Leo Katz wiederentdeckt
Totenjäger
Dank einer Kooperation zwischen Rimbaud Verlag und
Wiener Theodor Kramer Gesellschaft wurde nun 60 Jahre nach
Ersterscheinung der Roman Totenjäger" des 1892
geborenen Leo Katz neu aufgelegt, der erstmals 1944 im mexikanischen
Emigrantenverlag El Libro Libre" erschienen war. Eines
der frühesten Werke über die Judenvernichtung.
Eine der stärksten Erinnerungen an meinen Vater war seine
Erzählkunst. Er konnte stundenlang erzählen", sagt
der in Wien geborene Ethnologe, Mexikanist und Historiker Friedrich
Katz: Er war ein sehr guter Vater, zärtlich und einfühlsam.
Ich kann mir keinen besseren Vater vorstellen!" Ich treffe Friedrich
Katz anlässlich seines kurzen Besuchs in Wien. Für die Präsentation
des Totenjägers" ist der 78-jährige eigens aus
Chicago angereist, wo er seit langem lebt und lehrt. Ein ruhiger,
sympathischer, überaus gebildeter Herr, der in vier Sprachen
zu Hause ist. Daheim, mit meinen Eltern, wurde Jiddisch gesprochen.
Vater schrieb auf Deutsch und Jiddisch."
Auf deutsch schrieb Leo Katz auch seinen Roman Totenjäger",
der 1944 in dem von ihm mitbegründeten mexikanischen Emigrantenverlag
El Libro Libre" erschien. Leo Katz befand sich zu diesem
Zeitpunkt im mexikanischen Exil. In Totenjäger" schildert
er die Vernichtung der Juden in seinem Geburtsort Sereth in der Bukowina
durch die Nationalsozialisten. Das Sereth, das Leo Katz kennt, ist
jenes aus Zeiten der Monarchie, mit einem friedlichen Nebeneinander
der Völker. Trotzdem ist Totenjäger" eines der
ganz frühen Bücher über die Judenvernichtung, lesbar
als Utopie über einen erfolgreichen Widerstand einer den Kommunisten
nahestehenden Organisation gegen den Nationalsozialismus.
Als sein Vater den Roman geschrieben habe, meint Sohn Friedrich, sei
selbst den Emigranten in Mexiko klar gewesen, dass in Europa Massenmorde
an Juden verübt wurden. Was man freilich nicht gewusst habe,
war, dass in den Konzentrationslagern eine industrielle Vernichtung
stattfand. Leo Katz konnte nicht wissen, was sich wirklich in Sereth
abspielte, konnte er nur erahnen.
Wie meinte Konstantin Kaiser von der österreichischen Theodor
Kramer Gesellschaft bei der Präsentation des Totenjäger"
in Wien: Vor kurzem ist der letzte Jude von Sereth gestorben,
der sich noch um den jüdischen Friedhof gekümmert hat. Damit
ist die Katastrophe, von der Leo Katz bereits 1944 schrieb, endgültig
eingetreten!"
Mexiko ist eine der letzten Stationen in einem von ständigen
Ortswechseln, Emigration, politischer Untergrundarbeit, politisch-
und rassisch-motivierter Verfolgung geprägten Leben, das den
1892 in Sereth in der Bukowina geborenen Leo Katz nach Wien, Berlin,
Paris, New York, Mexiko, Israel und zuletzt wieder nach Wien führt.
Nach Mexiko emigrierte Familie Katz 1940 von New York aus. Denn der
Aufenthalt in New York ab 1938 war begrenzt - weder Leo noch seine
Frau Bronia, die er in den 20er Jahren in Wien kennengelernt und geheiratet
hatte, durften arbeiten, ihre Visa waren abgelaufen. Zudem forderten
die amerikanischen Behörden 1940 von allen Emigranten Auskünfte
über ihre Tätigkeiten vor Ankunft in den USA.Mein
Vater befand sich in einem Dilemma", erinnert sich Friedrich
Katz im Nachwort des Romans, hätte er den amerikanischen
Behörden über seine Aktivitäten als Waffenschmuggler
für den spanischen Bürgerkrieg berichtet, hätte er
riskiert, ins Gefängnis zu gehen, verschwieg er aber diese Tätigkeit,
konnte er wegen Meineids angeklagt werden". Wie der überaus
friedliebende Intellektuelle, Schriftsteller und Journalist Leo Katz,
der nie etwas mit Waffen zu tun hatte, zum Waffenlieferanten wurde,
ist eine der vielen unglaublichen Episoden in einem abenteuerlichen
und bewegten Leben. Die Komintern hatte Leo Katz auserkoren, eine
derartige Schmugglertätigkeit auszuüben. Zu diesem Zeitpunkt
war er Chefredakteur der Neie Presse", der jiddischsprachigen
Zeitung der kommunistischen Partei Frankreichs, in Paris. Er wurde
Mitarbeiter des für Waffenbeschaffung zuständigen, stellvertretenden
Heeresministers Spaniens, Alejandro Oteros. Für seine Tätigkeit
war Katz quer durch Europa und die USA unterwegs. Kriegsminister aus
den baltischen Staaten und der Türkei wurden bestochen, Waffen
für ihre Länder zu bestellen, die dann auf hoher See umgeladen
und nach Spanien umdirigiert wurden, um das internationale Embargo
zu umgehen. Auch Verbindungen nach Österreich, wo zu dieser Zeit
der austro-faschistische Ständestaat regierte, gab es bei diesen
Geschäften, erzählt Friedrich Katz, der entsprechende Dokumente
über den Deal gefunden hat: 1937/38 bestellte die mexikanische
Regierung bei der Hirtenberger Waffenfabrik Waffen, die in Wirklichkeit
für Spanien bestimmt waren. Als die Nazis einmarschierten, wurden
die Aufträge storniert."
In New York jedenfalls, wohin Katz nach seiner Ausweisung aus Paris
geflohen war, konnte er nicht mehr bleiben. Die linke Regierung des
mexikanischen Präsidenten Làzaro Cárdenas stellte
ihm ein Visum aus. Mexiko, ein Zentrum der deutschsprachigen Emigration
von Intellektuellen und Künstlern wie Egon Erwin Kisch, Anna
Seghers, Bruno Frei, Ludwig Renn, Bodo Uhse und vielen anderen, anerkannte
auch ihn als Flüchtling.
Prägend für die politische Einstellung Leo Katz' war zunächst
ein Bauernaufstand, den er als junger Mann 1907 in Sereth, an der
Grenze zwischen der Habsburger Monarchie und Rumänien, miterlebte.
In Rumänien musste er mitansehen, wie aufständische Bauern
niedergemetzelt wurden. Diese Erfahrung, erzählt sein Sohn, der
diese Geschichte oft vom Vater gehört hat, habe ihn zum Sozialisten
gemacht. Das nächste Ereignis war der Erste Weltkrieg, zu dessen
Ausbruch Leo Katz in Wien war. Enttäuscht von der Haltung der
Sozialdemokraten, die nicht gegen den Krieg opponierten, schloss er
sich der Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten an, die 1919
geschlossen in die neugegründete Kommunistische Partei Österreichs
eintrat.
Und auch die Bibel trug so paradox es klingen mag - zu Leo
Katz' sozialistischer Einstellung bei. Nach dem Willen seines orthodoxen
Vaters hätte Leo Katz Rabbiner werden sollen. Er blieb zeitlebens
ein überzeugter Jude, ohne religiös zu sein. Die Bibel aber
kannte er auswendig und konnte mit Zitaten jeder Art argumentieren.
Wenn die Kommunistische Partei jemanden brauchte, um mit einem
Pfarrer zu diskutieren, holte sie meinen Vater", erzählt
Friedrich Katz schmunzelnd.
Eine höchst ungewöhnliche Mischung, die sich auch im Roman
Totenjäger zeigt kaum ein anderer Schriftsteller mit einem
ähnlichen politischen Hintergrund hätte etwa eine Figur
wie den Synagogendiener Jossel Schames erfinden können, der nach
der Ermordung aller Juden von Sereth als einziger am Leben gelassen
wird, weil selbst die Nationalsozialisten Angst und Respekt vor seinen
übernatürlichen Kräften haben. Vergleiche mit Isaak
Bashevi Singer oder Sholem Alejchem drängen sich auf. Nicht zuletzt
wegen der feinen Ironie, mit der Leo Katz seine Protagonisten zeichnet.
Während seiner Berliner Zeit zwischen 1930 und 1933 hatte er
unter Pseudonym für die Rote Fahne" satirische Artikel
über Hitler geschrieben. Im Roman Totenjäger"
werden die Nazis gehörig auf die Schaufel genommen, ohne dass
deren Brutalität zu verharmlost oder verniedlicht würde.
Sie gleichzeitig zu verarschen, sei gewissermaßen seine Spezialität
gewesen, sagt Friedrich Katz.
Protagonist Justfan, ein Volksdeutscher, der als ehemaliger Briefträger
fürs Habsburgerreich immer noch wehmütig der k&k Monarchie
anhängt, ist eine Art Schwejk, der die Nazis durch seine Naivität
zur Weißglut treibt. Ein liebevoll gezeichneter Narr, der die
Wahrheit spricht, und nach dem Verbleib der Juden fragt. Am Ende siegt
die gute Sache, ist der Widerstand erfolgreich. Ein optimistisches,
aus heutiger Sicht vielleicht zu optimistisches Ende.
Unter den Emigranten in Mexiko, die politisch keineswegs eine einheitliche
Gruppe sind, kommt es unterdessen bald zum Bruch zwischen den deutschen
und den österreichischen Kommunisten. Vor allem die Haltung von
Paul Merker, dem Leiter der deutschen KPD-Gruppe, der konsequent der
Meinung war, die Mehrheit des deutschen Volkes bestehe aus Nazigegnern,
empört Leo Katz. 1943 scheiden er und sein Freund Bruno Frei
aus der KPD Gruppe aus und gründen eine eigene österreichische
Gruppe.
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verlässt Leo Katz mit
seiner Familie Mexiko, nicht zuletzt um wieder in einer Umgebung zu
sein, in der die Sprachen gesprochen werden, in denen er schreibt.
Ein Versuch, in Israel Fuß zu fassen, schlägt fehl. Der
herzkranke Leo Katz verträgt das Klima nicht. Doch auch aus politischen
Gründen sei ein Leben in Israel für ihn unmöglich gewesen,
erzählt Friedrich Katz, der alle Ortswechsel seiner Eltern mitgemacht
hat: Für die Zionisten war er nach wie vor Kommunist, den
Kommunisten war er verdächtig."
1950 lässt sich die Familie in Wien nieder. Es ist die Zeit des
Kalten Krieges. Für die Bücher von Leo Katz findet sich
hier kein Verlag, obwohl 1947 sein Roman Seedtime" beim
renommierten A. Knopf Verlag erschienen und begeisterte Rezensionen
in der New York Times und im New Yorker erhalten hatte. Nicht
einmal der kommunistische Globusverlag wollte seine Bücher",
erinnert sich Friedrich Katz, Vielleicht schreckten sogar die
vor jüdischen Themen zurück?"
Trotz des dumpfen gesellschaftspolitischen Klimas im Österreich
der Nachkriegszeit, in dem von Aufarbeitung der NS-Zeit keine Rede
war und rasch wieder antisemitische Rülpser hochkamen, sei diese
Zeit die glücklichste und produktivste seines Lebens gewesen,
sagt sein Sohn: in diesen vier Jahren entdeckt Leo Katz das Schreiben
von Kinderbüchern und schreibt 6 Romane, von denen 4 in der DDR
herauskommen. Drei Manuskripte fallen der DDR-Zensur zum Opfer. 1993
bringt der Wiener Verlag für Gesellschaftskritik seinen autobiografischen
Roman Brennende Dörfer" aus den 30er Jahren heraus.
Das erlebt Leo Katz ebenso wenig wie das jetzige Erscheinen des Totenjägers".
Er stirbt 1954 in Wien an einer Krebserkrankung.
Bis zuletzt war er voll mit Geschichten, Ideen, Erzählungen",
sagt sein Sohn.
Leo Katz während des ersten Weltkrieges geschriebene Dissertation
über die Auswirkungen der Pest, des schwarzen Todes"
auf die Lage der Juden in Deutschland im Mittelalter ist an der Universität
Wien übrigens nicht mehr auffindbar.
Judith Brandner