Nummer 6, Juni 2005


 

Editorial
 


 

In der Einführung zur VWL hatten wir gehört, dass der Mensch, wo er geht und steht, wirtschaftlich tätig sei. Das beginne schon beim Schritt vor die Haustür: Da werde ja ein Stück Schuhsohle verbraucht, die Sohle müsse irgendwann ersetzt und also produziert und verkauft werden.
So wurde uns der homo oeconomicus, als Spaziergänger, fassliche Gestalt und Grundausstattung. Damit ließ sich arbeiten, über Angebot und Nachfrage und „die unsichtbare Hand des Marktes“, weiter dann zu Konjunkturzyklen und internationaler Finanz- und Außenhandelspolitik. Wir hatten die Wirtschaft, wir hatten die Welt im Griff.
In einem etwas höheren Semester, ging uns auf, dass diese Wirtschaftstheorie in ihrem Herzen ein schmutziges Geheimnis verbarg: ein hässliches Männlein, das immerfort nur „Ich will mehr!“ schrie. Das, und nicht der schuhsohlenverbrauchende Spaziergänger, war der homo oeconomicus, der die Wirtschaft am Laufen hielt. Mit allem, was wir gleichzeitig im Studium generale gehört hatten, etwa bei Romano Guardini, war diese Erkenntnis nicht leicht zu vereinbaren. Denn dort war der Mensch in seiner Lebensführung zu etwas anderem berufen als zu reiner Besitzgier, man musste sich eingestehen: zum schieren Gegenteil, zu einem eher ethisch begründeten, sozialen Handeln.
Und dann war da noch der Kommunismus. Seine Kommandowirtschaft lehnten wir natürlich ab. Danach richteten wir uns provisorisch ein: Wir gaben der menschlichen Gier, philosophisch gesprochen, eine Art Reservat, wo sie von uns aus gern herrschen und den Wirtschaftsapparat in Schwung halten sollte; und der Ethik wiesen wir die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, dass jener Egoismus zwar nutzbringend, aber in seinem Reservat blieb. Er wurde zum Instrument, das einem bestimmten Zweck – und nur diesem – zu dienen hatte: dem materiellen Wohlstand. Das war in den sechziger und siebziger Jahren.
Dann kamen Maggie Thatcher und „Tina“ („There is no alternative“). Der ideale Staat gehorchte dem neuen Schlankheitsideal und „privatisierte“ seine Unternehmen, Eisenbahnen, Post, Strom (und womöglich noch seine Gefängnisse). Alle Grenzen sollten der Konkurrenz und dem ungehinderten Waren- und Kapitalverkehr geöffnet werden. Es geschah, sagte man, die Globalisierung. Das Banale dabei: Jeder Politiker sagte „Tina“, es gebe keine Alternative, die Globalisierung sei unvermeidlich, allgewaltig, Schicksal. Wir hätten uns eben zu unterwerfen. Flexibel.
Der Staat schwieg, wenn er nicht einfach die neoliberale Theorie repetierte. Eigenes hatte er nicht mehr beizutragen. Er hatte seine Deutungsmacht an die Ökonomie abgegeben. Welche Gesellschaft wir, die Bürger, wollen: Diese

Diskussion fand nicht mehr statt. Der Neoliberalismus behauptete mit geradezu religiöser Selbstgewissheit, retten könnten uns nur weniger Gesetze, weniger Ökologie, weniger sogenannte Sozialkosten, weniger bürokratische Kontrolle, weniger Staat – kurz: „der Markt“. Und wenn der den meisten von uns bisher keinen Wohlstand gebracht habe, dann habe man da eben noch nicht genug getan, ein paar schmerzliche Anstrengungen mehr, dann käme der Erfolg schon. Es lag eine Art politischer Sadismus in solcher Rigorosität.Diese Predigt hält uns der Neoliberalismus nun seit über dreißig Jahren, seit der ersten Ölkrise 1974. Nur: Die versprochenen Erfolge liegen immer noch erst hinter der nächsten Ecke.
Wen wundert es da eigentlich, dass die Rede irgendwann nicht mehr geglaubt wird? Dass sich die Meinung Weg schafft und Luft macht, es gehe den Neoliberalen nicht um das Glück von Menschen, sondern nur noch um „Standortvorteile“; sie erstrebten nicht, wie Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, sondern blanke „Effizienz“, sie suchten nicht das menschenwürdige Leben, sondern das aufregendere „globale Spiel“. Man hat fast den Eindruck, als versteckte die Theorie des allmächtigen Marktes das hässliche Männlein nicht mehr in ihrem Innern. Soll aber wirklich der reine Egoismus als neuer Fürst der Welt inthronisiert werden? Oder anders gefragt nach dem Wahlsonntag in NRW: Soll eine Sozialdemokratie, einst der Solidarität einer Gesellschaft verpflichtet, ihr besseres Selbst an Partikularinteressen verkaufen?
Zugegeben, die Diskussion kam ein wenig überraschend (einige halten sie im kommenden Bundestagswahlkampf gar für überholt). Und der sie auslöste, hatte vielleicht selbst nur halbherzig eingeplant, dass er eine – nennen wir die Sache bei ihrem alten Namen – Wertediskussion auslösen würde, deren Bedeutung über Wahlkämpfe und ihre kleinen personalisierten Machtspiele hinausgeht.
Erstaunliche Antworten tauchen plötzlich auf („Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt“). Vom „Sozialen“ ist nun die Rede, von „patriotischen“ und „verantwortlichen“ Unternehmern, vom „Gemeinwohl“, von Artikel 14(2) GG – altmodisch gesagt: von Tugenden; moderner: von Werten, kaum entbehrlich für das Gelingen eines menschlichen Zusammenlebens.
In dieser Diskussion wird DIE GAZETTE nicht stumm bleiben (siehe in diesem Heft den Beitrag von John R. Saul, Seite 58ff). Denn eine Gesellschaft ohne Selbstverständigung über die Art und Weise ihres Zusammenlebens hat ihre demokratische Freiheit schon verspielt.

Der Herausgeber