist die Frage: Wie organisieren
wir das alles? Man kann eigentlich schlecht bestimmen, was es innerlich
bedeutet, Staatsbürger zu werden. Man kann nicht kontrollieren,
was im Kopf eines Menschen oder in einer Familie vor sich geht. Ich
habe mich neulich mit dem Historiker Professor Winkler darüber
unterhalten. Das Wesentliche einer Kultur ist allergrößtenteils
nicht schriftlich niedergelegt (das ist wohl in allen Kulturen so).
Neunzig Prozent davon beruhen einfach auf einer Übereinkunft,
die nicht ausformuliert ist. Welche Kultur will denn schon in so erschöpfender
Weise definiert werden? Das wäre zweifellos das Gegenteil von
Menschlichkeit und Demokratie. Und wie wollte man sich selbst noch
ändern, wenn man sich so definitiv fixiert hat?
Wie organisieren wir also den Übergang der Einwanderer in die
Staatsbürgerschaft, wenn deren Kernbedeutung nirgends niedergeschrieben
ist; wenn wir es stattdessen mit ungeschriebenen und unausgesprochenen
gesellschaftlichen Vereinbarungen zu tun haben? Die Kanadier fanden
allmählich eine besondere Antwort: Wir müssen die Annahme
unserer Staatsbürgerschaft mit einer dauerhaft positiven Erwartung
versehen. Dies führt dann zu dem Wunsch, auch dazuzugehören.
Mit anderen Worten: Wir betrachten Einwanderung als eine Einladung,
die mit staatsbürgerlichen Pflichten verbunden ist. Die Einladung,
nach Kanada zu kommen, ist in allererster Linie die Einladung, Bürger
oder Bürgerin dieses Landes zu werden. Wir sind sogar ziemlich
verärgert, wenn Menschen hier einwandern und nicht gleich Kanadier
werden. Wir sehen das sozusagen als Beleidigung an für alle,
die schon kanadische Bürger sind. Bei uns kann man in der Regel
nach drei oder in vier Jahren die Staatsbürgerschaft erwerben.