In der Einführung zur VWL hatten wir gehört, dass der Mensch,
wo er geht und steht, wirtschaftlich tätig sei. Das beginne schon
beim Schritt vor die Haustür: Da werde ja ein Stück Schuhsohle
verbraucht, die Sohle müsse irgendwann ersetzt und also produziert
und verkauft werden.
So wurde uns der homo oeconomicus, als Spaziergänger, fassliche
Gestalt und Grundausstattung. Damit ließ sich arbeiten, über
Angebot und Nachfrage und die unsichtbare Hand des Marktes,
weiter dann zu Konjunkturzyklen und internationaler Finanz- und Außenhandelspolitik.
Wir hatten die Wirtschaft, wir hatten die Welt im Griff.
In einem etwas höheren Semester, ging uns auf, dass diese Wirtschaftstheorie
in ihrem Herzen ein schmutziges Geheimnis verbarg: ein hässliches
Männlein, das immerfort nur Ich will mehr! schrie.
Das, und nicht der schuhsohlenverbrauchende Spaziergänger, war
der homo oeconomicus, der die Wirtschaft am Laufen hielt. Mit allem,
was wir gleichzeitig im Studium generale gehört hatten, etwa
bei Romano Guardini, war diese Erkenntnis nicht leicht zu vereinbaren.
Denn dort war der Mensch in seiner Lebensführung zu etwas anderem
berufen als zu reiner Besitzgier, man musste sich eingestehen: zum
schieren Gegenteil, zu einem eher ethisch begründeten, sozialen
Handeln.
Und dann war da noch der Kommunismus. Seine Kommandowirtschaft lehnten
wir natürlich ab. Danach richteten wir uns provisorisch ein:
Wir gaben der menschlichen Gier, philosophisch gesprochen, eine Art
Reservat, wo sie von uns aus gern herrschen und den Wirtschaftsapparat
in Schwung halten sollte; und der Ethik wiesen wir die Aufgabe zu,
dafür zu sorgen, dass jener Egoismus zwar nutzbringend, aber
in seinem Reservat blieb. Er wurde zum Instrument, das einem bestimmten
Zweck und nur diesem zu dienen hatte: dem materiellen
Wohlstand. Das war in den sechziger und siebziger Jahren.
Dann kamen Maggie Thatcher und Tina (There is no
alternative). Der ideale Staat gehorchte dem neuen Schlankheitsideal
und privatisierte seine Unternehmen, Eisenbahnen, Post,
Strom (und womöglich noch seine Gefängnisse). Alle Grenzen
sollten der Konkurrenz und dem ungehinderten Waren- und Kapitalverkehr
geöffnet werden. Es geschah, sagte man, die Globalisierung. Das
Banale dabei: Jeder Politiker sagte Tina, es gebe keine
Alternative, die Globalisierung sei unvermeidlich, allgewaltig, Schicksal.
Wir hätten uns eben zu unterwerfen. Flexibel.
Der Staat schwieg, wenn er nicht einfach die neoliberale Theorie repetierte.
Eigenes hatte er nicht mehr beizutragen. Er hatte seine Deutungsmacht
an die Ökonomie abgegeben. Welche Gesellschaft wir, die Bürger,
wollen: Diese
|
|
Diskussion fand nicht mehr statt. Der Neoliberalismus behauptete
mit geradezu religiöser Selbstgewissheit, retten könnten
uns nur weniger Gesetze, weniger Ökologie, weniger sogenannte
Sozialkosten, weniger bürokratische Kontrolle, weniger Staat
kurz: der Markt. Und wenn der den meisten von uns
bisher keinen Wohlstand gebracht habe, dann habe man da eben noch
nicht genug getan, ein paar schmerzliche Anstrengungen mehr, dann
käme der Erfolg schon. Es lag eine Art politischer Sadismus in
solcher Rigorosität.Diese Predigt hält uns der Neoliberalismus
nun seit über dreißig Jahren, seit der ersten Ölkrise
1974. Nur: Die versprochenen Erfolge liegen immer noch erst hinter
der nächsten Ecke.
Wen wundert es da eigentlich, dass die Rede irgendwann nicht mehr
geglaubt wird? Dass sich die Meinung Weg schafft und Luft macht, es
gehe den Neoliberalen nicht um das Glück von Menschen, sondern
nur noch um Standortvorteile; sie erstrebten nicht, wie
Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, sondern blanke Effizienz,
sie suchten nicht das menschenwürdige Leben, sondern das aufregendere
globale Spiel. Man hat fast den Eindruck, als versteckte
die Theorie des allmächtigen Marktes das hässliche Männlein
nicht mehr in ihrem Innern. Soll aber wirklich der reine Egoismus
als neuer Fürst der Welt inthronisiert werden? Oder anders gefragt
nach dem Wahlsonntag in NRW: Soll eine Sozialdemokratie, einst der
Solidarität einer Gesellschaft verpflichtet, ihr besseres Selbst
an Partikularinteressen verkaufen?
Zugegeben, die Diskussion kam ein wenig überraschend (einige
halten sie im kommenden Bundestagswahlkampf gar für überholt).
Und der sie auslöste, hatte vielleicht selbst nur halbherzig
eingeplant, dass er eine nennen wir die Sache bei ihrem alten
Namen Wertediskussion auslösen würde, deren Bedeutung
über Wahlkämpfe und ihre kleinen personalisierten Machtspiele
hinausgeht.
Erstaunliche Antworten tauchen plötzlich auf (Die Wirtschaft
ist für den Menschen da, nicht umgekehrt). Vom Sozialen
ist nun die Rede, von patriotischen und verantwortlichen
Unternehmern, vom Gemeinwohl, von Artikel 14(2) GG
altmodisch gesagt: von Tugenden; moderner: von Werten, kaum entbehrlich
für das Gelingen eines menschlichen Zusammenlebens.
In dieser Diskussion wird DIE GAZETTE nicht stumm bleiben (siehe in
diesem Heft den Beitrag von John R. Saul, Seite 58ff). Denn eine Gesellschaft
ohne Selbstverständigung über die Art und Weise ihres Zusammenlebens
hat ihre demokratische Freiheit schon verspielt.
Der Herausgeber
|