Nummer 16, Winter 2007/2008                              



 

Bundestrojaner!

Der Innenminister hat keine Ahnung

Von Philipp Schneidenbach

Teledienste! Wenn ich dieses Wort schon höre! Es erinnert mich an diese alten Telespiele, in denen der Strich den Punkt jagte und das Ganze durch sehr eigenartige Töne untermalt wurde.
Aber nein, Deutschland, der Bund (um genau zu sein) bezeichnet damit ein Netz, das eine Welt beinhaltet, die wahrscheinlich niemand ausmessen kann. Die Realität dahinter sind Hallen voller Serverschränke, Klimaanlagen und Glasfaserkabel, komplizierte Technik. Ich vermute, dass 90 Prozent der Internetnutzer eigentlich auch BTX dazu sagen könnten: DB-Fahrplan, Überweisungen tätigen, ein bisschen Shopping. Aber was kaum jemand sieht: Jeder, wirklich jeder einzelne PC wird dabei ein Teil des Internets, sobald er online ist.
Um es auf den Punkt zu bringen: Das Internet schaltet man nicht ab, man reglementiert es nicht, und man könnte es auch nicht reglementieren. Wer das glaubt, dem muss man sagen: Es ist eine Illusion. Das Internet lebt, es ist komplex und hat eine Eigendynamik. Achja, nebenbei: E-Mail und Usenet, Telnetserver und FTP: Das ist alles jedesmal noch eine eigene Welt, abseits von www.google.de. Und in dieser Welt, in diesen Welten gibt es keine Henkel zum Anfassen. Diese Welten sind wie ein Nebel.
Super, sagt sich Meister Schäuble – dann können wir ja die PCs hacken und da nach verdächtigen Daten suchen. Dumm nur, das diese Denke nicht funktioniert.
Meine Freundin Christl – 70 Jahre, spielt online Mahjongg und verschickt e-Cards an Verwandte. Mehr macht sie nicht. Obwohl: Vielleicht möchte Herr Schäuble ja ihr geniales Würstlgulasch-Rezept klauen, der böse Knochen. Wie auch immer: 90 Prozent der Menschen, deren PCs nicht gerade sicher am Netz hängen oder deren Anwender sowieso alles anklicken, was per E-Mail kommt, haben auf Ihrem PC noch nicht einmal Pornofotos, gute Musik oder Baupläne für Atombomben. Bleiben zehn Prozent – Freaks wie ich.
Ich bin zwar kein Terrorist, aber ich bin wie diese böse Brut ein durchgeknallter Mensch, der, seit er denken kann, vor dem Computer sitzt. Probleme wie Sonnenaufgang bei Arbeitsende, Probleme mit Öffnungszeiten von Supermärkten und Dauerkunde bei der 24-h-Aral ums Eck sind mein Leben. Ich denke wie Windows, ich funktioniere wie eine Festplatte, ich höre, was die Maschinen sagen. Damit verdiene ich mein Geld, okay. Andere Freaks knacken Firmennetzwerke, verbreiten illegale Inhalte und düpieren die Industrie.
Nehmen wir uns nur mal diese Kopierschutztechnologien vor. Wie lustig. DVD kommt auf den Markt. Millionen wurden in den DVD-Kopierschutz CSS gesteckt – ein schwedischer 15-Jähriger knackte es mit seinem Team innerhalb kürzester Zeit. Genauso ist es bei Videospielen, Musikdateien mit Digitalem Rechtemanagement, bei Premiere-Decodern und anderem Pay-TV-Kram. Schäuble weiß nicht, dass bei IT die Welt in Nerds und Geeks (IT-Checker) einerseits und Wannabes, NooBz oder Lamer (Vollidioten, die es nicht blicken) andererseits gespalten ist.
Studenten programmieren Viren, werden zweifelhaft berühmt und erhalten dann überbezahlte Programmiererjobs bei Microsoft. Politiker dagegen haben noch nicht einmal ansatzweise einen Funken von Ahnung, was da draußen abgeht. Abgeht, so muss man es sagen. „Stattfinden“, „Teledienste“, das ist alles spießiges, nur politisch korrektes Gerede, das keine Wahrheit mehr zutage fördert. Das Netz gehört den absoluten Outlaws, denen alles egal ist. Reputation aufbauen, 3l33t (eleet = eliteartig) sein, im Untergrund leben und allen Konzernen zeigen, dass sie es besser draufhaben.
Irgendwann kommt dann auch mal die geliebte MI (Musikindustrie) auf den Trichter: Musik ohne Kopierschutz wird mehr gekauft als Musik mit Kopierschutz. Klar, denn Musik, die wie bei Apple I-Tunes nur auf einem speziellen, langweilig designten Gerät (iPOD) zu gebrauchen ist, muss man nach dem Kauf erst brennen, dann wieder rippen (aus der CD auslesen), um Musik zu erhalten, die auf jedem Player läuft – egal ob CD, MP3, DVD oder Handy.
Doch zurück zum Thema, denn sonst bekomme ich noch Ausschlag. In dieser geschilderten Realität kommt nun ein Politiker daher und tönt: „Onlinedurchsuchung“, „Bundestrojaner“.
Nachdem auch er verstanden hat, dass wir hier nicht von einem Gameboy oder einem Videospiel, sondern dem Internet sprechen, dass man also nicht einfach sagen kann: „Frau Meier von nebenan, PC auslesen, Klick – fertig!“, toppt er seine Blödheit (Pardon!) sogar noch mit „Remote Forensic Software“ – d.h. der Bundestrojaner soll „lokal auf dem Rechner installiert werden“ und „sei in jedem Fall eine Einzelanfertigung“. Super. Also für jeden Stasi-Mandanten ein eigenes Programm, das von jemandem auf den Rechner gespielt werden kann? Wer sowas für möglich hält, hat einen totalen Hirnschaden. Am besten dann doch per E-Mail, ganz offiziell, etwa so: „Hier ist das Umweltamt, anbei unser neuer Bildschirmschoner.“
Der CCC (Chaos Computer Club – klingt etwas ökig, aber die Jungs sind leider verdammt fit) meint: „Bei den Äußerungen des Innenministers wird deutlich, dass es erheblich an technischem Sachverstand fehlt. (...) Die Professionalität der Behörde darf bezweifelt werden.“ Einfach gesagt: Wer ein bisschen Ahnung hat, sieht sofort, welche Programme auf seinem Computer laufen. Selbst wenn es ein gut getarnter Virus ist: Mit entsprechender Schutzsoftware ist das Thema in Sekunden erledigt. Oder einfach eine externe Festplatte für die Flugpläne über Frankfurt, ein zweiter PC, der nicht am Internet hängt, etc. Außerdem findet sich garantiert irgendein Schüler, der in der Zeit zwischen Mittagessen und den Simpsons mal schnell ein Schutzprogramm dagegen schreibt. Einer meiner Lieblingsprogrammierer, der ein geniales Videoschnittprogramm kreierte, meint nur: „Proof that I had too much free time in college.“
Die Chinesen müssen sich ja beömmeln vor Lachen. Schreiben einen kleinen Virus, knacken den Bundestag und haben alle Infos, die sie benötigen. Das Versprechen Chinas, damit aufzuhören, klingt fast wie ein „Versucht doch, uns zu stoppen!“ Wenn ich so etwas schon lese. „China verspricht, mit Hackerattacken aufzuhören“. Hallo? Jemand zu Hause? Das ist ja, wie wenn man einen Kinderschänder fragen würde: „Bist du jetzt brav? Sag ja, und du darfst wieder als Pfarrer arbeiten.“ Unglaublich.
Liebes Deutschland. Du bist so schön. Vor allem hier, im meinem Bayern. Schau, jeder hat Seiten, auf denen er blöd ist. Ich kann zum Beispiel nicht singen, Bremsbeläge wechseln oder fliegen. Aber ich suche mir eben Leute, die das können. Deshalb trällert bei mir daheim mal Bushido, mal Christina Aguilera, Bremsbeläge wechselt mein ägyptischer Autodealer, und fliegen tut die Lufthansa. Wenn es um IT-Security geht, dann fragen mich Firmen, weil ich genau das eben verstehe. Liebes Deutschland, frag doch mal jemand, wie man das macht. Und bitte, keine Klon-Berater wie McKinsey und Rolli Berger, sondern Leute mit echter Erfahrung. Du machst eh schon so viel falsch, weil deine Spezialisten von Ministern und Konsorten einfach mehr daran interessiert sind, Diäten einzustreichen, anstatt mal richtig was zu verändern.
Die Terroristen wird freuen, dass du diesem Aufruf nicht nachkommst. Man könnte ja vielleicht alle Internetcafés schließen, denn da sind Terroristen gerne. Danach müsste man aber auch alle Mobiltelefone überwachen, denn die können ja heute wie jeder PC im Internet surfen. Uiuiui, das sind aber viele Geräte. Fragt doch mal die Schüler, die mit 15 schon mehr Ahnung haben als viele IT-Berater, und macht die Schulen besser – weniger Mathematik und weniger Schnarchfächer, mehr praxisbezogenes Wissen. Denn schließlich gewinnt man mit Cosinus und Periodensystem in der Schultasche heute keinen Blumentopf mehr – hammerhartes Fachwissen muss herhalten, damit man heute etwas wird. Wie wäre es mit Unternehmensführung, Konversationstraining und Sicherheit? Das geht jeden etwas an, auch die Angestellten. Und die Politiker.
Kurz: Die Pläne von Meister Schäuble sind ein totaler Witz. Das klappt nie. Nicht dass es unmöglich wäre, aber schon die Herangehensweise ist komplett falsch – da braucht man Leute mit Ahnung. Die sind in der Politik leider selten geworden.
Philipp Schneidenbach