Story
Schwarzer Kombi
Von Harri Engelmann
Drei Wochen lang spielte das Wetter verrückt. Es stürmte
und regnete, und der für April übliche Wechsel ins Gemäßigte
fiel gänzlich aus. Dafür starb ein Kunde in unserem Autohaus.
Er saß morgens vor dem Meister, der sich den Wagen zuvor angeschaut
hatte, und sagte keinen Mucks, schaute stur vor sich hin. Der Meister
kam schnell zur Sache: Außerdem ist der Nachschalldämpfer
hin. Die Ummantelung löst sich. Sollen wir den gleich mitwechseln?
Keine Antwort.
Was meinen Sie? Wo der Wagen doch jetzt schon mal hier ist.
Und vom Preis her geht es doch auch. Was kostet so ein Ding, warten
Sie mal ... mit Einbau macht das ...
Da griff sich der Mann an die Brust und sank vornüber auf den
Schreibtisch: Herzinfarkt. Er war bereits tot, als sie ihn in den
Krankenwagen bugsierten. Der Meister lief hin und her, rauchte und
erzählte jedem, dass er lediglich den Vorschlag gemacht habe,
den Nachschalldämpfer zu wechseln und dass die Dinger ja eigentlich
gar nicht so teuer seien. Nach dem Frühstück mussten sie
ihn nach Hause schicken, so aufgedreht war er.
Eine Woche später kam es ähnlich verrückt. Ein junger
Kerl stürmte ins Autohaus und vermeldete aufgeregt, sein Wagen
mache beim Fahren kratzende Geräusche. Es käme vermutlich
vom Heck. Ein Meister raffte sich auf und trottete dem Hektiker hinterher.
Gott sei dank nicht jener, dem der Tote noch zu schaffen machte. Der
hätte diesmal wohl länger gebraucht, um wieder auf die Beine
zu kommen. Dieser hier war ein Bär, was seine Statur betraf,
und bar jeglichen Mienenspiels. Wäre ja noch schöner, bei
jedem Narren, der hier Wellen schlägt, sich selber zum Narren
zu machen so seine nervliche Basisausstattung. Draußen
bückte er sich, leuchte mit einer dieser winzigen Stablampen
den Wagenboden ab. Während er stutzte, quietschten um ihn herum
eine Vielzahl Bremsen, Wagentüren klappten, und ein heftiger
Kommandoruf gellte über den Parkplatz: Sofort hinlegen!
Hände auf den Rücken und Beine auseinander!
Hinlegen?, fragte sich der Meister. Schnappten die Kunden
jetzt über? Wieso sollte er sich hier hinlegen? Er hatte sich
erst am Morgen einen neuen Kittel angezogen. Also kam er aus der Hocke
hoch und sah sich plötzlich von einem knappen Dutzend Männern
umgeben. Einige verstauten ihre Pistolen, andere hielten ihre noch
mit den Mündungen nach oben. Der junge Kerl lag auf dem Bauch,
und einer von den Bewaffneten zog ihm Plastikhandschellen um die Gelenke.
Großfahndung. Die Beamten hatten gewartet, bis der vermeintliche
Drogendealer auf dieses Gelände fuhr, damit sie nötigenfalls
freies Schussfeld hätten, falls es zu Turbulenzen käme.
Erst jetzt erschloss sich unserem Meister, was er unter dem Wagen
gesehen hatte. Ein dort angebrachter Minisender war verrutscht, und
die Antenne berührte den Boden, hatte das Kratzgeräusch
verursacht.
Und als sei das alles noch nicht irre genug, kam zwei Tage später
dieser Wilde in unser Autohaus. Ich saß gerade in meinem Büro
und unterhielt mich mit einem Kunden, als plötzlich ein Mann
in der Tür stand, heftig rauchte und demonstrativ auf seine Armbanduhr
schaute.
Fertig?, fragte er.
Ich erhob mich, ging um den Schreibtisch herum, sagte ihm brav meinen
vollständigen Namen und bat ihn, er möge sich doch einen
Augenblick gedulden. Er sehe ja, dass ich gerade im Gespräch
sei und so weiter.
Doch der Herr, mit dem ich mich zuvor unterhalten hatte, war längst
aufgestanden und meinte, es sei alles besprochen und er würde
mich in den nächsten Tagen anrufen. Er wies dem Ungeduldigen
seinen freien Platz an, verabschiedete sich und ging.
Der Fremde warf sich in den Stuhl, streckte seine Beine aus und paffte,
was das Zeug hielt.
Na bitte, sagte er, geht doch. Diese alten Kerle
stehlen dir nur die Zeit. Oder wollte er ein Auto kaufen? Na?
Er hielt mir sein Ohr hin, so als sei er schwerhörig.
Nein, antwortete ich. Er hat bereits gekauft, vor
einem Jahr ungefähr ...
Na dann soll er fahren oder sich in den Garten setzen, ein Bier
trinken und die Blumen zählen. Also hör zu, Herri
du heißt doch Herri, wenn ich das vorhin richtig verstanden
habe? Wieder hielt er mir sein Ohr hin. Es war ein Tick von
ihm. Vermutlich kamen ihm die Antworten nicht schnell genug.
Er sprach meinen Vornamen englisch aus, was ich für den Tod nicht
ausstehen kann. Aber was sollte es, er war Kunde, und solange er nicht
über den Tisch langte und mir an den Kragen ging, konnte es mir
recht sein. Ich übte mich darin, ein möglichst neutrales
Gesicht zu machen. Er mochte Mitte dreißig sein, war von hagerer,
kräftiger Gestalt und trug eine Jacke, wie sie Wildhüter
oder Holzfäller in Nordamerika tragen: großkariert und
voluminös. Sein Gesicht wies südländische Züge
auf: hohe Wangenknochen, eine scharfgeschnittene, etwas schief stehende
Nase und dichtes dunkles Haar. Hätte ich später eine Aussage
machen müssen, hätte ein Wort wohl treffend meine ersten
Empfindungen wiedergegeben: Galgenvogel.
Ich brauche einen Kombi, fuhr er, nervös mit den
Fingern auf der Tischplatte trommelnd, fort, er muss lang, stark
und schwarz sein.
Einen Leichenwagen?, fragte ich und sah ihn ausdruckslos
an.
Er stutzte kurz, fing laut an zu lachen meine Kollegen in den
Nachbarbüros hoben ihre Köpfe - dann wischte er sich mit
seiner Hand im Gesicht herum und sah mich erheitert an. Darauf
muss man erst mal kommen: einen Leichenwagen. Er schüttelte
seinen Kopf.
Das ist gar nicht so schwer, darauf zu kommen, entgegnete
ich und erzählte ihm, was vor Tagen passiert war. Es reizte mich,
ihn ein wenig zu demontieren. Er war mir einfach zu laut und zu struppig.
Gestorben? Hier im Autohaus?, fragte er und zog seine
Augenbrauen zusammen.
So wahr ich hier sitze, antwortete ich. Der Mann
war bereits tot, als sie ihn in den Wagen schoben.
Donnerwetter! Ist nicht gerade eine gute Werbung für euch,
Herri, oder?
Keine Ahnung, erwiderte ich. Du kannst ja niemandem
verbieten, hier zu sterben.
Na, ich bitte dich! Bei einem Inspektionstermin zu sterben.
Möchtest du so sterben?
Ich möchte gar nicht sterben, antwortete ich.
Das kann ich mir gut vorstellen. Du möchtest bestimmt auf
ewig deine Kunden bescheißen, oder?
Dazu komme ich gar nicht. Die Kunden verwickeln mich in Gespräche,
rauchen, trinken Kaffee, lachen, dass die Bude wackelt und gehen,
fertig. Und am Monatsende muss ich mir Geld borgen, um die Familie
durchzubringen.
Er grinste. Fast schon nachdenklich. Offensichtlich hatte ich instinktiv
den richtigen Ton getroffen. Hol uns beiden mal einen Kaffee,
sagte er, und dann lass uns mal den Leichenwagen zusammenstellen!
Gesagt, getan, der Kaffee kam, er rauchte, ich tippte den Kombi am
Computer zusammen, errechnete ihm eine Leasingrate, druckte das Angebot
und reichte ihm die Seiten über den Tisch. Er hieß Peter
Hickmann, und als Wohnort hatte er eine Kieler Adresse angegeben.
Wo muss ich unterschreiben?, fragte Hickmann, drückte
die Zigarette aus und trommelte nun mit den Fingern beider Hände.
Du willst ... Ich zögerte einen Augenblick, das Du
war mir entrutscht. Du willst bestellen? Ich tat überrascht,
um ihn nicht zu enttäuschen. Er gehörte offensichtlich zu
denen, die es treibt, mit großmütiger Entschlossenheit
zu glänzen.
Da guckst du, was? Ich sagte dir ja, dass ich einen Kombi brauche.
Und so wie du aussiehst, wirst du mich wohl nicht gerade über
den Tisch gezogen haben, oder? Wieder hielt er mir sein Ohr
hin.
Bist du dir sicher?, fragte ich.
Er unterschrieb wie ein Generalkonsul, füllte ebenso nonchalant
eine Selbstauskunft aus, fragte zwischendurch, wie lange es bis zur
Lieferung dauern würde, und nickte zustimmend. Sechs Wochen
sind in Ordnung, sagte er, stand ruckartig auf, zündete
sich eine Zigarette an und verabschiedete sich, indem er mir die Hand
dermaßen schüttelte, als wollte er mir den Arm abreißen.
Was war denn das für ein Waldschrat?, fragte mein
Kollege.
Keine Ahnung, erwiderte ich und betrachtete nachdenklich
meine Hand. Irgendein Cowboy aus Kiel.
Üblich ist, dass man die Autobestellung der Disposition übergibt,
den Kunden nach einigen Tagen anruft, ihm bestätigt, dass alles
zu seiner Zufriedenheit geregelt wurde, und ihn erst wieder zu Gesicht
bekommt, wenn das Auto nach Wochen auf dem Hof steht.
Hickmann tauchte bereits zwei Tage später wieder auf. Er stand
in der Tür, rauchte und winkte mir zu: Hallo, Herri, ich
bins!
Ich trat auf ihn zu, schob ihn leicht nach draußen und raunte
ihm zu, er möge doch bitte warten, weil ich gerade im Gespräch
sei.
Jag den Kerl weg!, flüsterte er. Der sieht
krank aus, und Kohle hat der sowieso nicht.
Bitte!, sagte ich und schob ihn noch weiter fort. Zehn
Minuten ich sag dir Bescheid.
Wehe, es dauert länger. Ich guck mir mal eure Weiber vorne
an. Was ist mit der Blonden, hast mit der schon mal?
Bis gleich!, sagte ich und ging ins Büro zurück.
Während ich dem Kunden, der bei mir saß, irgendein Formular
hinschob, das er ausfüllte, hörte ich von der Reparaturannahme
Frauengelächter und dazwischen Hickmanns heisere Stimme. Schließlich
verabschiedete ich mich von dem Mann, rief Hickmann herbei, und als
er auf dem Stuhl saß, las ich ihm die Leviten.
Ich denke, du bist aus Kiel, einer Gegend mit bürgerlichen
Manieren. Hier sitzt ein Kunde, und du fährst einfach dazwischen!
Nächstens gibst du mir ein Zeichen und wartest einen Augenblick!
Du verprellst mir ja die Leute!
Wer sagt, dass ich Kieler bin, Herri? Aus Blankenhagen bin ich,
gleich um die Ecke! Vor zehn Jahren habe ich die Kurve gekratzt, als
ihr alle noch wie die Blöden hinter Honeckers Schalmeienkapelle
hergelaufen seid.
Du bist richtig geflüchtet?
Die Schwachköpfe wollten mich einziehen. Da habe ich mich
einer Gruppe angeschlossen und bin in Ungarn mit den Jungs durch die
Donau geschwommen. Hinter uns Dauerfeuer und vor mir konnte ich zusehen,
wie es meine Leute erwischte. Von sieben Mann haben drei das andere
Ufer erreicht, jetzt kommst du.
Und dann?
Dann habe ich in allen möglichen Berufen gearbeitet, eine
Alte geheiratet, ein Haus gebaut und Rasen gemäht.
Du bist verheiratet?
Gott ja, ich war verheiratet, sagte er und winkte ab.
Ist das hier ein Quiz? Sein leicht unsicheres Grinsen
verlosch, und er hüstelte in die Faust. Ich hatte damals
mit diesem Vertreterjob angefangen, war laufend unterwegs. Eines Tages
bin ich losgefahren, als meine Frau noch im Bett lag. Kaum war ich
aus Kiel raus, fing der Motor meines alten Wagens an zu stottern.
Du, wenn irgendwas nicht rund läuft, werde ich nervös. Ich
riss das Lenkrad herum, fuhr die Kiste zurück. Dann zog ich mir
die Schuhe aus, schlich die Treppe zum Schlafzimmer rauf und wollte
meine Alte überraschen, mich zu ihr ins Bett schmeißen
und einen Tag blaumachen.
Und?
Was und? Kannst es dir nicht denken, Herri?
Deine Frau war ... War sie tot?
Mann, Herri! Kaum stirbt hier mal einer, schon siehst du Gespenster!
Die Alte war quicklebendig und hatte einen Kerl im Bett ...
Ich stieß die Luft aus und musste lachen. Entschuldige,
aber die war ja mehr als schnell, bemerkte ich.
Aber ich war noch schneller, Herri. Der Bursche konnte nicht
mal mit den Augen zwinkern, schon lag er im Vorgarten.
Du hast ihn rausgeschmissen?
Durch das geschlossene Fenster! Er lag nackend auf dem Rasen
und zappelte wie ein Frosch.
Er hätte sich was brechen können, bemerkte ich.
Er hat Glück gehabt, dass ich ihm nicht den Schädel
eingeschlagen habe. Ich war nicht ganz bei der Sache, die Geschichte
mit dem stotternden Motor ging mir noch im Kopf herum. Er saß
da, zog an seiner Zigarette, und sein Blick wanderte durch mein Büro.
Du hast ja hier Urkunden hängen! Kriegst du die für
vieles Fragen?
Die kriege ich fürs Zuhören.
Was soll ich erzählen? Von meiner Alten bin ich längst
geschieden, doch wenn irgendwas mit meinen Autos nicht in Ordnung
ist, gerate ich noch heute völlig aus dem Häuschen. Dann
spüre ich meine Haut, sie juckt so komisch.
Und was machst du zur Zeit?
Jetzt mische ich den Osten auf. Ich habe ein neues Verkaufsgebiet
und wohne ab und zu in Blankenhagen bei meiner Mutter. Und ich bin
alle drei Tage frisch verlobt. Er zwinkerte mir zu. Dann hielt
er mir rasch sein Ohr hin. Was macht mein Leichenwagen, Herri?
Er stirbt vor sich hin, antwortete ich. Nein, im
Ernst, er wurde ordnungsgemäß bestellt, und wenn es was
Neues gibt, rufe ich dich an. Sag mal ... Ich musterte ihn und
fragte: Was verkaufst du eigentlich?
Ich habe einen Vertrag mit Sony. Das ist ein hartes Spiel, Herri.
Du verteilst hier Autos, während ich die Leute von morgens bis
abends bequatschen muss.
Das kommt mir bekannt vor.
Ach, erzähle mir doch nichts! Hier fliegen die Kunden wie
die Motten ums Licht, während ich mir in den Dorfläden mit
verkaterten Geschäftsinhabern regelrechte Gefechte liefere. Bei
denen stapelt sich der Elektronikkram bis unter die Decke. Wenn die
mich sehen, kriegen sie Magenkrämpfe.
Und was machst du dann?
Ich gehe denen so lange auf den Geist, bis sie aufgeben. Manchmal
fahre ich mehrmals am Tag in das gleiche Geschäft. Brille vergessen,
sage ich dann. Ich hätte doch vorhin gar keine Brille aufgehabt,
sagt der Inhaber. Wann vorhin, frage ich. Na, vor zwei Stunden. Vor
zwei Stunden war ich noch in Norderstedt, sage ich. In Norderstedt,
fragt er, Sie waren doch vorhin in meinem Büro. Sie haben hier
ein Büro, frage ich, komisch. Aber Sie haben doch die Brille
vergessen. Welche Brille, frage ich. Na die, die Sie vergessen haben.
Ich habe keine Brille vergessen. Aber Sie fragten doch eben nach der
Brille? Ich trage gar keine Brille, sage ich, ich kann gucken wie
ein Luchs. Vielleicht hat ein anderer nach der Brille gefragt, und
Sie verwechseln das nur.
Und das funktioniert?
Klar! Die Leute stehen unter Strom. Die sind wie Tanzbären.
Du packst die Burschen sozusagen am Nasenring und drehst sie so lange,
bis sie nicht mehr wissen, wie sie heißen und wo sie wohnen.
Und am Ende zweifeln sie selber, ob das mit der Brille nicht doch
ein anderer war. Ich mache Tempo, verstehst du, Herri, die Kerle dürfen
gar nicht erst zum Nachdenken kommen: rein mit den Kartons und ab.
So läuft das!
Hickmann rauchte noch drei Zigaretten, drehte sich nach einer Frau
um, die an meinem Büro vorbeilief, und fragte: Wie findest
du die? Offensichtlich wollte er das Thema wechseln. Dann fiepte
sein Handy, und er verabschiedete sich, indem er telefonierend seinen
Arm hob und zwischen den Autos verschwand.
Am Montag, ich kam gerade von einer Arbeitsbesprechung, stand er mit
einem Mädchen vor meinem Büro und winkte mir heftig. Dein
Cowboy aus Kiel!, raunte mir mein Kollege ins Ohr. Ich verdrehte
die Augen.
Das ist Gitta, sagte Hickmann und schob sie an mich heran.
Sag ihm mal guten Tag!
Tach, Herri, sagte Gitta und gab mir lasch die Hand. Sie
war unverschämt jung und hatte das Gebaren einer Schülerin,
die ein Gedicht aufsagen sollte.
Hol ihr mal einen Kaffee, Herri, mit Zucker und ohne Sahne!
Ich muss schnell telefonieren.
Es war zum Auswachsen. Mir stand die Arbeit bis sonst wo, ich hatte
Termine, für die ein ganzer Tag nicht reichte, und nun saß
ein Mädchen vor mir, von der ich lediglich wusste, dass sie Gitta
hieß und dass sie beim Kaffeetrinken schlürfte.
Kennst du ihn schon lange?, fragte ich und sah verstohlen
auf die Armbanduhr.
Hickie? Den kenne ich zwei Wochen. Und ich weiß nicht,
ob ich es zwei weitere Wochen mit ihm durchhalte.
Ich zog fragend die Augenbrauen nach oben.
Na ja, fuhr sie schleppend fort, er ist anstrengend,
weißt du. Ach, anstrengend ist gar kein Ausdruck. Der brabbelt
den ganzen Tag, Gitta hier und Gitta dort, und nachts wird er erst
richtig munter. Um den zum Einschlafen zu bringen, musst du ihm eine
mit dem Holzhammer verpassen. Ich bin gute zwanzig Jahre jünger
als Hickie, aber glaubst du, ich halte sein Tempo durch? Kaum hat
er gekriegt, was er wollte, kriecht er schon wieder heran, wenn du
weißt, was ich meine, Herri. Sie sah mir tief und vielsagend
in die Augen. Dabei grinste sie frivol und zog die Stirnfalten in
die Höhe.
Ich beugte mich über meinen Kaffee und pustete in die Tasse,
obwohl er längst lauwarm war.
Er ist ein mordsmäßig guter Kerl, fuhr sie
fort, trinkt keinen Tropfen Alkohol und arbeitet wie ein Pferd.
Und von dir hält er ja nun ganz große Stücke.
Von mir?
Ja, er sagt: Herri ist ein ganz ruhiger Vertreter.
Ruhiger Vertreter? Gegen ihn bin ich geradezu eine Salzsäule.
Hickmann kam zurück und drängte zum Aufbruch. Ich
wollte bloß mal guten Tag sagen und dir Gitta vorstellen. Was
macht mein Auto, Herri, habt ihr schon die Räder dran?
Ich sagte ihm, dass alles in Ordnung sei und ich ihm bald einen genauen
Zwischenbescheid geben würde. Er zog Gitta wie eine Stoffpuppe
vom Stuhl hoch, griff ihr an den Hintern und schob sie aus meinem
Büro.
Ganze zwei Wochen sah und hörte ich nichts von ihm. Hatte ich
anfangs sein plötzliches Auftauchen befürchtet er
kam stets ungelegen und raubte mir die Zeit , vermisste ich
ihn jetzt direkt. Er brachte Schwung in den Laden und erinnerte mich
an vergangene Zeiten. Mit solchen Jungs war ich in meiner Jugend durch
Rostock gezogen. Sie waren laut, schnell und frech gewesen und hatten
mir das Gefühl vermittelt, unverwundbar zu sein. Allerdings brachten
sie es später nicht allzu weit. Einer landete im Knast, ein anderer
hängte sich auf, der Rest trank sich zu Schanden oder verglühte
in einer armseligen Existenz. Ihre Energie schien sich schnell und
konsequent zu verbrauchen. Hickmann wies ebenfalls solche Züge
auf. Doch offensichtlich war er erfolgreich und scherte sich einen
Dreck um Tendenzen. Außerdem schien er das Leben im Auge zu
behalten und steuerte sich auf seine Art durch das Chaos.
Einmal hatte ich heimlich in seinem Terminkalender geblättert.
Dort hatte er, wie die vorsichtigen Rentner, die hier oft saßen,
mit kleiner, ordentlicher Schrift seine Eintragungen gemacht. Dieser
geradezu spießige Ordnungssinn stand ganz im Gegensatz zu seiner
Großmäuligkeit. Er wurde nervös, wenn sein Handy klingelte,
und sprach oft seltsam steif in den Apparat, als befürchtete
er, den Faden zu verlieren. Dann aber, als könnte die übergroße
Vorsicht seiner Sprechweise ihn verraten, drückte er auf die
Austaste des Telefons, warf es auf den Tisch und rief: Blöde
Dumpfbacke! Kann nicht mal drei Kartons auseinanderhalten.
In der dritten Woche stand er wieder in der Bürotür: wild,
holzfällerisch, äugend. Ich fuhr schnell um den Schreibtisch
herum. Aber noch ehe ich ihn wegdrängen konnte, flüsterte
er mir zu: Jag den Kerl weg! Ich hole uns derweil schon mal
einen Kaffee!
Schließlich saß er vor mir, berstend vor Unruhe, sah sich
dauernd um und sagte: Herri, ich habe ein Weib kennen gelernt,
die übertrifft sogar meine Vorstellungskraft. Wir heiraten.
Heute noch?, fragte ich.
Er musste wirklich verliebt sein, denn ihm entging meine Ironie gänzlich.
Nee, so schnell geht das nicht. Sie muss sich ja erst scheiden
lassen und ihr Kind in die Problematik einweihen. Dann gehen wir zurück
nach Kiel, sie steigt in mein Geschäft ein, ich teile mit ihr
meine Verkaufsgebiete ...
Mmh ... und was ist mit Gitta?
Die ist froh, dass sich mich vom Hals hat. Der konntest du doch
im Gehen die Schuhe besohlen. Die war ganz und gar nicht von meinem
Kaliber, und sie weiß das auch. Wir telefonieren dauernd.
Und der Mann von der Neuen ... Wie heißt sie eigentlich?
Sabine. Der Mann ist ein Penner, Herri. Der sitzt vor dem Fernseher,
trinkt Bier, schläft ein, und der Kasten rauscht und das
seit Jahren.
Na ja, Hickie ... Zum ersten Mal sprach ich ihn mit seinem
Spitznamen an. Vor Gott oder vor wem auch immer sind sie verheiratet.
Es ist nicht wegen der Moral ... Aber weißt du auch, wie gefährlich
das ist? Sie ist seine Ehefrau, und sie haben ein gemeinsames Kind.
Manchmal verwandeln sich solche Luschen blitzartig in Racheengel.
Die haben dann vor lauter Liebeskummer seltsame Visionen. Plötzlich
taucht so ein Kerl hier mit einem Jagdgewehr auf und legt uns beide
um ... Mich natürlich nicht, weil ich gerade einen Kaffee für
dich hole. Aber Spaß beiseite: Die Zeitungen stehen voll von
solchen Sachen. Wenn es da heißt, einer habe seine Familie ausgelöscht,
kannst du von Liebeskummer ausgehen.
Deswegen hauen wir ja auch ab. Herri, sieh zu, dass das Auto
herankommt!
Warum kannst du nicht mal in Ruhe durchatmen? Ich meine, nicht
wegen dem Auto, sondern überhaupt? Grundsätzlich.
Grundsätzlich?, fragte er und zog an seiner Kippe.
Weil ich grundsätzlich das komische Gefühl habe, dass
meine Zeit knapp wird. In Blankenhagen sitzt meine Mutter auf einem
Küchenstuhl und säuft sich langsam zu Tode. Unser Hund ist
vorgestern gestorben
Meinen Vater habe ich niemals kennen gelernt.
Meine Tante sagte mir, er war ein polnischer Bauarbeiter, der in Blankenhagen
einen Stall hingesetzt hatte und danach für immer verschwand.
Ich wollte endlich Bewegung in mein Leben bringen und bin in den Westen
geschwommen: Pustekuchen. Denn ob du es glaubst oder nicht, Herri
das wichtigste ist für mich ein Häuschen, ein Garten
und ein Haufen Kinder, und ich dazwischen mit einer Trillerpfeife.
Dafür würde ich mit dem Jagdgewehr Leute niederknallen.
Aber bislang habe ich es nur erreicht, ein prima Zigeunerleben zu
führen. Weißt du, was das für ein Gefühl ist,
wenn du nachts auf der Landstraße in der Karre sitzt und die
einzige Freude ist, anzuhalten und an einen Baum zu pinkeln?
Ich sagte ihm, dass ich gleich anfangen würde zu weinen. Er schleppe
hier jeden Tag eine andere Frau an und erzähle mir was von toten
Hunden. Ich säße bis zu zwölf Stunden in diesem Kasten
und käme nicht mal ansatzweise auf die Idee, einem alten Hund
die Sache zuzuschieben.
Da piepste sein Handy. Er stand auf, sprach in den Apparat und machte
sich ungelenk Notizen in seinen Kalender, mit der üblichen kleinen
Schrift. Kaum war das Gespräch beendet, ging das Handy erneut.
Er sprach hinein, hob die linke Hand zum Gruß in meine Richtung
und verschwand.
Endlich kam sein bestelltes Auto. Am Tag der Übergabe bugsierte
er seine neue Familie in mein Büro. Am Telefon hatte er mir gesagt,
dass es anschließend vom Autohaus direkt nach Kiel ginge. Sabine
würde vorerst sein altes Auto übernehmen, und in ein paar
Wochen würden sie mich besuchen und für sie ein neues bestellen.
Sabine saß vor mir, seltsam gefasst und still. Sie war kräftig,
nicht dick, und hatte ein breites, vertrauenerweckendes Gesicht. In
ihrem Blick lag eine leichte Spur von Melancholie. Offensichtlich
war sie an einem Punkt angekommen, an dem es kein Zurück mehr
gab. Ihr Sohn, ein etwa achtjähriger, dicklicher Junge, schmiegte
sich stehend an sie. Er wirkte leicht verstört. Er musste nach
seinem Vater kommen, denn ich fand nichts an seinem Äußeren,
was auf die Mutter hindeutete. Ich spürte seine Blicke, und als
ich ihn ebenfalls ansah, fragte er: Bist du Herri?
Ja, wer denn sonst?, polterte Hickie los. Natürlich
ist er das. Mann, der stellt Fragen! Also los, Herri! Mach Tempo.
Wo muss ich bezahlen? Muss ich überhaupt etwas bezahlen
ach ja, die Anzahlung. Wo habe ich eigentlich mein Handy gelassen!
Dirk, hast du mein Handy gesehen?
Es ist im alten Auto, im Handschuhfach.
Im Handschuhfach ... Wie wäre es, wenn du dich mal bequemen
würdest. Hier sind die Schlüssel. Und lass die Tür
nicht wieder offen stehen.
Wir gingen zusammen zur Kasse, Sabine blieb im Büro sitzen.
Was fährst du den Jungen so an?, fragte ich.
Ich fahre den Jungen an? Er hielt mir sein Ohr hin, als
würde er schlecht hören. Ja, natürlich fahre
ich ihn an. Der ist genauso ein Triefauge wie sein Vater. Sitzt den
ganzen Tag in der Ecke und träumt. Du musst ihm alles zweimal
sagen.
Ist doch normal, Hickie. Du hast ihn praktisch aus seinem Nest
gerissen.
Was für ein Nest denn? Meinst du, ich verbiege mich wegen
so einem Rotzlöffel? Der kriegt die Marschrichtung und fertig!
Stimmt ja, bestätigte ich. Du verbiegst dich
nur, wenn deine Hunde krepieren.
Herri! Er blieb stehen und legte mir den Arm auf meine
Schulter. Du bist ja ein richtiger Prediger.
Rede nicht so viel, und leg die Kohle da auf den Tisch!
Hickie bezahlte und wir gingen zu dem neuen Auto.
Es stand separat im Auslieferungsraum und glänzte dunkel vor
sich hin. Hickie tat so, als ließe ihn das Gefährt kalt.
Er trat sogar gegen das Vorderrad und fragte rüde, ob an der
Kiste auch alles dran sei, was er bestellt habe. Aber an der fahrigen
Art, wie er sich die Zigarette ansteckte und beim Feuergeben schnaufte,
konnte ich bemerken, dass er aufgeregt war.
Wir machten eine Probefahrt. Dabei erklärte ich ihm die verschiedenen
Funktionen, fingerte an der Klimaanlage herum, suchte schließlich
im Radio nach einer passenden Musik und fragte, was er denn nun zu
dem Auto sage.
Geht so, erwiderte er. Riecht komisch. Er
kurbelte am Lenkrad, der Wagen fädelte sich leicht in den dichten
Verkehr ein. Kaum hatte er ein bisschen Gas gegeben, bremste er das
Auto leicht ab.
Mach mal das Radio aus, befahl er. Da tickert doch
irgendwas?
Ich machte das Radio aus, lauschte kurz und warf mich entspannt zurück.
Der Motor läuft völlig normal.
Hör doch mal! Hörst du es jetzt? Da, ganz deutlich
so ein feines Tickern.
Ich sagte ihm, dass ich das Geräusch als angemessen empfinde.
Geräuschlose Motoren gäbe es noch nicht, und wenn, dann
wären sie mir ganz sicher ein Gräuel. Ich empfahl ihm, sich
zu entspannen.
Hör doch mal, jetzt tickert es wieder! Er reckte
sein Ohr weit über das Lenkrad.
Lass mich raus, sagte ich.
Wieso das?
Na, denkst du, ich fahre mit einem Kerl durch die Gegend, der
während der Fahrt auf das Armaturenbrett steigt? Verdammt noch
mal, wenn ich dir sage, das Auto läuft wie ein Uhrwerk
warum glaubst du mir dann nicht?
Reg dich nicht auf, Herri, sagte er und atmete tief durch.
Ich glaube dir ja.
Wir fuhren zurück auf den Hof, er bremste direkt vor Dirk und
Sabine. Dann luden wir zusammen einige Kartons von dem alten in den
neuen Wagen, und schließlich gab er ihr die Instruktion, dicht
hinter ihm zu bleiben, notfalls zu telefonieren. Mach um Gottes
Willen das Handy nicht aus! Dirk, setz dich bei mir rein und fass
ja nichts an!
Ich möchte aber bei Mutti mitfahren.
Hickie verdrehte die Augen und war kurz davor aufzufahren, als er
meinen Blick bemerkte. Na gut, pflanz dich neben Sabine, und
ab geht die Post!
Also, Herri! Er trat vor mich hin. Demnächst
in diesem Leben. Er umarmte mich kurz und boxte mir gegen die
Schulter.
Sabine streckte ihre Hand aus, ich ergriff sie und spürte, dass
sie feucht war. Machs gut, Herri!, hauchte sie.
Ich nickte ihr zu, gab dem Jungen einen Klaps, sie stiegen in die
Autos, und der Konvoi fuhr vom Hof. Sabine, dachte ich,
der Raub der Sabinerin.
Es verging wohl ein ganzer Monat. Von Hickie erhielt ich nicht das
geringste Zeichen. Um der Wahrheit willen: Ich hatte ihn vergessen.
Im Autohaus ist es wie in diesen Fernsehserien neue Folge,
neue Personen, andere Schicksale und immer die gleiche Dramatik. Es
geht nie der Stoff aus. Auf einer Lesung hatte ich mal erwähnt,
dass ich manchmal, wenn ich einfach so daherlaufe, das Gefühl
habe, ich schlendere durch meine Erzählungen. Die meisten haben
kein richtiges Ende. Die große Schwierigkeit am Schreiben ist,
den Stoff zu packen und ihn auf den Schluss zuzutreiben. Die Erfindungsgabe
der Schriftsteller erweist sich dabei oft geradezu als erbärmlich.
Nicht so das Leben mit seinen ätherischen Verbindungen und luftzarten
Kompositionen. Es ist ohne Mitgefühl und hat keinen Sinn für
Ästhetik und webt sozusagen blind vor sich hin. Dem Ende entgegen.
An einem Tag im Juli klingelte das Telefon. Es war noch früher
Morgen, und ich hatte bereits mehr als ein Dutzend Telefonate erhalten.
Ich nahm den Hörer in die Hand und zwang mich, meine Gereiztheit
mit einem beschwingt-freundlichen Ton abzudecken.
Herri, ich bin es, klang es barsch am anderen Ende.
Hickie?, rief ich. Das ist aber schön, dich
zu hören. Ich freue mich wirklich ...
Lass das Gesülze, unterbrach er mich. Du hast
mir ja ein schönes Auto verkauft. Der Motor tickert so stark,
dass ich bereits Ausschlag am ganzen Körper habe. Ich komme jetzt
zu dir. Sieh zu, dass sich einer von euren behämmerten Meistern
bereithält!
Ich antwortete, dass ich mich freuen würde, wenn er vorbeikäme,
es aber eigentlich nicht nötig sei. Er könne das Auto auch
in Kiel in einer Fachwerkstatt vorstellen, schließlich habe
er doch Garantie und so weiter.
Ich will aber zu dir, beharrte er.
Danke, sagte ich. Also komm vorbei! Ich warte.
Spät am Abend saß ich zu Hause, blätterte in der Zeitung,
da fiel mir eine Sony-Reklame ins Auge. Ich ließ die Zeitung
sinken, starrte vor mich hin und dachte daran, dass ich ja völlig
vergessen hatte, dass Hickie kommen wollte. Warum hatte er sich nicht
sehen lassen? Wenn wir uns verabredeten, pflegte er stets die Termine
zu halten. Oft pünktlicher, als mir lieb gewesen war. Sein Fernbleiben
ergab keinen Sinn. Mein Grübeln allerdings auch nicht. Also hob
ich die Zeitung und wollte weiterlesen.
Da klingelte das Telefon. Mein Sohn brachte mir den Hörer. Da
ist so eine komische Frau dran. Sie will Herri sprechen ...
Noch ehe ich mich am Hörer vorstellen konnte, hörte ich
ein Stöhnen und die weinerliche Stimme von Sabine: Herri,
Hickie ist tot. Er wollte zu dir und hat einen Unfall gehabt.
Einen Unfall!, rief ich. Was für einen verdammten
Unfall denn? Ich denke, der Motor ... also wirklich ... Ich
besann mich kurz und erhob mich aus dem Sessel, in dem ich saß:
Tot, sagst du?
Am anderen Ende hörte ich es wimmern. Ja, sagte sie,
aber ich kann jetzt nicht weitersprechen. Machs gut, Herri.
Der nächste Morgen war hell, lichtdurchflossen, und die Vögel
zwitscherten in einer Lautstärke und merkwürdig hysterisch,
so dass ich mich unwillkürlich umsah, bevor ich mich in mein
Auto setzte. Die Sonne warf regelrechte Lichtfenster auf das Land,
und die Schatten der Bäume, schwärzer noch als Kaltanstrich,
stachen sich weit in die Felder.
Gewöhnlich versuche ich, Grässlichkeiten nicht so nah an
mich herankommen zu lassen. Ein Unglück setzt so oder so eine
Menge Leute außer Gefecht ein Zustand, den ich mir nach
Möglichkeit verbiete. Meistens versuche ich mich denkend zu nähern.
Recht besehen lähmt das natürlich ebenso: Warum Peter
Hickmann? Genauso könnte ich fragen, warum es im April
regnet.
Kurz nach dem Frühstück kam ein Mann vom Schleppdienst in
mein Büro, einer im mittleren Alter, der Wert darauf legte, dass
seine Arbeitsmontur sauber und seine schütteren Haare ordentlich
gekämmt waren. Er hatte meinen Namen auf einem Zettel stehen
und meinte, er habe einen Kombi abzuliefern.
Einen schwarzen?, fragte ich und kam ganz langsam hinter
meinem Schreibtisch hoch.
Er nickte. Es war ein vielsagendes, pietätvolles Nicken.
Wir gingen nach draußen. Auf dem Weg zündete ich mir entgegen
meiner Gewohnheit eine Zigarette an. Meinen Kollegen hatte ich immer
gesagt, wenn ich bei der Arbeit rauchen würde, wäre das
ein Zeichen, in Kürze meine Nerven zu verlieren. Hickies Kombi
stand blitzend und völlig unversehrt auf dem Schleppwagen. Ich
nahm die Zigarette aus dem Mund.
Ich denke, es war ein Unfall?, fragte ich.
Als habe der Mann nur auf dieses Stichwort gelauert, begann er zu
berichten. Er sei von der Zentrale an die und die Autobahn geschickt
worden, weil da einer stehe, der Schwierigkeiten mit seinem Motor
habe. Der mache Geräusche oder so. Als er aber dann an dem betreffenden
Ort ankam, lag der Fahrer weit auf dem Acker und war bereits mit einer
Plane abgedeckt. Ein Polizist habe ihm erzählt, dass der Mann
auf der Standspur wild rauchend gewartet habe. Die Autobahn sei an
jenem Morgen fast leer gewesen, und doch hätte ihn ein einzelnes
Auto in hohem Tempo erwischt, als er dicht an der Linie stand. Können
Sie sich das vorstellen?, fragte der Schleppwagenfahrer. Es
ist ja, als hätte er dieses eine Auto geradezu magisch angezogen.
Er war aufgeladen wie ein Dynamo, sagte ich wie zu mir
selber. Vielleicht hat er sogar geleuchtet wie eine kosmische
Erscheinung. Eine unfassbare, gewaltige Kraft im Leerlauf. Oder eine
Art schwarzes Loch, das ohne erkennbaren Grund Energie frisst, weiß
der Teufel!
Wovon reden Sie?, fragte der Schleppfahrer.
Von nichts, antwortete ich und riss mich aus meinen Überlegungen.
Was ist mit dem Motor, haben Sie mal nachgeschaut?
Das ist ja das Merkwürdige. Ich habe ihn angelassen, er
läuft völlig normal. Aber Sie werden schon was finden, irgendwas
muss da ja gewesen sein.
Wir fanden nichts. Der Motor lief wie alle neuen Motoren.
Nur ein bisschen elegischer.