Thomas Manns Münchner Villa: Eine
deutsche Immobilien-Geschichte
Mann, Haus, Banker, Bär
Fast zwanzig Jahre lebte der Schriftsteller
Thomas Mann mit seiner großen Familie in der Poschingerstraße
in München. Das Haus, von den Kindern zärtlich Poschi
genannt, wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen und später
abgerissen. Jetzt, im Sommer 2005, steht es beinahe fertiggebaut wieder
an der alten Stelle. Die Idee, daraus ein Museum und eine Erinnerungsstätte
zu machen, scheiterte an fehlenden Geldern und wohl auch am mangelnden
Willen der Stadtoberen von München. Nach einem der größten
Schriftsteller Deutschlands wird in Zukunft einer der einflussreichsten
Banker im Mann-Haus an der Isar wohnen. (Foto: Hans Pfitzinger)
Von Hans Pfitzinger
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Wer liest
denn noch den Spiegel?
Merkwürdige Zufälle im Zaubergarten
Mein alter Freund und Spiegel-Leser
Ulli J. war entzückt, als er mich an einem Dienstag
im März dieses Jahres gegen Mittag anrief: Waaas
das hast du nicht gewusst? In der Ausgabe von gestern,
ein langer Artikel, mit Fotos! Soll ich ihn dir faxen?
Wenig später wusste ich, dass im Spiegel vom
21. März 2005 tatsächlich ein Artikel über
den Wiederaufbau des früheren Wohnhauses von Thomas
Mann in München stand. Dass mich das nicht sonderlich
erfreuen würde, war dem Ulli schon klar. Denn an
eben diesem Montag, als der Artikel im Spiegel
erschien, hatte ich morgens um neun einen Artikel mit
eben diesem Thema an den Herausgeber der GAZETTE geschickt.
Das Fax von Freund Ulli klärte auch ein weiteres
Rätsel, das ich vorher verblüfft für merkwürdigen
Zufall gehalten hatte: Sämtliche Münchner Tageszeitungen
hatten Montag (Abendzeitung, Bild) oder Dienstag
(tz, SZ) in kurzen Beiträgen, jeweils mit
Fotos, über den Wiederaufbau des Thomas-Mann-Hauses
berichtet. Und eines war allen gemeinsam: nirgends ein
Hinweis, dass sie ihre Informationen aus dem Spiegel
abgeschrieben hatten.
Eine alte Schreiberregel lautet: Wenn schon abschreiben,
dann vom Besten. Eine neue scheint zu lauten: Ein Thema
ist ein Thema, und wenn mir Der Spiegel eines auf dem
Tablett serviert, tu ich einfach so, als sei das von mir
entdeckt worden. Wer liest denn noch den Spiegel?
Damit tröstete mich auch eine Berliner Kollegin.
Und fügte hinzu: Hey, passiert einem doch dauernd.
Man bietet dem Chefredakteur ein Thema an, will er nicht.
Drei Wochen später stehts im Stern oder
im Spiegel, und der Chef fragt bei der Morgenkonferenz:
Warum haben wir da eigentlich nichts drüber
gemacht? Kümmer dich nicht drum, ein GAZETTE-Artikel
ist doch was anderes.
Der Artikel im Hamburger Nachrichtenmagazin war sorgfältig
recherchiert und reich an Informationen. Das konnte ich
beurteilen, denn die Autorin Susanne Beyer zog zum Teil
dieselben Quellen zu Rate wie ich. So beginnt sie beispielsweise
im Jahr 1945 mit der Fahrt von Klaus Mann die Föhringer
Allee hinunter zu seinem zerstörten Elternhaus. Ich
nehme an, sie hat das an den Anfang gestellt, weil Klaus
Mann es in der Bildbiographie so schön beschreibt.
Ich hatte ebenfalls überlegt, damit anzufangen, entschied
mich dann aber, die Passage erst später zu bringen.
So fährt Klaus Mann im dritten Abschnitt zu seinem
zerstörten Elternhaus, bei mir allerdings die Poschingerstraße
hinunter.
Auch eine andere Entscheidung fand ich im Spiegel
im Nachhinein bestätigt: für die GAZETTE nicht
den Titel Im Zaubergarten zu wählen. Ich erfuhr
nämlich, dass Dirk Heißerer, der Vorsitzende
des Thomas-Mann-Fördervereins, gerade im März
ein Buch mit diesem Titel herausgebracht hat (Untertitel:
Thomas Mann in Bayern, C. H. Beck Verlag).
-hp
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Es ist eine alberne und gefährliche Stadt.
Die Mischung aus bürgerlichem Stumpfsinn,
alias Gemütlichkeit, Leichtsinn
und Schwabinger Literatur-Radikalismus ist ekelhaft....
Thomas Mann über München
Vom Anspruch, zu den Besten gehören zu wollen
Was ein Schriftsteller macht, kann man sich auch als Nichtfachmann
in etwa vorstellen. Er liest, sitzt am Schreibtisch, schreibt, denkt,
spaziert, setzt Kinder in die Welt, spaziert, denkt, schreibt, hält
Vorträge zum Geldverdienen, liest und geht in die Oper.
Was aber macht ein Investmentbanker? Er zieht Hemd und Anzug an, bindet
einen Schlips um und begibt sich, beispielsweise, in die 58. Etage
des Frankfurter Messeturms mit Blick auf die nahen Bankentürme
und die fernen Berge des Taunus. Folgen wir dem Reporter der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung in die Welt der Global Player einer
Investmentbank: Um 9.55 Uhr läutet Peter Hollmann die Glocke.
In der Aktienabteilung von Goldman Sachs beginnt der so genannte Morning
Huddle, eine tägliche Stehkonferenz, auf der die aktuelle
Lage auf den Finanz- und Rohstoffmärkten besprochen wird. Etwa
20 Teilnehmer hören den Ausführungen junger Krawattenträger
zu, die über den Handelsverlauf an der Wall Street am Vorabend,
die Tendenz an der Tokioter Börse oder die neuesten Kapriolen
des Rohölpreises berichten. Währenddessen klingeln unaufhörlich
Telefone.
Ganz sicher nicht meine Welt, die der Stehkonferenzen mit ständig
klingelnden Telefonen. Dafür bin ich dem Schicksal sehr dankbar.
Dem Reporter, der hier mit-huddlen durfte, fällt die Sprache
der Männer auf (es sind ausschließlich Männer): Reines
Deutsch spricht hier niemand, vielmehr eine Mischung aus Deutsch und
Englisch. War das above expectations?, fragt jemand, als
die Rede auf das gerade veröffentlichte Quartalsergebnis eines
Konkurrenten zu sprechen kommt.
Nun könnte es ja sein, dass Sie bis heute nicht gewusst haben,
was ein Morning Huddle ist. Oder was es mit Goldman Sachs
auf sich hat. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die ziehen
lieber im Hintergrund die Fäden. Zum Beispiel, wenn ein Großkonzern
wie Daimler (Deutschland) und ein anderer wie Chrysler (USA) sich
zu einem noch größeren Großkonzern vereinen. Daran
waren Goldman Sachs und ihr deutscher Chef Alexander Dibelius federführend,
wie es so schön heißt, beteiligt. Das Managermagazin
gerät richtig ins Schwärmen, wenn es um die allmähliche
Verfertigung von DaimlerChrysler durch Alexander Dibelius aus dem
Geist der Volkswirtschaftslehre geht: Die transatlantische Fusion
(der so genannte Merger of Equals) war sein Meisterwerk.
Drunter tun die nichts. Die Unternehmenskultur von Goldman
Sachs formuliert Theodor Weimer, Partner von Dibelius im Investmentbanking:
Unsere Kultur ist getrieben vom Anspruch, zu den Besten gehören
zu wollen. Auch ohne reines Deutsch.
Zu den Mächtigsten gehört er, der 45 Jahre alte Mergermeister
Dibelius, nicht nur nach Ansicht von Wirtschaftsjournalisten. Aber
auf das Wort Macht reagiert er allergisch: Laut FAS will
er dieses Wort partout nicht hören. Er verfüge über
gute Kontakte zu einflussreichen Leuten in der Wirtschaft, relativiert
er, mit dem Begriff Macht habe dies nichts zu tun, sondern eher mit
den professionellen Dienstleistungen, die sein Haus und er für
Kunden leisteten. (...) Er sei ein Analytiker, der sich bemühe,
die Dinge auf den Punkt zu bringen und anderen Konzernchefs dabei
helfe, einen Mehrwert zu schaffen.
Keine Macht also, nur Hilfestellung beim Mehrwertschaffen. Professionelle
Dienstleistung. Da sind die Konzernchefs ganz scharf drauf. Die Kundenliste
von Alexander Dibelius liest sich wie das Whos Who der deutschen
Wirtschaft: Adtranz, Bayer, Beck & Co., Conti, Dasa, Henkel, KPMG,
TUI, Rheinmetall, DaimlerChrysler. Mit dem Chef des letzteren Konzerns,
Jürgen Schrempp, ist er eng befreundet. Durchaus möglich,
dass Dibelius ihn bald in sein neues Haus im Herzogpark einlädt.
In die Villa von Thomas Mann.
Zur Elite dieses Landes gehört Dibelius auch, zumindest nach
herkömmlichen Kriterien von Erfolg und Karriere. Aus dem Blickwinkel
des Managermagazins sah das im Jahr 2002 so aus: Der ausgebuffte
Investmentbanker liebt schnelle Autos, und ebenso rasant lebt er.
Im jugendlichen Alter von 24 Jahren war Dibelius bereits promovierter
Chirurg, dann wechselte er frustriert von der Krankenhaus-Bürokratie
zur Unternehmensberatung McKinsey, wo er, natürlich in
Rekordzeit, zum Partner aufstieg. 1993 kam Dibelius schließlich
zur Elitebank Goldman Sachs, deren Co-Chairman Deutschland er kürzlich
wurde. Ein Überflieger. So etwas natürlich
zu nennen, fällt wohl nur einem Wirtschaftsjournalisten ein.
Aber offenbar meint er ja selbstverständlich.
2Zu den Besserverdienenden gehört Alexander Dibelius ohne Zweifel
auch. Da es sich aber bei Goldmann Sachs nicht um eine Aktiengesellschaft
handelt, wird sein Einkommen nirgends veröffentlicht (auch sonst
geht von Goldman Sachs nicht viel an die Presse). Aber es ist anzunehmen,
dass dem Co-Chairman Deutschland ein baureifes Grundstück in
bester Lage im Münchener Herzogpark für fünf Millionen
Mark wie ein Schnäppchen vorgekommen sein muss.
Erworben hat er es von einem in der Öffentlichkeit etwas bekannteren
Herrn, der auch einmal als Überflieger bezeichnet
wurde: Florian Haffa, ein früherer Medienunternehmer und gerichtlich
verurteilter Aktienbetrüger, der auf der Welle der New Economy
angesurft kam und auf sehr alte Art mit seiner Firma EM-TV pleite
gegangen war. So it goes.
Florian Haffa hatte das Grundstück Ende der neunziger Jahre von
der Erbin des Apothekers Otto Roeder erworben. Der Erblasser war 1953
extra nach Zürich gefahren, um Thomas Mann die 20000 Mark Kaufpreis
persönlich in die Hand zu drücken. Roeder, ein bekennender
Verehrer des Dichters, errichtete einen bescheidenen Bungalow auf
den Grundmauern des alten Hauses und setzte sich dafür ein, dass
die Föhringer Allee vor seiner Haustür 1956 in Thomas-Mann-Allee
umbenannt wurde. Als Florian Haffa das Grundstück kaufte, war
der Bungalow nur noch eine Ruine. Für die Pläne des Thomas-Mann-Fördervereins
e. V., das ursprüngliche Haus originalgetreu wieder aufzubauen
und als Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen,
hatte Haffa durchaus Sympathie. Aber dann brauchte er wohl dringend
Geld. Als Mäzen einer Thomas-Mann-Gedächtnisstätte
in die Geschichte einzugehen hätte ihm nur Ruhm eingebracht.
Für fünf Millionen Mark bot er das Grundstück mit Baurecht
zum Verkauf an. (Wir erinnern uns: Thomas Mann bekam 20000 Mark dafür.
Das spiegelt in etwa die Entwicklung der Immobilienpreise im Herzogpark.)
Der Förderverein konnte, Oberbürgermeister Christian Ude
wollte die von Haffa geforderte Summe nicht aufbringen, auch wenn
der frühere Münchner Kulturreferent Jürgen Kolbe in
der Welt am Sonntag in gewohnt geschraubter Manier für
einen Wiederaufbau als Gedächtnisstätte plädierte:
Vom Habitus war auch der zugereiste Münchner Thomas Mann
ein Repräsentant, quasi ein Klassiker.
Die Distanz von einem Jahrhundert seit Erscheinen der Buddenbrooks
bekräftigt die zweifelsfreie Einzigartigkeit der Bedeutung.
Bekräftigt wurde dann aber die zweifelsfreie Einzigartigkeit
der Macht des Geldes, und so ging die Adresse Poschingerstr. 1 an
den Elitebanker Alexander Dibelius. Der hatte nichts gegen
die Vorgaben des Münchner Planungsreferats, Garten, Mauer und
Gebäude nach den ursprünglichen Plänen zu restaurieren
und am Zaun eine Gedächtnisplakette anzubringen. Wies da
drinnen aussieht, geht niemand was an. Dibelius will das Thomas-Mann-Haus
privat nutzen, als Wohnhaus. Der ursprüngliche Architekt wird
nirgends erwähnt, auf der Bautafel prangt der Name von Thomas
Dibelius, Cousin des Bauherrn und Architekturprofessors an der Universität
Siegen. Bei der Gestaltung des Inneren war er an keine Auflagen gebunden.
So konnte das Haus mit modernster Haustechnik und Solarmodulen auf
dem Dach ausgerüstet werden.
Unter der Überschrift Technik ergänzt Geschichte
teilt die Firma Korn-Fenster weitere Einzelheiten mit: Die äußere
Fassade und ihre Fenster werden nach dem Orginal von 1914 gestaltet,
die innere Fensterebene entspricht der modernen Neugestaltung des
Gebäudekerns. Die Fenster- und Türenelemente erhalten unterschiedliche
Zusatzkomponenten: Sicherheitsgläser, Alarmspinnen, elektrische
Mückenrollos und elektrischen Sonnenschutz. Für die vielen
Kabelaustritte an den einzelnen Elementen (bis zu 16) erstellen wir
einen exakten Kabelverlegungsplan.
Auch das Schwimmbad geht nicht auf Thomas Mann zurück.
Zwischenspiel:
Der Bär
Selbst wenn das neue Haus innen nach den alten Plänen eingerichtet
wird, der ausgestopfte sibirische Bär wird bestimmt fehlen. Der
stand seit 1914 aufrecht auf dem zweiten Treppenabsatz, einen Teller
für Visitenkarten in den Tatzen, ein Erbstück der Familie
Mann aus Lübeck. Schon in den Buddenbrooks hat Thomas Mann den
Bären verewigt. Er wurde 1937 mit dem Rest des Hausrats versteigert
und stand dann, bis ins Jahr 2000, im Schaufenster der Lederwarenhandlung
Matt. In den Tatzen hielt er einen kleinen Korb mit Fensterleder.
Dort entdeckte ihn Elisabeth Mann Borgese, als sie wegen der Fernsehserie
Die Manns den Regisseur Heinrich Breloer in München traf. Jetzt
steht der Bär im Münchener Literaturhaus am Salvatorplatz.
In einem Glaskasten, dritter Stock, mit Aufzug. Das Literaturhaus
ist eine städtische Einrichtung. Oberbürgermeister Ude müsste
zurücktreten, wenn er den Mann-Bären wieder verkaufen würde.
Der Krieg ist vorbei
Am 10. Mai 1945 fährt am späten Nachmittag ein offener
US-Jeep die Poschingerstraße in München Richtung Isar hinunter.
Fahrer und Beifahrer tragen amerikanische Militärkleidung, Ausgehuniform,
Hemden mit Schulterklappen und Schlips, das Schiffchen auf dem Kopf.
Die Jacken haben sie ausgezogen an diesem sonnigen Maitag und auf
den Rücksitz gelegt. Der Krieg ist vorbei. Zum ersten Mal seit
1933 nähert sich Klaus Mann wieder dem Haus, das für ihn,
seine Eltern und fünf Geschwister fast 20 Jahre Lebensmittelpunkt
war. Mein erster Eindruck: Da ist es noch! Es hat den Sturm
überstanden! Aber das stimmte nicht. Wie so viele Gebäude
in der Stadt hatte das Haus nur als leere Hülse überlebt;
die einigermaßen wohlerhaltene Fassade hatte mich für einen
Augenblick getäuscht. Innen war alles kaputt. Auf einem
Foto, aufgenommen von John Tewksbury, Klaus Manns Begleiter an diesem
Tag, sieht man die leeren Fensterhöhlen. Klaus Mann steht auf
der Gartentreppe an der Südseite des Hauses, die Stufen sind
zerstört. Er blickt zum Balkon im zweiten Stock hinauf, der den
halbkreisförmigen Vorbau mit Steinsäulen krönt. Auch
die sind größtenteils abgebrochen, das Dach ist durchlöchert,
die meisten Ziegel sind herabgefallen. Dort oben, im zweiten Stock,
war früher sein Zimmer.
Es gelang mir, ins Haus zu kommen, und ich stellte sofort Veränderungen
fest, die nichts mit dem Bombardement zu tun hatten. Es gab Wände
und Türen, die ich noch nie gesehen hatte. Im zweiten Stock
trifft er auf eine Frau, die sich dort notdürftig eingerichtet
hat. Sie arbeitet als Stenotypistin bei einer Münchner Firma.
Ihre Wohnung in der Innenstadt ist von amerikanischen Bomben zerstört
worden. Klaus Mann, als US-Soldat mit den Siegern in München
eingezogen, schreibt an seinen Vater Thomas in Kalifornien: Es
ist alles ziemlich bedrückend. Das Haus steht völlig leer
es wurde nach einem schweren Bombenangriff geräumt.
Bei Gesprächen mit Nachbarn erfährt er, wie es mit dem Haus
nach 1933 weiterging. Zunächst wurde es drei Jahre nicht angerührt,
1936 dann mitsamt Hab und Gut von den Nationalsozialisten beschlagnahmt,
Möbel und Hausrat inklusive Bär versteigert. Die Villa übernahm
im nächsten Jahr der geheimnisumwobene Verein Lebensborn
e. V.. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, zu dessen
besonderen Hobbys die Rassenlehre gehörte, hielt das Haus des
Dichters für das ideale Ambiente, um einen Eliteverein für
Arier zu beherbergen: Hier sollte die Jugend im Sinne des Rasseideals
gefördert werden. Man könnte das auch als Verneigung
vor der Magie des Gegners Thomas Mann sehen. Ob das Haus wegen der
Arierzucht von der US Air Force ins Visier genommen wurde, lässt
sich nicht mit Sicherheit sagen. Vier Mal wurde es von Bomben getroffen.
1949 übergeben die Münchner Behörden Haus und Grundstück
wieder an den früheren Besitzer Thomas Mann. Er erhält 2400
Mark Entschädigung für entgangene Mieteinnahmen.
Die fetten Jahre
Wenn
es um die nähere Umgebung seines Hauses in München ging,
duldete Thomas Mann keinen Widerspruch: Das ist kein Wald und
kein Park, das ist ein Zaubergarten, nicht mehr und nicht weniger.
1919, als er die Gegend, die noch heute Herzogpark heißt, in
der Novelle Herr und Hund ausführlich beschrieb, stand
seine Villa mit einigen anderen Großbürgerhäusern
am Rand einer unbebauten Wildnis, direkt an der Isar. Und auch die
lief noch nicht im schnurgeraden Stein- und Betonplattenkorsett an
seinem Haus vorbei, sondern suchte sich ihren Lauf in einem breiten,
ständig veränderten Flussbett.
Ich konnte Manns Enthusiasmus siebzig Jahre später gut nachvollziehen.
1984 fand ich durch eine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung
eine Wohnung mit zwei Zimmern, Kochecke, Bad und Tiefgarage an
der Ecke Mauerkircher-/Poschingerstraße. Die Zeitschrift, für
die ich sehr gern halbtags arbeitete, hatte ihre Redaktionsräume
in einer alten Villa im oberen Teil von Bogenhausen. Ich stapfte immer
den Zickzack-Weg zum Herkomerplatz hinauf und war zu Fuß in
zehn Minuten an meinem Schreibtisch. Fenster und Loggia der neuen
Wohnung gingen nach hinten raus, ich wohnte im Baumhaus. Eichhörnchen
schauten mir beim Schreiben zu. An der Ecke gab es noch die Herzogparkquelle,
deren Pächterin zwar bei der CSU war, aber eine gute Wirtschaft
führen konnte. Mir gings richtig prima. Die Nierensteine
kamen erst später.
Von Thomas Manns Anwesenheit in früheren Jahren wusste ich nichts.
Es gab keine Hinweise, keine Gedenktafel am Haus Mauerkircherstraße
13 oder Poschingerstraße 1. Von der Adresse erfuhr ich erst,
als ich mir nach langem Zögern doch die rororo-Monografie besorgt
hatte. Mir war Thomas Mann oft ziemlich auf den Wecker gegangen mit
seiner unverschämt ausgebreiteten Bildung. Und was zum Teufel
gingen mich die Probleme der Großbourgeoisie an? Aber je älter
ich wurde, umso mehr lernte ich den Großbourgeois Mann als Schriftsteller
schätzen. Sogar den Zauberberg hatte ich, nach vielen
Startversuchen, endlich mit großem Vergnügen und einem
Gefühl der Bereicherung zu Ende gelesen. Dann war ich reif für
Josef und seine Brüder, und da fiel mir auf, dass Thomas
Mann nicht nur ein sehr klassisch schönes Deutsch schrieb, sondern
auch sorgfältig und offenbar unermüdlich recherchiert hat.
Wer über Kriegsursachen auf diesem Planeten Aufklärung sucht,
wird die drei Bände bestimmt schätzen. (Would you please
shut up, Mr. Nabokov!)
Ah, sieh an, dachte ich, als ich das Foto seines Hauses in der Monografie
sah, mit der Adresse als Bildunterschrift: Da hat er also gewohnt,
der Zauberer! Gleich bei mir um die Ecke.
Der Herzogpark ist so fern der Wirklichkeit auf diesem Planeten, wie
es eine reiche Wohngegend in einer Großstadt der so genannten
ersten Welt nur sein kann. Wobei reich hier nicht ausschließlich
im Sinne von viel Geld haben gemeint ist: reich an Bäumen,
Sträuchern und Wiesen, würziger Luft, Flussauen mit echter
Wildnis, ein Paradies für Vögel, mit schönen alten
Villen und halb verwilderten Gärten. Aber auch geldig reich,
wenn man die Bewohner meint. Hohe Zäune. Videokameras.
Zum alten Geld kam im Lauf der Jahre neues hinzu, Eigentumswohnanlagen
der obersten Preiskategorie locken die Bestverdienenden. Die Dichte
an Autos der Luxusklasse (überwiegend Daimler, BMW, Volvo, Porsche,
Range Rover und Ferrari) liegt auf der Mauerkircherstraße deutlich
höher als sonst wo in der Stadt, von der äußeren Grünwalder
Straße vielleicht mal abgesehen. Sehr beliebt sind große
Geländewagen der Marke Mein-Auto-fährt-auch-ohne-Wald,
ganz so, als würde der Herzogpark den Bewohnern noch heute das
Gefühl vermitteln, dass sie in der Wildnis leben. (Obwohl die
Straßen längst asphaltiert sind.) Auf eine frühere
Entwicklungsstufe des Menschen deutet auch hin, dass die Frauen sich
hier zur Winterszeit auffallend zahlreich in Tierfelle einhüllen,
wenn sie aus ihrer Tiefgarage dieseln und zehn Minuten später
in die von Feinkost Käfer an der Prinzregentenstraße einchecken.
Apropos Frauen im bodenlangen Pelzmantel: Der Multimilliardär
Friedrich Karl Flick, Erbe der deutschen Rüstungsindustrie aus
dem Dritten Reich, hat sich hier schon vor mehr als zwei Jahrzehnten
eine Villa errichten lassen, Pienzenauerstr. 111, eine Hochsicherheitsburg
im Stil einer chinesischen Betonpagode. Die wird aber mehr bewacht
als bewohnt, denn aus steuerlichen Gründen muss sich der Besitzer
der Immobilie hauptsächlich im österreichischen Kitzbühel
aufhalten.
Thomas Mann im traumhaft Wohlbekannten
Der Name des Viertels geht auf den Wittelsbacher Herzog Max in Bayern
zurück, der den ausgedehnten Park am rechten Isarufer zu Beginn
des 19. Jahrhunderts erworben hatte. Die Landschaft war von Gartenarchitekt
Friedrich von Sckell im englischen Stil umgestaltet worden, ganz nach
den fortschrittlichsten Vorstellungen seiner Zeit. (Von Sckell, 1789
nach München gekommen, legte im Auftrag von Kurfürst Karl
Theodor den Englischen Garten an. Die Jahreszahl weist auf den Grund
hin: Der Park sollte dem Stadtvolk freien Auslauf in der Natur bieten,
damit sie in München nicht auf so dumme Gedanken kamen wie die
Revolutionäre in Paris.) Des Herzogs Nachfahren verkauften den
inzwischen wieder schön verwilderten Park im Jahr 1906 an eine
Bauträgergesellschaft, die ihn fürs Münchener Großbürgertum
als noble Wohngegend erschließen wollte. Doch die Gesellschaft
ging bald danach pleite. So it goes.
Im Herzogpark waren zwar schon Straßen vermessen und mit Schildern
versehen worden, doch weiter als bis in die unmittelbare Nachbarschaft
von Thomas Manns Haus drang die Bebauung nicht vor. Der Rest des Parks,
mit den drei Zonen Fluss, Steppe und Hang, die in Herr
und Hund so schön beschrieben werden, blieb zu des Zauberers
Zeiten von Häusern verschont: Es ist kein Zweifel, die
Parkstraßen mit den poetischen Namen wuchern zu, das Dickicht
verschlingt sie wieder, und ob man es nun beklagen oder begrüßen
soll, in weiteren zehn Jahren werden die Opitz- und die Flemingstraße
nicht mehr gangbar und wahrscheinlich so gut wie verschwunden sein.
Hier irrte der Dichter. 14 Jahre später waren nicht die Straßen,
sondern er selbst verschwunden. Heute sind die Opitz- und die Flemingstraße
dicht bebaut, und auch sonst gibt es im Herzogpark kaum noch Grundstücke
ohne Häuser. In den letzten Jahren wurden viele Lücken geschlossen.
Aber Kultur ist, wenn die Häuser nicht höher sind als die
Bäume, und das trifft hier immer noch zu.
Thomas Mann war von der einmaligen Lage hingerissen. Was scherte
ihn bürgerlicher Stumpfsinn, alias Gemütlichkeit,
Leichtsinn und Schwabinger Literatur-Radikalismus und das, was
er den Niedergang Münchens als Kunststadt nannte.
Seine Welt war die des aufgeklärten Großbürgertums,
in das er, der erfolgreiche Schriftsteller, eingeheiratet hatte. Die
Familie von Mathematikprofessor Alfred Pringsheim, der seine Frau
Katia entstammte, gehörte in München gesellschaftlich zur
öffentlich präsenten Oberschicht. Katia Mann, die als eine
der ersten Frauen in Bayern Abitur gemacht und an der Ludwig-Maximilians-Universität
acht Semester Mathematik und Physik studiert hatte, war die Enkelin
der Berliner Pazifistin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Höchst
kultivierte Kreise, in denen der norddeutsche Schriftsteller verkehrte.
Schon im Frühjahr 1911 waren die Manns von Schwabing in den Herzogpark
umgezogen, seit Monikas Geburt im vorigen Sommer galt es, vier Kinder
unterzubringen. Sie mieteten zwei Wohnungen auf derselben Etage in
der Mauerkircherstraße 13 und verbanden sie miteinander. Das
dreistöckige Haus, noch heute ein schnörkelloser Bau mit
nackten Reliefstatuen auf der Straßenseite, lag fünf Minuten
von der Trambahnhaltestelle Richtung Innenstadt entfernt. Und hundert
Meter in der anderen Richtung, flussabwärts, begann die Wildnis.
Thomas Mann, zeitlebens leidenschaftlicher Spaziergänger, erkundete
in den folgenden Jahren auf langen Wanderungen mit seinem Hund Bauschan
beinahe täglich die unbebaute Landschaft zwischen seinem Haus
und Unterföhring. Besonders fasziniert war er von dem Fährmann,
der etwa an der Stelle, wo 1924 das Isarwehr errichtet werden sollte,
Ausflügler vom Englischen Garten nach Bogenhausen und wieder
zurück brachte. Wenn er nicht draußen in der Natur unterwegs
war, zog sich der Dichter in sein Arbeitszimmer zurück, zunächst
im Haus Mauerkircherstraße 13, neben den Baumkronen, und schrieb
Der Tod in Venedig. Vielleicht haben ihm manchmal Eichhörnchen
beim Schreiben zugesehen.
Frau Katia, überanstrengt von Mann, Haushalt, Kinderkriegen und
Kinderhüten, verbrachte immer wieder lange Wochen fern von München
in einem Sanatorium in Davos. Aus den Eindrücken, die Thomas
Mann bei Besuchen dort aufnahm, und aus den Briefen, die ihm seine
Frau schrieb, verdichtete sich bald eine neue Romanidee.
Wer an der Poschingerstraße links abbiegt und zur Isar hinuntergeht,
kommt im Jahr 2005 vorbei an einer der großen Villen, die da
schon standen, als Thomas Mann hier wohnte. Poschingerstraße
5: Das Haus hat Walter Heymel im Jahr 1910 für sich bauen lassen,
ein Dichter und Verleger, Gründer der Zeitschrift Die Insel
und Inhaber des gleichnamigen Verlages. Seit 1952 residiert hier das
ifo-Institut. Bei ifo erstellen und verbreiten sie hauptberuflich
Prognosen über den Geschäftsklimaindex. Im wissenschaftlichen
Ansehen steht das weit unter der Meteorologie. Es geht dabei um Wirtschaftsreligion,
ihr Gott heißt Wachstum. Ihr Glaubensbekenntnis: Wenn die
Wirtschaft wächst, sinkt die Arbeitslosigkeit. Mit monatlicher
Verkündigung der Promillewerte. Am ifo-Gebäude wird deutlich,
dass man mit Arbeitslosigkeit mehr Geld verdienen kann als ohne. Dem
gab man vor ein paar Jahren mit einem neu eingefügten Mitteleingang
zur Straße hin Ausdruck. An der schmucken Fassade haben sicher
viele Steuergelder mitrenoviert. Hier wird Wachstum Wirklichkeit.
Doch von dieser Welt, der Herzogpark? Um das zu belegen, sind offenbar
Säulen unverzichtbar.
Noch 80 Schritte, und wir stehen am Abhang über der Isar. Dichte
Baumreihen säumen das Hochufer. Ein Stück von der Straße
entfernt verläuft der Zaun um das Grundstück Poschingerstraße
1. Am 7. März 1913 wurde der Plan zur Erbauung eines Einfamilienhauses
im Anwesen des Herrn Thomas Mann, Schriftsteller, Ecke Föhringer-Allee
und Poschingerstr., Maßstab 1 : 100 bei der Stadtverwaltung
eingereicht und alsbald genehmigt. Die älteren Kinder, Klaus
und Erika Mann, sieben und acht Jahre alt, erkundeten den ganzen Sommer
über die Fortschritte beim Bau des Hauses.
Die Lage war einmalig, die Nachbarn ebenfalls. Zu den Spielgefährten
von Klaus und Erika gehörten die Kinder des Privatgelehrten Robert
Hallgarten, des Historikers Erich Marcks und des Dirigenten Bruno
Walter (mit dem Erika in den vierziger Jahren eine Liebesbeziehung
einging, die von Mutter Katia sehr missbilligt wurde: Mein Gott,
wie kann man nur auf den verlogenen Greis versessen sein, schrieb
sie 1943 an Sohn Klaus). Die Nachbarn pflegten ein reges Sozialleben
mit gegenseitigen Einladungen, bei denen man sich beriet, wie die
wilde Kinderclique zumindest gelegentlich zur Räson gebracht
werden könnte.
1914 hatte der Schriftsteller keinen Grund zur Klage. Der Krieg war
fern und der Aufregung nicht wert. Thomas Mann sympathisierte mit
den deutschen Kriegszielen. Er lebte standesgemäß, war
kerngesund, genoss die Wanderungen mit seinem Hund im Zaubergarten
Herzogpark und schrieb, gegen Störungen abgeschirmt von Frau
Katia, an den ersten Kapiteln seines neuen Romans Der Zauberberg.
Auch die beiden ersten Bände von Josef und seine Brüder
sind in den folgenden Jahren im Haus über der Isar entstanden.
Im April 1918 wurde Elisabeth Mann-Borghese geboren, der mittlere
Sohn, Golo, war da neun Jahre alt. Genau ein Jahr später kam
der jüngste Mann-Bruder Michael zur Welt. Wieder sind kleine
Kinder im Haus. Die älteren proben den Abgang. Erika macht 1924
Abitur, Klaus verlässt die Odenwald-Schule ohne Abschluss und
geht nach Berlin. Er hat beschlossen, Schriftsteller zu werden. Thomas
Mann reist viel, hält Vorträge, engagiert sich gegen die
Nationalsozialisten, wird bedroht. 1933, nach einem Vortrag in Amsterdam
zum Thema Leiden und Größe Richard Wagners, kehren Thomas
Mann und seine Frau Katia nicht mehr nach Deutschland zurück.
1936 wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.
Einmal kehrte er dann doch noch zurück in die Poschingerstraße
1. Seit dem Ende des Krieges waren sieben Jahre vergangen. Er lebte
jetzt in Erlenbach bei Zürich und war zu Besuch in der Stadt.
Zum letzten Mal stand er, drei Jahre vor seinem Tod, an dem Ort, der
ihm in der schönsten Zeit seines Lebens fast 20 Jahre Heimat
gewesen war. Im Tagebuch hielt er fest: Auf meinen Wunsch Fahrt
zum Herzogpark, Besuch bei den Fundamenten des niedergelegten Hauses.
War bewegt und gedankenvoll. Dann Weiterfahrt durchs traumhaft Wohlbekannte.