Nummer 16, Winter 2007/2008                              



 

Internationale Unordnung

Sagten Sie "Verhandlungen"?

Im Jahrhundert der Erderwärmung kommt die aus lauter souveränen Staaten zusammengesetzte Welt in eine bedrohliche Schieflage. Diese Staaten – insbesondere imperiale Großmächte – kennen seit jeher nichts außer ihrem Eigeninteresse. Wie können sie da, unter den aktuellen Bedingungen, notwendige globale Regelungen überhaupt vereinbaren?

Von Dietrich Krusche

Das Klima auf dem Planeten Erde verändert sich ständig. Als es vom 15. Jahrhundert an in Europa kälter wurde, konnte man sich darauf einstellen. Mehr Holz zum Feuern, dickere Mäntel, Schlittschuhlaufen auf der Themse. Schon damals freilich trafen die Veränderungen die Armen härter als die Reichen. Auf dem Winterbild Die Heimkehr der Jäger von Pieter Brueghel dem Älteren, einem der ersten Winter-Bilder in der europäischen Malerei, kommen die Jäger mit leeren Händen zurück ins verschneite Dorf, entsprechend trist die Stimmung. Aber der Vergleich trügt. Der Umwelt­wandel, der sich heute abzeichnet, erfasst den Planeten insgesamt, und er trifft auf eine andere, eine unumkehrbar vernetzte Menschen­welt. Zwei Prozesse, Naturentwicklung und Geschichte, fusionieren in einer gemeinsamen Tendenz, der Globalisierung. Die Entscheidungen, die zu treffen sind, werden alle be­treffen, der notwendige Einigungsprozess, die dabei fälligen Verhand­lungen, werden die Menschheit vor neuartige Probleme stellen.
Das zentrale Ereignis im Klimawandel, der sich selbst verstärkende Vorgang der Temperatur­zunahme, wird sich nicht überall gleich auswirken, sondern höchst variant. Wo genau es kühler, wo es wärmer werden wird und um wieviel, wo die Niederschläge stärker, wo sie geringer sein werden, ist noch nicht genau vorhersagbar. Vage auch die Prognose, dass die kastrophalen Ereignisse im Wettergeschehen, extrem starke Taifune und Hurrikans, exzessive Monsunregen, zunehmen werden, dass Meeresströmungen, zumal der Golfstrom, sich ändern können. Völlig ungewiss ist immer noch, ob, wann und in welcher Beschleu­nigung es zu einem Auftauen des Permafrostes kommen wird, wieviel CO2 und Methan dabei freigesetzt werden, welche Funktion der Wolkenbildung zukommt und was passiert, wenn das in der Tiefsee gebundene Methan frei wird.
Etwas anderes dagegen steht fest. Unser Verhältnis zu unserer Welt wird ins Schaukeln geraten. Die Routinen im Umgang mit Wetter und Jahreszeit, damit auch großer Bereiche der Nahrungs­mittel­gewinnung, werden an Stabilität verlieren, und das bisher selbstverständliche, gar nicht ins Bewusstsein genommene In-der-Welt-Gefühl wird zu krümeln beginnen. Die Einsicht, dass wir dabei sind, unseren blauen Planeten nicht nur als Lebensraum für zahllose andere Lebewesen, sondern auch als unsere eigene Heimat zu ruinieren, wird unabweislich werden. Keine geschichtliche Erfahrung ist hier heranzuziehen. Auch die These Francis Fukuyamas von 1992, dass mit dem Sieg des Kapitalismus die Geschichte zu einem Ende gekommen ist, hat sich überlebt. Der Begriff der Geschichte selbst muss geöffnet werden, damit ihm der Faktor der Umweltgeschichte hinzugefügt werden kann.
Und noch etwas, das feststeht: Die Notwen­digkeit, schnell, allzu schnell, handeln zu müssen, sitzt uns im Nacken. Die Zeit, die für die kom­plexen Absprachen und Entscheidungen zwischen den Betroffenen des Klimawandels – uns allen – nötig ist, wenn das Chaos unzähliger Teilkonflikte nicht überhandnehmen soll, wird uns fehlen.
Nein, die Katastrophe, die es zu vermeiden gilt, ist nicht der Untergang der Menschheit in einer neuen Sintflut, sondern die, dass auch im Klimawandel alles so weitergeht wie bisher. Denn verlängert man den bisherigen Verlauf der Geschichte in die Zukunft, so fällt die Prognose leicht: An den bewohnbaren, den gesunden Orten der Erde, den „Bio-Orten“ heutiger Ausdrucksweise nach, werden dann diejenigen sitzen, die das meiste Geld haben, während der Rest der Menschheit mehr oder weniger erfolgreich ums Überleben kämpft, von den Trutzburgen des Überlebens im Luxus gewaltsam ferngehalten.

Die Komplexität dessen, was zu verhandeln sein wird, hat mit der Überfülle der Veränderungen zu tun. Die fälligen Umsteu­erun­gen, Umverteilungen, Umsiedlungen, Kompen­sationen und Ausgleichszahlungen werden die jeweils Betroffenen in verschiedener Weise belasten. Lassen wir die Unterschiede zwischen Arm und Reich innerhalb einer Gesellschaft einmal beiseite und konzentrieren uns auf das intergesellschaftliche Gefälle zwischen Arm und Reich.

Offenbar überlagern sich hier zwei Aspekte menschlicher Evolution: der anthropologische und der machtgeschichtliche. Zum ersten Problem­komplex hat die Kulturanthropologie in den letzten Jahrzehnten Erhellendes gesagt. Jared Diamond hat in seinem Buch Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften (2004) und in seinem neuesten Werk Kollaps (2005) den Zusammenhang zwischen naturgegebenen Lebens­bedingungen und vor- bzw. früh­geschicht­lichen Schicksalen der verschiedenen Gruppen und Gesellschaften durchschaubar gemacht.
Auf ebendiese – ungleichen – Ausgangsbedin­gungen hat sich Weltgeschichte gleichsam drauf­gesetzt. Der Anstoß zur Globalisierung ging von Europa aus. Die Epoche, die euphemistisch als „Zeitalter der Entdeckungen“ bezeichnet wird, begann in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und war durch Eroberung, Missionierung und Ausbeutung bestimmt. Die Folgen dieser Über­wälti­gung werden aus der Entwicklung der betrof­fenen Gesellschaften niemals heraus­zurechnen sein. Wo sie plötzlich hervorbrechen wie im islamis­tischen Terror heute, stiften sie Verwirrung und Entsetzen. Es ist im kollektiven Bewusstsein Europas/Nordamerikas nicht ausreichend präsent, dass mit dem faktischen Ende der Kolonial­herrschaft die Verstrickung des Abendlandes in die Entwicklung der außer­europäischen Kulturen nicht beendet ist.
Auf eine Spätfolge dieser Verstrickung haben Ian Buruma und Avishai Margalit in ihrem Buch Occidentalism (2004) hingewiesen. Der Titelbegriff „Okzidentalismus“ steht dabei für das Ressenti­ment der kolonial Überwältigten gegen all das, was ihnen vonseiten ihrer Überwältiger zugefügt worden ist und was sie noch heute in der Ein­stellung „des Westens“ ihnen gegenüber zu erkennen meinen. Das bezieht sich nicht nur auf die Anwendung militärischer und wirtschaftlicher Gewalt, sondern auch auf die kulturelle Dominanz. Dass dieses Ressentiment durchaus zwiespältig ist, sieht man an all dem, was vom Abendland zustimmend übernommen wurde: Naturwisssen­schaft, Technologie und vor allem die Errungen­schaften der modernen westlichen Medizin.
Aus der Überwältigung durch „den Westen“, die zu einer Entgleisung der eigenen Kultur­entwick­lung führte, leitet sich heute der Anspruch auf „nachholende Entwicklung“ ab. Global wird dieses Problem dann, wenn es darum geht, wieviel Nachholung diese Gesellschaften sich angesichts des Klimawandels werden leisten können. Das Paradebeispiel dafür ist China – auch wenn China in seinen kulturellen Ausgangsbedingungen nicht benachteiligt und niemals als Ganzes kolonial geknebelt war. China will und kann „aufholen“, es hat die Menschen und die kulturelle Befähigung dazu, große Teile der Welt mit konkurrenzlos billigen Produkten zu versorgen. Aber um welchen Preis? Dass es sich mit seiner restriktiven Sozial­politik selbst gefährdet, mag Sache der Chinesen sein. Aber die Umweltbelastungen, die von Chinas technologisch rückständiger Industrie produziert werden, gehen nicht nur den Bürgern Chinas an die Atemluft.

Ganz neue Fragen stellen sich uns: Welche Bilder von der Gleichheit aller Menschen lassen sich mobilisieren? Welche Konzepte kultureller Differenz und Gleichwertigkeit sind bisher entwickelt worden? Welche Begründungen universaler Menschenrechte sind geeignet, kultu­relle, religiöse Differenzen akzeptabel zu machen? Welche Rahmenbedingungen eignen sich für die Verhandlung dieser allseitigen Zusammenhänge?
Jeder menschliche Verband handelt in seinem eigenen Interesse, aber die Unterschiede darin, wie es vertreten wird, sind erheblich. Sie ergeben sich aus den Erfahrungen, die die verschiedenen Gesellschaften im Umgang mit anderen Gesell­schaften gemacht haben. Der erste Faktor, der ins Auge fällt, ist der Umfang bzw. die Häufigkeit von Außenkontakten.

Japan zum Beispiel hat aufgrund seiner Insel- und Randlage eine Geschichte relativ kurzer Episoden intensiver Außenkontakte und langer Perioden strikter Abgeschlossenheit. So hatte das Land bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wenig Anlass, sein eigenes Fremdheitsprofil gegenüber anderen Kulturen zu reflektieren, sich selbst als eine Kultur unter anderen zu verstehen und zu modellieren.
Ähnliches gilt – erstaunlicherweise – für China, das „Reich der Mitte“. Hier haben ganz andere Gründe zu einem Selbstverständnis geführt, das das Nachdenken darüber, wie man auf andere wirkt, unnötig und daher unwahrscheinlich macht.
Die Unbefangenheit, ja Naivität, in der auch das gegenwärtige Regime seine imperialen Macht­ansprüche auslebt, sind verblüffend. Die ungebremste und nahezu unverhüllte Gewalt­anwendung gegen Minderheiten (z. B. die Falun-Gong), politische Dissidenten im Inneren und benachbarten Kulturen (z. B. Tibet) gegenüber, die Zensur des Internet, die weltweite Spionage (bis hinein in die Computer der Bundesrepublik und des amerikanischen Regierungsapparats), die Unterstützung von skrupellos gewalttätigen Regimen (Sudan, Myanmar) aus energiepolitischen Gründen, das geradezu kindisch wirkende „Belei­digtsein“, wenn der Dalai Lama wieder einmal irgendwo in der Welt geehrt wird – all das konter­kariert den Anspruch, künftig eine, wenn nicht gar die Weltmacht sein zu wollen.
Sicher, da sind die Wachstumswerte der Wirtschaft, an denen besonders westliche Experten sich berauschen. Aber ist eine „Weltmacht“ denkbar ohne Werte, die auch für andere attraktiv sind, ohne Programm für ein auch dem Rest der Welt gedeih­liches Zusammenleben? Man vergleiche die pax romana, die freiheitlichen Ideale Frankreichs, die liberalen und rechtsstaatlichen Prinzipien Eng­lands. Dass diese Programme oft vorwandhaft eingesetzt wurden, sei eingeräumt. Aber eine „Weltmacht“, die nichts anderes vor sich herträgt als den Anspruch auf Herrschaft? Immerhin spricht einiges dafür, dass China das Problem erkannt hat. So hat es damit begonnen, im Ausland „Konfuzius-Institute“ zu eröffnen, und sich die Ausrichtung einer Olympiade gesichert. Die Sommerspiele 2008 in Peking werden Aufschluss darüber geben, wie China sich künftig dem Rest der Welt präsentieren will.

In dem Buch von Buru­ma/Margalit wird auf einen Zusammenhang zwischen praktiziertem Kolonialismus und der Herausarbeitung universa­ler Menschenrechte hin­gewiesen. Beides geschah gleichzeitig. Europa handelte imperial und kriti­sierte eben dies an sich selbst. Es setzte sich selbst absolut – und lernte dabei, sich selbst zu relati­vieren. Ebendiese These belegt Walter Veit, ein in Melbourne lehrender Kulturwissenschaftler, in seiner Arbeit Topik einer besseren Welt (Georg-Forster-Studien XI, 2006). Er zitiert darin all die Europäer, Missionare, Forschungsreisenden, Philosophen, die sich der Vereinnahmung der anderen Kulturen durch Europa widersetzt haben: Las Casas, Joseph Banks, Georg Forster, Diderot, um nur einige zu nennen. Von Georg-Christoph Lichtenberg (1742-1799) stammt der Aphorismus: „Der Amerikaner, den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“
Folgt man dieser Spur, wird erkennbar, dass die Herausarbeitung der Begriffe des „Naturrechts“ (Grotius, Hobbes, Pufendorf, Thomasius, Wolff, Rousseau, Fichte, Schelling), des säkularen Staates als Ergebnis eines „gesellschaftlichen Vertrags“ (Wilhelm von Occam, Marsilius von Padua, Hobbes, Kant, Fichte), der „individuellen Freiheits­rechte“ (Kant, Schelling), aus zwei Traditions­strängen heraus erfolgte: der Binnengeschichte Europas und seiner selbstkritischen Verarbeitung der Begegnung mit anderen Kulturen. Eben diese Begriffe konnten von Freiheitskämpfern wie Mahatma Ghandi und Nelson Mandela, die beide Kulturen kannten, ihre eigene und die europäische, gegen Europa selbst ins Feld geführt werden. Begriffe wie „Terre des Hommes“, Organisationen wie „Cap Anamur“, „Médecins sans frontières“, „Ärzte für die Dritte Welt“ und politische Gruppierungen wie Attac gehen auf dieselbe Tradition zurück.
Das anthropologisch-ethische Postulat, dass die Menschen sich untereinander – sei es in der gemein­samen Gotteskindschaft, sei es in der Teilhabe an menschlicher Vernunft – als gleich­wertig anerkennen müssten, hat in der Philosophie der Gegenwart eine pragmatische Wende genommen: hin zur Be­schreibung eines angemessenen zwischen­menschlichen Handelns. Sie ergab sich aus der Sprech­akttheorie, deren Entwicklung vor allem mit den Namen John L. Austin und John Searle verbunden ist. Ihre Anwen­dung auf eine allgemeine Theorie des kommuni­kativen Handelns (1980) hat Jürgen Ha­bermas vollzogen. Für den komplexen Zusammenhang der Verhandlung des Klima­wan­dels lassen sich daraus wenigstens zwei Frage­stel­lungen übernehmen: (1) Worauf lässt sich der Konsens darüber gründen, in welchem Rahmen die Verhandlungen stattfinden sollen, und (2) welche Funktion kommt der global gewordenen Öffentlichkeit dabei zu?

(1) Soweit ich sehe, gibt es einen weitgehenden Konsens darüber, dass nur die Vereinten Nationen den Verhandlungsrahmen abgeben können. Er gründet sich auf die seit 1945 erprobte Integrations­kraft der UN und die rational unabweisliche Einsicht, dass alle Nationen und Gesellschaften vom Klimawandel betroffen sein werden. Wie wichtig diese Rahmengebung ist, lässt sich an den Widerständen dagegen ablesen. So haben die USA im Vorfeld der Versammlung aller Regierungschefs im September 2007, in der von 172 Mitgliedern eine Fortsetzung des Kyoto-Prozesses beschlossen wurde, eine Konkurrrenz­versammlung etabliert, in der die Reduzierung des CO2-Ausstoßes von den größten Schadstoff­emittenten verhandelt werden soll – auf der Basis völliger Freiwilligkeit, in exklusiver Runde, dem Druck der Weltmeinung entzogen. Diese Taktik ist nur allzu gut ver­ständlich. Da alle Staaten, alle Länder, Regionen, Kommunen, ja die allermeisten Privathaushalte von den Veränderungen betroffen sind, werden extrem multilaterale Verhandlungen zu führen sein und der Druck der globalen Mehrheit auf die einzige Weltmacht könnte extrem groß werden.
(2) In ebendiesem Zusammenhang wird die Bedeutung der Weltöffentlichkeit sichtbar. Ihre Einbeziehung ist das einzige gewalt- und repressionsfreie Druckmittel, das gegen jede Art von Einzelinteressen mobilisiert werden kann. Denn die Chance auf eine Lösung von Streitfragen durch „sachliche Argumente“ ist umso geringer, je willkürlicher, gewalttätiger und damit irrationaler eine Ausgangslage ist, die durch den Klimawandel verschärft wird.

Dazu zwei Szenarien: (a) Ein „sich entwickelnder“ Staat, der von einem korrupten (möglicherweise paranoiden) Herrscher geknebelt ist, verstreut seine flüchtenden Bürger über die – ihrerseits umwelt­geplagten – Nachbarländer. (b) Ein multi-ethnisches Land wird von einer korrupten Clique (sagen wir: einer Militärjunta) beherrscht, die sich zur Ausbeutung der Bodenschätze der Komplizen­schaft internationaler Konzerne versichert hat; die rebellierenden Minderheiten werden aus dem eigenen Staatsgebiet in Nachbarländer vertrieben, die dadurch (siehe Szenario a) ihrerseits unter Druck geraten. Die jeweiligen Verhandlungen können – wenigstens das – von den Repräsentanten der UN protokolliert und über das Internet der global gewordenen Öffentlichkeit präsentiert werden.
Deutlich wird im Blick auf solche Szenarien auch, dass die Funktion des Sicherheitsrates in seiner bisherigen Zusammensetzung und unter Bei­behaltung von „Vetomächten“ unbrauchbar, ja destruktiv geworden ist.
Wesentlich konkreter, wenn auch nicht notwen­dig optimistischer, fällt eine Überschau aus, welche aktuell wirksamen Kulturfaktoren angesichts des Klimawandels als Blockaden, welche als Öffnungen zu begreifen sind.

Die Unterteilung der Welt in gut und böse, gottgewollt und widergöttlich geht auf eine frühchristliche Sekte zurück, die Manichäer. Dass der Manichäismus in die Gegenwart ein­brechen konnte, hat mit der Radikali­sierung einer islamistischen Minderheit zu tun. Wie es dazu kam, hat Dan Diner in seinem Buch Versiegelte Zeit (2005) beschrieben. „Versiegelt“ bedeutet hier so viel wie „angehalten“ und bezieht sich auf die Geschichtszeit. Gesellschaften, die sich so verhalten, als könnten sie den weltgeschichtlichen Wandel an sich vorbeiziehen lassen, bringen sich selbst in eine defensive und schließlich verzweifelte Lage. Die eigene Position wird absolut gesetzt, die menschliche Solidarität mit „Ungläubigen“ negiert – bis hin zum Terror gegen die derzeitige Leitkultur und Weltmacht. Was sich in mehr oder weniger spektakulären Aktionen bereits seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts andeutete, ist am 11. 9. 2001 zum epochemachenden Eklat geworden. Aber was geschah danach? Die Weltmacht, die bis dahin als Garant der Freiheitsrechte und Liberalität gegolten hatte, handelte ihrerseits manichäistisch. Auch hier brach lange Vorbereitetes durch, vor allem die latente Neigung bestimmter Gesell­schaftsteile der USA, sich als Nachfolger des Messias zu begreifen (in der „Battle Hymn of the Republic“ heißt es: „As he died to make men holy, let us die to make men free“). Die Regierung von George W. Bush bediente sich des religiösen Fundamen­ta­lismus, um einen Krieg beginnen zu können, für den es ganz andere Gründe gab – ein Täuschungs­manöver, das spektakulär misslungen ist. Guantánamo, Abu Ghraib, das Entgleisen der gesellschaftlichen Prozesse im Irak: Der katastro­phale Geltungsverlust der USA betrifft uns alle. Im Klimawandel brauchen wir einen Hegemon, der mit kulturellen Unterschieden umzugehen vermag.

Die kulturelle Überhöhung der Gier. Auch die zweite der hier angesprochenen Blockaden kann nicht ohne Bezugnahme auf die USA erörtert werden. Das ist kein Zufall (aber auch kein Ausdruck einer Amerikafeindlichkeit bei mir), sondern unvermeidlich: Die Möglichkeiten der Zukunft können nicht an den Werten der einzigen Weltmacht vorbei gedacht werden, sondern nur durch diese hindurch.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Immer schon, seit es Menschen gibt, waren die Unter­schiede zwischen den menschlichen Individuen größer als bei allen anderen Gattungen des Tierreichs, und Unterschiede zwischen Arm und Reich sind unvermeidlich. Aber seit dem „Sieg des Kapitalismus“ ist der Dynamismus der Geld­vermehrung außer Rand und Band geraten. Man vergleiche die Liste der Reichsten in der Welt von 2006 mit denen davor und beachte die steigende Zahl derer, die im reinen Geldgewerbe tätig sind. Exzessive Unternehmer-Gewinne (wie bei Bill Gates) sind eher Ausnahmen, die mit Ausnahme­produkten erklärbar sind. Geldvermehrung geschieht immer weniger durch gesellschaftlich relevantes Handeln (etwa durch Innovation oder Produktion) und immer mehr durch den Handel mit Geld. Grenzziehungen von seiten des Staates werden hier kaum vermeidbar sein, zum Beispiel durch andere rechtliche Rahmenbedingungen für Aktiengesellschaften und eine stärkere Kontrolle börsennotierter Fonds. Der deutsche Bundes­präsident, selbst ein Wirtschaftsmann, engagiert sich eben jetzt in dieser Sache.
Aber wie soll das bisher Unmögliche möglich werden – zumal in den USA, der Geld-Kultur par excellence mit der symbolischen Camouflage durch das Bibelwort „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ und der Gleichsetzung der „guten Früchte“ mit einem bloßen Mehr an Kapital?

In einer solchen Situation sind die Möglichkeiten nicht offene Türen oder gar Scheu­nen­­tore, sondern allenfalls Öffnungen, die man daran bemerkt, dass ein Luftstrom spürbar wird.
Wie Umfragen zeigen, gibt es in Deutschland immer noch keine Mehrheit für einen kollektiv-einseitigen Verzicht: „Eine Umweltsteuer nur in Deutsch­land?!“, „Und wenn die anderen dann nicht nachziehen?“, „Wir uns selber schwächen?!“, „Verzichten auf unsere Geltung in der Welt?!“ So gibt es bisher auch keine Mehrheit für Maßnahmen, die unsere Schlüsselindustrie, die Automobil­branche, benachteiligen könnten. Die eben wieder ab­gelehnte Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen gehört dazu. Andererseits gibt es, wie
z. B. die letzte Internationale Automobil-Ausstel­lung gezeigt hat, einen deutlichen Trend zu umwelt­freundlichen Autos hin, was ja den Verzicht des Einzelnen auf größere Motorenkraft, Schnelligkeit, spektakuläre Ausstattung und Ähnliches ein­schließt. Eine bemerkenswerte Um­zeichnung des Selbstprofils: von „Ich bin stärker“ zu „Ich bin umweltbewusst“. Gut belegt ist auch, dass Energie­­­sparprogramme, sei es beim Wohnungsbau, sei es bei der Hinwendung zu erneuerbaren Energien, bereit­williger angenom­men werden. Selbst die Bereit­schaft, Preisaufschläge bei Fern-Flugreisen hin­zunehmen, scheint zu wachsen. Als wollte man sich beim Flug in den exotischen Urlaub eines Begleiters entledigen: des schlechten Gewissens, das incognito mitreist. All das deutet auf Umschichtungen im Wertegefüge vieler Einzelner hin.

Nach dem Tsunami im Dezember 2005 war das Spendenaufkommen in den entwickelten Ländern enorm, größer als bei allen vergleichbaren Anlässen davor. War es einfach nur das Spektakuläre des Ereignisses, das diese Reaktion auslöste? Ich glaube nicht. Die mediale Berichterstattung, zumal durch Bilder, die live zustandekamen, haben eine Art praktischer Beteiligung (ich meine gerade nicht: abstrakte Betroffenheit) ausgelöst, die der Wirkung einer Katastrophe in geographisch nächster Nähe ähnlich war. Dieser Nahholeffekt des Mediums Fernsehen könnte bei der Organisation des Klima­wandels eine konstruktive Rolle spielen: im Sinne einer globalen Dokumentation. Noch stärker, wenn auch anders, geschieht die Nahholung der Ferne durch das Internet. Fast sieht es so aus, als sei es in Reaktion auf die Umweltkrise entwickelt worden. Es ist nicht zentrisch, ja nicht einmal knotenhaft organisiert (vom technischen Aspekt der Knoten­bildung einmal abgesehen), sondern fraktal. Jeder einzelne Partizipant ist Sender und Empfänger, Ausgangspunkt und Zielpunkt der globalen Kommunikation zugleich. Alle Prozesse können allseitig-gleichzeitig aktiviert werden: Netze der Meinungsbildung und Entscheidungsketten, Linien der Expertise und Tableaus der Information.

Wenn es etwas gibt, das sich heute in allen Kulturen gleichzeitig und in vergleichbarer Weise vollzieht, dann ist es die Zunahme des Anspruchs, über sich selbst verfügen zu können. Der Bereich, wo man das am besten beobachten kann, ist die Emanzipation der Frauen. Alle bedeutsamen Tendenzen der Kulturentwicklung der letzten Jahrhunderte konvergieren hier: die Postulate der Gleichheit und Freiheit aller Menschen, die Differenzierung des individuellen Bewusstseins, die Möglichkeit der Geburten­kontrolle und die Teilnahme der Frauen an allen gesellschaftlichen Tätigkeiten. Aktuell wird dieser Prozess bei der Frage, wie der Kampf gegen die Armut zu organisieren ist, brisant angesichts der Herausforderungen durch den Klimawandel. Entscheidend ist die Frage nach der Verteilung von Geldern an die Bedürftigsten, genauer: nach der Verteilungsstruktur. Dabei scheint mir ein Modell besonders einleuchtend und gut erprobt zu sein, das der sogenannten „Mikrokredite“, ein System, das Muhammad Yunus entwickelt und dafür 2006 den Friedensnobelpreis bekommen hat. Sein Credo: Es komme darauf an, aus Menschen Unternehmer zu machen, Unternehmer ihres eigenen Lebens. Und wer für sein eigenes Leben Verantwortung übernehmen könne, könne es auch für die Lebenswelt. Das Hoffnungspotenzial dieser pragmatischen Anthropologie: Da die Umwelt im Wandel ist, wandeln sich auch die Selbstentwürfe der einzelnen Menschen und, davon angestoßen, die Vorstellungen, wie sich Menschen aufeinander beziehen können.
Falls die Beobachtung von Muhammad Yunus zutrifft, dass gegenwärtig besonders Frauen der Dritten Welt zu dieser Selbst- und Weltverantwort­lichkeit hinfinden, umso schöner.