Die Rede vom Krieg
Rhetorik als Klärungsinstrument
Vor 125 Jahren wurde vom Berliner Reichstag ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen
Bestrebungen der Sozialdemokratie erlassen. Die vorbereitende
Szene, die zu dem Entschluss führte, spielt im Park von Friedrichsruh.
Als Bismarck hier von einem Berliner Boten unterrichtet wurde, dass
ein zweites Attentat auf Kaiser Wilhelm I. verübt worden sei,
richtete er sich auf, stieß den Stock auf den Boden und sagte:
Dann lösen wir den Reichstag auf. Erst dann erkundigte
er sich nach dem Ergehen des Kaisers und den Umständen des Attentats.
Im Schatten dieser Anekdote möchte ich diesen Beitrag segeln
lassen.
Von Uwe Pörksen
I.
Kriegsbegründungen sind, sofern sie öffentlich geschehen,
Sprechhandlungen des Überredens, mehr noch, Werkzeuge der Mobilmachung.
Sie treten auf, wenn die Beratung zu Ende, das Für und Wider
erwogen und die Entscheidung gefallen ist, sind, in der aktuellen
Situation des sich ankündigenden und beginnenden Krieges, per
Definition Wirkungsrhetorik. Das heißt, die Frage der Wirkung
gewinnt die Oberhand.
Es sind mindestens sieben rhetorische Mittel, die nach gefallener
Entscheidung zum Einsatz kommen. Erstens: Der Gegner wird unter einem
einzigen Gesichtspunkt zusammengefasst. Terrorismus und Islam zum
Beispiel erscheinen auf einmal als eine Einheit. Ein an sich differenziertes
Gegenüber wird zu einem Massiv, gegen das man mit Krieg anrennen
kann. Das zweite Mittel ist die Übertreibung, die oft maßlose
Übertreibung des Gegners seiner Macht, der Bedrohung,
die von ihm ausgeht, auch seiner dämonischen Züge. Das dritte
ist die Anschaulichkeit. Szenarien des Schreckens werden verbreitet.
Der Gegner wird konkret durch bisherige Verbrechen, sichtbar durch
Greueltaten, die geschehen sind oder die man als möglich ausmalt.
Das vierte Mittel ist die Personalisierung, sie schafft eine übersichtliche
Situation. Man braucht eine Person, die im Mittelpunkt steht, auf
der eigenen Seite den vertrauenerweckenden Guten, auf der anderen
den hässlichen Bösen. Diese Dämonisierung einzelner
Personen ist in den letzten zwölf Jahren ziemlich leichtsinnig
eingesetzt worden. Hitler, das größte Scheusal des 20.
Jahrhunderts, wird gleichsam zum Wandervogel. Man trifft ihn einmal
in Belgrad, dann in Bagdad. Fünftens: Gott und Teufel werden
zur Hilfstruppe degradiert. Auch das ist ein Stereotyp. Mit Gott für
Volk und Vaterland, mit Gott für die westliche Wertegemeinschaft
gegen einen Satan. Das macht das Schicksalsgefühl vollständig.
Sechstens: Es wird ein Wir-Gefühl erzeugt. Die bisher genannten
fünf Mittel wirken genau in diese Richtung, und das Ganze gewinnt
eine enorme Eigendynamik. Es entsteht ein Gefühlsgemisch aus
Angst und Hass, Angst vor der gemeinsamen Bedrohung, Hass auf den
Bedroher, und eben das produziert jene Gemeinschaftsstimmung, die
sich selbstständig macht und alle Einwände niederwalzt.
Thomas Mann hat im Rückblick auf seine eigene Haltung zu Beginn
des Ersten Weltkrieges von einem ,Schicksalsrausch gesprochen.
Das siebente Mittel ist die militärische Fachsprache, die von
den Medien Besitz ergreift, es wimmelt auf einmal von ,Restlichtaufhellern
und ,Zielautomatik, Cockpits und intelligenten Raketen, von
den Versatzstücken einer verbalen und visuellen Expertensprache.
Das einfachste und wirksamste rhetorische Rezept schließlich,
das Napoleon für die wichtigste Redefigur überhaupt gehalten
hat, ist die Wiederholung. Die bisher genannten sieben Mittel werden
mit dem Ziel der Vereindringlichung fortwährend repetiert, kurz:
Es wird zusammengefasst, übertrieben, veranschaulicht, personalisiert,
manichäisch und metaphysisch überhöht, ge-wirt, mit
Expertenvokabeln geklappert, eingehämmert.
Alle sieben oder acht Mittel der Kriegsrhetorik, die eben genannt
wurden, sind auch auf Seiten der Kriegsgegner als Mittel der Friedensrhetorik
möglich und zu finden. Eine der kriegerischen Wirkungsrhetorik
parallele Friedensrhetorik ist aber kaum das beste Gegenmittel, sondern
der Zweifel, die genaue Analyse und eine auf gerechtem Orientierungsvermögen
beruhende Urteilskraft. Ich meine, es sei in der Rhetorik selbst zu
finden, und komme darauf zurück.
Wenn die Ernüchterung einsetzt, dann wird verstärkt nach
dem Kriegsgrund gefragt und werden die Begründungen aufs Korn
genommen. Man sollte die beiden unterscheiden:
Kriegsgründe gehören in eine andere Rubrik. Sie sind investigativer
Natur, die Redehandlung des Untersuchens ist hier gefordert. Der Kriegsgrund
tritt unter Umständen zunächst gar nicht auf, sondern scheut
die Öffentlichkeit, wird unterstellt, vermutet, gelegentlich
auch mit verblüffender Direktheit offengelegt. Bismarck hat seine
politischen Gegenspieler gelegentlich dadurch getäuscht, dass
er ihnen die reine Wahrheit einschenkte was sie am wenigsten
von ihm erwarteten. Der Kriegsgrund gehört zumeist eher in den
Bereich der Beratung, hat seinen Platz im Vorfeld der Entscheidung
oder der nachträglichen Klärung.
Kriegsgrund und Kriegsbegründung also sind oft zwei Paar Stiefel,
und zwar umso mehr, je stärker die öffentliche Debatte an
der Entwicklung von Kriegen beteiligt ist. Der Kriegsgrund ist das
Standbein, die Kriegsbegründung sitzt locker im Spielbein.
Eine kleine Reihe historischer Beispiele:
Als Papst Urban II. am 27. November 1095 zum ersten Kreuzzug, zur
Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem, aufrief, hatte er anscheinend
beachtliche kirchenpolitische Gründe, sagte aber:
Lasttiere stehen in den heiligen Gebäuden, und für
die Erlaubnis, solch Elend zu schauen, verlangen die Frevler sogar
noch schweren Zins. Die Gläubigen werden verfolgt, Priester geschlagen
und getötet, Jungfrauen geschändet und gemartert.
Die gemarterten Jungfrauen sind ein Stereotyp, sie gehören zu
den Spielbeinen kriegerischer Wirkungsrhetorik.
Ein anderes Beispiel: Als der Schwedenkönig Gustav Adolf auf
dem europäischen Festland in den Dreißigjährigen Krieg
eingriff, argumentierte er zunächst, der habsburgischen Gegenseite
analog, auf rechtlicher Grundlage. Die Protestanten erwarteten aber,
einer Weissagung zufolge, in ihm jenen ,Löwen aus Mitternacht,
d. h. aus dem Norden, der ihre Sache retten würde, und bald trat
Gustav Adolf auf virtuose Weise in diesen Bildrahmen ein. Der
wahre Kriegsgrund war wohl weder das eine noch das andere.
Oder: Als Friedrich II. von Preußen im Jahr 1740, kurze Zeit
nach seinem Regierungsantritt, Schlesien überfiel und eroberte,
versuchte auch er, den Anforderungen seiner Epoche entsprechend, sich
an einer rechtlichen, erbfolgerechtlichen Begründung. Es gab
sie nicht, sie wurde sofort als Spielbein erkannt.
Im 20. Jahrhundert tritt ein neuer Typus auf: Die öffentlichen
Medien, Presse und Rundfunk, Fernsehen und Internet erhalten einen
überragenden Stellenwert, wenn es um die Plausibilität eines
Kriegsanlasses und der Kriegsbegründung geht. Die öffentliche
Stimmung ist zu gewinnen, sie scheint besonders empfindlich für
den Choque. Das Attentat rückt in die Position von Anlass und
Begründung von Kriegen, zu denen es selbst in keinem Verhältnis
steht. Das galt zuerst für den Ersten Weltkrieg von 1914/18,
der durch das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in
Sarajewo initiiert wurde. Ab jetzt werden Attentate inszeniert, um
Krieg auszulösen. Hitler inszenierte einen Angriff auf den deutschen
Sender in Gleiwitz, lastete ihn Polen an und eröffnete am 1.
September 1939, 4 Uhr morgens, den Zweiten Weltkrieg, indem er den
Befehl gab, zurückzuschießen. Japan erzwang
1941 durch den unvermuteten Überfall auf den amerikanischen Stützpunkt
in Pearl Harbour den Kriegseintritt der USA und verwandelte die Vereinigten
Staaten langfristig in eine ,Kriegsgesellschaft, wie Bernd Greiner
kürzlich dargestellt hat. ,The Day of Infamy, der Tag,
der einen Ausnahmezustand hervorbrachte, blieb nicht einmalig, er
wurde am 11. September 2001 wiederholt. Zwölf Jahre nach der
Abdankung des Kalten Krieges, am Beginn des 21. Jahrhunderts, erzeugte
ein Attentat islamischer Gotteskrieger auf die Machtsymbole der USA
die vierte Weltkriegsstimmung. Seitdem gibt es ,Krieg gegen den Terrorismus.
Noch am 21. 1. 2004 hat George W. Bush in einem Bericht zur Lage der
Nation erklärt: Amerika wird niemals eine Erlaubnis brauchen,
um sich selbst zu verteidigen. Die Terroristen haben Amerika den Krieg
erklärt, und Krieg ist es, was sie nun erleben. (BZ
22. 1. 04)
II.
Es scheint, dass in der Formel war against terrorism für die
Regierung der USA nicht nur eine vorgeschobene Kriegsbegründung,
sondern ihr Kriegsgrund vorliegt. Mit ihm war allerdings der letzte
Irakkrieg kaum begründbar.
Wie verhalten sich hier Kriegsgrund und Kriegsbegründung? Wir
standen vor einem Wald öffentlicher Begründungen und Unterstellungen;
wenn wir sie ordnen, ergibt sich eine überraschende Übereinstimmung
des Begründungskatalogs mit einer 2300 Jahre alten Rhetorik und
ihrer Liste von Gründen, aus denen man Krieg führen sollte.
Zunächst die Frage:
Warum haben die USA im Jahr 2003 den Irak angegriffen:
1. um die Scharte am Ende des Golfkriegs von 1991 auszuwetzen und
weil das Selbstmord-Attentat islamischer Terroristen auf Pentagon
und Twin Towers die Gelegenheit bot,
2. weil man neuerdings erfuhr, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen
verfügte, und die eigene Sicherheit bedroht war,
3. um Israel vor dem Selbstmordterror der vom Irak unterstützten
Palästinenser zu schützen,
4. im Dienst der Guten und des Guten gegen einen Schurken,
5. im Auftrag einer zivilisierten Weltgemeinschaft und Wertgemeinschaft,
6. zum Nutzen des eigenen Landes,
7. zur Stärkung seiner führenden Rolle als Weltmacht,
8. zur Sicherung seines Lebensstandards oder
9. zur Erweiterung seiner Macht?
Lag der eigentliche, der harte Grund woanders:
1. weil Gott auf ihrer Seite war und
2. ihre eigene Erfolgsgeschichte,
3. die Überzahl und
4. die Übermacht des Militärs,
5. die Finanzmittel,
6. die Intelligenz des Verteidigungsministers,
7. der mutige Beistand Großbritanniens,
8. und die günstige räumliche Situation dafür sprachen?
Man vergleiche damit den Begründungskatalog in einem Lehrbrief
aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, der unter dem Titel Rhetorik
an Alexander überliefert und dem berühmten Philosophen und
Staatslehrer Aristoteles zugeschrieben wurde. Aristoteles, der tatsächlich
Lehrer des Welteroberers Alexander war, wünscht darin seinem
Zögling viel Gutes, spricht von den Verhandlungsgegenständen
für eine Volksrede, nennt z. B. ,Gesetze, ,Verfassung,
,Bündnisse. Dann aber kommt er zum Thema ,Krieg und Frieden
und zählt mit einer Nüchternheit, die von Zynismus auf den
ersten Blick kaum zu unterscheiden ist, neun Kriegsbegründungen
und acht unterstützende Argumente auf. Keines dieser Argumente
hat in der eben angeführten Frageliste gefehlt:
1. Nachdem einem früher übel mitgespielt sei, müsse
man jetzt die sich bietende Gelegenheit ausnützen, um sich der
Angreifer zu erwehren, oder:
2. Man habe eben erst das Unrecht erfahren und müsse zum eigenen
Schutz in den Krieg ziehen oder:
3. für die Stammverwandten oder
4. für die Wohltäter oder
5. um gekränkten Bundesgenossen zu helfen oder
6. zum Nutzen der Stadt oder
7. zum Ruhme oder
8. zur Wohlfahrt oder zur Machterweiterung oder irgend dergleichen.
Will man also zum Kriege hetzen, dann muss man möglichst
viele dieser Vorwände zusammenbringen und dann die Mittel aufweisen,
mit denen man im Kriege obsiegen werde, und zeigen, dass die zum Kriege
Aufgerufenen sie in der Hand hätten.
Mittel zum Siege sind immer: das Wohlwollen der Götter, das sogenannte
Glück oder körperliche Überzahl und Kraft oder Fülle
der Geldmittel oder Klugheit des Feldherrn oder Tapferkeit von Bundesgenossen
oder Gunst der örtlichen Lage.
Von diesem und Ähnlichem werden wir das herausgreifen, was den
Verhältnissen angemessen ist, und es durchscheinen lassen, sobald
wir zum Kriege hetzen wollen, dagegen die Gegenseite herabsetzen,
wie wir die eigenen Verhältnisse durch Aufbauschen groß
erscheinen lassen.
Das ist, auf den zweiten Blick, eine vorzügliche politische Sprache:
trocken, klar und treffend. Es ist dabei ohne Bedeutung, dass die
Rhetorik an Alexander tatsächlich nicht von Aristoteles stammt,
sondern nach heute allgemeiner Auffassung von Anaximenes, ebenfalls
4. Jahrhundert. Anaximenes rät als Aristoteles dem mazedonischen
Prinzen, der Erzieher seinem Zögling, äußerst professionell,
wie sich die Entscheidung für einen Krieg in einer Volksrede
begründen, mit welcher Auswahl von Argumenten sich am wirksamsten
hetzen lässt. Und nicht weniger nüchtern, klar und spröde
rät er zum Gegenteil:
Will man dagegen versuchen, einen drohenden Krieg zu verhindern,
dann muss man zeigen, dass entweder:
- überhaupt kein Vorwand vorliege oder
- dass die Schwierigkeiten geringfügig und unbedeutend seien,
sodann auch
- dass der Krieg keinen Nutzen bringe, indem man das Unglück
schildert, das ein Krieg über die Menschen bringt, auch
- dass die zum Siege führenden Mittel eher auf Seiten der Gegner
seien, nämlich die eben aufgezählten.
Mit diesen Gründen also ist der Ausbruch des Krieges zu hintertreiben.
Es folgt ein dritter Abschnitt, der so ausführlich gerät
wie der erste über die Kriegshetze und den der rhetorische Lehrmeister
der Herstellung des Friedens widmet (siehe unten).
Das ist etwas fundamental anderes als jene Redetechnik, die wir Kriegsrhetorik
nennen und die ich eingangs als Wirkungsrhetorik beschrieben habe,
es ist die Aufstellung eines Katalogs von rationalen Vorteilsregeln
und Nachteilsregeln, anzuwenden für den Fall, dass man zu einem
Krieg treiben, ihn hintertreiben oder ihn beenden will. Die meisten
sind nach 2300 Jahren noch brauchbar, goldene Regeln.
Zwei Fünftel des Textes befassen sich mit dem Betreiben des Krieges,
ein Fünftel mit dem Hintertreiben, zwei Fünftel mit der
Friedensstiftung ein vernünftiges Verhältnis. Unter
dem Blickwinkel solcher Rhetorik sind unsere öffentlichen und
wissenschaftlichen Diskussionen zumeist doppelt falsch angelegt. Sie
befassen sich einseitig mit dem Krieg und seiner rhetorischen Begründung;
die beiden Gegengewichte, Kriegsverhinderung und Friedensstiftung,
sind ausgeklammert. Ebenso unvollständig und darum falsch ist,
gemessen an deren Möglichkeiten, der dabei übliche Begriff
von Rhetorik. Man versteht sie als bloße Überredungskunst
und Serviertechnik, als pure Wirkungslehre: ein wirkungsvoller Unfug.
Der Verfasser der Alexanderrhetorik war zu unserem Vorteil nicht nur
Wirkungsrhetoriker, kein Coacher, das zitierte Beispiel beweist es,
sondern zugleich ein Meister der Dialektik und Logik. Zur politischen
Volksrede gehörte auch die Erkundung der Alternativen, der Gegenseite
bzw. aller Seiten einer Sache. Dafür existierte eine Methode.
Man berief sich auf die Gemeinplätze der Erfahrung, die sogenannten
,Topoi, die öffentlichen Örter eines gemeinsamen
Gedächtnisses, das die allgemeine geschichtliche Erfahrung zu
Argumenten des Für und Wider geprägt und gemünzt hatte.
Man wusste öffentlich, was für und gegen Krieg sprach. Die
Argumente lagen in der Luft. Die Rede erforderte aber auch unter Umständen
die Klärung eines zentralen Begriffs, das Zusammenhalten des
Begriffs mit der konkreten Erfahrung und den logischen Schluss. Und
schließlich gab es das Verfahren, selbst die Argumente des Für
und Wider zu entwickeln, sie zu prüfen, die Argumentationsreihe
zu durchlaufen und danach die wahrscheinlich bessere, vernünftigere
Entscheidung zu treffen.
Politische Fragen sind in unserem heutigen wissenschaftlichen
Sinn unentscheidbare Fragen; die Wissenschaft, wie sie heute
zumeist verstanden wird, hat auf dem Feld der auf die Zukunft bezogenen
Willensbildung, der Meinungen, Gefühle und Wertungen wenig verloren
und zu suchen. Das gilt auch für die Politikwissenschaft. Ihre
Hauptleistungen, Empirie und Rationalität, ihre wichtigste Forderung,
die Exaktheit, haben den Charakter von Hilfsinstrumenten, wenn es
um politische Entscheidungen geht. Nicht die Wahrheit steht auf dem
Spiel, sondern das praktisch Vernünftigere. Der Entscheidungstyp
ist ein anderer. Politikwissenschaft, die sich als Handlungswissenschaft
und Handlungslehre verstünde, könnte eigentlich nur existieren
als theoretische und praktische Einübung in eine Technik und
Kunst, in politische Rhetorik, Dialektik und Logik.
Die Darlegung wird dann befriedigen, schreibt der echte
Aristoteles im Zusammenhang einiger Überlegungen zur Staatslehre,
am Beginn von Buch I der Nikomachischen Ethik, wenn sie
jenen Klarheitsgrad erreicht, den der gegebene Stoff gestattet.
Man müsse sich bei bestimmten Themen bescheiden, die Wahrheit
nur grob und umrisshaft anzudeuten; der logisch geschulte
Hörer wird nur insoweit Genauigkeit auf dem einzelnen Gebiet
verlangen, als es die Natur des Gegenstandes zulässt. Der
Exaktheitsanspruch darf nämlich nicht bei allen wissenschaftlichen
Problemen in gleicher Weise erhoben werden, genauso wenig wie bei
handwerklich-künstlerischer Produktion. Hier, auf politischem
Feld, haben wir es mit Handwerk und Kunst zu tun, mit einer einübbaren
Methode, sich versuchsweise dem Besseren, Vernünftigeren anzunähern.
Politik gehört nicht der Meinung an, sondern einer von Spielregeln
geleiteten Klärung von Meinung, einer praktischen Wissenschaft
im Sinne von ,arts.
Noch einmal: Rhetorik wird gegenwärtig fast nur als Wirkungslehre
verstanden, und zwar äußerst schmalspurig als kalkulierbares
technisches Instrument, Präsentationslehre und Verkaufstechnik.
Das ist, genau betrachtet, ein absurdes Bild. Zur Redekunst gehört
die Anstrengung des Nachdenkens und Vordenkens, des Klärens und
Ordnens, der genauen Wortwahl. Zuerst die Recherche, das Abstecken
des Horizonts eines Themas und das Auffinden der Materialien, die
dazugehören, der Gesichtspunkte, unter denen es sich betrachten
lässt. Reden ist eine Findekunst.
Zu dieser Kunst gehörten zweitens das Ausarbeiten der gegensätzlichen
Perspektiven, der Alternativen, vor die ein Thema stellt, des Abwägens
und das Erfinden eines neuen Blicks auf die Sache. Die Rede ist ein
Klärungsinstrument.
Dazu gehört drittens das Beherrschen der Darstellungsmöglichkeiten,
der Sprache, des Stils und der Spielregeln, die der jeweilige Redetyp
vorgibt; sie ist ein Gestaltungswerkzeug.
Erst an letzter Stelle steht, und zwar umso stärker, je intensiver
die Rede als Findekunst, Klärungsinstrument und Gestaltungswerkzeug
beachtet worden ist, die Wirkung. Wenn man diese rhetorischen Werkzeuge
näher anschauen und einsetzen will, kommt man allerdings mit
einer formalen Betrachtung nicht aus, sondern muss zum Inhalt übergehen,
vom geschichtlichen Fall ausgehen.
III.
Erlauben Sie das nächstliegende, schon angeführte Beispiel:
Amerika wird niemals eine Erlaubnis brauchen, um sich selbst
zu verteidigen. Die Terroristen haben Amerika den Krieg erklärt,
und Krieg ist es, was sie nun erleben. Das Wort ,Krieg
war der rote Faden in der Rede George W. Bushs am 21. Januar 2004.
Seine Berater erklärten dazu, der Präsident sei frustriert,
weil in den USA das Bewusstsein nachlasse, im Krieg zu stehen (BZ,
22. 1. 04).
War der Terrorismus neuer Spielart notwendigerweise eine Herausforderung
zum ,Krieg?
Wie ist der am 11. September 2001 eröffnete Konflikt-Zustand
zu bezeichnen? Befindet sich die westliche Welt, die in dem Attentat
gemeint war, seither im ,Krieg mit dem ,Terrorismus?
Haben wir unvermeidlich erneut wenn auch unter völlig
veränderten Bedingungen gegenwärtig den Weltzustand
eines Gegenübers feindlicher Lager, einen Zustand, der sich jederzeit
als Kriegshandlung artikulieren kann und gegen den daher eine veränderte,
neue Hochrüstung am Platz ist?
Mit welchen Begriffen ist am vernünftigsten zu arbeiten?
Vierzehn Tage nach dem vielbesprochenen Attentat, am 25. September
2001, hat Erhard Eppler im Berliner Willy-Brandt-Haus über genau
dies Thema mit der Begründung gesprochen:
Ich tue es deshalb, weil Politik immer auch Benennungshandeln
ist, weil die Termini, die wir benutzen, darüber entscheiden,
wie wir eine Sache angehen, ob und wie wir sie verstehen und nicht
zuletzt: wie wir entscheiden, was wir tun.
Eppler hielt es für falsch, bei den Selbstmordattentaten auf
die Machtsymbole der USA von ,Kriegserklärung und ,Krieg
zu sprechen, und nennt vier Beweisstücke:
1. Das Wort Krieg wecke übertriebene Ängste, es dramatisiere.
2. Es werte die Täter auf, bei denen es sich nicht um Krieger,
sondern um Kriminelle handle.
3. Kriege würden zwischen Staaten ausgefochten, mit einem politisch
verantworteten Anfang und Ende.
Der Terminus ,Krieg verhindere, dass das Neue, was hier vorliege,
in den Blick gerate: Terror als eine Erscheinungsform, wohl
die gefährlichste, einer schleichenden und manchmal galoppierenden
Entstaatlichung, Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt,
die wir seit gut einem Jahrzehnt auf dem ganzen Erdball in sehr unterschiedlichen
Formen betrachten können.
Ebenso hielt und hält Eppler den Feindbegriff des ,Terrorismus
für irreführend. Dieses Abstraktum, ,der Terrorismus,
fasse etwas als Einheit zusammen, das als solches gar nicht existiere,
und schaffe so die Suggestion eines geschlossenen, massiven Gegenübers.
Sicher sei das islamisch-fundamentalistische Netzwerk derzeit das
gefährlichste, aber es gebe viele Netze, Gruppen, man habe es
mit einem von extrem rechts bis links reichenden, vielköpfigen
und heterogenen Phänomen zu tun. Wer den Terror reduzieren
will, muss die staatlichen Gewaltmonopole hüten, verteidigen
und auch wiederherstellen. Und genau das geschieht ja nicht, wo man
dem ,Terrorismus den ,Krieg erklärt.
Wenig später, am 24. Oktober und 20. November 2001, hat Herfried
Münkler in Bielefeld und Berlin über das gleiche Thema gesprochen,
Sind wir im Krieg?, und gelangt bei dem Blick auf dasselbe Phänomen
zu gegenteiligen Schlüssen.
Er verteidigt den Namen ,Krieg für das auch in seinen Augen
nicht ganz neuartige Geschehen, indem er einen Kriegsbegriff wie den
von Eppler vertretenen als klassisch und schon historisch geworden
einstuft. Er fasst den Begriff weiter und schließt sich dabei
an Definitionen von Clausewitz an. Demnach ist der Krieg
1. ein Chamäleon, dessen Erscheinungsformen sich ständig
verändern;
2. er ist das Aufeinandertreffen zweier Willen, die einander
mit den Mitteln der Gewalt zu brechen suchen ein
erweiterter Zweikampf.
3. Der klassische Krieg, der als Monopol des Staates galt, war nur
eine seiner möglichen Erscheinungsformen. Inzwischen sind
nur noch etwa zehn Prozent aller weltweit geführten Kriege Staatenkriege
im klassischen Sinn, und in den restlichen Kriegen treten zumindest
auf einer Seite Akteure auf, die man am griffigsten als Gewaltunternehmer
bezeichnet: Sie haben aus dem Krieg ein Geschäft, aus den Kämpfen
ein Gewerbe und aus der Gewaltanwendung eine Lebensform gemacht.
Terroristen sind nicht einfach oder gar nur ,Kriminelle, ihre
Anschläge sind Kriegshandlungen eines neuen Typus, weil deren
Akteure durch sie einen ihren eigenen Absichten und Bestrebungen
entgegenstehenden Willen brechen oder doch zumindest schwächen
wollen.
Herfried Münkler trägt, soweit ich sehe, auch keine Bedenken
gegen den derzeitigen Begriff ,Terrorismus. Er grenzt ihn ein
und beschreibt ihn, indem er geschichtliche Durchgangsformen wie das
Partisanentum und die dann folgende Entwicklung zu einer politischen,
militanten Aktionsform scharf analysiert und als generelles Phänomen
charakterisiert.
Es ist dies eine neue Erscheinungsform des Chamäleons Krieg,
denn der Angriff zielte nicht, wie in den militärstrategischen
Konzeptionen des 19. und 20. Jahrhunderts, auf die bewaffneten Kräfte
des Feindes, mit dem ein Messen der militärischen Kräfte
veranstaltet wird, aus dem dann die eine Seite als Sieger und die
andere als Besiegter hervorgeht, sondern angegriffen wird die Moral
des Feindes, die durch Furcht und Schrecken geschwächt werden
soll, und angegriffen werden vor allem die ökonomischen Grundlagen
der feindlichen Ordnung, indem die hochsensiblen Renditeverwertungen
und Wachstumsprognosen zertrümmert werden.
Für das hier Gemeinte findet Münkler an anderer Stelle die
einprägsame Formel der neuen asymmetrischen Kriege.
(Die neuen Kriege, S. 240 ff.)
Auch er sieht, wie Eppler, als wirksamstes Gegenmittel die Herstellung
eines Mindestmaßes an Staatlichkeit im globalen Rahmen
sicherzustellen, dass die Staaten und nur die Staaten
die Herren des Kriegs sind.
Ich beschränke mich hier bewusst auf die Stellungnahme Erhard
Epplers und Herfried Münklers vom Spätherbst 2001, im Augenblick
der öffentlichen Weichenstellung. Es war eine weitreichende Entscheidung.
Der Terminus ,Krieg ist weiterhin das zentrale Argument der
US-amerikanischen Politik. Ist die Klage über das nachlassende
Bewusstsein, im Krieg zu stehen, im Recht? Kann ein Sprachwissenschaftler
etwas zur Klärung der Kontroverse beitragen?
IV.
Erhard Eppler nahm Stellung als Politiker, ihn beschäftigte der
Handlungscharakter der Wörter ,Krieg und ,Terrorismus,
in linguistischer Ausdrucksweise: die pragmatische Funktion dieser
Termini, ihre an diese Situation gebundene Handlungsfunktion. Er hielt
ihren Gebrauch, aufgrund der üblicherweise mit ihnen verbundenen
Bedeutung, für eine gefährliche Irreführung, befürchtete
eine falsche Weichenstellung.
Herfried Münkler sprach als Politikwissenschaftler, ihn beschäftigte
die wissenschaftliche Genauigkeit und Angemessenheit der Begriffe,
ihre Erkenntnisleistung. Er hält ihren Gebrauch für angemessen,
ja sogar für geboten. Dabei bedient er sich aber, eine neue Weltlage
vor Augen, einer Neudefinition des Wortes ,Krieg. Auch Münkler
will aufklären und hält die Nichtverwendung des Begriffs
,Krieg für eine irreführende Weichenstellung, eine
Selbsttäuschung.
Zunächst würde ich sagen: Im politischen Raum wirken die
Wörter in ihrer landläufigen Bedeutung. Das Wort ,Krieg
wird gegenwärtig von den USA als Kampfbegriff, als Rechtstitel,
,Terrorismus als Feindbegriff verwendet. Wissenschaftliche Neudefinitionen
und Umschreibungen von Begriffen haben es schwer, sich gegen den eingebürgerten
Gebrauch durchzusetzen. Sie werden öffentlich nur langsam oder
auch gar nicht anerkannt. Was in unserem Fall daher zuerst interessiert,
ist der öffentliche Gebrauch.
Wenn man die zahlreichen Lexika befragt, in denen die Vorgeschichte
und die Geschichte des deutschen Worts Krieg festgehalten
ist, ergibt sich für den Sprachgebrauch seit dem 18. Jahrhundert
ein eindeutiger Befund: Krieg ist ein langfristiger Konflikt
zwischen Staaten. Diese Bedeutung dominiert auch im englisch-amerikanischen
Gebrauch von war in der jüngeren Neuzeit. To be at
war heißt Krieg führen im genannten Sinn.
Was ergibt sich daher für den ,Krieg gegen den Terrorismus,
für die Formel We are at war against terrorism? Solange Bush
den Begriff nicht ausdrücklich und wirksam neu definiert, wird
die landläufige, mit ungezählten Assoziationen befrachtete
Bedeutung durchschlagen. ,Krieg wird dann ,der mit Waffengewalt
ausgetragene Konflikt zwischen Staaten, Völkern, jene ,größere
militärische Auseinandersetzung, die sich über einen längeren
Zeitraum erstreckt sein im öffentlichen Bewusstsein,
möglicherweise aber selbst im Bewusstsein derer, die ihn anders
meinen.
,Terrorismus wird dann nicht nur eine neue Aktionsform des Kriegführens
sein, sondern als Gegenüber des klassischen Krieges verstanden.
Von dem Wort ,Krieg geht ein sog. ,Transfermerkmal, ein
Übertragungsmerkmal auf den an sich abstrakten Kriegsgegner aus,
er wird ein dinghafter Gesamtkomplex, eine Einheit, ein feindliches
Massiv, dem man sich gegenübersieht und gegen das nur mit Krieg
anzurennen ist. Abstrakta dieses Typus sind dadurch charakterisiert,
dass sie eine Vielfalt von heterogenen Phänomenen zusammenfassen
und diesem Zusammengriff eine dingliche Realität unterstellen,
das so benannte Objekt als ein blockhaftes Massiv erscheinen lassen:
,das System von Weimar, ,die Achsenmächte, ,der Spätkapitalismus,
,das Establishment, ,die Achse des Bösen, ,der Terrorismus.
Die öffentliche Begründung ist nicht wirkungslos, im Gegenteil,
sie definiert im Medienzeitalter das Geschehen. Wer heute vom ,Krieg
gegen den Terrorismus spricht, wird solange ein Vorbehalt
fehlt in der beschriebenen Weise verstanden. Vielleicht will
er es? Abstrakta haben den Vorzug, dass sie unterschiedliche Erscheinungsformen
zusammenfassen, aber sie bekommen dadurch zugleich etwas Schillerndes,
eine bestimmbare Brauchbarkeit.
Diesen ihren Charakter entdeckt bereits Alexis Tocqueville im 16.
Kapitel seines Buchs Über die Demokratie in Amerika von 1835.
Es heißt Wie die amerikanische Demokratie die englische
Sprache verändert hat: Die Neigung zu Abstraktionen sei
ein Merkmal, meint er:
Diese abstrakten Wörter, die die demokratischen Sprachen
füllen und die man bei jeder Gelegenheit verwendet, ohne sie
mit einer besonderen Sache in Verbindung zu bringen, erweitern und
verschleiern zugleich das Denken; sie geben dem Ausdruck etwas Rascheres
und verwirren den Begriff. Aber die demokratischen Völker lieben
die Unklarheit mehr als die Mühe [
] Da sie nie wissen,
ob der Gedanke, den sie heute aussprechen, der neuen Lage von morgen
angemessen sein wird, neigen sie naturgemäß zu abstrakten
Ausdrücken. Ein abstraktes Wort ist wie eine Schachtel mit doppeltem
Boden: Man legt die gewünschten Gedanken hinein, und man zieht
sie wieder heraus, ohne dass jemand es sieht.
Herfried Münkler hat auf eine eingreifende, umkrempelnde Weise
die neuen Auseinandersetzungen analysiert, die im Gange sind und wahrscheinlich
bevorstehen. Aber es gibt hier eine Schwierigkeit. Die geschichtliche
Entwicklung ist, wenn er Recht hat, unserem Begriffsapparat davongelaufen,
die Sprache klappt nach, hinkt einmal wieder hinterher, sie wirkt
nach. Altmodische Mythen beherrschen die Szene, bleiben nicht Mythen,
sondern werden Handlungen. Es scheint angebracht, an einen anderen
großartigen Essay des 19. Jahrhunderts zu erinnern:
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen
sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten,
sondern unter vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.
Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem
Gehirne der Lebenden. Und wenn sie damit beschäftigt scheinen,
sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen,
gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören
sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste
herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in
dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache
die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther
als Apostel Paulus [
] So übersetzt der Anfänger, der
eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache,
aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei
in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung
in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergisst.
(Marx/Engels, Ausgewählte Schriften I, S. 226 f.)
Hat die amerikanische Regierung die angestammte Sprache vergessen,
produziert sie frei, oder karikiert George W. Bush die Umwälzung,
wie es Karl Marx in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte von
dem französischen König des Jahres 1848, dem nachklappenden
zweiten Napoleon, behauptet?
Fällt die US-amerikanische Kriegspolitik der letzten Jahre zurück
in alte Muster, erliegt sie der überlieferten Sprache?
Ich vermute: Das Attentat vom 11. September zielte auf eine Begriffsverwirrung
und Handlungsverirrung und hatte Erfolg. Die Attacke der Gotteskrieger
war eine Kriegsfalle. Sie suchte die Konfrontation zweier metaphysischer
Gewalten, und sie wurde so intelligent und zynisch ausgeführt,
dass sie die amerikanische Öffentlichkeit reflexartig auf den
Gedanken eines kriegerischen Gegenschlags einschwor. Der amerikanischen
Regierung, zumindest ihren Falken, war die Kriegsfalle aber willkommen.
Sie entschloss sich zu einer maßlosen Überschätzung
des Gegners, ernannte ihn zur Großmacht. Ihre politische Sprache
ließ nicht klar erkennen, was dabei überwog: Die Absicht
einer Bekämpfung über die Welt verstreuter antiamerikanischer
Terroristen, der Entschluss zum Krieg als Mittel zu einer neuartigen
hegemonialen Politik oder der Gegenglaube an eine metaphysische Auseinandersetzung
zwischen dem Reich des Guten und des Bösen. In jedem Fall erschien
das Attentat als eine Gelegenheit, die fehlgegangene, missratene Afghanistanpolitik
und Irakpolitik zu revidieren.
V.
Dem Konzept we are at war folgten zwei Kriege gegen islamische Staaten,
der Vorstellung eines einheitlichen Terrorismus eine neue
Mobilisierung. Produzierte man, was man unterstellte? Ich habe den
Eindruck: Die amerikanische Politik nützte die Situation als
Instrument zu neuer Blockbildung.
Damit ist die These, dass wir in eine Epoche ,neuartiger Kriege
eingetreten sind, nicht widerlegt. Wenn dies der Fall wäre, sollte
man dann das Wort ,Krieg in neuer Definition beibehalten, oder
verführt es zum Rückgriff auf die klassische Kriegsform?
Genügt es, das Wörtchen ,asymmetrisch hinzuzusetzen,
blendet der naturwissenschaftlich-geometrische Begriff überholte
Vorstellungsinhalte in angemessener Weise aus? Ist der Zusatz ,asymmetrisch
stark genug? Ich zweifle, das Wort sagt zu wenig.
Wo stößt denn der ,asymmetrische Krieg auf seine
rechtlichen Grenzen: auf Grenzen, die das allgemeine Menschenrecht
setzt, die das Recht der Staaten auf Souveränität hervorbringt,
welche die internationale Rechtsordnung und ihr Gerichtshof ziehen;
gibt es eine Grenze, an der in der Epoche des ,Kriegs gegen den Terrorismus
der Friede beginnt?
Die US-amerikanische Politik war von ihren Anfängen an doppelgesichtig:
Auf der einen Seite verdanken wir ihr seit der Erklärung des
Grundsatzes that all men are created equal de schlüssigste
Formulierung einer Weltfriedensordnung, eines Weltbürgerrechts
und die stärksten Ansätze zu ihrer Verwirklichung, auf der
anderen Seite stellt sich in ihr früh ein machtförmiges,
andere Lebensformen ausschließendes, verdrängendes Selbst-
und Sendungsbewusstsein ein. Verliert sie zur Zeit das eine dieser
beiden Gesichter?
Die republikanische Rhetorik, die Redekunst der sog. Freistaaten,
verfügte nicht nur über eine Methode, um den politischen
Entscheidungsprozess nach Regeln zu klären, sondern auch über
Spielregeln für die Beteiligten. Dazu gehörte
- die grundsätzliche Gleichberechtigung der Partner,
- ihre Freiheit als die Freiheit des anderen,
- das Prinzip gewaltfreier Verständigung, sofern es
von der Gegenseite geachtet wurde usf.; kurz, es gab hier einen Normenkatalog.
Etwas davon ist in der Rhetorik des Anaximenes spürbar. Ein starker
Schuss Realismus kommt bei ihm hinzu, wenn er z. B. dazu rät,
die realen Machtverhältnisse im Auge zu behalten:
Will man einen bestehenden Kriegszustand beenden und sind die
Zuhörer die Sieger, dann muss man eben darauf hinweisen und sagen:
- Wer jetzt die Oberhand habe, solle nicht warten, bis er wieder zu
Fall komme, sondern im Siege den Frieden schmieden, ferner:
- Der Krieg vernichte auch viele von den Siegern, aber der Friede
rette die Überwundenen und verschaffe den Siegern zu genießen,
weswegen sie zu Felde gezogen seien. Auch
- muss man die Wechselfälle eines Kriegs darlegen, wie sie oft
wider Erwarten eintreten.
Mit solchen Gründen soll man die Sieger eines Krieges zum Frieden
aufrufen. Die Geschlagenen soll man aus dem heraus überreden,
was ihnen begegnet ist:
- Sie sollten aus ihrem Unglück lernen und nicht die Übermütigen
noch reizen;
- es bestehe die Gefahr, dass sie überhaupt keinen Frieden abschließen
würden;
- es sei besser, den Stärkeren einen Teil der Habe zu überlassen,
als dass sie, im Kriege besiegt, selbst samt ihrer Habe zugrundegingen.
Im Ganzen muss man wissen, dass man immer dadurch die Kriege beilegt:
- wenn man überzeugt ist, die Gegner hätten eine gerechte
Forderung, oder:
- wenn man sich mit den Bundesgenossen überwirft, oder:
- wenn man kriegsmüde ist, oder:
- wenn man die Feinde fürchtet, oder:
- wenn es zur Empörung im eigenen Lande kommt.
Wenn man aus all diesem und Ähnlichem das für die Verhältnisse
Passendste zusammenbringt, wird man Stoff genug haben für die
Verhandlungen über Krieg und Frieden.
Das ist Rhetorik als Findekunst, Klärungsinstrument, Gestaltungswerkzeug
und Wirkungslehre, im kaum glaublichen Abstand von 2300 Jahren. Sie
besticht durch ihre Nüchternheit. Ihr zu folgen hieße,
in der gründlich veränderten Situation eine dieser Situation
angemessene klare Begriffsbildung zu entwickeln, die nicht aufgrund
ihrer weichen Ausdeutbarkeit einen Rückfall in vergangene Mythen
erlaubt, sondern zu einer neuen Weichenstellung führt. Es könnte
bedeuten, mit Hilfe von Rhetorik, Dialektik, Logik die Wissenschaft
von der Politik zu entdecken.
Der Artikel ist der leicht gekürzte Text eines
Vortrags, den der Autor am 31. Januar 2004 im Otto-Wels-Saal des Deutschen
Bundestags hielt (anlässlich der Tagung Kriegsbegründungen
in der Geschichte. Strategien der Legitimierung und Legalisierung
militärischer Gewalt. Institut Frieden und Demokratie,
Fernuniversität Hagen).