Bernard-Henri Lévy will die
Politik retten
Seilschaften an der
Seine
Die nouveaux philosophes, Frankreichs neue und
etwas andere Philosophen, waren einst angetreten, Macht und Politik
und ihre Verflechtungen mit Konzern- und Finanzinteressen kritisch
zu durchleuchten. Heute sitzen sie mit Industriekapitänen und
Pressebaronen in einem Boot. Sich den Fahrstuhl zurückschicken,
sagt man auf Französisch, wo auf Deutsch eine Hand die andere
wäscht. Bernard-Henri Lévy und Luc Ferry sind in Frankreich
die Prototypen des Rechtsintellektuellen, der mit politischer
und wirtschaftlicher Macht klüngelt. Ähnlichkeiten mit deutschen
Vertretern dieser Spezies sind gewiss nicht zufällig.
Von Thomas Hahn
Er fühlt sich als Zielscheibe und erklärt sich zum Helden.
Sobald man mir am Zeug flicken kann auf einem Terrain, das nicht
literarisch ist, greift man zu. Ich bin aber auch selbst schuld, habe
mich auf Felder begeben, auf denen Hochspannung herrscht, und habe
mich auf keinem Terrain angebiedert. Bernard-Henri Lévy
liebt Posen und die Selbstinszenierung. Er ist der Prototyp des nouveau-riche
im champ culturel, der Neureiche im Überbau. In Frankreich kennt
ihn jeder in der Medienwelt, wie eine Handelsmarke aus Frankreichs
Luxusgüterindustrie, als BHL. Einer, der mit auf dem Medienklavier
spielt, ein intellectuel-spectacle, der Erfinder der romanquête
(Investigationsroman). Lévy ist ein rotes Tuch für all
jene Zeitgenossen, die gerne weiterhin zwischen Kommerz und Kultur
eine Trennlinie ziehen würden. Gerade erscheint die erste Biografie
über ihn, nur Wochen nach einem Buch, das beschreibt, wie sich
das Phänomen BHL zu einem Mulitmedia-Trust entwickelte und ein
Netzwerk von Persönlichkeiten schuf, die ihm zu Freundschaftsdiensten
verpflichtet sind. Medienbarone, Industrielle, Politiker.
Die Anti-BHL-Front der Intellektuellen befindet dagegen geschlossen,
dass BHL einer philosophischen Kritik längst nicht mehr würdig
ist, und greift ihn deshalb auf politischem Terrain und in seiner
Glaubwürdigkeit als Journalist an. Doch hinter der Fassade BHL
stehen grundsätzliche Fragen nach dem Funktionieren der Gewaltenteilung
im Staat und dem Abdanken des Journalismus und der Intellektuellen
als kritischem Korrektiv.
BHL ist ein Leitartikel schreibender Moralist, der sich in der Schublade
nouveau philosophe räkelt, seit er in den 1970er Jahren ein Buch
über Sartre und eines über Lidéologie française
veröffentlichte. Seither versorgt er uns mit Abenteuerromanen,
in denen er selbst die Hauptrolle spielt und als Verteidiger des Guten
durch böse Welten wie den Kosovo, Pakistan oder Kolumbien zieht
und dabei den Mördern des amerikanischen Journalisten Daniel
Pearl, der kolumbianischen FARC-Guerilla und einer Art Metaphysik
seiner selbst auf der Spur ist. Den Rest der Zeit kommentiert er die
Weltlage und gibt mitunter seine Leitartikel oder andere Gedankenspiele
gesammelt in Buchform heraus. Mal bezeichnet er sich vor allem als
Schriftsteller, mal beteuert er, Philosophie sei nur
dann schlüssig, wenn sie sich an die aktuellen Umstände
bindet, und verficht die Idee, der tagesaktuelle Kommentar zum
Weltgeschehen sei die nobelste Form der Philosophie überhaupt.
Foucault ist der große Denker des Politischen, das unser
Verhältnis zur Welt bestimmt. Man denkt politisch in Westeuropa,
aber man praktiziert die Politik nicht, d.h. den Streit, die Gegensätze
der Weltanschauungen. All das ist im Verschwinden begriffen. Politik
ist auf ihre einfachste Ausdrucksweise reduziert. Was vorgibt, die
politische Klasse zu sein, ist oft nicht mehr als Interessensgemeinschaften,
wo Politik nur noch Erinnerung ist. Wir müssen den Soldaten Politik
retten. Das politische Denken haben wir. Was fehlt, ist die Praxis.
Dass ausgerechnet Herr BHL Interessensverflechtungen anprangert,
klingt wie Selbstironie. Sein einflussreicher Freundeskreis macht
ihn immun gegen jede sachliche Kritik an seinen romanquêtes
über Pakistan, Kolumbien oder Algerien. Doch vermischen sich
hier Objektives und persönliche Fantasien etwa so effektiv wie
bei Dan Brown in seinem Roman Sakrileg (im Original: The
Da Vinci Code). Auf die Kritik von Spezialisten der betroffenen
Länder antwortet BHL nicht, wenn ihm etwa haarsträubende
Fehleinschätzungen und Unkenntnis der fremden Kulturen nachgewiesen
werden. Auch seine angeblich langjährige Freundschaft zum Kommandanten
Massud, deren er sich in Wer hat Daniel Pearl ermordet? rühmt,
war offensichtlich ins Gigantische aufgeblasen, ebenso wie sein scoop,
die pakistanischen Geheimdienste hätten al-Quaida zur Atombombe
verholfen. Aber egal, die Medien liegen ihm zu Füßen, und
wer ein Star ist, darüber entscheiden nun mal die Journalisten.
Längst ist das Buch über BHL so etwas wie ein
eigenes publizistisches Genre geworden. Zum Jahreswechsel war der
entrüstete Artikel gegen BHL oder das Feiern einer Neuerscheinung
von oder um BHL ein täglich Brot der Zeitungsleser. Zum Erscheinen
der ersten Biografie ließ er verlauten, er erschaudere
im Voraus, dass man in den Winkeln meines Lebens wühlt.
Das Erscheinen der Biografie versuchte er angeblich zu verhindern,
da diese ihm u.a. seine häufigen Positionswechsel in Bezug auf
Personen und seinen von tagesaktueller Politik bestimmten Opportunismus
vorhält. Es war vergeblich. All die publizistische Erregung,
die sich in den letzten sechs Monaten um ihn herum aufgebaut hatte,
entlud sich mit Vehemenz.
Bei all dem Marketing braucht das zu vermarktende Buch eigentlich
gar nicht zu existieren, höhnt Gilles Deleuze. Das Buch ist nicht
Zweck, sondern Mittel. Aber Geld lässt sich eben doch damit verdienen.
Von Philosophen wie BHL liegt in der Fnac (der großen
Pariser Buchhandlung) immer nur das neueste Werk aus. Dagegen finden
Sie von wahren Philosophen wie Bourdieu auch alle früheren Werke,
beobachtete Serge Halimi, Redakteur von Le Monde diplomatique
und einer der schärfsten Kritiker Lévys. Nach Stichprobe
lässt sich hinzufügen, dass selbst das neueste Werk von
BHL meist nicht viel länger ausliegt, als das ihm gewidmete Mediengetöse
andauert.
Der Journalismus, so spottete Gilles Deleuze schon 1977, sei sich
seiner Möglichkeiten bewusst geworden, selbst das Ereignis zu
schaffen. Er brauche daher auch keine Experten von außerhalb
mehr, sondern genüge sich selbst als Denkschule. Letztendlich
sei der Artikel über ein Buch wichtiger als das Buch selbst,
und so würden demnächst wohl Bücher über Zeitungsartikel
geschrieben. Das war damals ironisch überzogen, aber als Prophezeiung
ein Volltreffer: Intellektuelle, Schriftsteller und sogar Künstler
sind nun gezwungen, selbst Journalisten zu werden, um die Norm zu
erfüllem. Deleuze setzte damals noch einen drauf: Die
nouveaux philosophes leben von Kadavern. Dachte Deleuze
noch an Werke über den Gulag, geht es heute um Daniel Pearl,
die Opfer der FARC, um Algerien, um den Kosovo. Wer Zeitzeuge ist,
ist Autor, ist Denker. Meine Obsession ist die Frage des Bösen,
und dass eine Gesellschaft sich an ihren Schattenseiten misst.
Wer sich wie BHL selbst als Ritter gegen das Böse inszeniert,
als Widerständler gegen Islamisten und Kommunisten und als Gewissen
der westlichen Welt, braucht Leichen, um seinen Moralismus zu vermarkten.
Mögen doch die Philosophen sich zusammenschließen und den
Medien gegenüber ihre Ethik verteidigen. Sich nicht instrumentalisieren
lassen, sondern selbst Produzenten werden. Ein schöne Utopie,
die Deleuze da vor drei Jahrzehnten aussprach. Inzwischen wurde sie
auf banalste, ironischste Weise Wirklichkeit. Jeder Hobbykünstler
agiert nach Belieben als sein eigener Produzent, der darauf hofft,
sich den Ritualen der Medien unterwerfen zu dürfen. Und die nouveaux
philosophes sind, durch ihre Cliquenbildung mit Journalisten und Politikern,
längst Produzenten ihres eigenen Image, das sie auf dem Markt
der Ideen platzieren. Wer dagegen weiter kritisch die Machtstrukturen
in Medien, Industrie und Politik verfolgt, wird von den Medien ignoriert.
Einer der wortgewaltigsten und gleichzeitig der am wenigsten hysterische
Gegenspieler von Bernard-Henri Lévy ist Serge Halimi. Der Redakteur
von Le Monde diplomatique brachte 1997 seine viel beachtete
Kritik des Mediensystems heraus: Les nouveaux chiens de garde (Die
neuen Wachhunde, 1997). Womit natürlich die Journalisten gemeint
sind, aber auch die Philosophen, die ihre Rolle als Gegengewicht zur
Macht weitgehend aufgegeben haben. In der Präambel zitiert Halimi
den Schriftsteller Paul Nizan, der 1932 in Les chiens de garde
schwor: Wir werden nicht ewig akzeptieren, dass der Respekt,
welcher der Maske des Philosophen angedient wird, letztendlich nur
der Macht der Bankiers zu Gute kommt.
Netzwerke wie das von BHL, aber auch anderer nouveaux philosophes
bilden Marketingstrukturen, über die man getrost hinweggehen
könnte, eröffneten sich nicht im Hintergrund allerlei Möglichkeiten
zur Manipulation. Das ist zunächst keineswegs originell. Halimi:
Durch persönliche Freundschaften in den Chefetagen der
Medien sichern sie sich das von ihnen gewünschte Maß an
Präsenz. Das Netzwerk besteht nicht aus großen, sondern
aus mediatisierten Intellektuellen, die in der Öffentlichkeit
hoch präsent sind. Aus allen, die mit ihrer Macht dazu beitragen
können, seinen Bekanntheitsgrad und seine mediale Macht zu steigern.
Wenn ein Autor aus dem Netzwerk von BHL ein Werk herausbringt, können
Sie seine Bloc-notes in Le Point wie ein Bulletin der
Belohnungen jener lesen, die ihm gegenüber nett waren. Und hier
sanktioniert er auch seine Feinde, die er immer als sauertöpfisch
oder gar antisemitisch oder stalinistisch darstellen wird. Das ist
eigentlich lächerlich, aber dennoch von Bedeutung, denn es reicht
aus, dass BHL sich zu einem Thema engagiert, und sofort ist dieses
in den Medien präsent, und die Öffentlichkeit reagiert.
So dass sich 1994/95 das Interesse auf Bosnien konzentrierte und Ruanda
fast vergessen wurde. Keine geringe Macht also, denn über die
auf ihn reagierenden Journalisten beeinflusst er auch die Handlungen
der regierenden Politiker. Absicht ist das wohl nicht. Aber er begleitete
einen bedeutenden Anteil der großen Strömungen der öffentlichen
Meinung der letzten fünfundzwanzig Jahre. Nehmen Sie die Kritik
des Totalitarismus eine Geschichtsschreibung, die von BHLs
Definition der Menschenrechte bestimmt wird. Er hat entscheidend
dazu beigetragen, dass die zentrale Dialektik in der öffentlichen
Diskussion vom Gegensatz rechts-links zum Gegensatz Demokraten
Totalitaristen umgeschwenkt ist.
In Léloge de lintellectuel (1988), einer
Art Loblied auf ihn selbst, zeichnet BHL das Bild einer Gesellschaft
des Konsenses, in der die Intellektuellen keine wahren Debatten mehr
anzetteln können und den Rückzug antreten vor der Macht
von den Medien hofierter Pseudo-Intellektueller. Ein Grund mehr, ihn
heute als Alarmzeichen seiner, unserer Zeit zu betrachten: Er
engagiert sich zu Fragen, über die in der Öffentlichkeit
ein Konsens herrscht. Mal ging es gegen den Kommunismus, heute gegen
den Terrorismus. So verleiht er dem Zeitgeist ein intellektuelles
Alibi. Und am Rande beeinflusst er selbst den Zeitgeist. Die öffentliche
Debatte, die Agora spielt sich heute auf den dafür vorgesehenen
Seiten von Libération, Le Monde und Le Figaro
ab. Um sich dort zu äußern, bedarf es eines gewissen Namens.
Und BHL kann dort schreiben, wann er will. Übrigens in allen
drei, und da ist er einer der ganz wenigen. Und gleichzeitig kann
er Reportagen für die Regenbogenpresse schreiben und Themen bei
Arte durchsetzen, wo er Aufsichtsratsvorsitzender ist und dessen Präsident
Jérôme Clément zu seinem Netzwerk gehört,
und er kann erreichen, dass La Cinq einen Dokumentarfilm über
die Instandsetzung seines Hauses finanziert, usw. usw.
Wie sehr die Verstrickung der philosophierenden Leitartikler mit den
Machtzentren auch deren Thesen beeinflusst, davon erzählt allein
der Titel in Halimis Les nouveaux chiens de garde. BHL:
Wachsam zu sein, das ist für mich die Rolle des Intellektuellen.
Die Wachhunde beschützen nicht etwa den Bürger, sondern
die bestehenden Machtverhältnisse. BHL gehört der
Elite an und verteidigt die Elite. Da hat er die Position entwickelt,
dass alle Kritik der politischen und ökonomischen Elite den Extremismus
und den Populismus fördert und dass die Verteidigung der Eliten
die Verteidigung der Demokratie sei. Und die Journalisten nehmen das
dankbar auf: Wer uns angreift, spielt den Rechtsradikalen in
die Hände. Ändern wir also nichts. Hier stößt
Halimi in dasselbe Horn wie Xavier de La Porte und Jade Lindgaard
in Le B.A.BA du BHL (Das ABC des BHL). Der Star selbst drückte
es, beim Internet-Chat des Nouvel Observateur anlässlich der
Öffentlichkeitsarbeit für seine Neuerscheinungen, ganz unschuldig
aus. Gefragt, warum er und die anderen Philosophen denn nicht oder
so wenig den galoppierenden Ultraliberalismus kritisieren, zuckte
BHL trocken mit den Schultern: Man kann nicht über alles
reden.
Vor allem dann nicht, wenn man sein Vermögen über Präsenz
in den Medien scheffelt, die wiederum immer mehr in den Händen
der Industrie liegen, genauer: der Rüstungsindustrie. So kontrolliert
der Rüstungsmagnat Serge Dassault 70 Pressetitel, darunter LExpress
und Le Figaro, wo er sich persönlich in redaktioneller
Runde einschaltete und dem Ansehen seines Prachtstückes einigen
Schaden zufügte. Alle großen Pressetitel de Landes sind
sanierungsbedürftig. Warum? Die Werbeeinnahmen fehlen. In die
Lücke der Abhängigkeit stoßen Konzerne wie Lagardère,
der seine Beteiligung an Le Monde erhöhte. Der weltweit
größte Pressekonzern ist zwar heute noch weit davon entfernt,
Mehrheitsaktionär zu werden, doch kontrolliert er ebenso den
Medienkonzern Hachette, den Radiosender Europe 1 und verkauft, nebenbei,
Kampfhubschrauber und Raketen im Wert von sechs Milliarden Euro pro
Jahr. Die Redaktion bleibt unabhängig auch wenn einhundert
Stellen gestrichen werden und die kritische Kulturbeilage Aden aufgegeben
wird. Ein Zufall? Dass des Landes mächtigster TV-Sender TF1 in
der Hand des weltgrößten Baukonzerns Bouyges liegt, dessen
Führung eine Schwäche für Le Pen hat, ist von allen
Verflechtungen die bekannteste.
Es kommt aber noch besser. Denn nichts könnte deutlicher das
Ende des Klassenkampfes (und damit den Triumph der Thesen von BHL)
unterstreichen als die Übernahme von 37 Prozent des Kapitals
von Libération durch Edouard de Rothschild. Die Zeitung
der Linken, von Jean-Paul Sartre gegründet, erhält von Rothschild
20 Millionen Euro und Chefredakteur Serge July eine recht ungewöhnliche
Jobgarantie bis 2012. Welch eine Versöhnung zwischen Rothschild
und July, der für Mitterand schwärmte, der 1982 das Bankenimperium
von Rothschilds Vater verstaatlichte. Schon 1993, so weiß Halimi
zu berichten, erkannte der Chefredakteur von Libération,
Laurent Joffrin: Wir waren das Instrument zum Sieg des Kapitalismus
in der Linken. Während in Frankreich der Arbeitgeberverband
Medef die Regierung bei jeder Gelegenheit unter Druck setzt, um soziale
Sicherung abzubauen und die 35-Stunden-Woche jeglicher Substanz zu
berauben, während die Globalisierung weltweit Wirtschaft und
Politik miteinander verschmilzt, wiegt die Kontrolle von Großkonzernen
über die Presse doppelt schwer. Der militärisch-industrielle
Komplex ist auch noch zum militärisch-industriellen Medienkomplex
geworden.
Ein leuchtendes Beispiel für Unabhängigkeit war die französische
Presse weder in der Vierten noch in der Fünften Republik. Der
von der Hierarchie der Eliten entfachte Sog und die zentralistisch-feudalistische
Tradition verhindern bis heute jede Selbstreinigung des Systems. Zwar
kann Jacques Chirac es sich nicht mehr leisten, mal eben in der Chefredaktion
anzurufen und an der Tonlage der Nachrichten zu drehen, wie es bei
seinen Vorgängern bis hin zu Mitterand üblich war. Er braucht
es auch nicht mehr. In Lidéologie française
behauptet BHL, Frankreich sei unheilbar latent faschistisch und müsse
sich daher so weit es irgend geht nach außen öffnen, also
für die Konstruktion Europas und gegenüber den USA und der
kapitalistischen Globalisierung, also rein zufällig den Kreisen,
in denen er sich selbst bewegt.
Der letzte philosophische Wachhund im positiven Sinne der Unabhängigkeit
war Pierre Bourdieu, der es zu ähnlicher Popularität brachte,
auch über die Medien, dabei aber tatsächlich neue Erkenntnisse
veröffentlichte und heute auch an der Universität im Fach
Philosophie gelehrt wird. Laut Halimi, der TV-Auftritte aus Prinzip
ablehnt, hätte Bourdieu auf seine Medienpräsenz genauso
verzichten können. Seine Wirkung liegt darin, dass seine
Bücher weiter gelesen werden.
Eine französische Eigenheit sind auch die engen Verbindungen
zwischen der philosophischen und der politischen Sphäre. Ein
politischer Karrieresprung wird in Frankreich üblicherweise mit
der Veröffentlichung eines Buches eingeleitet. Nicolas Sarkozys
jüngster politisch-literarischer Vorstoß gegen die Trennung
von Staat und Kirche zum Beispiel positioniert seine Marke am Markt
der Staatsmännlichkeit. An die Präsidentschaftswahlen von
2007 denke er nicht nur, während er sich morgens rasiere, teilte
er schon im vergangenen Jahr in einer TV-Talkshow mit. Kann es verwundern,
dass die nouveaux philosophes selbst vorwiegend in Machtstrukturen
denken, wenn sie so intime Beziehungen zu den Zentren der Macht unterhalten?
Ein anderes Mitglied der Riege der neuen und wertkonservativen
Philosophen ist Luc Ferry, der nach dem konservativen Sieg bei den
Parlamentswahlen 2001 zum Bildungsminister ernannt wurde. Und das
nicht von ungefähr. Seit 1994 ist Ferry Vorsitzender der staatlichen
Lehrplankommission. Sein schnelles, lärmendes Scheitern nach
einem Jahr als Politiker zeigte auf, welche Unterschiede in der Praxis
beider Welten bestehen. Ferry ist der politische Philosoph,
welcher der Rechten helfen will, die Wurzeln ihres Denkens wieder
zu finden. Sein Kampf gilt jeder Art von intellektuellem Radikalismus.
Gleichzeitig betreibt er in der Wahl seiner Themen bereits sein eigenes
Marketing. Ferry ist ein Service-Philosoph, der uns mit Titeln wie
Was ist ein gelungenes Leben? und Der Gott-Mensch
oder der Sinn des Lebens erbaut. Gebrauchsfertige Moral für
den Alltag mag ja in einer Zeit der Konfusion und des Materialismus
gefragt sein, doch alles gründet sich auf plakative Einteilungen
in Gut und Böse. Seine Grundthese von der Notwendigkeit, in Gesellschaften,
die Glauben zur Privatsache gemacht haben, zu einer laizistischen
Spiritualität und Weisheit zu finden, ist vor allem
in Frankreich, das in diesem Punkt eine Ausnahmestellung verbucht
so wenig bestreitbar wie originell.
Ferry schreibt weiterhin Bücher, keine Leitartikel in Wochenmagazinen.
Doch auch er glaubt, dass nur das Engagement im politischen Meinungsstreit
zu einer seriösen Philosophie führt. Lebenshilfe statt Grundlagenforschung,
Reduktion des Philosophischen auf Reaktivität und Kommentar anstatt
Konzeptentwicklung. Wenn schon die Gedankengebilde der Philosophen
nicht länger als eine Generation verwendbar bleiben,
wenn das Politische dem Philosophischen als Ausgangspunkt dient und
nicht als Ankunft, wie soll man dann, moralisch gesprochen, von Politikern
Weitsicht verlangen? In diesem Punkt kommt er BHL doch recht nahe:
Die Politik findet nicht mehr statt. Der gescheiterte Minister ist
flugs mit einem neuen Werk am Markt, in dem er sich über die
effektive Machtlosigkeit des Politischen auslässt. In dieser
selbstzufriedenen Bilanz seines Kurzmandats unter dem Titel Comment
peut-on être ministre? (Wie kann man Minister sein?, Januar
2005) beklagt er, dass unsere Demokratien kaum noch politisch steuerbar
seien, das politische Wort unhörbar.
In vielem sind BHL und Ferry nicht gerade Freunde. Der Erste mag die
Umweltschützer, der Zweite sieht in ihnen potenzielle Faschisten.
BHL: Einige meiner Texte in Récidives wären
nicht das, was sie sind, ohne das Fundament einiger Denker, denen
ich meine Bildung verdanke, vor allem Lacan, Althusser, der vergessene
Marxist, dessen Jünger ich bis heute bin, und Michel Foucault.
Für Ferry dagegen ist Foucault potenziell faschistisch,
die Frankfurter Schule existiert für ihn nur als Wiege der Marxismuskritik.
Genau wie BHL haarsträubende Irrtümer in seinen romanquêtes
über Pakistan, Afghanistan und Kolumbien nachgewiesen werden,
erlaubte sich Ferry Fehltritte in Bezug auf deutsche Geschichte. Ferry
gehört der Strömung der spécistes (Spezisten)
an, deren Menschenbild nicht zulässt, Homo sapiens als Teil der
Natur zu begreifen. Nicht dass man religiös wäre oder Darwin
vom Tisch wischen wolle, aber man predigt die moralische Überlegenheit
des Menschen. Schnell setzt er radikale Tierschützer und Umweltschützer
mit Faschisten gleich, und zwar indem er sich auf Hitlers Gesetze
zu Tierschutz, Umweltschutz und Jagdbeschränkungen beruft und
den Mythos aufleben lässt, Hitler sei Vegetarier gewesen.
Soll man womöglich als Zeichen des Einflusses der neuen
Philosophen auch werten, dass in der intellektuellen Regression
des Medienzeitalters der politische Gegner aber auch wessen
Nase einem auf der Straße nicht passt fast schon reflexartig
als Faschist beschimpft wird (so auch, wer ihm seinen
materiellen Reichtum vorhält oder vorzählt) und damit der
Begriff selbst seine Bedeutung einbüßt?
So polarisiert Ferry wie BHL zwischen Gut und Böse, und zwar
auf einem Niveau, das zur Besorgnis Anlass gibt. Ausgerechnet Ferry
reduzierte die von Kulturminister Jack Lang, mit dem er seinerzeit
zusammenarbeitete, eingeführten Mittel für die Arbeit von
Künstlern mit Schulklassen radikal. Stattdessen ruft er nach
Autorität, Leistungsprinzip und dem Ende von allem, was ihm nach
1968 riecht. Arbeit und Disziplin allein erlauben laut Ferry, die
Freiheit des Kindes zu respektieren. Kein Wort über Spaß
am Lernen, über das Erwecken der Neugier und positive Anreize
fand sich in seinem Brief an alle, die die Schule lieben,
den er bei seinem Amtsantritt im Ministerium an alle Lehrer des Landes
schicken ließ. Ein Aufschrei in den Medien war die Folge.
Politisches Engagement, wie es Foucault und Sartre begriffen, setzt
eine Distanz zum politischen Alltagsgeschäft voraus. BHL und
Ferry streiten das ab, um ihre Einbindung in Machtstrukturen intellektuell
zu rechtfertigen. Ferrys enge Bindung zu Jacques Chirac brachte ihm
gar den Beinamen der Philosoph des Präsidenten ein.
Der Intellektuelle steht in der französischen Tradition
in Opposition zur Macht, er sagt den Mächtigen die Wahrheit,
erinnert Halimi. BHL ist dagegen auf der Seite der Mächtigen,
ein Freund der Minister, der reichsten Industriellen wie François
Pinault, Herrscher über den französischen Handelsriesen
Pinault-Printemps-Redoute, und Großunternehmer Jean-Luc Lagardère.
Lévy war immerhin im Regierungsauftrag während der Cohabitation
von Chirac und Jospin in Afghanistan. Dass ein intellektueller Humanist
die Grabrede für Lagardère hält, der ja auch Waffen
verkauft, ist ein wenig merkwürdig.
Einige Glückspilze unter Frankreichs Theatergängern können
zurzeit den weithin unbekannten Schauspieler Nicolas Lambert in einer
großartigen Mission erleben. In meist kleinen Off-Theatern rollt
er in seinem Stück Elf, la pompe Afrique die Korruptionsskandale
um den Mineralölkonzern Elf neu auf. Jede Sitzung des Prozesses
hat Lambert verfolgt, an die 16.000 Seiten Prozessakten studiert.
Die Fäden laufen direkt aus der Konzernzentrale zu Gabuns Staatspräsident
Omar Bongo, zu Boris Jelzin, Jacques Chirac und François Mitterand.
Und an den Fäden hängen Offshore-Gesellschaften, Geldkoffer,
Immobilien und andere private Belohnungen aus der Firmenkasse. Elf
wurde gegründet, um Algerien und die Negerkönige unter Frankreichs
Fittichen zu halten. Algerien war ein Schlag ins Wasser, mit den Negerkönigen
geht das Spiel weiter, sagte im Prozess der ehemalige Elf-Vorstandsvorsitzende
Loïk Le Floch-Prigent.
Jahrhundertelang müsste Nicolas Lambert das aufklärerische
Ein-Mann-Stück vor seinem Publikum von zwanzig bis zweihundert
Zuschauern pro Abend spielen, um ebenso viele Personen zu erreichen
wie BHL in einer einzigen TV-Show. Noch berichten Libération
und Le Monde über Lamberts Elf, la pompe Afrique.
Und zwar begeistert.