Nummer 5, März 2005



 

Die Rede vom Krieg

Rhetorik als Klärungsinstrument


Vor 125 Jahren wurde vom Berliner Reichstag ein Gesetz gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen“ der Sozialdemokratie erlassen. Die vorbereitende Szene, die zu dem Entschluss führte, spielt im Park von Friedrichsruh. Als Bismarck hier von einem Berliner Boten unterrichtet wurde, dass ein zweites Attentat auf Kaiser Wilhelm I. verübt worden sei, richtete er sich auf, stieß den Stock auf den Boden und sagte: „Dann lösen wir den Reichstag auf.“ Erst dann erkundigte er sich nach dem Ergehen des Kaisers und den Umständen des Attentats.
Im Schatten dieser Anekdote möchte ich diesen Beitrag segeln lassen.


Von Uwe Pörksen

I.
Kriegsbegründungen sind, sofern sie öffentlich geschehen, Sprechhandlungen des Überredens, mehr noch, Werkzeuge der Mobilmachung. Sie treten auf, wenn die Beratung zu Ende, das Für und Wider erwogen und die Entscheidung gefallen ist, sind, in der aktuellen Situation des sich ankündigenden und beginnenden Krieges, per Definition Wirkungsrhetorik. Das heißt, die Frage der Wirkung gewinnt die Oberhand.
Es sind mindestens sieben rhetorische Mittel, die nach gefallener Entscheidung zum Einsatz kommen. Erstens: Der Gegner wird unter einem einzigen Gesichtspunkt zusammengefasst. Terrorismus und Islam zum Beispiel erscheinen auf einmal als eine Einheit. Ein an sich differenziertes Gegenüber wird zu einem Massiv, gegen das man mit Krieg anrennen kann. Das zweite Mittel ist die Übertreibung, die oft maßlose Übertreibung des Gegners – seiner Macht, der Bedrohung, die von ihm ausgeht, auch seiner dämonischen Züge. Das dritte ist die Anschaulichkeit. Szenarien des Schreckens werden verbreitet. Der Gegner wird konkret durch bisherige Verbrechen, sichtbar durch Greueltaten, die geschehen sind oder die man als möglich ausmalt. Das vierte Mittel ist die Personalisierung, sie schafft eine übersichtliche Situation. Man braucht eine Person, die im Mittelpunkt steht, auf der eigenen Seite den vertrauenerweckenden Guten, auf der anderen den hässlichen Bösen. Diese Dämonisierung einzelner Personen ist in den letzten zwölf Jahren ziemlich leichtsinnig eingesetzt worden. Hitler, das größte Scheusal des 20. Jahrhunderts, wird gleichsam zum Wandervogel. Man trifft ihn einmal in Belgrad, dann in Bagdad. Fünftens: Gott und Teufel werden zur Hilfstruppe degradiert. Auch das ist ein Stereotyp. Mit Gott für Volk und Vaterland, mit Gott für die westliche Wertegemeinschaft gegen einen Satan. Das macht das Schicksalsgefühl vollständig. Sechstens: Es wird ein Wir-Gefühl erzeugt. Die bisher genannten fünf Mittel wirken genau in diese Richtung, und das Ganze gewinnt eine enorme Eigendynamik. Es entsteht ein Gefühlsgemisch aus Angst und Hass, Angst vor der gemeinsamen Bedrohung, Hass auf den Bedroher, und eben das produziert jene Gemeinschaftsstimmung, die sich selbstständig macht und alle Einwände niederwalzt. Thomas Mann hat im Rückblick auf seine eigene Haltung zu Beginn des Ersten Weltkrieges von einem ,Schicksalsrausch‘ gesprochen. Das siebente Mittel ist die militärische Fachsprache, die von den Medien Besitz ergreift, es wimmelt auf einmal von ,Restlichtaufhellern‘ und ,Zielautomatik‘, Cockpits und intelligenten Raketen, von den Versatzstücken einer verbalen und visuellen Expertensprache. Das einfachste und wirksamste rhetorische Rezept schließlich, das Napoleon für die wichtigste Redefigur überhaupt gehalten hat, ist die Wiederholung. Die bisher genannten sieben Mittel werden mit dem Ziel der Vereindringlichung fortwährend repetiert, kurz: Es wird zusammengefasst, übertrieben, veranschaulicht, personalisiert, manichäisch und metaphysisch überhöht, ge-wirt, mit Expertenvokabeln geklappert, eingehämmert.
Alle sieben oder acht Mittel der Kriegsrhetorik, die eben genannt wurden, sind auch auf Seiten der Kriegsgegner als Mittel der Friedensrhetorik möglich und zu finden. Eine der kriegerischen Wirkungsrhetorik parallele Friedensrhetorik ist aber kaum das beste Gegenmittel, sondern der Zweifel, die genaue Analyse und eine auf gerechtem Orientierungsvermögen beruhende Urteilskraft. Ich meine, es sei in der Rhetorik selbst zu finden, und komme darauf zurück.
Wenn die Ernüchterung einsetzt, dann wird verstärkt nach dem Kriegsgrund gefragt und werden die Begründungen aufs Korn genommen. Man sollte die beiden unterscheiden:
Kriegsgründe gehören in eine andere Rubrik. Sie sind investigativer Natur, die Redehandlung des Untersuchens ist hier gefordert. Der Kriegsgrund tritt unter Umständen zunächst gar nicht auf, sondern scheut die Öffentlichkeit, wird unterstellt, vermutet, gelegentlich auch mit verblüffender Direktheit offengelegt. Bismarck hat seine politischen Gegenspieler gelegentlich dadurch getäuscht, dass er ihnen die reine Wahrheit einschenkte – was sie am wenigsten von ihm erwarteten. Der Kriegsgrund gehört zumeist eher in den Bereich der Beratung, hat seinen Platz im Vorfeld der Entscheidung oder der nachträglichen Klärung.
Kriegsgrund und Kriegsbegründung also sind oft zwei Paar Stiefel, und zwar umso mehr, je stärker die öffentliche Debatte an der Entwicklung von Kriegen beteiligt ist. Der Kriegsgrund ist das Standbein, die Kriegsbegründung sitzt locker im Spielbein.

Eine kleine Reihe historischer Beispiele:
Als Papst Urban II. am 27. November 1095 zum ersten Kreuzzug, zur Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem, aufrief, hatte er anscheinend beachtliche kirchenpolitische Gründe, sagte aber:
„Lasttiere stehen in den heiligen Gebäuden, und für die Erlaubnis, solch Elend zu schauen, verlangen die Frevler sogar noch schweren Zins. Die Gläubigen werden verfolgt, Priester geschlagen und getötet, Jungfrauen geschändet und gemartert.“
Die gemarterten Jungfrauen sind ein Stereotyp, sie gehören zu den Spielbeinen kriegerischer Wirkungsrhetorik.
Ein anderes Beispiel: Als der Schwedenkönig Gustav Adolf auf dem europäischen Festland in den Dreißigjährigen Krieg eingriff, argumentierte er zunächst, der habsburgischen Gegenseite analog, auf rechtlicher Grundlage. Die Protestanten erwarteten aber, einer Weissagung zufolge, in ihm jenen ,Löwen aus Mitternacht‘, d. h. aus dem Norden, der ihre Sache retten würde, und bald trat Gustav Adolf auf virtuose Weise in diesen Bildrahmen ein. – Der wahre Kriegsgrund war wohl weder das eine noch das andere.
Oder: Als Friedrich II. von Preußen im Jahr 1740, kurze Zeit nach seinem Regierungsantritt, Schlesien überfiel und eroberte, versuchte auch er, den Anforderungen seiner Epoche entsprechend, sich an einer rechtlichen, erbfolgerechtlichen Begründung. Es gab sie nicht, sie wurde sofort als Spielbein erkannt.
Im 20. Jahrhundert tritt ein neuer Typus auf: Die öffentlichen Medien, Presse und Rundfunk, Fernsehen und Internet erhalten einen überragenden Stellenwert, wenn es um die Plausibilität eines Kriegsanlasses und der Kriegsbegründung geht. Die öffentliche Stimmung ist zu gewinnen, sie scheint besonders empfindlich für den Choque. Das Attentat rückt in die Position von Anlass und Begründung von Kriegen, zu denen es selbst in keinem Verhältnis steht. Das galt zuerst für den Ersten Weltkrieg von 1914/18, der durch das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo initiiert wurde. Ab jetzt werden Attentate inszeniert, um Krieg auszulösen. Hitler inszenierte einen Angriff auf den deutschen Sender in Gleiwitz, lastete ihn Polen an und eröffnete am 1. September 1939, 4 Uhr morgens, den Zweiten Weltkrieg, indem er den Befehl gab, „zurückzuschießen“. Japan erzwang 1941 durch den unvermuteten Überfall auf den amerikanischen Stützpunkt in Pearl Harbour den Kriegseintritt der USA und verwandelte die Vereinigten Staaten langfristig in eine ,Kriegsgesellschaft‘, wie Bernd Greiner kürzlich dargestellt hat. ,The Day of Infamy‘, der Tag, der einen Ausnahmezustand hervorbrachte, blieb nicht einmalig, er wurde am 11. September 2001 wiederholt. Zwölf Jahre nach der Abdankung des Kalten Krieges, am Beginn des 21. Jahrhunderts, erzeugte ein Attentat islamischer Gotteskrieger auf die Machtsymbole der USA die vierte Weltkriegsstimmung. Seitdem gibt es ,Krieg gegen den Terrorismus‘. Noch am 21. 1. 2004 hat George W. Bush in einem Bericht zur Lage der Nation erklärt: „Amerika wird niemals eine Erlaubnis brauchen, um sich selbst zu verteidigen. Die Terroristen haben Amerika den Krieg erklärt, und Krieg ist es, was sie nun erleben.“ (BZ 22. 1. 04)

II.
Es scheint, dass in der Formel war against terrorism für die Regierung der USA nicht nur eine vorgeschobene Kriegsbegründung, sondern ihr Kriegsgrund vorliegt. Mit ihm war allerdings der letzte Irakkrieg kaum begründbar.
Wie verhalten sich hier Kriegsgrund und Kriegsbegründung? Wir standen vor einem Wald öffentlicher Begründungen und Unterstellungen; wenn wir sie ordnen, ergibt sich eine überraschende Übereinstimmung des Begründungskatalogs mit einer 2300 Jahre alten Rhetorik und ihrer Liste von Gründen, aus denen man Krieg führen sollte. Zunächst die Frage:
Warum haben die USA im Jahr 2003 den Irak angegriffen:
1. um die Scharte am Ende des Golfkriegs von 1991 auszuwetzen und weil das Selbstmord-Attentat islamischer Terroristen auf Pentagon und Twin Towers die Gelegenheit bot,
2. weil man neuerdings erfuhr, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügte, und die eigene Sicherheit bedroht war,
3. um Israel vor dem Selbstmordterror der vom Irak unterstützten Palästinenser zu schützen,
4. im Dienst der Guten und des Guten gegen einen Schurken,
5. im Auftrag einer zivilisierten Weltgemeinschaft und Wertgemeinschaft,
6. zum Nutzen des eigenen Landes,
7. zur Stärkung seiner führenden Rolle als Weltmacht,
8. zur Sicherung seines Lebensstandards oder
9. zur Erweiterung seiner Macht?
Lag der eigentliche, der harte Grund woanders:
1. weil Gott auf ihrer Seite war und
2. ihre eigene Erfolgsgeschichte,
3. die Überzahl und
4. die Übermacht des Militärs,
5. die Finanzmittel,
6. die Intelligenz des Verteidigungsministers,
7. der mutige Beistand Großbritanniens,
8. und die günstige räumliche Situation dafür sprachen?
Man vergleiche damit den Begründungskatalog in einem Lehrbrief aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, der unter dem Titel Rhetorik an Alexander überliefert und dem berühmten Philosophen und Staatslehrer Aristoteles zugeschrieben wurde. Aristoteles, der tatsächlich Lehrer des Welteroberers Alexander war, wünscht darin seinem Zögling viel Gutes, spricht von den Verhandlungsgegenständen für eine Volksrede, nennt z. B. ,Gesetze‘, ,Verfassung‘, ,Bündnisse‘. Dann aber kommt er zum Thema ,Krieg und Frieden‘ und zählt mit einer Nüchternheit, die von Zynismus auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden ist, neun Kriegsbegründungen und acht unterstützende Argumente auf. Keines dieser Argumente hat in der eben angeführten Frageliste gefehlt:
1. „Nachdem einem früher übel mitgespielt sei, müsse man jetzt die sich bietende Gelegenheit ausnützen, um sich der Angreifer zu erwehren, oder:
2. Man habe eben erst das Unrecht erfahren und müsse zum eigenen Schutz in den Krieg ziehen oder:
3. für die Stammverwandten oder
4. für die Wohltäter oder
5. um gekränkten Bundesgenossen zu helfen oder
6. zum Nutzen der Stadt oder
7. zum Ruhme oder
8. zur Wohlfahrt oder zur Machterweiterung oder irgend dergleichen.“
„Will man also zum Kriege hetzen, dann muss man möglichst viele dieser Vorwände zusammenbringen und dann die Mittel aufweisen, mit denen man im Kriege obsiegen werde, und zeigen, dass die zum Kriege Aufgerufenen sie in der Hand hätten.
Mittel zum Siege sind immer: das Wohlwollen der Götter, das sogenannte Glück oder körperliche Überzahl und Kraft oder Fülle der Geldmittel oder Klugheit des Feldherrn oder Tapferkeit von Bundesgenossen oder Gunst der örtlichen Lage.
Von diesem und Ähnlichem werden wir das herausgreifen, was den Verhältnissen angemessen ist, und es durchscheinen lassen, sobald wir zum Kriege hetzen wollen, dagegen die Gegenseite herabsetzen, wie wir die eigenen Verhältnisse durch Aufbauschen groß erscheinen lassen.“
Das ist, auf den zweiten Blick, eine vorzügliche politische Sprache: trocken, klar und treffend. Es ist dabei ohne Bedeutung, dass die Rhetorik an Alexander tatsächlich nicht von Aristoteles stammt, sondern nach heute allgemeiner Auffassung von Anaximenes, ebenfalls 4. Jahrhundert. Anaximenes rät als Aristoteles dem mazedonischen Prinzen, der Erzieher seinem Zögling, äußerst professionell, wie sich die Entscheidung für einen Krieg in einer Volksrede begründen, mit welcher Auswahl von Argumenten sich am wirksamsten hetzen lässt. Und nicht weniger nüchtern, klar und spröde rät er zum Gegenteil:
„Will man dagegen versuchen, einen drohenden Krieg zu verhindern, dann muss man zeigen, dass entweder:
- überhaupt kein Vorwand vorliege oder
- dass die Schwierigkeiten geringfügig und unbedeutend seien, sodann auch
- dass der Krieg keinen Nutzen bringe, indem man das Unglück schildert, das ein Krieg über die Menschen bringt, auch
- dass die zum Siege führenden Mittel eher auf Seiten der Gegner seien, nämlich die eben aufgezählten.
Mit diesen Gründen also ist der Ausbruch des Krieges zu hintertreiben.“
Es folgt ein dritter Abschnitt, der so ausführlich gerät wie der erste über die Kriegshetze und den der rhetorische Lehrmeister der Herstellung des Friedens widmet (siehe unten).
Das ist etwas fundamental anderes als jene Redetechnik, die wir Kriegsrhetorik nennen und die ich eingangs als Wirkungsrhetorik beschrieben habe, es ist die Aufstellung eines Katalogs von rationalen Vorteilsregeln und Nachteilsregeln, anzuwenden für den Fall, dass man zu einem Krieg treiben, ihn hintertreiben oder ihn beenden will. Die meisten sind nach 2300 Jahren noch brauchbar, goldene Regeln.
Zwei Fünftel des Textes befassen sich mit dem Betreiben des Krieges, ein Fünftel mit dem Hintertreiben, zwei Fünftel mit der Friedensstiftung – ein vernünftiges Verhältnis. Unter dem Blickwinkel solcher Rhetorik sind unsere öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussionen zumeist doppelt falsch angelegt. Sie befassen sich einseitig mit dem Krieg und seiner rhetorischen Begründung; die beiden Gegengewichte, Kriegsverhinderung und Friedensstiftung, sind ausgeklammert. Ebenso unvollständig und darum falsch ist, gemessen an deren Möglichkeiten, der dabei übliche Begriff von Rhetorik. Man versteht sie als bloße Überredungskunst und Serviertechnik, als pure Wirkungslehre: ein wirkungsvoller Unfug.
Der Verfasser der Alexanderrhetorik war zu unserem Vorteil nicht nur Wirkungsrhetoriker, kein Coacher, das zitierte Beispiel beweist es, sondern zugleich ein Meister der Dialektik und Logik. Zur politischen Volksrede gehörte auch die Erkundung der Alternativen, der Gegenseite bzw. aller Seiten einer Sache. Dafür existierte eine Methode. Man berief sich auf die Gemeinplätze der Erfahrung, die sogenannten ,Topoi‘, die öffentlichen „Örter“ eines gemeinsamen Gedächtnisses, das die allgemeine geschichtliche Erfahrung zu Argumenten des Für und Wider geprägt und gemünzt hatte. Man wusste öffentlich, was für und gegen Krieg sprach. Die Argumente lagen in der Luft. Die Rede erforderte aber auch unter Umständen die Klärung eines zentralen Begriffs, das Zusammenhalten des Begriffs mit der konkreten Erfahrung und den logischen Schluss. Und schließlich gab es das Verfahren, selbst die Argumente des Für und Wider zu entwickeln, sie zu prüfen, die Argumentationsreihe zu durchlaufen und danach die wahrscheinlich bessere, vernünftigere Entscheidung zu treffen.
Politische Fragen sind – in unserem heutigen wissenschaftlichen Sinn – unentscheidbare Fragen; die Wissenschaft, wie sie heute zumeist verstanden wird, hat auf dem Feld der auf die Zukunft bezogenen Willensbildung, der Meinungen, Gefühle und Wertungen wenig verloren und zu suchen. Das gilt auch für die Politikwissenschaft. Ihre Hauptleistungen, Empirie und Rationalität, ihre wichtigste Forderung, die Exaktheit, haben den Charakter von Hilfsinstrumenten, wenn es um politische Entscheidungen geht. Nicht die Wahrheit steht auf dem Spiel, sondern das praktisch Vernünftigere. Der Entscheidungstyp ist ein anderer. Politikwissenschaft, die sich als Handlungswissenschaft und Handlungslehre verstünde, könnte eigentlich nur existieren als theoretische und praktische Einübung in eine Technik und Kunst, in politische Rhetorik, Dialektik und Logik.
„Die Darlegung wird dann befriedigen“, schreibt der echte Aristoteles im Zusammenhang einiger Überlegungen zur Staatslehre, am Beginn von Buch I der Nikomachischen Ethik, „wenn sie jenen Klarheitsgrad erreicht, den der gegebene Stoff gestattet.“ Man müsse sich bei bestimmten Themen bescheiden, „die Wahrheit nur grob und umrisshaft anzudeuten“; „der logisch geschulte Hörer wird nur insoweit Genauigkeit auf dem einzelnen Gebiet verlangen, als es die Natur des Gegenstandes zulässt.“ „Der Exaktheitsanspruch darf nämlich nicht bei allen wissenschaftlichen Problemen in gleicher Weise erhoben werden, genauso wenig wie bei handwerklich-künstlerischer Produktion.“ Hier, auf politischem Feld, haben wir es mit Handwerk und Kunst zu tun, mit einer einübbaren Methode, sich versuchsweise dem Besseren, Vernünftigeren anzunähern. Politik gehört nicht der Meinung an, sondern einer von Spielregeln geleiteten Klärung von Meinung, einer praktischen Wissenschaft im Sinne von ,arts‘.
Noch einmal: Rhetorik wird gegenwärtig fast nur als Wirkungslehre verstanden, und zwar äußerst schmalspurig – als kalkulierbares technisches Instrument, Präsentationslehre und Verkaufstechnik. Das ist, genau betrachtet, ein absurdes Bild. Zur Redekunst gehört die Anstrengung des Nachdenkens und Vordenkens, des Klärens und Ordnens, der genauen Wortwahl. Zuerst die Recherche, das Abstecken des Horizonts eines Themas und das Auffinden der Materialien, die dazugehören, der Gesichtspunkte, unter denen es sich betrachten lässt. Reden ist eine Findekunst.
Zu dieser Kunst gehörten zweitens das Ausarbeiten der gegensätzlichen Perspektiven, der Alternativen, vor die ein Thema stellt, des Abwägens und das Erfinden eines neuen Blicks auf die Sache. Die Rede ist ein Klärungsinstrument.
Dazu gehört drittens das Beherrschen der Darstellungsmöglichkeiten, der Sprache, des Stils und der Spielregeln, die der jeweilige Redetyp vorgibt; sie ist ein Gestaltungswerkzeug.
Erst an letzter Stelle steht, und zwar umso stärker, je intensiver die Rede als Findekunst, Klärungsinstrument und Gestaltungswerkzeug beachtet worden ist, die Wirkung. Wenn man diese rhetorischen Werkzeuge näher anschauen und einsetzen will, kommt man allerdings mit einer formalen Betrachtung nicht aus, sondern muss zum Inhalt übergehen, vom geschichtlichen Fall ausgehen.

III.
Erlauben Sie das nächstliegende, schon angeführte Beispiel:
„Amerika wird niemals eine Erlaubnis brauchen, um sich selbst zu verteidigen. Die Terroristen haben Amerika den Krieg erklärt, und Krieg ist es, was sie nun erleben.“ Das Wort ,Krieg‘ war der rote Faden in der Rede George W. Bushs am 21. Januar 2004. Seine Berater erklärten dazu, der Präsident sei frustriert, weil in den USA das Bewusstsein nachlasse, im Krieg zu stehen (BZ, 22. 1. 04).
War der Terrorismus neuer Spielart notwendigerweise eine Herausforderung zum ,Krieg‘?
Wie ist der am 11. September 2001 eröffnete Konflikt-Zustand zu bezeichnen? Befindet sich die westliche Welt, die in dem Attentat gemeint war, seither im ,Krieg‘ mit dem ,Terrorismus‘?
Haben wir unvermeidlich erneut – wenn auch unter völlig veränderten Bedingungen – gegenwärtig den Weltzustand eines Gegenübers feindlicher Lager, einen Zustand, der sich jederzeit als Kriegshandlung artikulieren kann und gegen den daher eine veränderte, neue Hochrüstung am Platz ist?
Mit welchen Begriffen ist am vernünftigsten zu arbeiten?
Vierzehn Tage nach dem vielbesprochenen Attentat, am 25. September 2001, hat Erhard Eppler im Berliner Willy-Brandt-Haus über genau dies Thema mit der Begründung gesprochen:
„Ich tue es deshalb, weil Politik immer auch Benennungshandeln ist, weil die Termini, die wir benutzen, darüber entscheiden, wie wir eine Sache angehen, ob und wie wir sie verstehen und nicht zuletzt: wie wir entscheiden, was wir tun.“
Eppler hielt es für falsch, bei den Selbstmordattentaten auf die Machtsymbole der USA von ,Kriegserklärung‘ und ,Krieg‘ zu sprechen, und nennt vier Beweisstücke:
1. Das Wort Krieg wecke übertriebene Ängste, es dramatisiere.
2. Es werte die Täter auf, bei denen es sich nicht um Krieger, sondern um Kriminelle handle.
3. Kriege würden zwischen Staaten ausgefochten, mit einem politisch verantworteten Anfang und Ende.
Der Terminus ,Krieg‘ verhindere, dass das Neue, was hier vorliege, in den Blick gerate: „Terror als eine Erscheinungsform, wohl die gefährlichste, einer schleichenden und manchmal galoppierenden Entstaatlichung, Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt, die wir seit gut einem Jahrzehnt auf dem ganzen Erdball in sehr unterschiedlichen Formen betrachten können.“
Ebenso hielt und hält Eppler den Feindbegriff des ,Terrorismus‘ für irreführend. Dieses Abstraktum, ,der Terrorismus‘, fasse etwas als Einheit zusammen, das als solches gar nicht existiere, und schaffe so die Suggestion eines geschlossenen, massiven Gegenübers. Sicher sei das islamisch-fundamentalistische Netzwerk derzeit das gefährlichste, aber es gebe viele Netze, Gruppen, man habe es mit einem von extrem rechts bis links reichenden, vielköpfigen und heterogenen Phänomen zu tun. „Wer den Terror reduzieren will, muss die staatlichen Gewaltmonopole hüten, verteidigen und auch wiederherstellen. Und genau das geschieht ja nicht, wo man dem ,Terrorismus‘ den ,Krieg‘ erklärt.“
Wenig später, am 24. Oktober und 20. November 2001, hat Herfried Münkler in Bielefeld und Berlin über das gleiche Thema gesprochen, Sind wir im Krieg?, und gelangt bei dem Blick auf dasselbe Phänomen zu gegenteiligen Schlüssen.
Er verteidigt den Namen ,Krieg‘ für das auch in seinen Augen nicht ganz neuartige Geschehen, indem er einen Kriegsbegriff wie den von Eppler vertretenen als klassisch und schon historisch geworden einstuft. Er fasst den Begriff weiter und schließt sich dabei an Definitionen von Clausewitz an. Demnach ist der Krieg
1. ein Chamäleon, dessen Erscheinungsformen sich ständig verändern;
2. er ist „das Aufeinandertreffen zweier Willen, die einander mit den Mitteln der Gewalt zu brechen suchen“ – „ein erweiterter Zweikampf“.
3. Der klassische Krieg, der als Monopol des Staates galt, war nur eine seiner möglichen Erscheinungsformen. „Inzwischen sind nur noch etwa zehn Prozent aller weltweit geführten Kriege Staatenkriege im klassischen Sinn, und in den restlichen Kriegen treten zumindest auf einer Seite Akteure auf, die man am griffigsten als Gewaltunternehmer bezeichnet: Sie haben aus dem Krieg ein Geschäft, aus den Kämpfen ein Gewerbe und aus der Gewaltanwendung eine Lebensform gemacht.“
Terroristen sind nicht einfach oder gar nur ,Kriminelle‘, ihre Anschläge sind Kriegshandlungen eines neuen Typus, weil deren Akteure „durch sie einen ihren eigenen Absichten und Bestrebungen entgegenstehenden Willen brechen oder doch zumindest schwächen wollen“.
Herfried Münkler trägt, soweit ich sehe, auch keine Bedenken gegen den derzeitigen Begriff ,Terrorismus‘. Er grenzt ihn ein und beschreibt ihn, indem er geschichtliche Durchgangsformen wie das Partisanentum und die dann folgende Entwicklung zu einer politischen, militanten Aktionsform scharf analysiert und als generelles Phänomen charakterisiert.
„Es ist dies eine neue Erscheinungsform des Chamäleons Krieg, denn der Angriff zielte nicht, wie in den militärstrategischen Konzeptionen des 19. und 20. Jahrhunderts, auf die bewaffneten Kräfte des Feindes, mit dem ein Messen der militärischen Kräfte veranstaltet wird, aus dem dann die eine Seite als Sieger und die andere als Besiegter hervorgeht, sondern angegriffen wird die Moral des Feindes, die durch Furcht und Schrecken geschwächt werden soll, und angegriffen werden vor allem die ökonomischen Grundlagen der feindlichen Ordnung, indem die hochsensiblen Renditeverwertungen und Wachstumsprognosen zertrümmert werden.“
Für das hier Gemeinte findet Münkler an anderer Stelle die einprägsame Formel der neuen „asymmetrischen Kriege.“ (Die neuen Kriege, S. 240 ff.)
Auch er sieht, wie Eppler, als wirksamstes Gegenmittel die „Herstellung eines Mindestmaßes an Staatlichkeit im globalen Rahmen“ – „sicherzustellen, dass die Staaten und nur die Staaten die Herren des Kriegs sind“.
Ich beschränke mich hier bewusst auf die Stellungnahme Erhard Epplers und Herfried Münklers vom Spätherbst 2001, im Augenblick der öffentlichen Weichenstellung. Es war eine weitreichende Entscheidung. Der Terminus ,Krieg‘ ist weiterhin das zentrale Argument der US-amerikanischen Politik. Ist die Klage über das nachlassende Bewusstsein, im Krieg zu stehen, im Recht? Kann ein Sprachwissenschaftler etwas zur Klärung der Kontroverse beitragen?

IV.
Erhard Eppler nahm Stellung als Politiker, ihn beschäftigte der Handlungscharakter der Wörter ,Krieg‘ und ,Terrorismus‘, in linguistischer Ausdrucksweise: die pragmatische Funktion dieser Termini, ihre an diese Situation gebundene Handlungsfunktion. Er hielt ihren Gebrauch, aufgrund der üblicherweise mit ihnen verbundenen Bedeutung, für eine gefährliche Irreführung, befürchtete eine falsche Weichenstellung.
Herfried Münkler sprach als Politikwissenschaftler, ihn beschäftigte die wissenschaftliche Genauigkeit und Angemessenheit der Begriffe, ihre Erkenntnisleistung. Er hält ihren Gebrauch für angemessen, ja sogar für geboten. Dabei bedient er sich aber, eine neue Weltlage vor Augen, einer Neudefinition des Wortes ,Krieg‘. Auch Münkler will aufklären und hält die Nichtverwendung des Begriffs ,Krieg‘ für eine irreführende Weichenstellung, eine Selbsttäuschung.
Zunächst würde ich sagen: Im politischen Raum wirken die Wörter in ihrer landläufigen Bedeutung. Das Wort ,Krieg‘ wird gegenwärtig von den USA als Kampfbegriff, als Rechtstitel, ,Terrorismus‘ als Feindbegriff verwendet. Wissenschaftliche Neudefinitionen und Umschreibungen von Begriffen haben es schwer, sich gegen den eingebürgerten Gebrauch durchzusetzen. Sie werden öffentlich nur langsam oder auch gar nicht anerkannt. Was in unserem Fall daher zuerst interessiert, ist der öffentliche Gebrauch.
Wenn man die zahlreichen Lexika befragt, in denen die Vorgeschichte und die Geschichte des deutschen Worts ‚Krieg‘ festgehalten ist, ergibt sich für den Sprachgebrauch seit dem 18. Jahrhundert ein eindeutiger Befund: ‚Krieg‘ ist ein langfristiger Konflikt zwischen Staaten. Diese Bedeutung dominiert auch im englisch-amerikanischen Gebrauch von ‚war‘ in der jüngeren Neuzeit. To be at war heißt ‚Krieg führen‘ im genannten Sinn.
Was ergibt sich daher für den ,Krieg gegen den Terrorismus‘, für die Formel We are at war against terrorism? Solange Bush den Begriff nicht ausdrücklich und wirksam neu definiert, wird die landläufige, mit ungezählten Assoziationen befrachtete Bedeutung durchschlagen. ,Krieg‘ wird dann ,der mit Waffengewalt ausgetragene Konflikt zwischen Staaten, Völkern‘, jene ,größere militärische Auseinandersetzung, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt‘ sein – im öffentlichen Bewusstsein, möglicherweise aber selbst im Bewusstsein derer, die ihn anders meinen.
,Terrorismus‘ wird dann nicht nur eine neue Aktionsform des Kriegführens sein, sondern als Gegenüber des klassischen Krieges verstanden. Von dem Wort ,Krieg‘ geht ein sog. ,Transfermerkmal‘, ein Übertragungsmerkmal auf den an sich abstrakten Kriegsgegner aus, er wird ein dinghafter Gesamtkomplex, eine Einheit, ein feindliches Massiv, dem man sich gegenübersieht und gegen das nur mit Krieg anzurennen ist. Abstrakta dieses Typus sind dadurch charakterisiert, dass sie eine Vielfalt von heterogenen Phänomenen zusammenfassen und diesem Zusammengriff eine dingliche Realität unterstellen, das so benannte Objekt als ein blockhaftes Massiv erscheinen lassen: ,das System von Weimar‘, ,die Achsenmächte‘, ,der Spätkapitalismus‘, ,das Establishment‘, ,die Achse des Bösen‘, ,der Terrorismus‘.
Die öffentliche Begründung ist nicht wirkungslos, im Gegenteil, sie definiert im Medienzeitalter das Geschehen. Wer heute vom ,Krieg gegen den Terrorismus‘ spricht, wird – solange ein Vorbehalt fehlt – in der beschriebenen Weise verstanden. Vielleicht will er es? Abstrakta haben den Vorzug, dass sie unterschiedliche Erscheinungsformen zusammenfassen, aber sie bekommen dadurch zugleich etwas Schillerndes, eine bestimmbare Brauchbarkeit.
Diesen ihren Charakter entdeckt bereits Alexis Tocqueville im 16. Kapitel seines Buchs Über die Demokratie in Amerika von 1835. Es heißt „Wie die amerikanische Demokratie die englische Sprache verändert hat“: Die Neigung zu Abstraktionen sei ein Merkmal, meint er:
„Diese abstrakten Wörter, die die demokratischen Sprachen füllen und die man bei jeder Gelegenheit verwendet, ohne sie mit einer besonderen Sache in Verbindung zu bringen, erweitern und verschleiern zugleich das Denken; sie geben dem Ausdruck etwas Rascheres und verwirren den Begriff. Aber die demokratischen Völker lieben die Unklarheit mehr als die Mühe […] Da sie nie wissen, ob der Gedanke, den sie heute aussprechen, der neuen Lage von morgen angemessen sein wird, neigen sie naturgemäß zu abstrakten Ausdrücken. Ein abstraktes Wort ist wie eine Schachtel mit doppeltem Boden: Man legt die gewünschten Gedanken hinein, und man zieht sie wieder heraus, ohne dass jemand es sieht.“
Herfried Münkler hat auf eine eingreifende, umkrempelnde Weise die neuen Auseinandersetzungen analysiert, die im Gange sind und wahrscheinlich bevorstehen. Aber es gibt hier eine Schwierigkeit. Die geschichtliche Entwicklung ist, wenn er Recht hat, unserem Begriffsapparat davongelaufen, die Sprache klappt nach, hinkt einmal wieder hinterher, sie wirkt nach. Altmodische Mythen beherrschen die Szene, bleiben nicht Mythen, sondern werden Handlungen. Es scheint angebracht, an einen anderen großartigen Essay des 19. Jahrhunderts zu erinnern:
„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus […] So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergisst.“ (Marx/Engels, Ausgewählte Schriften I, S. 226 f.)
Hat die amerikanische Regierung die angestammte Sprache vergessen, produziert sie frei, oder karikiert George W. Bush die Umwälzung, wie es Karl Marx in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte von dem französischen König des Jahres 1848, dem nachklappenden zweiten Napoleon, behauptet?
Fällt die US-amerikanische Kriegspolitik der letzten Jahre zurück in alte Muster, erliegt sie der überlieferten Sprache?
Ich vermute: Das Attentat vom 11. September zielte auf eine Begriffsverwirrung und Handlungsverirrung und hatte Erfolg. Die Attacke der Gotteskrieger war eine Kriegsfalle. Sie suchte die Konfrontation zweier metaphysischer Gewalten, und sie wurde so intelligent und zynisch ausgeführt, dass sie die amerikanische Öffentlichkeit reflexartig auf den Gedanken eines kriegerischen Gegenschlags einschwor. Der amerikanischen Regierung, zumindest ihren Falken, war die Kriegsfalle aber willkommen. Sie entschloss sich zu einer maßlosen Überschätzung des Gegners, ernannte ihn zur Großmacht. Ihre politische Sprache ließ nicht klar erkennen, was dabei überwog: Die Absicht einer Bekämpfung über die Welt verstreuter antiamerikanischer Terroristen, der Entschluss zum Krieg als Mittel zu einer neuartigen hegemonialen Politik oder der Gegenglaube an eine metaphysische Auseinandersetzung zwischen dem Reich des Guten und des Bösen. In jedem Fall erschien das Attentat als eine Gelegenheit, die fehlgegangene, missratene Afghanistanpolitik und Irakpolitik zu revidieren.

V.
Dem Konzept we are at war folgten zwei Kriege gegen islamische Staaten, der Vorstellung eines einheitlichen ‚Terrorismus‘ eine neue Mobilisierung. Produzierte man, was man unterstellte? Ich habe den Eindruck: Die amerikanische Politik nützte die Situation als Instrument zu neuer Blockbildung.
Damit ist die These, dass wir in eine Epoche ,neuartiger Kriege‘ eingetreten sind, nicht widerlegt. Wenn dies der Fall wäre, sollte man dann das Wort ,Krieg‘ in neuer Definition beibehalten, oder verführt es zum Rückgriff auf die klassische Kriegsform?
Genügt es, das Wörtchen ,asymmetrisch‘ hinzuzusetzen, blendet der naturwissenschaftlich-geometrische Begriff überholte Vorstellungsinhalte in angemessener Weise aus? Ist der Zusatz ,asymmetrisch‘ stark genug? Ich zweifle, das Wort sagt zu wenig.
Wo stößt denn der ,asymmetrische Krieg‘ auf seine rechtlichen Grenzen: auf Grenzen, die das allgemeine Menschenrecht setzt, die das Recht der Staaten auf Souveränität hervorbringt, welche die internationale Rechtsordnung und ihr Gerichtshof ziehen; gibt es eine Grenze, an der in der Epoche des ,Kriegs gegen den Terrorismus‘ der Friede beginnt?
Die US-amerikanische Politik war von ihren Anfängen an doppelgesichtig: Auf der einen Seite verdanken wir ihr seit der Erklärung des Grundsatzes that all men are created equal‘ de schlüssigste Formulierung einer Weltfriedensordnung, eines Weltbürgerrechts und die stärksten Ansätze zu ihrer Verwirklichung, auf der anderen Seite stellt sich in ihr früh ein machtförmiges, andere Lebensformen ausschließendes, verdrängendes Selbst- und Sendungsbewusstsein ein. Verliert sie zur Zeit das eine dieser beiden Gesichter?
Die republikanische Rhetorik, die Redekunst der sog. Freistaaten, verfügte nicht nur über eine Methode, um den politischen Entscheidungsprozess nach Regeln zu klären, sondern auch über Spielregeln für die Beteiligten. Dazu gehörte
- die grundsätzliche Gleichberechtigung der Partner,
- ihre Freiheit als die Freiheit des anderen,
- das Prinzip gewaltfreier Verständigung, sofern es
von der Gegenseite geachtet wurde usf.; kurz, es gab hier einen Normenkatalog.
Etwas davon ist in der Rhetorik des Anaximenes spürbar. Ein starker Schuss Realismus kommt bei ihm hinzu, wenn er z. B. dazu rät, die realen Machtverhältnisse im Auge zu behalten:
„Will man einen bestehenden Kriegszustand beenden und sind die Zuhörer die Sieger, dann muss man eben darauf hinweisen und sagen:
- Wer jetzt die Oberhand habe, solle nicht warten, bis er wieder zu Fall komme, sondern im Siege den Frieden schmieden, ferner:
- Der Krieg vernichte auch viele von den Siegern, aber der Friede rette die Überwundenen und verschaffe den Siegern zu genießen, weswegen sie zu Felde gezogen seien. Auch
- muss man die Wechselfälle eines Kriegs darlegen, wie sie oft wider Erwarten eintreten.
Mit solchen Gründen soll man die Sieger eines Krieges zum Frieden aufrufen. Die Geschlagenen soll man aus dem heraus überreden, was ihnen begegnet ist:
- Sie sollten aus ihrem Unglück lernen und nicht die Übermütigen noch reizen;
- es bestehe die Gefahr, dass sie überhaupt keinen Frieden abschließen würden;
- es sei besser, den Stärkeren einen Teil der Habe zu überlassen, als dass sie, im Kriege besiegt, selbst samt ihrer Habe zugrundegingen.
Im Ganzen muss man wissen, dass man immer dadurch die Kriege beilegt:
- wenn man überzeugt ist, die Gegner hätten eine gerechte Forderung, oder:
- wenn man sich mit den Bundesgenossen überwirft, oder:
- wenn man kriegsmüde ist, oder:
- wenn man die Feinde fürchtet, oder:
- wenn es zur Empörung im eigenen Lande kommt.
Wenn man aus all diesem und Ähnlichem das für die Verhältnisse Passendste zusammenbringt, wird man Stoff genug haben für die Verhandlungen über Krieg und Frieden.“
Das ist Rhetorik als Findekunst, Klärungsinstrument, Gestaltungswerkzeug und Wirkungslehre, im kaum glaublichen Abstand von 2300 Jahren. Sie besticht durch ihre Nüchternheit. Ihr zu folgen hieße, in der gründlich veränderten Situation eine dieser Situation angemessene klare Begriffsbildung zu entwickeln, die nicht aufgrund ihrer weichen Ausdeutbarkeit einen Rückfall in vergangene Mythen erlaubt, sondern zu einer neuen Weichenstellung führt. Es könnte bedeuten, mit Hilfe von Rhetorik, Dialektik, Logik die Wissenschaft von der Politik zu entdecken.

Der Artikel ist der leicht gekürzte Text eines Vortrags, den der Autor am 31. Januar 2004 im Otto-Wels-Saal des Deutschen Bundestags hielt (anlässlich der Tagung „Kriegsbegründungen in der Geschichte. Strategien der Legitimierung und Legalisierung militärischer Gewalt“. Institut Frieden und Demokratie, Fernuniversität Hagen).