Der "Kampf gegen den Terrorismus"
Tschetschenien als PR-Maßnahme
Nach Wladimirs Putins
Selbstverständnis von Russland steht das Land im Kampf gegen
den weltweiten Terrorismus ganz vorn. Für diesen Kampf werden
sogar Pressefreiheiten beschnitten und Menschenrechte missachtet.
Propagandistisch richten sich diese Mittel jedoch gegen eine Bevölkerung,
die sonst auf den unpatriotischen Gedanken kommen könnte,
der Tschetschenien-Krieg sei womöglich die Ursache des Terrorismus
in Russland..
Von Pavel K. Baev
Es liegt eine entmutigende Gewissheit in der Vorhersage, dass in der
Zeit zwischen der Abfassung dieses Textes (Sommer 2003) und dem Erscheinen
des Buches Moskau von einem weiteren terroristischen Anschlag getroffen
wird. (Eine Voraussage, die wenig später mit dem Überfall
auf die Schule in Beslan bestätigt wurde. Anm. d. Red.) Das hat
nichts mit einem Worst-case-Szenario zu tun oder einer grundsätzlichen
Unheilserwartung: Es ist einfach die Anerkennung der Tatsache, dass
der Terrorismus zu einer mächtigen Bedrohung für Russlands
Sicherheit geworden ist und weder nachträgliche noch vorbeugende
Gegenmaßnahmen waren bisher auch nur im Geringsten erfolgreich.
Seit den späten 90er Jahren ist Russland eines der Länder,
die am schmerzlichsten vom Terrorismus betroffen sind, und Moskau
hat vielleicht mehr Terrorismus-Opfer zu beklagen als jede andere
Hauptstadt dieser Welt. Gewaltige Anstrengungen wurden im Kampf gegen
diese Bedrohung unternommen, aber kein Experte erwartet für die
nahe Zukunft einen Sieg.
Glaubt man der offiziellen russischen Propaganda, die mit der Einschränkung
der Pressefreiheit immer effizienter wird, so steht das Land in vorderster
Front einer weltweiten Terrorismus-Bekämpfung. Skeptiker jedoch
(und der Autor dieser Zeilen gehört zu ihnen) verweisen immer
wieder auf die logischen Schwächen und tatsächlichen Widersprüche
dieser offiziellen Darstellung. In Russland gibt es eine ganze Reihe
politischer Regional-Extremismen; aber alle Terror-Anschläge
werden ausschließlich immer nur mit einem einzigen Regionalkonflikt
in Verbindung gebracht, mit dem Ergebnis, dass heute allein schon
der Begriff Terrorismus gleichbedeutend ist mit Tschetschenien.
Moskau beharrt darauf, dass dieser brutale Dauerkrieg eine innere
Angelegenheit sei, so dass die Logik schon etwas strapaziert
ist, wenn solche internen Anti-Terror-Maßnahmen
als Teil eines angeblich globalen Krieges gegen den Terror
bezeichnet werden. Aber genau das geschieht in Moskau ohne Zögern.
Eine Analyse des Tschetschenien-Kriegs geht über den Raum dieses
Artikels hinaus, aber so viel sei angemerkt: Der ungeheure militärische
Aufwand, den Russland in diesen Krieg gesteckt hat, hat nicht ausgereicht,
um aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen; die Suche nach einer
politischen Lösung ist währenddessen pure Zeitverschwendung
trotz aller propagandistischen Begleitung von Wahlen und Abstimmungen
in Tschetschenien. Im Kern war der Kampf gegen den tschetschenischen
Terrorismus von bemerkenswertem Nutzen für die semi-autoritäre,
quasi-marktwirtschaftliche Regierung in Moskau, die es weitgehend
geschafft hat, um sich herum einen Anschein von Normalität
zu erzeugen.
Putins Macht-Pyramide
Wenige Experten bezweifeln die Aussage, dass Russland heute in besserer
Verfassung dasteht als noch vor einigen Jahren. Uneinigkeit allerdings
besteht im Hinblick auf die nähere Zukunft: Ein kräftiges
Wirtschaftswachstum wird ebenso hoffnungsvoll erwartet wie der Rückfall
in eine neue zastoi (Stagnation). Auffällig an solchen Erwartungen
ist, dass die alte und verstörende Frage Wer ist Wladimir
Putin?, da sie hartnäckig ohne eine vernünftige Antwort
bleibt, in völlige Bedeutungslosigkeit abgesunken ist. Dieser
Mann ohne Führungsqualitäten, ohne Politikerfahrung hat
sich erfolgreich im Zentrum des Regierungssystems festgesetzt; aber
es wurde gleichzeitig auch vor Augen geführt, dass es auf das
System ankommt und gerade nicht auf die Person. Und doch hat dieser
ungeheure Überbau des Apparats wenig Ähnlichkeit mit dem
Ideal-Modell einer bürokratischen Hierarchie, wie Putin sie sich
erträumt (eine Art KGB im Großen).
Hinter allen PR-Aktionen, Nebelkerzen und Spiegelkabinetten des Kremls
lassen sich die drei Säulen der Regierung Putin doch
leicht erkennen: die Durchsetzungsmechanismen (oft auch als Machtstrukturen
bezeichnet), die Interessen der Großunternehmen (der sogenannten
Oligarchen) und die örtlichen Machteliten (die ganz
zu Recht den Titel Barone tragen). Diese Machtverteilung
ist schon seit Boris Jelzins zweiter Amtszeit in Kraft, und alles,
was Putin daran verändert hat, ist der Abstand zwischen dem Kreml
und den drei genannten Einflusszentren, was Putins Macht-Pyramide
schlanker und höher macht.
Einflussnahme durch ein Anti-Terrorismus-Netzwerk
Viele Europäer können nur neidisch zusehen, wie Russland
es in den letzten Jahren nachhaltig geschafft hat, auf der internationalen
Bühne eine herausragende Rolle zu spielen mit einer starken
Stimme, die seinem wahren Gewicht keineswegs zukommt. Dieser Zugewinn
hat kaum etwas zu tun mit der Professionalität der russischen
Diplomatie (die sich seit Andrei Gromyko nur unmerklich verbessert
hat) oder ihrer akademischen Ausbildung (die sich in fortdauerndem
Niedergang befindet); er kann auch nicht gänzlich Putins Geschick
im Spiel mit einem schlechten Blatt zugeschrieben werden. Verantwortlich
für diesen Erfolg ist weitgehend Russlands Krieg gegen den Terrorismus,
so fragwürdig dieser auch sein mag. Noch gegen Ende der Jelzin-Ära
war Tschetschenien eine ernsthafte Belastung, gegen die Russland seine
wenigen und letzten Kraftreserven aufbieten musste (seine Energievorräte
etwa oder auch sein nukleares Drohpotenzial); heute jedoch ist der
Terrorismus ein Aktivposten, der zum dynamischen Wirtschaftsaufschwung
beiträgt und das Problem Tschetschenien absorbiert hat. Möglich
wurde diese Veränderung durch den dramatischen Klimawandel, der
durch das Datum des 11. September bezeichnet ist. Daneben aber gebührt
Moskau eine gewisse Anerkennung dafür, jede sich später
bietende Gelegenheit zum Vorteil des eigenen Ansehens in zwischenstaatlichen
Beziehungen maximal genutzt zu haben.
Der reifgewordene Partner
Im Angesicht der aufkommenden Kritik wegen Tschetschenien versteckte
sich Putin nicht so sehr hinter dem Feigenblatt der inneren
Angelegenheit, sondern antwortete lieber offensiv mit der Betonung
der anti-terroristischen Kampagne und meinte damit, dass
Russland im Kampf gegen den wachsenden islamischen Fundamentalismus
ganz vorn in vorderster Linie stehe. Er nahm für sich in Anspruch,
unsere Zivilisation gegen die Barbarei des Terrorismus
zu schützen, aber die Behauptung verfing nicht bei seinen westlichen
Kollegen, die (nachdem Präsident George W. Bush Putin in
die Augen geschaut hatte) nur zu Geschäften mit ihm bereit
waren. Allerdings fingen sie allmählich an umzudenken, als Putin
nach dem Einsturz des zweiten World-Trade-Center-Turms dem amerikanischen
Präsidenten zwischen den Zeilen signalisierte: Ich hatte
euch gewarnt.
Washington änderte auf der Stelle seine Haltung. Präsident
Bush, in seiner Neudefinition als Anführer der weltweiten Anti-Terrorismus-Koalition,
bestand darauf, seinen neuen Freund Pooty als vollgültiges
Mitglied in die Gruppe der acht größten Industrieländer
(G 8) aufzunehmen und neue Umgangsformen zwischen der NATO und Russland
einzurichten. Europa jedoch blieb bei der Anti-Terrorismus-Agenda
und bei Russland als neuem Koalitions-Mitglied eher reserviert.
Putin hatte zwar ein paar kleinere Erfolge (etwa die stehende Ovation
im Deutschen Bundestag am 21. September 2001), aber sein Projekt einer
großen Europäisierung kam ins Stolpern, nicht zuletzt wegen
der Enklave von Königsberg. Speziell verärgert war er über
die fortgesetzte Weigerung der meisten europäischen Regierungschefs,
Tschetschenien als Bestandteil der terroristischen Bedrohung
zu betrachten, vor der alle Erwägungen von Menschenrechten zu
schweigen hätten.
Was Putin dann doch noch die europäische Karte in die Hand gab,
war der zweite Golf-Krieg. Als gegen Ende des Jahres 2002 die Absicht
der USA, den Irak anzugreifen, immer deutlicher wurde, prüfte
Moskau die möglichen internationalen Verabredungen und war von
dem Angebot Washingtons sichtlich enttäuscht. Der Wendepunkt
war Putins Besuch in Paris am 10. Februar 2002, bei dem er und Präsident
Jacques Chirac bekanntgaben, sie würden gegen eine weitere UN-Resolution
ihr Veto einlegen. Die neue Entente (Kanzler Gerhard Schröder
sah zu, dass er als Dritter in den Bund aufgenommen wurde) bekräftigte
ihre Entschlossenheit, den Kampf gegen den Terrorismus fortzusetzen,
stellte aber gleichzeitig fest, dass der Irak nichts damit zu tun
habe, und gab Putin die langersehnte Zustimmung, dass Tschetschenien
sehr wohl Teil des Anti-Terrorismus-Kampfes sei.
Diese bis dahin nicht erlebte Meuterei hielt zwar die Kriegsmaschinerie
der USA nicht auf, aber für Moskau war das ohnehin nicht der
springende Punkt. Deutschland und Frankreich waren beleidigt nach
Donald Rumsfelds Kennzeichnung als altes Europa, aber
Putin war überglücklich, endlich dabeizusein.
Die Trommel schlägt zum Kampf
Ein bemerkenswertes Charakteristikum der Moskauer Regierung
das in scharfem Gegensatz zur Jelzin-Ära steht ist Putins
ununterbrochene und (wie mancher vielleicht sagt:) unnatürlich
hohe Popularität. Der Krieg gegen den Terrorismus trägt
in hohem Maße dazu bei, ihm eine breite Unterstützung in
der gesamten russischen Bevölkerung zu sichern. Ihre anfangs
eher emotionale Reaktion auf die Moskauer Anschläge vom September
1999 (nach Putins Versprechen, er werde die Attentäter ins
Klo hinunterspülen) hat sich vielleicht etwas verfeinert,
aber sie ist nach wie vor dauerhaft und belastbar.
Es ist belegt, dass Putin auf Meinungsumfragen großen Wert legt.
Die in Russland weitverbreitete politische Apathie macht PR-Techniken
deshalb nur umso wichtiger; damit wird die Unterstützerbasis
immer wieder mobilisiert und auf den Anführer eingeschworen.
Der Krieg gegen den Terrorismus ist dabei ein entscheidendes Instrument.
So gesehen besteht also ein wesentlicher Unterschied zwischen dem
Tschetschenien-Krieg als einem lokalen Unabhängigkeitskonflikt
und einer anti-terroristischen Militärkampagne, von der große
Teile der russischen Bevölkerung direkt betroffen sind.
Die Kampagne zeigt eine eigenartige Mischung aus einerseits tatsächlichen
Angriffen und Gegenangriffen, andererseits aus Risiko-Wahrnehmungen
und Gerüchten über geheime Kommandounternehmen, eine Mischung,
die von der offiziellen Propaganda tatkräftig aufrechterhalten
wird. Dieser teilweise virtuelle Krieg ist für Putin
möglicherweise noch wichtiger als der tatsächliche. Es ist
gerade die so geschürte Angst, mit der sich das erwünschte
Sich-um-den-Präsidenten-Scharen der Gesellschaft
am einfachsten erreichen lässt, und um diese Wirkung aufrechtzuerhalten,
müssen die Angriffe an Häufigkeit und Brutalität weiter
zunehmen. Manchem Beobachter aus dem Westen kommt die psychologische
Reaktion der Russen seltsam vor: Zwar erwartet dort niemand, dass
die Behörden sehr viel zum Schutz der öffentlichen Sicherheit
unternehmen, aber die außergewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen
rund um das Führungspersonal werden als ganz natürlich hingenommen.
Es liegt tatsächlich etwas wie ein Hauch von Orwells 1984 in
der Luft, wenn die Moskauer jede neue Terroristenbombe mit verbissenem
Schweigen hinnehmen. Aber: Der unpatriotische Gedanke,
das Elend im Tschetschenien-Krieg könnte die Hauptursache des
Terrorismus sein, schleicht sich allmählich ein und unterhöhlt
die Geschlossenheit der Anti-Terrorismus-Bewegung.
Das ist die Herausforderung, die Putins Höflinge, von den Geheimdiensten
bis zu den PR-Technikern, aus der Welt schaffen müssen, und dafür
ist ihnen jedes Mittel recht. Man kennt die zahlreichen Berichte über
die Einengung der Pressefreiheit unter Putin. Hier zeigt sich wie
im Lackmustest die verlangsamte Entwicklung zur Demokratie
in Russland. Man darf dabei nicht vergessen, dass der mit gewaltigem
Nachdruck in den Medien betriebene Krieg gegen den Terrorismus ein
wichtiges Element dieser Entwicklung ist. Jedes Medium, das es wagte,
Vorbehalte gegen den Tschetschenien-Konflikt oder Zweifel an der Klugheit
eines endlosen Krieges zu äußern, wurde darauf hingewiesen,
dass derart abweichende Meinungen der offiziellen Politik und dem
Anti-Terrorismus-Kampf widersprechen; weigerte sich die Zeitung oder
der Sender, Selbstzensur einzuführen, wurden sie bestraft oder
kurzerhand geschlossen. Mit solchen Maßnahmen bleibt das Spielfeld
dann allein der staatlichen Propaganda überlassen, die nun alle
Register zieht: von der Entmenschlichung der Terroristen über
die Entdeckung internationaler islamistischer Verschwörungen
bis zur Forderung nach Wachsamkeit in der besonderen Weise,
dass jede verdächtige Person umgehend den staatlichen Geheimdiensten
zu melden sei.
Die Macht über die Medien dient Putin sicher noch zu anderen
Zwecken als bloß der Terrorismus-Bekämpfung, aber es ist
genau diese Kampagne, die für die berechtigte Verschärfung
der Medien-Zensur die Legitimierung liefert. Das politisch Unangenehme
an der Propaganda-Aktivität ist aber, dass die Ziele der Terrorismus-Bekämpfung
immer maßloser und starrer werden, je erfolgreicher diese Propaganda
ist. Der Spielraum für politische Lösungen wird damit immer
kleiner.
Mit freundlicher Genehmigung aus: Russia as a Great
Power: Dimensions of Security Under Putin, Jakob Hedenskog, Vilhelm
Konnander, Bertil Nygren, Ingmar Oldberg, and Christer Pursiainen
ed., Routledge, 2005.
Übs.: A. Simon.