Rede and University of California in
Berkeley
Ich will mehr Steuern zahlen
Die Goldman School of Public Affairs an der
Universität von Berkeley hatte ihn als Redner zur Doktorandenfeier
eingeladen: Warren Beatty, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur,
Filmproduzent aus Hollywood. Er brachte seine Frau Annette Benning
und die vier Adoptivkinder mit. Beatty, der für alle demokratischen
Präsidentschaftskandidaten seit Robert Kennedy Wahlkampf gemacht
hatte, nahm bei seiner Kritik an Gouverneur Arnold Schwarzenegger
kein Blatt vor den Mund. Und stellte auch noch die fünf Gebote
für eine gute Politik auf.
Von Warren Beatty
Guten Morgen. Es ist kurz nach 10 Uhr. In Hollywood ist es Zeit,
aufzustehen und aus diesem Tag etwas zu machen.
Lassen Sie mich zuerst sagen, wie geehrt ich mich fühle, dass
Sie mich eingeladen haben, hier an Ihrer Hochschule für Politik
eine Rede zu halten. Ich bin ein Hollywood-Filmschauspieler, und ich
nehme an, dass Sie wissen, was das in der Politik bedeuten kann.
Vielleicht möchten Sie nicht nur wissen, warum Sie mich eingeladen
haben, sondern warum ich mich entschieden habe zu kommen. Ein alter
Landsmann von mir, mit dem ich viele politische Kampagnen erlebt habe,
erzählte mir einmal, dass sein Vater, Mitglied der gesetzgebenden
Versammlung des Staates Tennessee, zu ihm als kleinem Jungen gesagt
hatte: Sich am Klang seiner eigenen Stimme zu erfreuen, ist das größte
Geschenk, das Gott einem Menschen geben kann. Und das zweitgrößte
Geschenk ist es, jemanden zu haben, der ihr zuhört.
Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie sind mir in die Falle gegangen.
Daher auch meine sofortige, enthusiastische und (wie ich gern betone:)
respektvolle Annahme Ihrer Einladung, in der als Nummer eins des Landes
eingestuften Hochschule für Politik, der offiziellen Nummer eins
dieses Landes, eine Rede zu halten. Nicht dass ich wüsste, wie
man bei einer Abschlussfeier eine Rede hält.
Man sagt, dass alte Leute gern gute Ratschläge erteilen, um sich
zu amüsieren, weil sie selbst kein schlechtes Beispiel mehr geben
können. Ich nehme also an, ich sollte mich in erster Linie mit
Politik befassen und lieber keine anmaßenden Ratschläge
geben obwohl ich die natürlich gern erteilen würde.
Ich bin als braver Baptistenjunge in den Südstaaten aufgewachsen,
in Virginia. Meine Eltern und Großeltern waren Lehrer, und vor
46 Jahren wurde ich reich und berühmt. Ich kann Ihnen aus eigener
Erfahrung sagen, was der größte Vorteil von Ruhm und Reichtum
ist: Zugang. Nicht nur der Zugang zu Menschen und Vergnügungen
und Privilegien und Orten, sondern der Zugang zu einem Rednerpodium.
Und da ich das Glück hatte, schon Anfang zwanzig ungewöhnlich
viel Zugang zu haben, dachte ich immer, es wäre eine Schande,
ihn nicht zu nützen, um von denen zu lernen, die an der Macht
sind, und sie dann, bescheiden und höflich, zu irritieren, aufzuregen,
zu informieren und ihnen sogar gelegentlich mit ungebetenen Ratschlägen
Mut zu machen manchmal im privaten Kreis, aber ich glaube,
man muss auch bereit sein, es auf einem öffentlichen Podium zu
tun.
Heute, mit dem Podium des Internets und der neuen Technologien, hat
jeder mehr Zugang als früher. Mein Rat an Sie ist: Wenn Sie es
nicht für mehr Gegenrede und Diskussion nützen und sich
nicht am Klang Ihrer eigenen Stimme in der Politik freuen dann
ist das eine Schande, und Sie haben Ihre Zeit an dieser Hochschule
umsonst verbracht. Denn durch den neuen Zugang kann man kaum noch
die Augen davor verschließen, dass das politische Handeln in
dieser besten Demokratie der Welt vor allem wegen der Art und
Weise, wie unsere politischen Kampagnen finanziert werden immer
weiter auf eine Plutokratie zutreibt, ein Staat wird, in dem die Klasse
der Reichen regiert. Und der größte Teil der Öffentlichkeit
schläft.
Und was kauft sich die Klasse der Reichen mit dieser obszön zunehmenden
Ungleichheit des Reichtums?
Sie kauft sich unsere Aufmerksamkeit. Sie kauft sich Zugang. Sie kauft
Satelliten und Kabelnetze und Fernsehen und Rundfunksender und Zeitungen
und Zeitschriften und Mailinglisten. Sie finanziert Meinungsführer
und Kandidaten für politische Ämter und kauft sich auch
damit jedesmal Zugang. Einen obszön massiven Zugang zu unserer
Meinung.
Ist es hoffnungslos, mit diesem Zugang zur öffentlichen Aufmerksamkeit
zu konkurrieren und zu fragen: Ist euch eigentlich bewusst,
welche Wirkung die von der Rechten durchgeführte Deregulierung
und Konzentration der Medien auf die öffentliche Meinung und
die Politik hat, in diesem Lärm des technologischen Tornados,
der unsere Aufmerksamkeitsspanne schrumpfen lässt, während
das, was jetzt als Wahrheit gilt, von immer weniger Händen manipuliert
wird und eine schläfrige Bevölkerung nur noch von Unterhaltungselektronik
erregt wird und höchst unabhängige Köpfe in den Nachrichtenmedien
immer zögernder Widerstand gegen die konservative Politik ihrer
Arbeitgeber leisten? Und dass es tatsächlich etwas gibt, das
wir als Wähler tun können, um unsere Abgeordneten zum Handeln
zu bringen, um diese Bewegung hin zur Plutokratie auszuschalten oder
wenigstens einzudämmen?
Keine leichte Frage.
Aber wenn man fragt: Könnt ihr verschlafenen Dreckskerle
nicht endlich aufwachen und herausfinden, wie ihr diese reichen Knallköpfe
daran hindern könnt, euch solchen Scheiß zu erzählen
und euch vorzuschreiben, was ihr denken sollt? also das
ist vielleicht als 10-Sekunden-Statement fernsehtauglich, aber in
den Mainstream-Medien würde es vermutlich zensiert: wegen Obszönität.
Richter Potter Stuart hat über Pornographie gesagt: Ich
erkenne sie, wenn ich sie sehe. Wenn wir also Obszönität
sehen und wissen, was sie ist, was sollte dann unsere Reaktion sein?
Schweigen? An welchem Punkt sollte man besser den Klang der eigenen
Stimme hören?
Kaum etwas ist so entmutigend wie der versuchte Protest gegen die
Stimme eines stahlharten Marketing-Experten, der ein öffentliches
Amt ausübt, von einer Plutokratie finanziert wird und bereit
ist, alles zu sagen, solange es ihm gerade nützt. Nicht so entmutigend
ist es für eine Gruppe, die eine Überzeugung hat und den
Willen, sich öffentlich zu organisieren.
Vor wenigen Monaten hatte ich eines Abends in Los Angeles die Gelegenheit,
vor einer solchen Gruppe zu sprechen und dem amtierenden Gouverneur
unseres Staates (der abwesend war) ein paar Ratschläge zu geben.
Ich ging etwas schärfer mit ihm um, als es in Hollywood bis dahin
üblich war.
Es hat mir nie Spaß gemacht, öffentlich über Schauspieler
in politischen Ämtern herzuziehen, etwa über Ronald Reagan,
den ich wirklich mochte, oder Sony Bono oder George Murphy, denn ich
hatte immer eine wirkliche Schwäche für Schauspieler, sogar
wenn sie zur Rechten gehören.
Und obwohl ich Arnold nie gut kennengelernt habe, konnte ich ihn immer
gut leiden. Als er vom Bodybuilding zum Film ging und in Interviews
sagte, er würde es gern so machen wie Clint Eastwood und wie
Warren Beatty also mehr muss einer gar nicht sagen, und schon
fresse ich ihm aus der Hand.
Aber jetzt, nachdem er Politiker ist, frage ich: Warum steigt einer
nicht auf zu den höheren Stufen dieser Berufung, statt seine
Politikerkollegen Spießgesellen (stooges) und Weicheier
(girly men) und Loser zu nennen? Sie widmen viele Jahre
ihres Lebens einem öffentlichen Mandat in einem Rechtsstaat,
der eine repräsentative Demokratie sein soll, wo eine Politik
für 38 Millionen Menschen angemessen diskutiert wird, wo eine
Regierung nicht durch Volksbegehren herrschen soll, die vorbei
an der sorgfältigen Abwägung eines Antrags durch die gewählten
Vertreter des Volkes von riesigen Werbeagenturen finanziert
werden.
Können wir uns nicht darauf einigen, dass der hingebungsvolle
Aufbau der Demokratie schwieriger ist und mehr Sensibilität verlangt
als der Aufbau eines Muskelkörpers?
Bin ich deshalb schon ein Weichei?
An jenem Abend habe ich gesagt: Auch wenn es hier in Kalifornien wirklich
eine ganze Menge zu tun gibt, ist es ja nicht falsch, dass er Präsident
der Vereinigten Staaten werden will. Wollen nicht alle österreichischen
Eltern, dass ihr Sohn oder ihre Tochter Präsident der Vereinigten
Staaten wird? Einverstanden.
Aber muss man deshalb gleich die reaktionäre Agenda der Rechten
hier in Kalifornien übernehmen, nur um eine Partei dafür
zu gewinnen, dass man Präsident werden kann? Nein.
Höchste Zeit, einmal genau zu sagen, was ein Schwarzenegger-Republikaner
ist. Ein Schwarzenegger-Republikaner ist ein Bush-Republikaner, der
sagt, dass er ein Schwarzenegger-Republikaner ist.
Ich wiederhole: Ich würde Arnold wirklich gern unterstützen,
aber da müsste er erst einen Teil dieses Marketing-Theaters dazu
hernehmen, einmal das Richtige zu vermarkten das heißt,
reichen Leuten wie mir die Wahrheit zu sagen: dass bei einer Staatsverschuldung
von 18 Milliarden Dollar aus der Privatisierung der Energieunternehmen
und dem Platzen der New Economy unsere Steuern für die Reichen
ein wenig erhöht werden müssen. Egal was irgendeine Beraterrunde
sagt. Und vielleicht auch nur vorübergehend. Das ist das, was
sowohl Ronald Reagan als auch Pete Wilson (ein Vorgänger von
Arnold Schwarzenegger im Amt des Gouverneurs, Anm. d. Red.) getan
haben.
Und dann, Mr. Gouverneur, sagen Sie ihnen auch noch, was Ihr Berater
Warren Buffet Ihnen gesagt hat, bevor Sie ihm sagten, er solle den
Mund halten und 500 Liegestütze machen, nämlich dass durch
die Maßnahme 13 Unternehmen genauso besteuert werden
müssen wie Hausbesitzer und dass damit jährlich fünf
Milliarden aufgebracht würden. Und dass die Steuersenkungen von
Bush allein für das obere Hundertstel der Bevölkerung in
Kalifornien auf etwa 12 Milliarden im Jahr hinauslaufen. Was ist also
der Grund dafür, alle neuen Steuern auf die Reichen abzulehnen,
wenn nicht der, sicherzustellen, dass die weiterhin Ihre ununterbrochene
Wahlkampfwerbung finanzieren?
Und was ergibt es für einen Sinn, an die Wall Street zu rennen
und sich 15 Milliarden zu leihen, dadurch die Verschuldung auf über
30 Milliarden anzuheben und dann wieder herzukommen und zu versuchen,
die gesetzlich vorgeschriebenen Etats für Krankenschwestern,
Feuerwehrleute, Polizisten, Studenten, Schulen, Senioren, Blinde und
Behinderte zu streichen und dann diese guten Leute als Vertreter von
Partikularinteressen zu verunglimpfen? Alles, was recht ist! Das sind
die Leute, an denen Sie besonders interessiert sein sollten.
Kalifornien ist nicht das Fitness-Center des Gouverneurs.
Es lässt sich doch keiner was vormachen, wenn einer herumrennt
und sich Geld von der Wall Street und von reichen Republikanern im
ganzen Land besorgt, die hoffen, wenn sie dieses reaktionäre
Zeug in Kalifornien richtig in Gang bringen, dann können sie
es auch zu Hause in ihren eigenen Staaten hinkriegen und damit tatsächlich
den New Deal demontieren, von dem sie in ihrer Einfalt vergessen,
dass er den amerikanischen Kapitalismus gerettet hat, und dann können
sie auch noch Trumans Fair Deal zerlegen, Kennedys New
Frontier, Johnsons Great Society und all die Rechte
und Gesetze und Garantien, die diese Gesellschaft für alle sicher
machen, die Reichen eingeschlossen.
Und dann diese völlig unnötige, 70 Millionen Dollar teure
Extrawahl im November anzusetzen, wenn im Juni darauf sowieso eine
stattfindet das ist doch nur eine Strategie, die Aufmerksamkeit
von dem Versagen ablenken soll, ein ehrliches Budget aufzustellen,
und von der Angst, die Unterstützung der Reichen zu verlieren,
wenn der Gouverneur unsere Steuern erhöht, während er dieses
Jahr ganz legal Wahlkampfgelder in unbegrenzter Höhe sammeln
kann, aber nächstes Jahr nicht.
Wozu braucht man eigentlich ein Gesetz zur Neuaufteilung der Wahlkreise,
wenn diese bei den Abgeordneten im Kern unstrittig sind? Niemand will,
dass sich die Abgeordneten ihre Wähler aussuchen; alle wollen,
dass sich die Wähler ihre Abgeordneten aussuchen.
Der republikanische Staatssekretär Bruce MacPherson hat gesagt,
bis 2006 kann die Neuaufteilung nicht durchgeführt werden, bis
2008 ist es sehr fraglich, bis 2010 könnte sie abgeschlossen
sein aber dann würde ein Gericht sie annullieren, weil
2010 eine neue Volkszählung durchgeführt wird. Weshalb also
diese Extrawahl im November 2005 ansetzen, wenn es 2006 eine Neuwahl
gibt?
Der Gouverneur will damit zu einer Zeit, wenn im Land nur sehr wenige
Wahlen stattfinden, die konservative Aufmerksamkeit auf sich ziehen,
um die Anerkennung der Rechten für den Sieg bei einem Nebenthema
zu bekommen, über das im Grunde völlige Einigkeit herrscht.
Und er macht es, um die Gewerkschaften zu drangsalieren mit diesem
arbeiterfeindlichen Gesetz, das irreführend als Schutz
für die Lohntüte bezeichnet wird das Gesetz
würde es für Gewerkschaftsmitglieder fast unmöglich
machen, ihre Beiträge zusammenzulegen, sich für politische
Fragen zu organisieren und gegen die Großen, die hinter dieser
Gaunerei stecken, aufzustehen. Das Gesetz versucht, die Gewerkschaften
zu kastrieren und die Würde arbeitender Männern und Frauen
zu verletzen und dafür werden dann auch noch 70 Millionen
Dollar öffentliche Gelder ausgegeben.
Sagen Sie das Vorhaben ab, Gouverneur. Ziehen Sie es zurück.
Oder Sie werden noch viel mehr Loser, Spießgesellen und Weicheier
wie mich zu hören bekommen, die den Klang ihrer eigenen Stimme
hören wollen, noch viel mehr, als Sie zu glauben scheinen.
Also das nenne ich mal einen guten Rat. Ich möchte helfen. Und
nun stellen Sie sich meinen Kummer vor, als ich Arnold im Fernsehen
zögern sehe, meinen Rat anzuhören. Er sagte zu Chris Matthews,
wenn ich verspreche, ihm keinen Rat mehr in politischen Fragen zu
geben, würde er versprechen, mir keinen Rat beim Schauspielern
zu geben.
Ich kann ihm zu diesem Zeitpunkt also nur den Rat geben, wenn Politik
und Schauspielerei beide vom Tisch sind, bleiben uns als Thema nur
noch Perücke und Schminke. Und wissen Sie was? Da will ich ihm
wirklich keinen Rat geben.
Aber ich kann ihn zu Kosmetik und Vertuschungen im Make-up der amerikanischen
Politik beraten. Zu Methoden, mit denen immer wieder die Fehler und
das Unrecht der menschenfeindlichen Agenda verschleiert werden.
Mr. Gouverneur: Als Polit-Dermatologe könnte man Ihnen raten,
dass schon ein paar Minuten Sonnenlicht am Tag mehr als hilfreich
wären. Und Sie könnten die Fototermine reduzieren, die inszenierten
Ereignisse, die inszenierten Themen, die inszenierten Menschenmengen,
die Kulissen, die Ablenkungen, die Sündenböcke, die Sprachprobleme,
die gebrochenen Versprechen, die Einsatzreserve, die Winkelzüge
und statt all dessen etwas Sonnenlicht auf einige Steuern werfen.
Niemand mag Steuern. Aber jeder will, dass seine Familie geschützt
wird und die Gesellschaft in Sicherheit leben kann.
Nicht nur die Wirtschaft wird davon profitieren, wenn wir nicht eines
Tages unsere Kinder bitten müssen, für uns die Rechnung
zu bezahlen. Aber im Inneren der meisten Demokraten steckt der Glaube,
sie könnten eines Tages so reich werden wie Republikaner, und
sie wollen die Chancen des amerikanischen Traums, die ein verantwortungsbewusster
Kapitalismus in Aussicht stellt, genauso wenig zerstören wie
die Konservativen.
Wann haben die Konservativen eigentlich beschlossen, sich einfach
Geld zu leihen, ohne die Steuern zu erhöhen? Sitzt der Gouverneur
jetzt zur Rechten des Vorsitzenden der Federal Reserve Bank? Sogar
Alan Greenspan redet jetzt schon über Steuern. Das ist eine ernste
Angelegenheit. Tip ONeill sagt, Politik sei kein Sitzsack!!
Parteiübergreifende Politik? Haben wir hier nicht. Wir dürfen
auch den Missbrauch des Namens einer der größten liberalen
Familien der amerikanischen Geschichte nicht irrtümlich als gemeinsame
Politik beider Parteien ansehen. John F. Kennedy war mein Freund.
Nein, Gouverneur, Sie sind kein Kennedy-Demokrat.
Hören Sie auf, mit der Illusion der Zweiparteienunterstützung
hausieren zu gehen. Sie sind ein konservativer Republikaner, der sich
gern mal mit ein paar Demokraten zur Schau stellt.
Das ist ein guter Rat. Glaube ich, dass Arnold ihn schließlich
annehmen wird? Das glaube ich nicht.
Natürlich kann er weiter seine Witzchen machen und sagen, ich
würde die Krankenschwestern nur deshalb verteidigen, weil ich
früher eine brauche als er, und die Alten, weil ich eher alt
bin als er, und die Blinden, weil ich außer Steuern und Geldausgeben
nichts mehr sehen kann. Und dann könnte ich den Scherz anbringen,
dass er die Lehrer verteidigen sollte, weil er noch so viel zu lernen
hat. Aber das alles ist im Endeffekt überhaupt nicht witzig.
Regieren ist kein Witz, und trotz allem, was er sagt, ist es auch
kein Film.
Aber er wird lernen müssen zuzuhören. Er ist ja nicht dumm.
Er weiß, dass ich ein privater Bürger bin, so wie er noch
vor einem Jahr. Ich bin ein Gegner seines muskelbepackten Konservativismus,
mit längerer Erfahrung in der Politik als er, und auch wenn ich
mich nicht um sein Gouverneursamt bewerben will, ich würde verdammt
noch mal den Job besser machen als er. Aber ich könnte Ihnen
auch eine Menge Demokraten aufzählen, die um vieles besser wären
als ich, und außerdem vielleicht sogar ein paar gute Republikaner.
Als Südstaatenbaptist in Virginia wurde mir beigebracht, dass
es gute Politik sei, andere so zu behandeln, wie man selbst
behandelt werden will.
Mir wurde beigebracht, dass es darauf ankommt, einander zu lieben.
Gute Politik für unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere
Sicherheit kann nicht Wirklichkeit werden ohne
erstens: eine Offenlegung der Finanzen für Wahlkampagnen;
zweitens: eine klare Trennung von Kirche und Staat;
drittens: die Schaffung eines umfassenden Gesundheitssystems, in das
jeder einzahlt: Medicare für alle;
viertens: den Reichen und allen anderen den Wert einer gerechten Umverteilung
unseres enormen Reichtums mit Hilfe unserer Steuerpolitik klarzumachen;
Sorge für die Unglücklichen ist nicht Sozialismus;
und fünftens: sich gegen die Gefahren des kraftprotzenden Utopismus
eines Imperiums einzusetzen, das anderen etwas aufzwingt, was manche
Demokratie nennen, an Orten, wo sie nicht aufrechterhalten werden
kann und zum Niedergang Amerikas führen wird.
Gute Politik in einer sozialen Demokratie erklärt, dass Macht
nicht Recht bedeutet. Wird das geleugnet, dann kommt es zu Totalitarismus,
Kommunismus oder Faschismus. Unser Schweigen ist ein Beruhigungsmittel,
ein Steroid für Schlägertypen.
Schläger sind im Grunde Feiglinge.
Ich sage: Regt euch auf! Aufregung mobilisiert. Genießt den
Klang eurer eigenen Stimme! Mit Bescheidenheit, mit Zuneigung für
die, die im Dunkeln stehen.
Mit Demokratie kann die öffentliche Meinung Kaliforniens, dieses
großartigen Staates, der fünftgrößten Wirtschaftsmacht
der Welt, zum Leuchtturm für Amerika werden. Mit Demokratie,
denn wir sind in diesem Moment das mächtigste Land aller Zeiten
die Macht der amerikanischen öffentlichen Meinung, diese
Regierung zu führen, kann die Rettung für die Menschheit
bedeuten.
Was mich zu der Frage bringt, mit der sich meine Kinder am liebsten
über mich lustig machen, wenn sie in den Swimming-Pool springen
oder mit dem Essen um sich werfen: Daddy, was ist der Sinn des
Lebens?
Nach jahrelangem Herumrennen und einer schönen Zeit und einer
Reihe von Filmen wurde mir mit einiger Peinlichkeit klar, dass meine
Filme meistens zu einem ziemlich unoriginellen Thema zurückkehren:
Die Liebe besiegt alles.
Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber mir kommt es wahr vor.
Shakespeare sagt uns: Wit is born of dilatory time. (Scharfsinn
wird aus verschleppter Zeit geboren.) Das Webster-Wörterbuch
definiert dilatory als träge, langsam. Das Oxford-Wörterbuch
erklärt es so: dazu geneigt oder bestimmt, Verspätung
zu verursachen.
Frühe Berühmtheit und Reichtum haben mich mit dem Luxus
verschleppter Zeit beschenkt. Erst allmählich habe ich gelernt,
dass Sehen und Verstehen wichtiger sind als die Leidenschaft und die
Begeisterung für Kunst oder Politik oder Sex oder ein höheres
Selbstwertgefühl.
Das Schicksal lässt einen nie ganz verstehen, was es heißt,
Kinder zu haben, bis man sie hat. Meine Frau Annette und die vier
kleinen osteuropäischen Ländervertreter, die in unserem
Haus leben Kathlyn, Ben, Isabel und Ella haben mir zehn
neue Augen gegeben, um damit das Leben anders anzuschauen und mich
zu bemühen, es zu verstehen.
Wollen Sie meine Ratschläge? Wenn Sie sich dazu entschließen
sollten, Kinder schon in jüngeren Jahren zu haben, als ich sie
hatte ... Ich will es mal so sagen: Ich würde Sie nicht dafür
kritisieren.
Danke und viel Glück.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Kreisler