Erzählweisen
Die Mono-Perspektive
Wenn ein literarisches Quartett, wie erlebt, sich
in Definitionen von Erotik festbeißt, kommt es zu
fatalen (und persönlichen) Konsequenzen. Missverständnissen
solcher Art sucht die moderne Literatur durch erzählerische Mittel
zu entkommen, die erst unter dem Licht einer im 20. Jahrhundert entwickelten
Beschreibungssprache überhaupt sichtbar werden. Die Literatur
verlangt damit nicht nur von ihrem Leser , sondern schon von ihrem
Kritiker einen erweiterten Abstand zum Erzählten.
Von Dietrich Krusche
1
Literaturkritik war und ist immer vielerlei: Information über
den Autor und zur Werkentstehung, Textbeschreibung, Gattungsbestimmung,
Einordnung in die literarische Reihe, Vergleich, Qualitätsurteil
usf., und jede Kritik unterscheidet sich von jeder anderen in der
Mischung und Akzentuierung von dem allen. Hier soll es nicht um dies
oder jenes der Elemente gehen, sondern darum, wie der Kritiker sein
Publikum mit dem besprochenen Werk konfrontiert wie er es,
bildlich gesprochen, jedem einzelnen seiner Adressaten in die Hand
drückt.
Unter dieser Fragestellung zeigt sich in der Literaturkritik heute
ein markanter Unterschied, der sich auf zwei verschiedene Verständnisse
von Literatur zurückführen lässt. Dem einen zufolge
ist das literarische Werk eine Abbildung von Wirklichkeit, im Sinne
des anderen eine Reaktion darauf. Dem einen Begriff nach ist der literarische
Text etwas objektiv (objekthaft) Gegebenes, dem anderen nach ist er
eine teils verbindliche, teils offene Vorgabe für
das Lesen. Für die Vertreter des einen Literaturbegriffs ergibt
sich die Wirkung des literarischen Textes aus der ihm eingeschriebenen
Bedeutung, für die anderen aus dem Leseprozess und seinen Folgen.
Kritiker, die das literarische Werk als eine Abbildung von Wirklichkeit
begreifen, sehen ihre Aufgabe vor allem darin, die reale Welt und
die Welt im Text plausibel aufeinander zu beziehen. Sie legen fest,
worum es im Text geht, was sein Thema und seine Intention ist. Um
die Verklammerung von realer Welt und Textwelt herzustellen, bedienen
sie sich einiger gut etablierter Schemata, von denen drei angeführt
sein sollen: (a) das Leben des Autors, (b) die gesellschaftliche
Wirklichkeit bzw. der geschichtliche Hintergrund
und (c) die Psychologie der Figuren. Was das Schema Leben
des Autors zu leisten vermag, liegt auf der Hand. Wenn sich
nachweisen lässt, dass biographische Ereignisse oder familiäre
Konstellationen, die in der Autorenvita gegeben sind, auch im Text
vorkommen, ist die Annahme eines Zusammenhangs zwischen beidem (fast)
unabweisbar; ja, oft sind es die Autoren selbst, die Hinweise auf
solch einen Zusammenhang geben ... Schwieriger zu identifizieren ist
die gesellschaftliche Wirklichkeit, die der Kritiker im
Text wiederzuerkennen meint. Zweifellos verweisen literarische Texte,
zumal romanhaft erzählende, immer auch auf eine reale Wirklichkeit;
aber dieser Verweis ist jeweils von einer bestimmten Tendenz der Darstellung
überformt: satirisch, utopisch, grotesk übertreibend, karikierend
oder was in der Moderne selten geworden ist affirmativ.
Dazu kommt, dass schon durch die Auswahl des Dargestellten, die Ausschnittbildungen
im Text, die Wirklichkeit, wie wir sie aus unserer eigenen Erfahrung
oder unserem Vorwissen kennen, verändert ist. Diese Veränderung
ist so komplex wie schwer definierbar. Was begründet gerade diese
Figurenzeichnung, diese Szenenwahl, und wie wirkt sie? Ergänzen
wir das Ausgesparte tatsächlich im Sinne des Textes oder nicht
zugleich aus unserem eigenen Vorwissen, unserer Vorerfahrung usf.?
Die dem Text (angeblich) eingeschriebene Psychologie schließlich
ist ein heute besonders aktuelles Diskursschema. Darüber zu sprechen
heißt, geradewegs auf das Bewusstsein des Autors zu zielen.
Zu der darin liegenden Problematik ein Beispiel. Ich erinnere mich
an mehrere Äußerungen und daran anschließende Dialoge
im Literarischen Quartett, in denen es um das psychologische
Syndrom der Erotik ging. Diese Dialoge unter den Kritikern
schienen mir exemplarisch und exemplarisch kontrovers zu verlaufen:
Liegt die Art von Erotik, die ich meine/die du meinst, in dem gemeinsam
gelesenen Text tatsächlich vor geht es überhaupt
um Erotik? Diese Kontroversen waren gewöhnlich besonders witzig,
amüsant, leidenschaftlich, ausdrucksstark bis hin zum Kränkenden,
aber eben auch nicht unbedingt freiwillig aufschlussreich
für den Diskurs. Unübersehbar war, dass jeder Kritiker/jede
Kritikerin unweigerlich von seinem/ihrem eigenen Verständnis
von Erotik ausging, das sich je nach Kritikergeschlecht und Kritikeralter
unterschied. Da jede Möglichkeit einer rationalen Konsensbildung
sich rasch verflüchtigte, wurde die Diskussion denn auch rasch
abgebrochen.
Zu dieser Art von Text- und Kritik-Verständnis gehört schließlich,
dass das Was und das Wie des Textes (seine Form, sein Stil, seine
Struktur) getrennt erörtert werden müssen. Da das Stoffliche
als wiedererkennbare Wirklichkeit identifiziert wird, kann die Form
nur als etwas erörtert werden, das zu dem Was hinzutritt. Wenn
ich es richtig sehe, gibt es dabei zwei Varianten: Die Form kann entweder
aus dem künstlerischen Vermögen des Verfassers, seiner Kunst(fertigkeit)
abgeleitet oder in ihrer Angemessenheit in Bezug auf den Inhalt erörtert
werden. Wird der zweite Weg gewählt, ist der Nachweis der Übereinstimmung
von Inhalt und Form gleichsam die Nagelprobe darauf, dass es sich
bei dem besprochenen Werk um ein Kunstwerk handelt. Ist der Nachweis
einmal erbracht, kann das Urteil knapp ausfallen: wichtig,
ein notwendiger Text, aus einem Guss, ein
neuer Dichter ist geboren oder eben: belanglos,
schwach, dem Thema nicht gerecht werdend,
Machwerk usf.
Wie entgeht man diesen Objektivierungen? Wie vermeidet man den Gestus
des Endgültigen, die Redeweise des Apodiktischen, die Sprechhaltung
des Autoritären, die das Lesen des Adressaten wenn er
denn, so vorbereitet, noch liest zu nichts anderem gut sein
lässt als zu Nachvollzug und Bestätigung der Kritikermeinung?
2
Alle Rezensenten, die es anders machen wollen, stehen vor dem gleichen,
immer neu zu lösenden Problem: Wie lassen sich solche Merkmale
des Textes ausfindig machen und beschreiben, die ihn nachvollziehbar
eröffnen, ohne ihn endgültig festzulegen, die ihn als ein
ästhetisches Ganzes erhellen, ohne ihn identifizierend zu erschöpfen?
Um dem Problem, wie es sich heute darstellt, einen Schritt näherzukommen,
sollen zwei Argumente eingeführt sein: eins zur Literaturentwicklung
in den letzten 200 Jahren, eins zur Entwicklung der Sprach- und Literaturbeschreibung
seit etwa 1970.
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat in der europäischen
erzählenden Literatur eine Entwicklung eingesetzt, die immer
noch anhält. Auf eine einfache Formel gebracht, geht es dabei
um den Übergang von polyzentrischen zu monozentrischen Texten.
Wenn bis zu dieser Wasserscheide die Wirklichkeit im Text noch von
beliebig vielen Figuren als ihre Wirklichkeit erlebt wurde, so geht
die Entwicklung seitdem dahin, dass die Wirklichkeit im Text nur noch
von einer Figur erfahren wird. Ablesbar wird dieser Trend an zweierlei:
Nicht mehr die Innerlichkeit (die Gedanken/Gefühle) beliebig
vieler Figuren, sondern nur noch die einer einzigen Figur wird dargestellt;
der Blick auf die anderen Figuren geschieht über diese eine.
Zugleich ändert sich die anschauliche Orientierung im Text: An
die Stelle einer Benennung der wahrgenommenen Dinge im Textraum (und
der Herstellung von Relationen zwischen ihnen) tritt eine Orientierung,
die auf das Subjekt der Wahrnehmung im Text bezogen ist. Ausgangspunkt
dieser Entwicklung könnte, wie oft behauptet wird, der sogenannte
Bildungsroman und/oder der Briefroman gewesen sein, denn bei der Erzählung
in der Ich-Form ergibt sich die Zentrierung der Wahrnehmung von selbst.
Die erzählerischen Mittel dagegen, die dasselbe für die
Erzählung in der Er-Form leisten, mussten erst noch gefunden
werden.
In Texten, die in diesem Sinn monozentrisch sind, geht es nicht mehr
um die Objektivierbarkeit der Welt im Medium der Erzählung, sondern
um die Unvermeidlichkeit des je einmaligen, subjekthaft bedingten
Erlebens von Welt. Ein Paradigmawechesel in der Themabildung deutet
sich an. Dazu ein Beispiel: Anlässlich des Vorabdrucks von Flauberts
Madame Bovary kam es 1857 in Paris zu einem Prozess, in dem
Flaubert als Autor angeklagt wurde, den Ehebruch zu verherrlichen.
Es ging dabei vor allem um eine Szene unmittelbar nach dem vollzogenen
Ehebruch. Der Verteidiger von Flaubert konnte nachweisen, dass es
Emma selbst ist, die euphorisch auf das Erlebte zurückblickt,
dass es sich also um ein subjektives Erleben der Figur im Text handelt,
das vom Erzähler nicht gewertet und damit auch nicht zu verantworten
ist. Der Richter, der den Text ex officio zu lesen hatte, fand den
Hinweis auf dieses neue, den zeitgenössischen Lesern unvertraute
Erzählverfahren überzeugend und sprach Flaubert frei.
Das darstellerische Mittel, das diese Subjektivierung des Erlebens
zweifelsfrei leistete, war die sogenannte erlebte Rede.
Die Tendenz, das Textgeschehen als subjektive Erfahrung einer Figur
im Text zu modellieren, hat sich im 20. Jahrhundert fortgesetzt, beschleunigt
und verbreitert. Dass die Erfahrung einer Figur, in der Regel die
des Helden, als dessen Selbsterfahrung dargestellt wird, unterscheidet
diese qualitativ von allen anderen im Text. Sie wird zum Sonderfall,
zur Ausnahme ein vorzügliches Mittel, um das Besondere
von Künstlerexistenzen darzustellen! Und noch eine andere thematische
Variante lässt sich so modellieren: die Vereinzelung und Vereinsamung
des Helden in der modernen Welt. Bei Kafka ist diese Tendenz auf die
Spitze getrieben. Da es nur eine Innenwelt gibt, die der K.s, gibt
es für diese auch keine Mitmenschen, und die Gegenwelt im Text
ist allemal die gegnerische Welt, an der die Protagonisten Kafkas
unweigerlich scheitern. Eine ähnliche Wirkung geht von einem
so realistischen Text wie Schnitzlers Leutnant Gustl
aus, wo es die auf den ganzen Text ausgeweitete Darstellungsweise
des inneren Monologs ist, die das leistet. Und noch eine Neuerung
entsteht im erzählerischen Formenrepertoire: der Unterschied
zwischen der einen, vom Erzähler in seiner Innerlichkeit eingesehenen
(gewussten) Figur und allen anderen Figuren, die als (nur)
wahrgenommene erscheinen. Ein Beispiel dafür ist Thomas
Manns Zauberberg, wo ein sogenannter auktorialer Erzähler
sich zwar immer wieder einschaltet, wo aber der allergrößte
Teil der Textmasse, zumal alle Dialogpartien und all die großen
Bildungsdiskurse mit Naphta und Settembrini, so organisiert sind,
dass Castorp sie, ob er sich daran beteiligt oder nicht, (mit)hört
und verarbeitet. Es ist, wie der Erzähler gleich am Anfang betont,
Hans Castorps Geschichte auch in dem Sinn, dass es die von
ihm erlebte Geschichte ist.
Die Entwicklung des europäischen Romans im 20. Jahrhundert ist
eine Erfolgsgeschichte des monozentrischen Erzähltextes. Ob die
Hauptfigur dabei in der Ich-Form, der Er-Form oder gar, wie in Christa
Wolfs Kindheitsmuster, als du präsent ist,
ist dabei sekundär.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich eine
Beschreibungssprache für diesen literarischen Wandel entwickelt.
Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft haben dabei zusammengearbeitet.
Auf Seiten der Sprachwissenschaft sind die entscheidenden Anstöße
von der sprachlichen Pragmatik, im Einzelnen von der Sprechakttheorie,
der Textgrammatik und der Theorie der Orientierung von Sprecher und
Hörer im gemeinsamen Anschauungsraum gekommen. Auf Seiten der
Literaturwissenschaft waren es neue Fragestellungen der Rezeptions-
bzw. der Wirkungsästhetik sowie der Erforschung des Leseakts.
Bei fast all diesen Neuansätzen hat die Renaissance von Karl
Bühlers schon 1934 erschienener Sprachtheorie eine Rolle
gespielt. Die Unterscheidung zwischen den Nennworten und den Zeigworten,
den sogenannten Deiktika, macht es möglich, auch in literarischen
Texten diese zwei Zeichenfunktionen und ihre Bedeutung für den
Leseakt zu unterscheiden. Zwei Arten der anschaulichen Orientierung
im Text trennen sich voneinander, eine an den wahrgenommenen Objekten
sich vollziehende und eine an das jeweilige Subjekt der Wahrnehmung
gebundene. Die schon bei Flaubert aktuell gewordene Frage: Was entscheidet
darüber, von wo aus, d. h. über welche Subjekt-Instanz
der Leser das Textgeschehen (mit)erlebt, kann jetzt systematisch bearbeitet
werden. Darüber entscheiden nicht verschiedene Varianten des
Erzählers, wie etwa bei F. K. Stanzel der auktoriale
oder der personale, sondern der Gebrauch der Deiktika.
Insbesondere folgende Klärungen sind seitdem möglich: Wo
ist jeweils hier, und wo ist dort? Von wo
aus wird wohin geblickt? Wer in einem Dialog ist derjenige, von dem
aus zum Partner hin gesprochen wird und auf den zu die Antwort vom
Partner her kommt?
3
Was die hier eingeführten Begriffe zum Verhältnis von Erzähler
und Subjekt der Erfahrung im Text heute zu leisten vermögen,
soll an drei Beispielen erörtert werden: einer mittellangen Erzählung
einer jungen deutschen Autorin und einem sehr umfangreichen amerikanischen
Roman.
Judith Herrmann: Ruth (Freundinnen), aus dem 2003 erschienenen
Erzählband Nichts als Gespenster.
Drei Figuren treten vor die Augen der Leser: zwei Freundinnen, Ruth
und die Ich-Erzählerin sowie ein Mann, Raoul. Sie werden für
uns Leser auf verschiedene Weise sichtbar. Während wir die Ich-Erzählerin
auch in ihren inneren Regungen authentisch kennenlernen, sehen wir
die anderen beiden in ihrer Gestik, Mimik, in ihrem Verhalten so,
wie die Erzählerin sie wahrnimmt und erlebt. Eine umso größere
Bedeutung kommt ihrem Sprechen zu die Wörtlichkeit spielt
daher in diesem Text eine entscheidende Rolle. Allerdings ist sich
die Erzählerin auch ihrer selbst nicht sicher. Ihre Vermutungen
über die beiden anderen gehen in das kommunikative Kalkül
ein, über die anderen, zumal über Raoul, Gewissheit von
sich selbst zu erlangen.
Die Ereigniskette im Text lässt sich knapp beschreiben. Die nicht
unerotische Beziehung zweier junger Frauen wird durch die Rivalität
um einen Mann in Frage gestellt. Die Handlung konkretisiert sich in
mehreren Ortswechseln. Von Berlin aus, wo die Freundinnen zusammen
gewohnt haben, geht eine der beiden, Ruth, zu einem Theaterengagement
nach Braunschweig, wo sie auf Raoul, einen Schauspielerkollegen, trifft,
den sie für sich zu gewinnen trachtet. Dort wird Ruth von ihrer
Freundin, der Ich-Erzählerin, besucht. Es kommt zur Anbahnung
einer Beziehung zwischen der Erzählerin und Raoul. Als die Beziehung
zwischen Ruth und Raoul sich auflöst, zieht Raoul nach Würzburg,
wohin er die Erzählerin einlädt. Sie fährt auch hin
man begegnet sich. Aber die Begegnung verläuft anders
als von der Erzählerin (und offenbar auch von Raoul) erwartet
... All das hätte sich auch bei einer anderen Anlage der Erzählkonstruktion,
in einer anderen subjekthaften Einstellung im Text erzählen lassen,
all das bleibt unterhalb der Themabildung. Diese wird durch die Reihenfolge
des Erzählten im Text und durch den Unterschied zwischen der
einen sich selbst erfahrenden und den zwei von dieser wahrgenommenen
(beobachteten, erlebten) Figuren bestimmt.
Der Text beginnt, was die reale Handlungsabfolge angeht, mittendrin:
mit der Abnahme eines Versprechens. Ruth verlangt von
der Ich-Erzählerin, niemals etwas mit ihm (Raoul) anzufangen.
Das Versprechen wird gegeben. Aber von da an verläuft das, was
die beiden Frauen erleben, einerseits parallel, denn beide interessieren
sich für den gleichen Mann, aber doch ungleich: Die Erzählerin
weiß, was sie mit Raoul erlebt (oder meint, es zu wissen), aber
was Ruth angeht, ist sie auf Wahrnehmungen und Vermutungen angewiesen.
Das Abwechseln von Selbsterfahrung und Vermutungen über die Rivalin
macht die Spannung und den Reiz des Textes aus. Daraus bildet sich
Thema und Problem. Für beide Frauen ist die Beziehung zu Raoul,
einem älteren Mann, der schon einmal verheiratet war, eine Möglichkeit,
sich zu zeigen und erkannt zu werden. Mit
der Erzählerin vermuten wir, dass Raoul nicht wirklich zu
Ruth passt, von der Erzählerin wissen wir, dass diese von
Anfang an die Hoffnung hat, von Raoul erkannt zu werden.
In der Frage, ob diese Hoffnung/Erwartung sich erfüllt, liegt
das Thema der Erzählung. Dass die Antwort, die sich aus dem Ablauf
der Ereignisse ergibt, doppeldeutig ist, hat mit der charakteristischen
Einstellung des Textes zu tun. Auch gegenüber Raoul ist die Erzählerin
in einem Wahrnehmungs- und Vermutungsverhältnis. In der entscheidenden
Szene, der Bettszene, und da in dem entscheidenden Moment, fragt Raoul
die Erzählerin nach Ruth: Hast du ihr gesagt, dass
du hier bist?, was diese (durch Kopfschütteln) verneint.
Aber der Verdacht bleibt, dass er sie als Verräterin
durchschaut hat.
Danach ereignet sich zwischen den beiden Freundinnen nur noch Belangloses,
schon am nächsten Morgen reist die Erzählerin zurück
an den Ausgangspunkt des Ganzen, nach Berlin. Der Schluss des Textes
bleibt doppeldeutig. Es ist die Doppeldeutigkeit, die sich aus dem
Versuch ergibt, Selbsterkenntnis über einen anderen, also in
einer Art modernem Gottesurteil, zu erlangen.
Das zweite Beispiel:
Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene(1998, zitiert nach der
Taschenbuchausgabe von 1999) Es handelt sich um eine lange Erzählung
oder auch einen kurzen Roman (175 Seiten, eine gattungshafte Festlegung
erfolgt nicht).
Winter 1944/45. Ein Ehepaar mit einem Säugling flieht aus den
deutschen Ostgebieten, der Treck wird von den Russen eingeholt, einige
der Deutschen, unter anderem das Paar mit dem Kind, werden von den
Russen ausgesondert. In einer Situation, die von panischer Angst beherrscht
ist, drückt die Mutter ihren Säugling einer unbekannten,
offenbar weniger gefährdeten Frau in die Arme. Gleich darauf
ist diese verschwunden. Das Ehepaar wird zwar nicht, wie gefürchtet,
umgebracht, aber die Frau wird von russischen Soldaten vergewaltigt.
Diese Szene "auf der Flucht" bestimmt das weitere Leben
des Paars, und das ihres "einige Jahr später" geborenen
zweiten Kindes. Beherrschendes Motiv des Erzählens: die Übermacht
des abwesenden älteren Bruders, Arnold, des "Verlorenen".
Nicht nur, daß er für alle Beteiligten ständig präsent
ist, er bestimmt die Realität des Alltags und die Phantasien
der Familie und gipfelt in einem groß angelegten Versuch, Arnold
wiederzufinden, einer Recherche, in deren Verlauf medizinische Gutachten
eine enorme, alle Mitglieder der Familie überfordernde Rolle
spielen, bis hin zum Tod des Vaters. Ja selbst die neue Bindung der
Mutter (an den "Revierpolizisten" Rudolph) scheint noch
aus dieser katastrophalen Beanspruchung durch den "Verlorenen"
zu erwachsen. In fast allen Rezensionen der Erzählung Treichels
kommt die Erzählerposition und -haltung zur Sprache, die tatsächlich
einen autobiographischen Hintergrund hat. Der Autor selbst hat die
Hinweise dazu geliefert. Erlebt und erzählt wird alles von dem
Nachgeborenen, der das ausschließliche Subjekt der Wahrnehmung,
Erfahrung und Reflexion ist. Die Erzählung folgt der Reihenfolge
der Ereignisse. In der letzten Szene wird der "Verlorene"
durch die Fensterscheibe eines Fleischerladens sichtbar, wo er eine
"Fleischerlehre" absolviert. Aus dieser Konstellation läßt
sich - ungefähr - das Alter des die Geschichte Erlebenden erschließen.
Da Arnold zu diesem Zeitpunkt etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre
alt sein muß, ist der "einige Jahre" jüngere
Erzähler vielleicht zwölf oder dreizehn, eher weniger als
mehr. Das spielt insofern eine Rolle, als das (kindliche) Alter das
Erzählte (mit)bestimmt. Das zeigt sich an dem in Wiederholungen
kreisenden Stil und der Reduktion und Färbung des Erzählten.
Eine Umarmung der Mutter z. B. wird so erlebt: "Manchmal geschah
es, daß sie die Arme nach mir ausstreckte, mich an sich drückte,
meinen Kopf mit ihren Händen bedeckte und fest an ihren Bauch
drückte. Dort blieb mir die Luft weg, und ich begann zu schwitzen,
während ich spürte, wie erst der Bauch und dann die ganze
Mutter bebte. Ich wollte nicht an den Bauch der Mutter gedrückt
sein, und ich wollte nicht, daß die Mutter bebte, während
ich an ihren Bauch gedrückt war. Doch je weniger ich atmete,
um so mehr drückte sie mich an sich, als wollte sie mich in ihren
Bauch hineindrücken. Aber ich wollte nicht in den Bauch der Mutter
hineingedrückt werden, ich wollte gar nicht gedrückt werden."
(73f) In diese Kindlichkeit eingemischt ist ein sehr scharfes und
völlig `erwachsenes´ Bewußtsein, das alle psychologischen
Ursachen und Folgen im Familienleben durchschaut: "Ich begriff
auch, daß Arnold dafür verantwortlich war, daß ich
von Anfang an in einer von Schuld und Scham vergifteten Atmosphäre
aufgewachsen war. Vom Tage meiner Geburt an herrschte ein Gefühl
von Schuld und Scham in der Familie, ohne daß ich wußte
warum." 17) Das "Nichtwissen" gilt für den vorbewußten
Anfang, aber unübersehbar ist, daß das (Nicht-)Bewußtsein
des Kindes vom Anfang des Textes an von dem Bewußtsein des späteren
Erzählers infiltriert ist. Die Wirkung dieser Einmischung: Emotional
höchst brisante Vorgänge, Konstellationen, Szenen werden
distant, unterkühlt, hämisch, ja gelegentlich höhnisch
präsentiert. Das Kind, das erzählt, verliert seine Eltern,
die es vorher schon an den verlorenen Bruder verloren hat, noch einmal,
indem es sie in sich selbst vernichtet. Manche Rezensenten haben die
Schärfe und Bitterkeit der Erzählhaltung ebenso deutlich
empfunden, andere weniger oder gar nicht. (Meine Leseerfahrung kommt
in dieser Hinsicht der von Verena Auffermann und Sigrid Löffler
am nächsten.) Der Unterschied in der Rezeption könnte damit
zu tun haben, was für eine Sicht auf die Vater- und Mutterrolle
eingeübt ist - oder wenigstens hinnehmbar erscheint. Dabei dürfte
die Nähe oder Ferne zu der Generation, die ihre Elternschaft
unmittelbar nach dem Krieg ausleben mußte, eine Rolle spielen.
Das dritte Beispiel:
Jonathan Franzen: Die Korrekturen (2001, deutsche Erstausgabe
2002)
Der Roman umfasst in seiner deutschen Ausgabe 781 Seiten. Bei einer
solchen Textmasse lässt sich das Stofflich-Inhaltliche nur übersichtshaft
präsentieren. Erzählt werden die Schicksale von Mitgliedern
einer Kleinfamilie: eines Elternpaars, Alfred (Al) und Enid Lambert,
sowie deren dreier Kinder, Gary, Denise und Chip. Es gibt fünf
große Kapiteleinheiten von jeweils rund 130 bis 170 Seiten,
die von zwei sehr kurzen Einheiten eingerahmt sind. Die erste Kurzeinheit,
St. Jude, zeigt das Elternpaar in seinem Haus beim Aufbruch
zu einer Kreuzfahrt. Der Vater leidet an Parkinson, Demenz und Depressionen,
die Mutter ist von der Situation, die sich daraus ergibt, heillos
überfordert. Im Haus herrscht eine Atmosphäre der Angst.
Die Schlusseinheit, nur zehn Seiten lang, ist mit Korrekturen
überschrieben. Sie beschreibt das Familienleben nach der Einlieferung
des Vaters in ein Hospital mit anschließender Überführung
in ein Langzeitpflegeheim sowie die Ansage, dass bis zum Tod des Vaters
noch zwei Jahre vergehen.
Die Hauptteile sind jeweils einem Kind oder dem Elternpaar bzw. der
Familie insgesamt gewidmet: Der erste Hauptteil mit der Überschrift
Der Versager gilt Chip, der zweite, Je mehr er darüber
nachdachte, desto wütender wurde er, ist Gary (samt seiner
Frau Caroline und den drei Söhnen Aaron, Jonah, Caleb) gewidmet,
der dritte, Auf See, ist um die Kreuzfahrt der Eltern
herum arrangiert, der vierte, Der Generator, gehört
zum größten Teil der Tochter Denise, während der fünfte,
Ein letztes Weihnachten, noch einmal das Familiengeflecht
beschreibt. In jedem der Hauptteile gibt es Erzählschnitte, Rückblenden,
Überblendungen auf andere Erzählorte und Wechsel in der
Hauptperson.
Die Familie gehört zur Mittelklasse und lebt im Mittleren Westen
der USA. Gary ist, wie es auch der Vater war, Angestellter, Chip war
Dozent an einem College, das er wegen einer Affäre mit einer
Studentin hat verlassen müssen, Denise ist Küchenchefin
eines größeren Restaurants. Alle leiden sie an ihrer Familie.
Kaum eine traumatisierende Erfahrung, die zwischen den Elternteilen,
den Eltern und den Kindern und zwischen den Geschwistern möglich
ist, wird ausgelassen. Alle Figuren haben Korrektur-Bedarf.
Jede einzelne Szene ist pointiert geschnitten, attraktiv, farbig,
ja sprachspielerisch brillant. Diese Qualitäten dürften
es vor allem sein, die dem Buch weltweit vorzügliche Kritiken
eingebracht haben. Und noch eine andere Besonderheit dürfte eine
Rolle spielen, eine emotionale Gestimmtheit des Erzählers, deren
Ton schon in den ersten Zeilen, noch ehe eine Figur überhaupt
eingeführt ist, angeschlagen wird: DER IRRSINN einer herbstlichen
Prärie-Kaltfront, näher kommend: Etwas Furchtbares würde
geschehen. Die Sonne tief am Himmel, ein winziges Licht, ein erkaltender
Stern. Windstoß auf Windstoß der Unordnung. Die Bäume
rastlos, die Temperaturen fallend, die ganze nördliche Region
der Dinge aufs Ende gerichtet ... Dann geschieht die Einblendung
der Figur von Al. Er hat geschlafen und wacht auf. Die Wahrnehmung
von etwas Katastrophalem, Finalem, Irrsinnigem wird allmählich
in die Erfahrung von Al übergeführt. Aber die so eingeführte
auktoriale Grundstimmung hält sich über das Romanganze hin
durch Irrsinn!; Schrecken schwingt darin mit, Furcht,
aber auch Begeisterung und Wollust.
Worum geht es? Die Frage, die der Text immer wieder aufs Neue stellt,
ist, ob im Leben der Familienmitglieder Korrekturen möglich
sind. Sie beantwortet sich, scheint mir, wenn überhaupt, dann
nicht auf der Ebene des Figurenhandelns, sondern über die Art
und Weise, wie der Erzähler die Figuren sichtbar und zugleich
durchschaubar macht. Wie oft in angelsächsischen Romanen der
Gegenwart wechselt die Instanz des erlebenden Subjekts im Text
beliebig oft. Zwar sind die Hauptfiguren, denen das jeweilige Kapitel
gewidmet ist, über weite Strecken darin auch die Subjekte der
Wahrnehmung und der Reflexion, aber der Erzähler gestaltet alle
seine Figuren so, dass ihr Inneres ihm (und uns, den Lesern) restlos
einsehbar ist. Alle scheinen sie, äußerlich wie innerlich,
überscharf ausgeleuchtet. Ihr Handeln ergibt sich aus ihrer psychischen
Disposition. Da diese offenliegt, erscheint das Handeln vorhersagbar.
Chip, der den Erzählanteilen nach, die ihm gewidmet sind, so
etwas wie den Helden des Ganzen abgibt, wird unter dem Stichwort Der
Versager eingeführt und ist es auch.
Von dieser doppelten Ausleuchtung der Figuren geht eine eigenartige
Wirkung aus. Die Überprägnanz der Charaktere erzeugt eine
intensive Nähe und zugleich mit dem Fortschreiten der
Lektüre Distanz. Diese hat, meiner Leseerfahrung nach,
etwas mit Überdruss zu tun, mit der Abwehr des Überdeutlichen
Genug, genug! Alle ihre Eigenschaften, Dispositionen,
Zwänge, die sie ausleben, ergeben sich mit völlig hinreichender
Beweiskraft aus ihrer sozialen (ständischen, ethnischen) Herkunft
sowie den Prägungen durch die Familie. Erleben und Handeln der
Figuren zum einen, die psychologische Herleitung ihrer Charaktere
zum anderen bestätigen einander. Je länger ich lese, desto
mehr setzt die Gewissheit sich durch, dass keiner der so restlos identifizierten
Charaktere zu Korrekturen fähig ist. Das Warten,
die Hoffnung darauf, dass sie geschehen, gehört zum Thema. In
den allerletzten Zeilen des Romans heißt es von Enid: Und
doch, als er [Al] gestorben war, da spürte sie, dass es nun nichts
mehr gab, was ihre Hoffnung zunichte machen konnte, nichts. Sie war
fünfundsiebzig Jahre alt, und sie würde einiges in ihrem
Leben ändern.
4
Kritik sollte immer auch sagen, wie der Kritiker gelesen hat; dazu
gehört das Nachdenken über das Zustandekommen der Ergebnisse.
Feststellungen zur anschaulichen Orientierung, zur Erfahrungs- und
Erkenntnisbildung im Text sind rational begründbar. Sie besagen
etwas über das ästhetische Ganze und nehmen keine endgültige
Bewertung vorweg. Sie lassen dem Adressaten der Kritik den Spielraum,
zu seiner eigenen Lektüre zu finden. Peter Szondi hat dafür
folgende Metapher gebraucht: Ein literarisches Werk sei wie ein Haus,
das abgeschlossen ist, dessen Schlüssel aber, für jeden
gut erreichbar, am Türpfosten hänge. Kritiker, meinte er,
Leute also, die ihre eigene Lesart an andere weitergeben, seien gut
beraten, das Haus, nachdem sie sich darin umgesehen haben, wieder
abzuschließen und darauf zu achten, dass das Schloss nicht beschädigt
wird oder die Tür gar offen stehenbleibt.