Vorschlag für eine Rede zum 8.
Mai 2005
Eine andere Welt ist nötig
Der Autor schrieb im vergangenen Sommer
einen offenen Brief an den Bundespräsidenten, in dem unter anderem
die Errichtung einer weisungsfreien Zukunftswerkstatt angeregt wurde.
Der Brief wurde als Editorial in der GAZETTE Nr. 3 (September 2004)
veröffentlicht.
Aufgrund des Briefes kam es zu einer Korrespondenz zwischen dem Bundespräsidenten
und dem Autor, die schließlich am 12. November 2004 zu einem
Hausbesuch in München führte. Eine Stunde lang wurden die
Themen des Offenen Briefes in Form einer Tour dhorizon besprochen.
Gleich zu Eingang der Unterhaltung erwähnte Horst Köhler,
dass ihn die Rede zum 8. Mai 2005 bereits intensiv beschäftige.
Der Schlagschatten von Vorgängern, die zu diesem Gedenktermin
geschichtlich Bedeutsames formuliert hatten, stand sozusagen im Raum.
Da der Autor es für nützlich hält, das Gespräch
weiterzuführen, überreicht er im Folgenden dem Bundespräsidenten
den, wie er glaubt, heute notwendigen Textvorschlag.
Von Carl Amery
Mitbürgerinnen und -bürger!
Etwas Sonderbares ist es um das heutige Datum etwas beunruhigend
Sonderbares. 60 Jahre sind im Allgemeinen kein jubiläumswürdiger
Abstand. Aber dennoch will uns allen scheinen, dass uns der 8. Mai
1945 heute so intensiv, ja vielleicht intensiver beschäftigt
als vor zehn Jahren. Und die Merksteine, die wir bereits passiert
haben (das Gedenken an die Landung in der Normandie, an die Befreiung
von Auschwitz), wurden mit größter Aufmerksamkeit wahrgenommen
.
Das ist neu, ebenso neu wie die Länge der Friedenszeit, die uns
Nachkriegseuropäern seit dem 8. Mai 1945 beschieden war und ist.
Sogar die schläfrige Frist zwischen 1815 und 1864, dem Anfangsjahr
der Einigungskriege, hat unsere Jubiläumszahl nicht erreicht.
Auch der Revolution von 1848/49 entspricht in unserer jüngsten
Chronik kein bedeutsames Datum sicher nicht die doch recht
oberflächlichen Wirren nach 1968.
Was ist es also, was Deutschland bewegt, sich gerade im Jahre 60 dieses
Friedens so beunruhigt über die befreiende Katastrophe von gestern
zu beugen, in ihren Linien und der Fortführung dieser Linien
nach einer Diagnose auch für unsere eigene Gegenwart zu suchen?
Ist es vielleicht nur die runde Tatsache von zwei vollendeten Generationen
zwei mal dreißig? Das genügt bestimmt nicht. Ist
es nicht eher das Wissen, dass die Millionen Untoten noch so lebendig
sind wie vor sechzig Jahren, dass ihr hartnäckiger Anspruch auf
unsere Zuwendung um keinen Deut abgenommen, ja dass er sich aufs Schwierigste
differenziert hat? Oder in schwarzem Gegensatz: dass sich die Zahl
derer vermehrt hat, die, einem absolut anderen Untod unterliegend,
in die dumpf-braunen Nebel der Erkenntnis- und Umkehrverweigerung
flüchten?
Sicher, auch dies mag zur Steigerung der Aufmerksamkeit beitragen;
aber für eine umfassende Erklärung reicht dies alles nicht
hin.
Vielleicht hilft uns eine schlichte Kalendertatsache weiter: das fünfzigjährige
Gedenken fand 1995, also noch im zwanzigsten Jahrhundert statt. Es
war, den Thesen der Historiker nach, ein mörderisches, ein totalitäres,
aber ein kurzes Jahrhundert historisch dauernd von 1914 bis
1989, dem Jahr der Implosion des Sowjetblocks. Dieses Ereignis wurde
als Ende der Geschichte deklariert: eine heile Staatenwelt,
den Abgründen des möglichen Nuklearkriegs entronnen, eine
Welt der Menschenrechte und der freien Ausdehnung des Wohlstands würde
sich nun in die unabsehbare Zukunft erstrecken können.
Nun, wir wissen heute, welches Datum diese heitere Utopie zerstört
hat: der 11. September 2001. Er öffnete ein Fenster zumindest
in die nahe Zukunft, das ein unheimliches Panorama freigab: das Panorama
eines nie erklärten und erklärbaren, eines nie formal beendbaren
asymmetrischen Weltkrieges, in dem sich uralte und ganz neue Hassfronten
gegenseitig auftürmen, einer Zeit und eines Geländes voller
Todesgefahren, deren perverseste von einem Heer von Selbstmordattentätern
ausgeht.
Aber ist dieser vordergründig sichtbare Terror die zentrale Problematik
des 21. Jahrhunderts? Keineswegs. Im Vergleich zur eigentlichen Weltgefahr
ist al-Qaida eine mickrige kleine Räuberbande. Die eigentliche
Weltgefahr gewahren wir erst, wenn wir uns die trockenen Daten des
Weltzustandes sagen wirs genauer: des Erd-Zustandes,
des Zustandes der Lebenswelt vor Augen führen.
Der eminente Biologe Edward O. Wilson hat kürzlich ein Buch mit
dem provokanten Titel Die Zukunft des Lebens vorgelegt.
Im Rahmen dieser Zukunft geht es ihm vor allem um unser neues, unser
21. Jahrhundert. Es genügt, daraus eine einzige Passage zu zitieren:
Das Jahrhundert der Umwelt hat begonnen ein Jahrhundert,
in dem die unmittelbare Zukunft als Engpass aufgefasst werden muss.
Und er fährt fort: Wissenschaft und Technik, gepaart mit
steinzeitlicher Sturheit und Mangel an Einsicht, haben uns in die
heutige Situation hineinmanövriert. Wissenschaft und Technik,
verbunden mit einer gehörigen Portion Weitblick und moralischem
Mut, sind nun erforderlich, um uns zu helfen, den Engpass zu überwinden
und einen Weg aus der Krise zu finden.
Das ist wissenschaftlich und das ist ethisch gesprochen. Aber
es ist auch in höchstem Maße realistisch. Und es betrifft
eben nicht nur das kleine javanische Wollnashorn oder ein paar hübsche
Schmetterlingsarten; es betrifft uns alle, Menschen und alle übrigen
Arten im dichten, pulsierenden Gewebe der Biosphäre. Es betrifft
uns bereits in der täglich erfahrbaren Qualität unseres
Lebens. Es betrifft uns durchaus, dass im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts
die Wälder der Welt um 40 Prozent dezimiert wurden. Es betrifft
uns durchaus, dass die Bodenerosion weltweit pro Kopf und Jahr 4000
Tonnen beträgt. Es betrifft uns wir alle wissen es
die Veränderung des Klimas, die Verknappung der Wasservorräte,
der Schwund der Tier- und Pflanzenarten, die wachsenden Berge lebensfeindlichen
Mülls.
Aber natürlich ebenso betrifft uns der gesellschaftliche Zustand
der Menschheit, der in steter ursächlicher Verbindung mit dem
ökologischen Raubbau entstanden ist. Zwanzig Prozent dieser Menschheit
besitzen fünfundachtzig Prozent der Ressourcen des Planeten,
die zwanzig ärmsten Prozent genau zwei. Zwei Milliarden leben
in äußerster Armut, und 35.000 verhungern täglich.
(Zu ergänzen wäre, dass etwa eine Milliarde Menschen an
Übergewicht leiden.)
Sowohl die Krankheitssymptome der städtischen wie der ländlichen
Armut verschärfen sich ständig ebenso wie die des
enormen minoritären Reichtums.
All dies ist hinlänglich bekannt, war und ist Gegenstand von
Gipfeltreffen und Symposien mannigfacher Art und Autorität, Treibkraft
von Nicht-Regierungsorganisationen und neuen sozialen Bewegungen.
Und doch: Angesichts der Immensität der Aufgabe erscheint die
Öffentlichkeit wie gelähmt, tummelt sich der vordergründige
Betrieb der Politik in altbekannten Klischees, ob sie nun von rechts
oder von links in die Debatten und Talkshows geworfen werden. Der
überwältigenden Mehrheit der Intelligentsia, welche die
Stichworte für das öffentliche Gespräch liefert, ist
die alles andere überbietende Dringlichkeit des Anliegens emotional
fremd geblieben, die Intellektuellen behausen im Wesentlichen nur
die urbanen Sektoren des Kulturbetriebs, die sich alle, über
mehrere Stufen hinweg, unbewusst und selbstverständlich vom Mark
der allgerechten Erde nähren.
Die augenfälligste Absurdität ist jedoch der Zustand der
sogenannten Wirtschaftswissenschaft. Sie predigt, gefördert durch
großzügigste Gelder, als Heilung aller Übel die nationale
Notwendigkeit stetigen exponentiellen Wirtschaftswachstums, die weltweite
Notwendigkeit des schrankenlosen Freihandels, die absolute Notwendigkeit
einer angebotsorientierten, immer neue Bedürfnisse aufspürenden
oder auch schaffenden Produktionsweise, also das genaue Gegenteil
dessen, was der Weltzustand dringend nahe legt.
Nicht nur die Wirtschaftsteile, sondern auch die politische Ausrichtung
der Medien, fast der gesamte Konsens der veröffentlichten Meinung
folgt diesen dogmatischen Vorgaben. Werden Reformen erwogen oder durchgeführt,
haben sie sich im Rahmen dieser Doktrin zu bewegen und verschärfen
so noch die Übelstände, denen sie steuern sollen. Die sogenannte
Umweltproblematik, das Politikfeld Umwelt, wie ein prominenter
Sprecher der Wirtschaft es ahnungslos nannte, wird als Vor-, genauer,
als Hinter-Gärtlein gelegentlich zur Besichtigung freigegeben,
darf aber die Bedürfnisse der ökonomischen Betriebsamkeit
in keiner Weise beeinflussen.
Wie kam und kommt es zu diesem wahrhaft närrischen Zustand? Es
gibt viele Gründe dafür. Da ist die Trägheit, die Phantasielosigkeit,
die Korruption politischer Systeme und Regierungen; da ist die Schwierigkeit,
das herrschende Paradigma hinter sich zu lassen; da ist natürlich
die geballte Kraft der Interessen, die vor allem hinter den Manövern
der großen Global Players stehen. Ihnen wäre nur dann erfolgreich
Widerstand zu leisten, wenn genügend fähige Mitglieder der
weltweiten politischen Täter begreifen würden, dass es in
dieser zentralen Frage keine Trennung von Innen- und Außenpolitik
mehr gibt; dass der massive Horror der Umweltverschmutzung in der
ersten Amtsperiode von G.W. Bush ein Terror ist, gegen den, wie schon
erwähnt, al-Qaida eine kleine Räuberbande ist. Dass das
Abholzen von Urwäldern einen zentralen Angriff auf das gesamte
Wohlergehen der Welt darstellt. Dass die Verödung und Verseuchung
der Meere ein ebenso weltweites entsetzliches Verbrechen an der Zukunft
unserer Kinder und Enkel ist.
Aber davon hört man wenig oder nichts im politischen Diskurs.
Immer noch kreisen die Argumente um nationale oder regionale Konkurrenzängste;
werden der längst jeder staatsbürgerlichen Verantwortung
entronnenen Goldenen Horde der transnationalen Konzerne und Banken
immer größere und gewichtigere Vollmachten und Privilegien
abgetreten.
Und so wundert es nicht, dass die großherzigen Symposien weit
hinter den Notwendigkeiten zurückbleiben; dass die edlen Versprechen
der Schlussresolutionen nebelhaft wirken, dass die dann folgende Implementierung
des wenigen Versprochenen sich meist als Fata Morgana enthüllt.
Und der Verkauf des planetarischen Familiensilbers geht weiter. In
einem Satz: Das Maximum des momentan Durchsetzbaren erreicht noch
lange nicht das Minimum des unbedingt Notwendigen.
Vergessen wir aber in diesem Zusammenhang uns selber nicht, unsere
Begrenzungen und Bedingtheiten. Der Biologe Wilson spricht von steinzeitlicher
Sturheit, und das ist ganz wörtlich zu nehmen. Auf seinem
bisherigen Wege hat der Homo sapiens noch nicht genügend Gründe
gefunden, dem kurzfristigen Opportunismus des paläolithischen
Jägers zu widerstehen. Die Überlegenheit seiner grauen Zellen
über die seiner Mitgeschöpfe hat er immer wieder in bequemen
Massenmord übersetzt, die mit der Sesshaftigkeit auftauchenden
Vorteile der sozialen Organisation in rücksichtslose Landnahme.
Kommerziell-modern kann man sagen: Er hat noch jedes Schnäppchen
mitgenommen oder anderen entrissen.
Heute wissen wir einfach zu viel, und wir sind einfach zu mächtig
geworden, um diese Schnäppchenjagd unbekümmert fortzusetzen.
Schließlich wissen wir ziemlich genau, was stattdessen zu tun
wäre. Es gilt:
- ökologische Wirtschaftsweisen zu schaffen, die mit den Ökosystemen
der Erde harmonieren;
- örtliche Demokratien und Ökonomien wiederzubeleben und
so Ferngüter-Transport zu beschränken;
nachhaltige Landwirtschaft zur Norm zu machen;
- so rasch wie möglich die fossil-nuklearen Primärenergieträger
durch erneuerbare zu ersetzen;
- die riesigen Flotten des Individualverkehrs durch hinreichende Angebote
von öffentlichen Verkehrsmitteln zu reduzieren;
- Besteuerung von der Arbeit auf die Verwendung von Rohstoffen und
Energie, auf Verschmutzung und Verschwendung zu verlagern;
- die Finanzwirtschaft gründlich zu reformieren;
- die Rüstungsausgaben so rasch wie möglich auf den Sanierungsbedarf
des Planeten umzuleiten.
Unterbleiben solche Reformen oder bleiben sie unter dem unbedingt
Notwendigen, wird aus unserem Jubiläumsdatum 1945 jäh eine
finstere Botschaft.
Hitler war der erste mächtige Politiker, der, vom Vulgärmaterialismus
bezaubert, eine konsequente Formel für eine konsequente, an der
Natur orientierte Herrschaftsmethode gefunden zu haben glaubte. Diese
seine Natur verehrte er als grausame Königin aller Weisheit,
deren Prinzip (Stärkung der Starken, Ausmerzung der Schwachen)
aufs Strengste einzuhalten sei. Seine Täterformel lässt
sich in drei Sätzen zusammenfassen:
- Menschliche Geschichte ist Naturgeschichte, also die Geschichte
der Nutzung begrenzter Ressourcen.
- Der Punkt ist erreicht, wo es nicht mehr für alle reicht.
- Eine Elite wird und muss entscheiden, für wen es reichen muss,
damit der Standard der menschlichen Kultur gewahrt bleibt.
Man weiß inzwischen, wen er für diese Elite hielt: die
arische, genauer gesagt die nordische Rasse. Sein Drittes Reich sollte
ihrem Herrschaftsanspruch dienen. Als realistischen Weg sah er nur
die Landnahme vor allem im Osten, verbunden mit der Unterwerfung und
dem rechtlosen Knecht-Status der dort ansässigen Bevölkerung.
(Die Juden waren für ihn ein eigenes Problem sie waren
die frechen Verbreiter einer lügnerischen und tödlichen
Weltanschauung, die es besser wissen wollte als die grausame
Königin.)
Die Wahl der nordischen Rasse als Trägerin der Selektionsmacht
(denn darum handelte es sich letzten, logischen Endes) war aus verschiedenen
Gründen unsinnig. Hitler verstand zu wenig von Biologie, um dies
zu begreifen, und damit war er eigentlich schon gerichtet. Aber seine
Idee entwickelte in einer ratlosen Nation genug Motorik, um die zivilisierte
Welt in Atem zu halten und ihr furchtbare Opfer abzuringen.
Die Zeit nach 1945, die Freiheitszeit, deren Jubiläum wir heute
feiern, hat zunächst und vor allem die These verworfen, dass
es nicht mehr für alle reicht auf Erden. In einer ungeheuren
Explosion wissenschaftlich-technischen Wissens und seiner Anwendung
sah man die stichhaltige Widerlegung des naturalistisch-biologistischen
Hitler-Ansatzes; Menschenrecht für alle, ja Wohlstand für
alle schien zum Greifen nah, es war die Botschaft, die Roosevelt und
Churchill bei einem Treffen im Atlantik während des Krieges ausgesandt
hatten: Freedom from Fear and Want Freiheit von Furcht und Not.
Die unbezweifelbare Gültigkeit des ersten Satzes der Hitler-Formel,
nämlich die unlösliche Verbindung von Menschen- und Naturgeschichte,
schwand aus dem öffentlichen Bewusstsein grenzenloser
Optimismus war angesagt, bei gleichzeitiger Verengung des Gesichtsfeldes.
Liest man Dokumente aus jener unmittelbaren Nachkriegszeit, ist diese
Verengung mit Händen zu greifen. So wurden etwa Expeditionen
in die Antarktis gesandt, um dort nach Uranvorkommen zu bohren; die
gewaltige Wirkungskraft des Insektenvertilgers DDT wurde gepriesen
und verschwenderisch eingesetzt; und man ging davon aus, dass man
weite und höchst fruchtbare Anbauflächen den Urwäldern
des Amazonasbeckens entreißen würde.
Die auf die Dauer wohl teuerste Altlast, die wir dieser optimistischen
Verblendung zu verdanken haben, ist neben der Zerstörung der
Bodenfruchtbarkeit ein Gebirgsstock von radioaktivem Müll, den
loszuwerden vorläufig alle unsere Fähigkeiten übersteigt.
Hätte, so ist zu fragen, eine besser organisierte Zivilisation
das Versprechen weltweiter Freiheit von Furcht und Not verantwortungsvoller
eingelöst? Wäre dies möglich gewesen, wenn sich das
Schnäppchenverhalten des Homo sapiens gebändigt, wenn die
Weisheit seiner Politiker schon damals die Beherrschung der weltwirtschaftlichen
Megamaschine als unerlässliche Kondition einer bewohnbaren Zukunft
begriffen hätte? Müßige Gedanken, gewiss, und leider
ohne jeden Realitätsgehalt. Die sechzig Jahre, die wir seitdem
durchmaßen, haben im Gegenteil genau die Drohung heraufgeführt,
die seinerzeit Adolf Hitler umgetrieben hat. Wenn wir nicht die Einsichten
und Möglichkeiten einer ganzen Welt zusammenraffen; wenn wir
sie nicht in eine wahrhafte Welt-Innenpolitik übersetzen, ist
durchaus damit zu rechnen, dass auch die beiden weiteren Sätze
der Hitler-Formel wieder auftauchen: die Einsicht oder Behauptung,
dass es nicht für alle reicht und die mehr oder weniger
spontane Übernahme der Selektions-Bürde durch eine wie auch
immer geartete Elite.
Wie diese aussehen wird, ist sicher noch nicht zu sagen. Was sich
bereits abzeichnet, ist die Bedeutungslosigkeit, die Überflüssigkeit
der Masse Mensch für viele in den heutigen sogenannten Eliten
und für die wirtschaftswissenschaftliche Theorie. Und es gibt
immerhin schon ein Indiz dafür, wie die Selektion gehandhabt
werden könnte. Es ergibt sich aus der heftig angestrebten Privatisierung
der öffentlichen Güter.
Wenn zum Beispiel in einer bitterarmen Gegend die Wasserwirtschaft
privatisiert wird, findet eine Selektion der Kundschaft statt; eine
Scheidung von solchen, die sich noch das teure Wasser leisten können,
und solchen, die es nicht können. Die Kriterien für diese
Scheidung lauten in den Köpfen der privaten Lieferanten nicht
etwa reich und arm. Die Scheidung ergibt sich
einfach dadurch, dass die einen Kunden werden und die anderen, die
Zahlungsunwilligen, nicht. Woher diese Zahlungsunwilligen ihr Wasser
beziehen, ist nicht Sache des Lieferanten. Ebenso wenig sieht er sich
dafür verantwortlich, ob sie überhaupt welches finden. Wirtschaftswissenschaftliche
Lehrbücher gehen von der Wahlfreiheit des Kunden aus, nicht von
seiner Not.
Fast so hat sich das in Bolivien ereignet. Aber wir kennen solche
Selektionsprozesse auch hierzulande; noch reichen sie nicht an die
Destitution der Altiplano-Indianer heran, noch sind wir eine begünstigte,
ja reiche Nation. Dennoch: Das Gesetz des Handelns, so wie es noch
für unvermeidlich gehalten wird, kann uns auf die Dauer nicht
verschonen. Wir haben zu wählen zwischen einer kurzatmigen
Ausschließungspolitik und stückweisem Machtverlust an die
Rendite und einer möglichen anderen Ordnung, über
die sich längst viele Menschen in der ganzen Welt Gedanken machen.
Und mehr als Gedanken. Schon oft, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
sind Sie aus dem Munde von hohen Amtsträgern (auch Trägern
meines Amtes) aufgefordert worden, Sie sollten sich einen Ruck geben;
einen Ruck heraus aus trübseligem Pessimismus und selbstgefälliger
Trägheit. Die Mahnung hat nicht viel gebracht; und eifrige Zeitgenossen
haben herausgefunden, dass man stets nur den anderen, aber nicht der
eigenen sozialen oder politischen Gruppe die sträfliche Unbeweglichkeit
vorwirft.
Vielleicht gibt es eine stimmigere Erklärung. Vielleicht spürt
das Gros der Menschen längst, dass es mit den alten Hauruck-Rezepten
der Neuzeit und dem sturen Opportunismus der Steinzeit nicht mehr
geht; dass es vielleicht an der Zeit wäre, Neues zu versuchen
nämlich nach den Werten der Moral und der Solidarität,
die allgemein anerkannt werden, auch einmal praktisch zu handeln.
Nach allem, was wir wissen, ist dies bisher nur selten und nur unter
ganz ungewöhnlichen Bedingungen gelungen. Aber wir Menschen sind
ja auch eine höchst seltene und ungewöhnliche Spezies
ein Gedanke, an den wir uns gewöhnen müssen.
Dann, und nur dann, ergeben sich realistische Aussichten auf eine
bewohnbare Zukunft. Sie kann einerseits nur eine Zukunft der Freiheit
und der Menschenrechte, aber auch der gemeinsam übernommenen
Verantwortung für die Zukunft des biosphärischen Lebens
sein. Was darunterbleibt, trägt schon die Keime künftiger
Selektionen oder künftiger Kämpfe aller gegen alle in sich
auf jeden Fall die Keime unendlicher Gewalt, die der heutigen
Gestalt des Terrors furchtbare Dimensionen hinzufügen kann.
Eine solche Welt können wir nicht wollen.
Aber eine andere Welt ist möglich. Es wird mehr als einen Ruck
brauchen, sie zu finden das 21. Jahrhundert hat ja erst begonnen.