Nummer 7, September 2005                                    



 

Rede and University of California in Berkeley


Ich will mehr Steuern zahlen


Die Goldman School of Public Affairs an der Universität von Berkeley hatte ihn als Redner zur Doktorandenfeier eingeladen: Warren Beatty, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Filmproduzent aus Hollywood. Er brachte seine Frau Annette Benning und die vier Adoptivkinder mit. Beatty, der für alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten seit Robert Kennedy Wahlkampf gemacht hatte, nahm bei seiner Kritik an Gouverneur Arnold Schwarzenegger kein Blatt vor den Mund. Und stellte auch noch die fünf Gebote für eine gute Politik auf.


Von Warren Beatty

Guten Morgen. Es ist kurz nach 10 Uhr. In Hollywood ist es Zeit, aufzustehen und aus diesem Tag etwas zu machen.
Lassen Sie mich zuerst sagen, wie geehrt ich mich fühle, dass Sie mich eingeladen haben, hier an Ihrer Hochschule für Politik eine Rede zu halten. Ich bin ein Hollywood-Filmschauspieler, und ich nehme an, dass Sie wissen, was das in der Politik bedeuten kann.
Vielleicht möchten Sie nicht nur wissen, warum Sie mich eingeladen haben, sondern warum ich mich entschieden habe zu kommen. Ein alter Landsmann von mir, mit dem ich viele politische Kampagnen erlebt habe, erzählte mir einmal, dass sein Vater, Mitglied der gesetzgebenden Versammlung des Staates Tennessee, zu ihm als kleinem Jungen gesagt hatte: Sich am Klang seiner eigenen Stimme zu erfreuen, ist das größte Geschenk, das Gott einem Menschen geben kann. Und das zweitgrößte Geschenk ist es, jemanden zu haben, der ihr zuhört.
Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie sind mir in die Falle gegangen.
Daher auch meine sofortige, enthusiastische und (wie ich gern betone:) respektvolle Annahme Ihrer Einladung, in der als Nummer eins des Landes eingestuften Hochschule für Politik, der offiziellen Nummer eins dieses Landes, eine Rede zu halten. Nicht dass ich wüsste, wie man bei einer Abschlussfeier eine Rede hält.
Man sagt, dass alte Leute gern gute Ratschläge erteilen, um sich zu amüsieren, weil sie selbst kein schlechtes Beispiel mehr geben können. Ich nehme also an, ich sollte mich in erster Linie mit Politik befassen und lieber keine anmaßenden Ratschläge geben – obwohl ich die natürlich gern erteilen würde.
Ich bin als braver Baptistenjunge in den Südstaaten aufgewachsen, in Virginia. Meine Eltern und Großeltern waren Lehrer, und vor 46 Jahren wurde ich reich und berühmt. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, was der größte Vorteil von Ruhm und Reichtum ist: Zugang. Nicht nur der Zugang zu Menschen und Vergnügungen und Privilegien und Orten, sondern der Zugang zu einem Rednerpodium. Und da ich das Glück hatte, schon Anfang zwanzig ungewöhnlich viel Zugang zu haben, dachte ich immer, es wäre eine Schande, ihn nicht zu nützen, um von denen zu lernen, die an der Macht sind, und sie dann, bescheiden und höflich, zu irritieren, aufzuregen, zu informieren und ihnen sogar gelegentlich mit ungebetenen Ratschlägen Mut zu machen – manchmal im privaten Kreis, aber ich glaube, man muss auch bereit sein, es auf einem öffentlichen Podium zu tun.
Heute, mit dem Podium des Internets und der neuen Technologien, hat jeder mehr Zugang als früher. Mein Rat an Sie ist: Wenn Sie es nicht für mehr Gegenrede und Diskussion nützen und sich nicht am Klang Ihrer eigenen Stimme in der Politik freuen – dann ist das eine Schande, und Sie haben Ihre Zeit an dieser Hochschule umsonst verbracht. Denn durch den neuen Zugang kann man kaum noch die Augen davor verschließen, dass das politische Handeln in dieser besten Demokratie der Welt – vor allem wegen der Art und Weise, wie unsere politischen Kampagnen finanziert werden – immer weiter auf eine Plutokratie zutreibt, ein Staat wird, in dem die Klasse der Reichen regiert. Und der größte Teil der Öffentlichkeit schläft.
Und was kauft sich die Klasse der Reichen mit dieser obszön zunehmenden Ungleichheit des Reichtums?
Sie kauft sich unsere Aufmerksamkeit. Sie kauft sich Zugang. Sie kauft Satelliten und Kabelnetze und Fernsehen und Rundfunksender und Zeitungen und Zeitschriften und Mailinglisten. Sie finanziert Meinungsführer und Kandidaten für politische Ämter und kauft sich auch damit jedesmal Zugang. Einen obszön massiven Zugang zu unserer Meinung.
Ist es hoffnungslos, mit diesem Zugang zur öffentlichen Aufmerksamkeit zu konkurrieren und zu fragen: „Ist euch eigentlich bewusst, welche Wirkung die von der Rechten durchgeführte Deregulierung und Konzentration der Medien auf die öffentliche Meinung und die Politik hat, in diesem Lärm des technologischen Tornados, der unsere Aufmerksamkeitsspanne schrumpfen lässt, während das, was jetzt als Wahrheit gilt, von immer weniger Händen manipuliert wird und eine schläfrige Bevölkerung nur noch von Unterhaltungselektronik erregt wird und höchst unabhängige Köpfe in den Nachrichtenmedien immer zögernder Widerstand gegen die konservative Politik ihrer Arbeitgeber leisten? Und dass es tatsächlich etwas gibt, das wir als Wähler tun können, um unsere Abgeordneten zum Handeln zu bringen, um diese Bewegung hin zur Plutokratie auszuschalten oder wenigstens einzudämmen?“
Keine leichte Frage.
Aber wenn man fragt: „Könnt ihr verschlafenen Dreckskerle nicht endlich aufwachen und herausfinden, wie ihr diese reichen Knallköpfe daran hindern könnt, euch solchen Scheiß zu erzählen und euch vorzuschreiben, was ihr denken sollt?“ – also das ist vielleicht als 10-Sekunden-Statement fernsehtauglich, aber in den Mainstream-Medien würde es vermutlich zensiert: wegen Obszönität.
Richter Potter Stuart hat über Pornographie gesagt: „Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“ Wenn wir also Obszönität sehen und wissen, was sie ist, was sollte dann unsere Reaktion sein? Schweigen? An welchem Punkt sollte man besser den Klang der eigenen Stimme hören?
Kaum etwas ist so entmutigend wie der versuchte Protest gegen die Stimme eines stahlharten Marketing-Experten, der ein öffentliches Amt ausübt, von einer Plutokratie finanziert wird und bereit ist, alles zu sagen, solange es ihm gerade nützt. Nicht so entmutigend ist es für eine Gruppe, die eine Überzeugung hat und den Willen, sich öffentlich zu organisieren.
Vor wenigen Monaten hatte ich eines Abends in Los Angeles die Gelegenheit, vor einer solchen Gruppe zu sprechen und dem amtierenden Gouverneur unseres Staates (der abwesend war) ein paar Ratschläge zu geben. Ich ging etwas schärfer mit ihm um, als es in Hollywood bis dahin üblich war.
Es hat mir nie Spaß gemacht, öffentlich über Schauspieler in politischen Ämtern herzuziehen, etwa über Ronald Reagan, den ich wirklich mochte, oder Sony Bono oder George Murphy, denn ich hatte immer eine wirkliche Schwäche für Schauspieler, sogar wenn sie zur Rechten gehören.
Und obwohl ich Arnold nie gut kennengelernt habe, konnte ich ihn immer gut leiden. Als er vom Bodybuilding zum Film ging und in Interviews sagte, er würde es gern so machen wie Clint Eastwood und wie Warren Beatty – also mehr muss einer gar nicht sagen, und schon fresse ich ihm aus der Hand.
Aber jetzt, nachdem er Politiker ist, frage ich: Warum steigt einer nicht auf zu den höheren Stufen dieser Berufung, statt seine Politikerkollegen „Spießgesellen“ (stooges) und „Weicheier“ (girly men) und „Loser“ zu nennen? Sie widmen viele Jahre ihres Lebens einem öffentlichen Mandat in einem Rechtsstaat, der eine repräsentative Demokratie sein soll, wo eine Politik für 38 Millionen Menschen angemessen diskutiert wird, wo eine Regierung nicht durch Volksbegehren herrschen soll, die – vorbei an der sorgfältigen Abwägung eines Antrags durch die gewählten Vertreter des Volkes– von riesigen Werbeagenturen finanziert werden.

Können wir uns nicht darauf einigen, dass der hingebungsvolle Aufbau der Demokratie schwieriger ist und mehr Sensibilität verlangt als der Aufbau eines Muskelkörpers?
Bin ich deshalb schon ein „Weichei“?
An jenem Abend habe ich gesagt: Auch wenn es hier in Kalifornien wirklich eine ganze Menge zu tun gibt, ist es ja nicht falsch, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden will. Wollen nicht alle österreichischen Eltern, dass ihr Sohn oder ihre Tochter Präsident der Vereinigten Staaten wird? Einverstanden.
Aber muss man deshalb gleich die reaktionäre Agenda der Rechten hier in Kalifornien übernehmen, nur um eine Partei dafür zu gewinnen, dass man Präsident werden kann? Nein.
Höchste Zeit, einmal genau zu sagen, was ein Schwarzenegger-Republikaner ist. Ein Schwarzenegger-Republikaner ist ein Bush-Republikaner, der sagt, dass er ein Schwarzenegger-Republikaner ist.

Ich wiederhole: Ich würde Arnold wirklich gern unterstützen, aber da müsste er erst einen Teil dieses Marketing-Theaters dazu hernehmen, einmal das Richtige zu vermarkten – das heißt, reichen Leuten wie mir die Wahrheit zu sagen: dass bei einer Staatsverschuldung von 18 Milliarden Dollar aus der Privatisierung der Energieunternehmen und dem Platzen der New Economy unsere Steuern für die Reichen ein wenig erhöht werden müssen. Egal was irgendeine Beraterrunde sagt. Und vielleicht auch nur vorübergehend. Das ist das, was sowohl Ronald Reagan als auch Pete Wilson (ein Vorgänger von Arnold Schwarzenegger im Amt des Gouverneurs, Anm. d. Red.) getan haben.
Und dann, Mr. Gouverneur, sagen Sie ihnen auch noch, was Ihr Berater Warren Buffet Ihnen gesagt hat, bevor Sie ihm sagten, er solle den Mund halten und 500 Liegestütze machen, nämlich dass durch die „Maßnahme 13“ Unternehmen genauso besteuert werden müssen wie Hausbesitzer und dass damit jährlich fünf Milliarden aufgebracht würden. Und dass die Steuersenkungen von Bush allein für das obere Hundertstel der Bevölkerung in Kalifornien auf etwa 12 Milliarden im Jahr hinauslaufen. Was ist also der Grund dafür, alle neuen Steuern auf die Reichen abzulehnen, wenn nicht der, sicherzustellen, dass die weiterhin Ihre ununterbrochene Wahlkampfwerbung finanzieren?
Und was ergibt es für einen Sinn, an die Wall Street zu rennen und sich 15 Milliarden zu leihen, dadurch die Verschuldung auf über 30 Milliarden anzuheben und dann wieder herzukommen und zu versuchen, die gesetzlich vorgeschriebenen Etats für Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Polizisten, Studenten, Schulen, Senioren, Blinde und Behinderte zu streichen und dann diese guten Leute als Vertreter von Partikularinteressen zu verunglimpfen? Alles, was recht ist! Das sind die Leute, an denen Sie besonders interessiert sein sollten.
Kalifornien ist nicht das Fitness-Center des Gouverneurs.


Es lässt sich doch keiner was vormachen, wenn einer herumrennt und sich Geld von der Wall Street und von reichen Republikanern im ganzen Land besorgt, die hoffen, wenn sie dieses reaktionäre Zeug in Kalifornien richtig in Gang bringen, dann können sie es auch zu Hause in ihren eigenen Staaten hinkriegen und damit tatsächlich den New Deal demontieren, von dem sie in ihrer Einfalt vergessen, dass er den amerikanischen Kapitalismus gerettet hat, und dann können sie auch noch Trumans „Fair Deal“ zerlegen, Kennedys „New Frontier“, Johnsons „Great Society“ und all die Rechte und Gesetze und Garantien, die diese Gesellschaft für alle sicher machen, die Reichen eingeschlossen.
Und dann diese völlig unnötige, 70 Millionen Dollar teure Extrawahl im November anzusetzen, wenn im Juni darauf sowieso eine stattfindet – das ist doch nur eine Strategie, die Aufmerksamkeit von dem Versagen ablenken soll, ein ehrliches Budget aufzustellen, und von der Angst, die Unterstützung der Reichen zu verlieren, wenn der Gouverneur unsere Steuern erhöht, während er dieses Jahr ganz legal Wahlkampfgelder in unbegrenzter Höhe sammeln kann, aber nächstes Jahr nicht.
Wozu braucht man eigentlich ein Gesetz zur Neuaufteilung der Wahlkreise, wenn diese bei den Abgeordneten im Kern unstrittig sind? Niemand will, dass sich die Abgeordneten ihre Wähler aussuchen; alle wollen, dass sich die Wähler ihre Abgeordneten aussuchen.
Der republikanische Staatssekretär Bruce MacPherson hat gesagt, bis 2006 kann die Neuaufteilung nicht durchgeführt werden, bis 2008 ist es sehr fraglich, bis 2010 könnte sie abgeschlossen sein – aber dann würde ein Gericht sie annullieren, weil 2010 eine neue Volkszählung durchgeführt wird. Weshalb also diese Extrawahl im November 2005 ansetzen, wenn es 2006 eine Neuwahl gibt?
Der Gouverneur will damit zu einer Zeit, wenn im Land nur sehr wenige Wahlen stattfinden, die konservative Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um die Anerkennung der Rechten für den Sieg bei einem Nebenthema zu bekommen, über das im Grunde völlige Einigkeit herrscht.
Und er macht es, um die Gewerkschaften zu drangsalieren mit diesem arbeiterfeindlichen Gesetz, das irreführend als „Schutz für die Lohntüte“ bezeichnet wird – das Gesetz würde es für Gewerkschaftsmitglieder fast unmöglich machen, ihre Beiträge zusammenzulegen, sich für politische Fragen zu organisieren und gegen die Großen, die hinter dieser Gaunerei stecken, aufzustehen. Das Gesetz versucht, die Gewerkschaften zu kastrieren und die Würde arbeitender Männern und Frauen zu verletzen – und dafür werden dann auch noch 70 Millionen Dollar öffentliche Gelder ausgegeben.
Sagen Sie das Vorhaben ab, Gouverneur. Ziehen Sie es zurück. Oder Sie werden noch viel mehr Loser, Spießgesellen und Weicheier wie mich zu hören bekommen, die den Klang ihrer eigenen Stimme hören wollen, noch viel mehr, als Sie zu glauben scheinen.

Also das nenne ich mal einen guten Rat. Ich möchte helfen. Und nun stellen Sie sich meinen Kummer vor, als ich Arnold im Fernsehen zögern sehe, meinen Rat anzuhören. Er sagte zu Chris Matthews, wenn ich verspreche, ihm keinen Rat mehr in politischen Fragen zu geben, würde er versprechen, mir keinen Rat beim Schauspielern zu geben.
Ich kann ihm zu diesem Zeitpunkt also nur den Rat geben, wenn Politik und Schauspielerei beide vom Tisch sind, bleiben uns als Thema nur noch Perücke und Schminke. Und wissen Sie was? Da will ich ihm wirklich keinen Rat geben.
Aber ich kann ihn zu Kosmetik und Vertuschungen im Make-up der amerikanischen Politik beraten. Zu Methoden, mit denen immer wieder die Fehler und das Unrecht der menschenfeindlichen Agenda verschleiert werden.
Mr. Gouverneur: Als Polit-Dermatologe könnte man Ihnen raten, dass schon ein paar Minuten Sonnenlicht am Tag mehr als hilfreich wären. Und Sie könnten die Fototermine reduzieren, die inszenierten Ereignisse, die inszenierten Themen, die inszenierten Menschenmengen, die Kulissen, die Ablenkungen, die Sündenböcke, die „Sprachprobleme“, die gebrochenen Versprechen, die Einsatzreserve, die Winkelzüge – und statt all dessen etwas Sonnenlicht auf einige Steuern werfen.
Niemand mag Steuern. Aber jeder will, dass seine Familie geschützt wird und die Gesellschaft in Sicherheit leben kann.
Nicht nur die Wirtschaft wird davon profitieren, wenn wir nicht eines Tages unsere Kinder bitten müssen, für uns die Rechnung zu bezahlen. Aber im Inneren der meisten Demokraten steckt der Glaube, sie könnten eines Tages so reich werden wie Republikaner, und sie wollen die Chancen des amerikanischen Traums, die ein verantwortungsbewusster Kapitalismus in Aussicht stellt, genauso wenig zerstören wie die Konservativen.


Wann haben die Konservativen eigentlich beschlossen, sich einfach Geld zu leihen, ohne die Steuern zu erhöhen? Sitzt der Gouverneur jetzt zur Rechten des Vorsitzenden der Federal Reserve Bank? Sogar Alan Greenspan redet jetzt schon über Steuern. Das ist eine ernste Angelegenheit. Tip O’Neill sagt, Politik sei kein Sitzsack!!
Parteiübergreifende Politik? Haben wir hier nicht. Wir dürfen auch den Missbrauch des Namens einer der größten liberalen Familien der amerikanischen Geschichte nicht irrtümlich als gemeinsame Politik beider Parteien ansehen. John F. Kennedy war mein Freund. Nein, Gouverneur, Sie sind kein Kennedy-Demokrat.
Hören Sie auf, mit der Illusion der Zweiparteienunterstützung hausieren zu gehen. Sie sind ein konservativer Republikaner, der sich gern mal mit ein paar Demokraten zur Schau stellt.
Das ist ein guter Rat. Glaube ich, dass Arnold ihn schließlich annehmen wird? Das glaube ich nicht.
Natürlich kann er weiter seine Witzchen machen und sagen, ich würde die Krankenschwestern nur deshalb verteidigen, weil ich früher eine brauche als er, und die Alten, weil ich eher alt bin als er, und die Blinden, weil ich außer Steuern und Geldausgeben nichts mehr sehen kann. Und dann könnte ich den Scherz anbringen, dass er die Lehrer verteidigen sollte, weil er noch so viel zu lernen hat. Aber das alles ist im Endeffekt überhaupt nicht witzig. Regieren ist kein Witz, und trotz allem, was er sagt, ist es auch kein Film.
Aber er wird lernen müssen zuzuhören. Er ist ja nicht dumm. Er weiß, dass ich ein privater Bürger bin, so wie er noch vor einem Jahr. Ich bin ein Gegner seines muskelbepackten Konservativismus, mit längerer Erfahrung in der Politik als er, und auch wenn ich mich nicht um sein Gouverneursamt bewerben will, ich würde verdammt noch mal den Job besser machen als er. Aber ich könnte Ihnen auch eine Menge Demokraten aufzählen, die um vieles besser wären als ich, und außerdem vielleicht sogar ein paar gute Republikaner.
Als Südstaatenbaptist in Virginia wurde mir beigebracht, dass es gute Politik sei, „andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will“.
Mir wurde beigebracht, dass es darauf ankommt, „einander zu lieben“.


Gute Politik für unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere Sicherheit kann nicht Wirklichkeit werden ohne
erstens: eine Offenlegung der Finanzen für Wahlkampagnen;
zweitens: eine klare Trennung von Kirche und Staat;
drittens: die Schaffung eines umfassenden Gesundheitssystems, in das jeder einzahlt: Medicare für alle;
viertens: den Reichen und allen anderen den Wert einer gerechten Umverteilung unseres enormen Reichtums mit Hilfe unserer Steuerpolitik klarzumachen; Sorge für die Unglücklichen ist nicht Sozialismus;
und fünftens: sich gegen die Gefahren des kraftprotzenden Utopismus eines Imperiums einzusetzen, das anderen etwas aufzwingt, was manche Demokratie nennen, an Orten, wo sie nicht aufrechterhalten werden kann und zum Niedergang Amerikas führen wird.

Gute Politik in einer sozialen Demokratie erklärt, dass Macht nicht Recht bedeutet. Wird das geleugnet, dann kommt es zu Totalitarismus, Kommunismus oder Faschismus. Unser Schweigen ist ein Beruhigungsmittel, ein Steroid für Schlägertypen.
Schläger sind im Grunde Feiglinge.
Ich sage: Regt euch auf! Aufregung mobilisiert. Genießt den Klang eurer eigenen Stimme! Mit Bescheidenheit, mit Zuneigung für die, die im Dunkeln stehen.
Mit Demokratie kann die öffentliche Meinung Kaliforniens, dieses großartigen Staates, der fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, zum Leuchtturm für Amerika werden. Mit Demokratie, denn wir sind in diesem Moment das mächtigste Land aller Zeiten – die Macht der amerikanischen öffentlichen Meinung, diese Regierung zu führen, kann die Rettung für die Menschheit bedeuten.

Was mich zu der Frage bringt, mit der sich meine Kinder am liebsten über mich lustig machen, wenn sie in den Swimming-Pool springen oder mit dem Essen um sich werfen: „Daddy, was ist der Sinn des Lebens?“
Nach jahrelangem Herumrennen und einer schönen Zeit und einer Reihe von Filmen wurde mir mit einiger Peinlichkeit klar, dass meine Filme meistens zu einem ziemlich unoriginellen Thema zurückkehren: „Die Liebe besiegt alles.“
Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber mir kommt es wahr vor.
Shakespeare sagt uns: „Wit is born of dilatory time.“ („Scharfsinn wird aus verschleppter Zeit geboren.“) Das Webster-Wörterbuch definiert dilatory als „träge, langsam“. Das Oxford-Wörterbuch erklärt es so: „dazu geneigt oder bestimmt, Verspätung zu verursachen“.
Frühe Berühmtheit und Reichtum haben mich mit dem Luxus verschleppter Zeit beschenkt. Erst allmählich habe ich gelernt, dass Sehen und Verstehen wichtiger sind als die Leidenschaft und die Begeisterung für Kunst oder Politik oder Sex oder ein höheres Selbstwertgefühl.
Das Schicksal lässt einen nie ganz verstehen, was es heißt, Kinder zu haben, bis man sie hat. Meine Frau Annette und die vier kleinen osteuropäischen Ländervertreter, die in unserem Haus leben – Kathlyn, Ben, Isabel und Ella – haben mir zehn neue Augen gegeben, um damit das Leben anders anzuschauen und mich zu bemühen, es zu verstehen.
Wollen Sie meine Ratschläge? Wenn Sie sich dazu entschließen sollten, Kinder schon in jüngeren Jahren zu haben, als ich sie hatte ... Ich will es mal so sagen: Ich würde Sie nicht dafür kritisieren.
Danke und viel Glück.

Aus dem Amerikanischen von Hannes Kreisler