Nummer 6, Juni 2005



 

Es gibt eine Alternative

Das Ende der Globalisierung


Von John Ralston Saul

Die Geschichten in diesem Buch sind keine abstrakten Analysen der Wirtschaft und ihrer beherrschenden Rolle in der Gesellschaft. Es sind Szenen aus dem wirklichen Leben – aus der Realität der vielen Menschen, die nicht in den ungefähr zwanzig postindustriellen Ländern leben. Einige dieser Geschichten gehen gut aus. Viele haben kein Happy End. Alle handeln von fragenden – das heißt: intelligenten - Menschen. Sie stellen Fragen nach den Folgen der Globalisierung für sie selbst, als wirkliche, lebende Menschen in wirklichen Gesellschaften.
Das Problem beim Geschichtenerzählen: Es gibt immer jemanden, der mit den Konsequenzen aus einer persönlichen, lebhaft erzählten Erfahrung nicht einverstanden ist und sie deshalb beiseite wischt mit der Bemerkung, die Geschichte sei anrühhrend, aber es handle sich ja bloß um einen Einzelfall. Oder auch: Das sei nur eine vielleicht unglückliche, aber vorübergehende und schon morgen bewältigte Übergangsschwierigkeit. Im Übrigen verweist er auf die herrschende Ideologie, die jede persönliche Erfahrung wertlos und das große Ganze unausweichlich macht.
Solche Zurückweisungen sind erstaunlicherweise verführerisch . Warum? Weil die herrschende Theorie – in unserem Fall die Globalisierung – unausweichlich um ein bestimmtes Konzept herum konstruiert wurde: Sie hält sich für unausweichlich. Und wozu braucht sie solche Unausweichlichkeit? Dafür werden gleich mehrere Gründe genannt. Gott. Der Markt. Technologie. Bestimmte Klassen der Gesellschaft. Aber je mehr die rechtgläubigen Anhänger einer Theorie auf deren Unausweichlichkeit pochen, umso sicherer kann man sein, dass man es mit einer Ideologie von begrenzter Haltbarkeit zu tun hat.
Die Vergangenheit macht das zur Genüge klar. Es gibt nun einmal keine philosophischen oder politischen Unausweichlichkeiten. Und wenn wir die Theorien über die menschliche Entwicklung betrachten: Wirtschaftswissenschaften sind dabei nur ein ziemlich kleiner Spielplatz für Spekulationen. Was die Globalisierung betrifft, so ist sie vermutlich die erste Großtheorie der Geschichte, die steif und fest behauptet, dass eine Kultur nur im Licht der Ökonomie funktionieren kann. Keiner der bisherigen Wirtschaftstheoretiker ist so weit gegangen, nicht einmal Karl Marx. Und Adam Smith war vom exakten Gegenteil überzeugt.

Aus diesem Grund sind solche Geschichten aus dem Leben wirklicher Menschen so wichtig. Sie holen uns heraus aus den Verblendungen des angeblich Unausweichlichen. Wenn sie gut erzählt sind, haben sie die besten Eigenschaften großer Literatur. Denn die Literatur ist bis heute immer noch die genaueste Wiedergabe einer Wirklichkeit, wie sie von Menschen erlebt wird. Gute Romane werden auch noch Hunderte von Jahren nach ihrem Erscheinen gelesen, weil sie von wirklichen menschlichen Erfahrungen erzählen. Von einer menschlichen Wirklichkeit. Und die ändert sich auch in Jahrhunderten nicht wesentlich.
Auf der anderen Seite haben jene faktengestützten Unausweichlichkeitstheorien die Tendenz, sich nach wenigen Jahrzehnten in Luft aufzulösen. Insbesondere Wirtschaftstheorien halten sich selten länger als ein Vierteljahrhundert. Ein paar schaffen ein halbes Jahrhundert. Weil es insgesamt nur eine Handvoll theoretischer Prinzipien gibt, kommen diese Großtheorien immer wieder neu in Mode, nur jedesmal ein wenig anders eingekleidet. Seit Präsident Nixon 1971 das Bretton-Woods-Abkommen aufkündigte, nur um das Problem der amerikanischen Auslandsverschuldung zu beheben, erleben wir eine leicht veränderte Wiederauflage der Freihandels- und Deregulierungstheorie des 19. Jahrhunderts. Nur dass wir sie jetzt „Globalisierung" nennen. Selbstverständlich sind das nicht zwei genau gleiche Dinge. Aber die grundlegenden Hypothesen über den „freien Markt" sind dieselben. Seit den späten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts kommt diese Unausweichlichkeit immer mehr ins Stocken. Unsere Gesellschaften gleiten ab in Richtungen, die wir noch nicht genau erkennen können. Aber der Jargon und das unbekümmerte Drängen der Globalisierung gehen weiter. Die Zudringlichkeit ist am stärksten dort, wo sich möglicherweise Widerstand regt.

Gerade deshalb sind die Geschichten in diesem Buch bedeutsam. Kleinere, schwächere Staaten werden weiterhin in Richtungen geschoben, die die meisten Ländern des Westens bereits mit erhobenen Augenbrauen betrachten. Das Erzählen von Geschichten ist wichtig, weil sie die wunderbare Eigenschaft besitzen, die Adam Smith in seinem Buch Die Theorie der moralischen Gefühle beschrieben hat, auf dem seine gesamte Wirtschaftstheorien aufgebaut sind. Das Buch enthält im Kern den Grundgedanken, dass Menschen nur insoweit menschlich sind, als sie sich in den Zustand des Anderen versetzen können. Diese Fähigkeit des Mitfühlens, diese Empathie, bringt uns dem Anderen näher. Und wenn wir den Anderen verstehen, verstehen wir uns selbst.
Das beleuchtet schlagartig, warum wir die Globalisierung kaum noch verstehen. Sie behandelt alle menschlichen Beziehungen so sehr nur unter dem privaten Nützlichkeitsaspekt, dass der Blick auf die globale Wirklichkeit der Anderen blockiert ist. Wir haben hier eine Theorie der Welt, die uns nur erstaunlich winzige Ausschnitte aus den Beziehungen erlaubt, die Menschen miteinander verbinden. Die Globalisierungsanhänger sind mit diesem Tunnelblick extrem provinziell, und daran sehen wir noch einmal, dass diese angeblich globale Theorie herzlich wenig zu leisten vermag.

Ich für meinen Teil habe aus den Geschichten dieses Buches zwei Dinge gelernt. Erstens: Die Gesamtheit der Globalisierungsergebnisse nach dreißig Jahren sieht ziemlich gemischt aus. Die Theorie bringt einfach nicht die Resultate, die sie uns seit den 70er, den 80er, den 90er Jahren als unmittelbar bevorstehend verheißt. Und fünfunddreißig Jahre sind schon eine ziemlich lange Dauer für ein Wirtschaftsexperiment (für militärische und politische Großversuche gilt übrigens dasselbe). Napoleon hatte nur ein Jahrzehnt zur Verfügung. In den meisten Ländern dauerte das erste Experiment mit dem deregulierten Freihandel nur ein Jahrzehnt, Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts.
Heute, nach fünfunddreißig Jahren zweifelhafter Resultate, lassen große Teile der Welt diese globale Wirtschaftstheorie einfach links liegen. Das ist die zweite Lehre, die ich aus den erzählten Geschichten ziehe: Globalisierung ist heute nur noch von regionaler Bedeutung.
Man braucht doch nur einmal an verschiedene Regionen dieser Welt zu denken. Südamerika hat seit den späten 90er Jahren Dutzende von Regierungen gewählt, die solchen Dingen wie Freihandel und Deregulierung nicht über den Weg trauten. Diese neuen Regierungen, gleichgültig welche Politik sie sonst vertreten, verfolgen vor allem nationale und regionale Projekte, bei denen die Welt nicht durch das Prisma der Ökonomie betrachtet wird. Vielmehr kommt es ihnen auf soziale Gerechtigkeit an. Dabei sind aber auch falsche Populismen wieder auf der politischen Bühne erschienen, etwa in Peru, Bolivien und Kolumbien.

Argentinien und Brasilien sind hier jedoch zwei faszinierende Beispiele für Länder, die sich derzeit aus dem Globalisierungsexperiment zurückziehen. Argentinien hat ein ganzes Jahrzehnt lang gehorsam die Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) befolgt, den sogenannten „Washington-Konsens", zeitweise sogar mit relativem Erfolg, dann brach die Wirtschaft zusammen, und dann versuchte man es mit einem ganz anderen Verfahren. Ein wesentlicher Teil davon war die Umschuldung einer 80-Milliarden-Dollar-Anleihe, der ausgehandelte Verzicht internationaler Gläubiger auf Schuldentilgung. Brasilien hatte sich einfach geweigert, die fixe Idee globaler Unausweichlichkeiten unbesehen hinzunehmen. Brasilien folgt einer anderen Strategie: Es pickt sich aus dem Kuchen des Welthandelssystems das Geeignete heraus, alles andere lehnt es ab. Brasilien ist heute das Land an der Spitze der Bewegung, die ein Patentrecht, das nur die Hochpreise benötigter Medikamente schützt, so behandelt, als hätten diese Bestimmungen weder eine rechtliche Bindung noch irgendeine Gültigkeit auf dem Markt. Und es greift beim Verkauf seiner Waren wieder auf den Merkantilismus des 17. Jahrhunderts zurück, nach dessen Regeln der Anbieter den Markt beherrscht, nicht der Nachfrager.
Man muss es so sagen: Lateinamerika hat sich aus dem Globalisierungsexperiment weitgehend zurückgezogen. Was Afrika betrifft, so war der Kontinent in dieser Versuchsanordnung immer nur das Opfer. Die Unfähigkeit des Westens, einschließlich des IWF, die nicht mehr bezahlbaren Auslandsschulden einiger Dutzend afrikanischer Länder einfach zu streichen, war das deutlichste Anzeichen dafür, dass die globale Unausweichlichkeit alles andere als global war.
In Asien begannen manche Länder nach dem Währungsdesaster von 1997 ebenfalls, sich nicht-globale Gedanken zu machen. Man hatte bemerkt, dass drei Länder die Krise recht gut durchgestanden hatten. Das erste Land dieser Art war Malaysia, das den Wechselkurs seiner Währung festsetzte, den Export ausländischen Kapitals blockierte und die Einfuhrzölle erhöhte. Und das hieß: Malaysia brach gleich drei eherne Regeln der Globalisierung auf einmal. Die beiden anderen Länder waren Indien und China; beide blieben von der Währungskrise unberührt, weil sie ihre Währungen immer schon kontrollierten, in großem Umfang staatliche Investitionen in die heimische Wirtschaft tätigten und darauf bestanden, den Welthandel nur als Mittel zum Zweck zu gebrauchen, nie als unabweisliches Prinzip.
Zuguterletzt haben wir nun auch in der Erweiterung der Europäischen Union einige neu hinzugekommene Länder, die Europa als ein Bauwerk zum Schutz ihrer eigenen Unabhängigkeit sehen. Sie erwarten, dass der europäische Binnenmarkt ihre staatliche Struktur stärkt und notfalls verteidigt. Das sieht ganz so aus, als ob die – nunmehr ernstzunehmende – Idee des Nationalismus aus dem 19. Jahrhundert nach Europa zurückgekehrt wäre – und zwar nicht nur entlang der Grenze zu Russland.

In der Tat zeigt ein ruhiger Blick auf den Planeten ein weitverbreitetes Wiederaufleben des Nationalismus, in positiver wie in negativer Hinsicht. Ich sehe in West-Europa politische Parteien an der Macht, die tatsächlich mit dem Vokabular des 19. Jahrhunderts arbeiten. Man hätte annehmen sollen, diese Art Nationalismus sei vor 60 Jahren endgültig gestorben. Was hat diese Ressentiments wieder geweckt? Wahrscheinlich war es zum Teil das Gefühl der Ohnmacht bei den Bürgern dieser Staaten, hervorgerufen durch einige Jahrzehnte einer globalen ökonomischen Fremdbestimmung. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist der Nationalismus heute so stark wie noch nie. Indien und China vergrößern ihre Macht ganz und gar in der Art klassischer Nationalstaaten.

Was bedeutet das alles? Ganz offenbar dies: Die Wahrheit der Wirtschaftswissenschaft, wie sie vor dreißig Jahren aufgestellt wurde, wackelt, bröckelt und bricht auseinander. Der herrschende Jargon der Globalisierung hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was in der Welt wirklich passiert.
Man denke nur an das allumfassende Versprechen aus den 70er Jahren, unnachsichtig wiederholt und bekräftigt bis in die Mitte der 90er Jahre: Nationalstaaten würden allmählich verschwinden – heute sind sie stärker als 1970; Wirtschaft und der globale Markt würden als geschichtsbildende Kräfte politische und militärische Macht ablösen – heute sind Krieg und politische Direktiven beherrschender denn je; die Welt, nur noch mit einem ökonomischen Tunnelblick geführt, würde die alte Abfolge der Konjunkturzyklen hinter sich lassen – heute, seit wenigstens einem Jahrzehnt, sehen sich die meisten Länder in genau solcher Instabilität gefangen; das Wachstums des Welthandels (und es gab hier wirklich ein bemerkenswertes Wachstum) würde die Armut beseitigen – heute sagen uns die offiziellen Statistiken, dass die Zahl der Menschen, die von einem und zwei Dollar pro Tag leben müssen, in den letzten dreißig Jahren gestiegen ist, 2,6 Milliarden Menschen sind von dieser elementaren Armut betroffen.

Ich behaupte nicht, dass die Globalisierung nur negative Folgen hatte. Ich weise allerdings darauf hin, dass ein System, das global und unausweichlich sein sollte, weder das eine noch das andere war. Das das ist kein gutes und kein schlechtes Zeichen. Es ist das Zeichen einer unsicheren Epoche mit ungewissem Ausgang.

Die Unsicherheit ist der genaue Ausdruck unseres derzeitigen Zustands. Die gescheiterte Globalisierung kann denen, die darunter leiden, keinen späteren Erfolg mehr versprechen. Eine Zeit solcher Unsicherheit, zusammen mit einem Anstieg des Nationalismus, widersprüchlichen Richtungen und einem hohen Maß an militärischer Gewalt, ist besonders gefährlich.
Aber es gibt überall auch Anzeichen einer wachsenden Beteiligung der Bürger. Ein großer Teil davon findet nicht einmal innerhalb der klassischen Demokratiestrukturen statt. Auf lange Sicht gesehen könnte auch eine aktive Bürgerschaft, die sich nur noch außerhalb der repräsentativen Demokratie betätigt, eine Gefahrenquelle werden. Aber hier und heute ist sie unsere Hoffnung auf einen verantwortungsbewussten Individualismus. Unzählige Menschen investieren Zeit und Arbeit in Nicht-Regierungs-Organisationen und andere Gruppierungen außerhalb der offiziellen Politik. Zum großen Teil betonen sie damit ihre Unzufriedenheit mit einer Demokratie, die sich dreißig Jahre lang hat einreden lassen, dass der Weg der Gesellschaft unausweichlich durch das Prisma der Ökonomie führt. Genauer gesagt: Sie lehnen eine politische Elite ab, weil diese die Macht, die die Bürger ihr übertragen haben, nicht zum Wohle aller gebraucht.
Wenn diese Bürger ihre Geschichten erzählen, sei es in Afrika oder in Asien oder in Europa, dann treten sie vor uns hin als Beispiele, wie man für das Gemeinwohl tätig werden kann. Das ist eine mutige Tat und eine ernste Botschaft, die sich unsere politischen Verantwortungsträger anhören sollten. Sehr aufmerksam.


Übersetzung aus dem kanadischen Englisch von Axel Simon.