Nummer 16, Winter 2007/2008                              



 

Reportage

Weihnachtslandschaften

Von Oskar Holl

Zu den schönsten Weihnachtslandschaften gehören die Täler und Wälder, die einsamen Waldgebirge des nördlichen Neuengland. Sie beginnen ab einer Linie, die von Boston aus westlich bis zu dem an den Mittelrhein erinnernden Tal des majestätischen Mohawk River im Bundesstaat New York reicht und sich dann nordwärts wendet zur kanadischen Grenze, gegen den Niagarastrom hin und an das immer noch waldbestandene, wenngleich längst dichtbesiedelte und industriell entwickelte Ufer des östlichsten der Großen Seen.
Dieser Landstrich, dieses riesige, über Hunderte Kilometer sich dehnende Rechteck auf der Landkarte, ist jener Teil Amerikas, der als einer der ersten auf dem neuen Kontinent von englischsprechenden Siedlern, tiefreligiös und voll heimlichem Hass gegen Seine viel zu weltliche Britische Majestät, entdeckt wurde und auch bei den Neugierig-Gebildeteren des nördlichen Europa das erste Bild dieser neuen Welt geprägt hat. Und ohne dass es einer bis heute so richtig bemerkt hat, wurde dieser Teil des Kontinents als einer der ersten vom Lauf der Welt wieder vergessen. Vor annähernd 200 Jahren bereits. Dieses waldbestandene Neuengland wurde so sehr vergessen, dass es von da an bleiben konnte, was und wie es war. Und was es heute noch ist.
Von einer Welt der kreischenden Geräusche, der Gier, des unablässigen Getriebes eines amerikanischen, oder sollen wir sagen: beinahe weltweit omnipräsenten Alltags treten wir da ein in eine Welt der Stille, ja fast des Schweigens; und das auch heute noch, ja, heute wieder ganz besonders. Selbst die profane Fahrt mit dem Auto auf der Autobahn aus der Megastadt zwischen New York City und dem Umland von Boston lässt diese Wandlung binnen weniger Kilometer erleben. Lagen unsere Blicke soeben noch auf Dörfern und Städten, auf bebautem, dem wirtschaftlichen Gewinn unterworfenem Land, so rücken uns von jetzt an, mit dem zunehmend sich wellenden Verlauf der Autobahn, die schier unendlichen Höhenlinien hintereinander gestaffelter Hügelketten nahe und die der nach Norden zu emporwachsenden Waldgebirge. Lichtungen dazwischen, an denen die Autobahn vorbeiführt, sind die Plätze für einzeln daliegende Gehöfte; sie scheinen nur der Abwechslung zu dienen und das an Eindrücken herauszuarbeiten, was wir im ersten Überblick ohnehin schon geahnt haben: dass wir da eintreten in ein Land des Schweigens und der Stille, wie es unsere Gegenwart scheinbar gar nicht mehr zu bieten vermag. Da und dort, in den langen Abständen der seltenen Autobahnabfahrten, an altenglisches Bauernland gemahnende Ortsnamen, doch im Widerspruch zu der Ankündigung ist kein einziges Dorf zu sehen, meist bleibt es bei versprengten Lichtern in den Wäldern, einem Durchblick vielleicht auf eine mit Lichterketten geschmückte hohe Tanne vor einem Haus, der Baum selbstverständlich lebend und ungeschnitten auf kräftig lebendem Stamm. Die Tanne steht vor einem solchen Hof, der zu der sonst unsichtbaren Gemeinde North Sutton gehört.
Dieses Neuengland, das sind neben dem östlichen, fast schon allzu entlegenen und auch mit anderer Geschichte lebenden Maine vor allem die Staaten New Hampshire, Vermont und der nördliche Teil des Staates New York, jener „Upstate New York“, der sich von der Weltmetropole im Süden so sehr unterscheidet, als wären es zwei Kontinente, durch einen Ozean von Bewusstsein und Lebensauffassung voneinander getrennt. Miteinander glücklich werden beide wohl nur, wenn sie aneinander nicht denken.
Drei von Süd nach Nord verlaufende uralte, schwer verwitterte, vielfach abgeschliffene und abgerundete Waldgebirge, aus dem Altertum der Erdgeschichte, bilden das Rückgrat Neuenglands; in New Hampshire die White Mountains, für altes Urgestein ungewöhnlich hochaufragend und, wie der Name sagt, schneebedeckt, und das neun Monate im Jahr, dann die grünen Berge von Vermont in der Mitte und endlich im Westen die weitläufigen, beinahe unabsehbaren Adirondacks im Staat New York, indianischer Name und auch noch indianische Reservationen, wenn auch kleinwinzig. Dazwischengehängt die Bänder der großen, fast geradewegs nach Süden strebenden Ströme, der stille Connecticut River mit durchsichtig-braunem Moorwasser und vor allem der breit sich hinwälzende, mehrere große Ströme aufnehmende Hudson River in dem weiten Tal, das Apfelbäume und Getreide so gut gedeihen lässt und den Holländern eine frühe Heimat war.
Im November, eine gute Weile vor Thanksgiving, dem amerikanischen Fest, das nirgend anders so hingehört wie gerade hierher, ist schon längst der erste Schnee gefallen. Dann blieb es lange trocken, arktische Kälte floss vom Kanadischen Schild ungehindert, nicht wie in Europa durch Golfstrom und Ost-West verlaufende Mittelgebirge abgemildert, nach Süden herunter und erfüllte die Luft mit ihrer klirrenden, die Baumstämme zum Knacken bringenden Kälte. Ganz Vorsichtige, auch ehemalige Städter, die in ihren Häusern ohne Garten mitten unter Bäumen wohnten, achteten darauf, ob es im steinhart verharschten Schnee nicht Spuren von Bären gab oder ob sich die Braunen schon in ihre Winterquartiere verzogen hatten.
Wer aus dem Auto steigt und sich zu Fuß weitermacht, dem zieht in der einfallenden Dämmerung bald der Rauch von Holzfeuer in die Nase, das untrüglichste Zeichen, dass Häuser in der Nähe sind.
Auch dieses Tal, das sich vor der Mündung in den Hauptfluss verengt, zeigte seine lange, geschwungene Form, nichts Jähes, keinen plötzlichen, willkürlichen Richtungswechsel, sondern ein leicht gekrümmter Talgrund lag da mit Grasboden, beidseits die Wälder an den Talhängen, und hier und dort stachen die Gehöfte heraus mit den rostrot gestrichenen Scheunen, der allgegenwärtigen Farbe, einst aus dem schwedischen Falun importiert, seit Jahrzehnten schon überragt von den Silos, die zeigen sollten, dass auch Landwirtschaft heutzutage fabrikmäßig ernstgenommen sein wollte. Weit hinten, auf einem Hügel mitten im Talverlauf, einer Laune eines jener Gletscher, nach denen die ganze Landschaft noch aussieht, und das ganz besonders in dieser andrängenden Winterkälte, beginnt sich die weiße Holzkirche von South Strafford abzuzeichnen, mit ihrem schlanken, spitzen neuenglischen Kirchturm, wo puritanische Zimmermannsbaukunst gotischen Kirchenstil in diese Wälder gebracht hat, und das erheblich post festum, wahrscheinlich sogar erst nach den Napoleonischen Kriegen.
Die eigentlich schmalbrüstige, beinahe fragile hölzerne Kirche, spitzbogig befenstert auf dem allseitig abfallenden Hügel, der freigehalten war bis auf einige halbhohe schöne Bäume, Obstbäume offensichtlich, aber jetzt in der Kälte zur Unkenntlichkeit entlaubt, und unten am Fuße, am Anfang des im Rasen kaum erkennbaren Kirchsteigs, ein ebenso weißes Holzhaus, mit gelb lasierten Lisenen, wie Laubsägearbeit, wie ein Spielzeug beinahe, es ist wohl das Pfarrhaus. Der Mittelbalkon und die symmetrische Holzarchitektur erinnern entfernt an Palladios Vicenza, kommen aber ohne einen einzigen Stein aus. Eines der oberen Fenster ist beleuchtet. Doch hier zu klingeln und unangemeldet um Eintritt zu bitten, wäre sehr unamerikanisch in einem Land, in dem bei aller Lieblichkeit und Verhaltenheit der Landschaft das trespassing, das ungebetene Eintreten oder auch nur das Betreten eines fremden Stückes Boden, zu den Dingen gehört, die man besser nicht tut. Die Kirche und der schlanke, in der Dämmerung nun schon angestrahlte Turm, talauf und talabwärts weithin sichtbar, sind selbst in der angehenden Winternacht noch so etwas wie ein Lichtblick, in ihrer Zartheit Schutz erflehend und zugleich Schutz und Zuflucht versprechend.
Weihnachtsauktion in Orford, draußen an der Hauptstraße, die nur deshalb wichtig und Hauptstraße ist, weil da der größte Fluss des Landstrichs das Tal bildet. Grell blendet die niedrig stehende Dezembersonne auf dem schütteren Schnee. An einer Straßenkreuzung und einer Brücke über den Connecticut River, der hier die Landesgrenze bildet, hat sich so etwas wie ein geschlossenes Dorf gebildet, mit kleinen Häuschen und nicht viel größeren Scheunen, überall die amerikanische Ausgabe der verdächtigen ochsenblutfarbenen falufärg an den Schalungen der Holzhäuser. Und hier nun Pick-ups, doch diese endlich einmal an einem richtigen Ort, und auch sonst manche Autos, die mehr Erdkrumen an den Reifen und innen auf dem Gummiboden haben und verschmierte Fenster, als der Städter es gewohnt gewesen wäre. Neben den typisch amerikanischen Wagen auffällig viele Volvos, Kombis natürlich, mit Anhängerkupplung, und sogar, seht her, ein ebensolcher Mercedes. Die Hänger stehen nebenbei, sorgfältig aufgereiht, alle mit dem offenen Heck zur Straße gerichtet; Strohreste und Tiermist auf den Anhängerböden und auf der Straße.
Die Weihnachtsauktion, zu der aus dem ganzen großen Umkreis die Leute kommen, ist eine Viehauktion. Von alters her. An einem der meist strahlenden Tage vor Weihnachten, in die eisige Kälte hinein, die dem Vieh aber nicht schadet. Die Rinder tragen ihren dicken Winterpelz und sind wie überall in den Staaten das Leben im Freien gewohnt. Winterlich ist auch der Aufzug der Besucher, sie laufen in ihren dicken, gewürfelten Lumberjacks umher, mit denen sie während der letzten Wochen zur Jagd gingen, rot und in anderen schreienden Farben, nicht um das Wild zu erschrecken, sondern zur Warnung für die anderen Jäger. Da passiert in einer jeden Jagdsaison etwas, Unglück genug für eine Woche Valley News, aber das gehört nun einmal dazu.
In eine der Scheunen ist ein Ring eingebaut, mit einem Podium für den Auktionator und seinen Assistenten, der kassiert, ringsum hinter den rohen Stangen sitzen die Farmer, Verkäufer und Käufer. In, wie gesagt, Lumberjacks und mit dicken Mützen, Ohrenklappen lose herabfallend. Gespanntes Schweigen unter den Anwesenden. Der Versteigerer erklimmt gerade, indem er die soeben im Kreise vorgeführte Färse oder den Jungstier wohlwollend und melodisch anpreist, seinen Auftakt und trommelt dann wie eine ununterbrochen angeschlagene Glocke seine Zahlenketten über Rinder und Menschen. Geboten wird in das Zahlenstakkato, in das kaum verständliche, hinein mit einem Fingerzeig, den der Unkundige jederzeit übersehen hätte. Hat er nun gekauft oder hat er nicht? Wir werden es nie erfahren. Wir müssten nur draußen bei den Anhängern lauern, später, wenn die Tiere wieder abgefahren werden.
Aber da gibt es nicht nur die Tiere, den Auktionator, die Verkäufer und Käufer. Die Weihnachtsauktion von Orford war längst im ganzen Landkreis und darüber hinaus eine Attraktion geworden, zu der man einfach fuhr. Auf der Dorfstraße gehen vielleicht mehr Zuschauer als Farmer auf und ab, und die Zuschauer tragen ebenso die dicken, grellbunten Lumberjacks und verwegen schlampig aufgesetzten Wintermützen. Auch sie waren mit ihren Volvo-Kombis da. Zwischen den Pkw-Anhängern für die Tiere sind Buden aufgestellt; da gibt es Hotdogs und heißen Punsch. Heißen Punsch aber garantiert ohne Alkohol, denn Alkohol ist hier etwas Böses und der heiße Punsch so gefährlich wie amerikanisches Familienkino ebenso garantiert ohne Sex. Wer will, geht wieder in die Auktion rein, da ist es wärmer und riecht nach Stall, von den Rindern, die aufgetrieben wurden, und noch mehr von den Nachbarn, die sich im Ring drängen.
Noch bevor die Wintersonne hinter dem Waldhang da drüben versank, ging die Auktion zu Ende. Da gab es noch ein Aufstieben von störrischen, nun den Wildfremden überlieferten Rindern, das Aufrauschen der Motoren, alles so von zwei bis sechs Litern Hubraum, mit dem süßlichen Aroma des noch kalten, schlecht verbrannten amerikanischen Benzins, und dann war alles wieder vorbei.
Nach diesen Stunden der Freude in der Winterkälte von New Hampshire, an der Brücke nach Vermont hinüber, gleich am andern Flussufer, kehrte in kürzester Zeit wieder Ruhe ein, so, als wäre in diesen Wäldern nie etwas Derartiges gewesen; so schnell, wie in den Vereinigten Staaten Feste und Feierlichkeiten enden, ein Hauch, ein Rauschen, und da war nichts mehr als nur ein verlassener Platz mit kleinen Häusern, die aus diesem Jahrhundert stammen könnten oder auch aus dem letzten, oder was immer wir als letztes bezeichnen. Darüber nur die rasch wegsinkende Sonne, ebenfalls viel früher am Tag, als dem Anreisenden aus dem nördlichen Europa geläufig. Du bist hier immerhin – bei all dieser Winterkälte – auf der geographischen Breite von Neapel, da sinkt die Sonne schon schneller, mein Lieber, das hast du wohl nie gelernt, nicht wahr? Dafür haben wir hier, vielleicht hast du es schon einmal gemerkt, das schönere Licht. Ein Licht wie über dem Mittelmeer, wenn das Wetter es will.
Die Menschen, die wir hier getroffen haben, hätten Farmer sein können oder auch Ärzte mit Praxen in den großen Städten draußen, die hier einen Hof hatten, vielleicht geerbt oder aus Liebhaberei erworben. Sie hießen dann gentleman farmers, und die meisten, die wir als richtige Farmer eingeschätzt hatten, jene mit den absolut echten und sogar schmierigen Lumberjacks, besaßen auf dem Hof ihre vielleicht zwanzig Stück Vieh, erlesenes schottisches Hochland (keine texanische Massenware), aber für Montag bis Freitag einen sicheren Arbeitsplatz als Computertechniker oder Mechaniker in einem der versteckten Dörfer, vielleicht auch eineinhalb Autostunden entfernt in der Landeshauptstadt Manchester oder dort, wo vor einer Generation die Textilindustrie zugrunde gegangen war und Reihen nutzlos gewordener Klinkerbauten hinterlassen hatte. Und mit dem Geld bezahlten sie die falufärg für den Hof und kauften ein schönes altes Stück für die Einrichtung.
Auch das ist Neuengland, schwierige Heimat. Von seiner Scholle allein lebt hier niemand mehr.
Dann und wann triffst du in den weithin verstreuten und sich unermesslich ausdehnenden Dörfern, die hier ohne Unterschied ihrer Größe township heißen, am vermeintlichen Mittelpunkt kaum mehr als ein Town House und einen General Store mit Postamt; vielleicht gerade noch die Schule. Weitab davon und seltsamerweise meist ohne Kapelle oder Kirche der Friedhof. Viel zu groß und viel zu einsam, so scheint es, für derart wenige Einwohner. Jetzt, vor Weihnachten, stehen da vor manchen Grabsteinen neu aufgerichtete kleine Sternenbanner, und wenn der Wanderer die Inschrift liest, dann sieht er, der Grabstein über dem Sternenbanner ist hundertvierzig Jahre alt und erinnert mit schlankem, lakonischem Spruch an jemand aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, gestorben im 24. Jahr seines Lebens. Officer and gentleman. Mehr nicht, nur das. Trauer ist hier, so scheint es, ebenso zurückhaltend wie das Land ringsum selbst, das ihm Heimat war, und der Tod in dem jungen Land da noch viel unverständlicher.
Hoch oben über den Flusstälern, auf den Terrassen der Waldgebirge, trifft der Wanderer immer wieder völlig unerwartet auf Lichtungen. Seltsam ausgewachsene, verwilderte Obstbäume stehen auf dem verbuschten, verkrauteten Feld, und wer genauer hinsieht, erkennt vielleicht im hohen Gras granitene Fundamente einstiger Häuser. Das kann einem auf einer Höhe von acht- oder neunhundert Metern über dem Meeresspiegel begegnen. Dem entspräche in den Alpen dem Klima nach ein Dorf in doppelter Höhe, knapp unter zweitausend Meter, wo es kaum noch Einzelhöfe gibt. Eine kleine Umfrage bestätigt, ja, das alles war einmal besiedelt, mit kleinen Höfen, die sich alles selbst erzeugten, und unten im Tale hatten sie Mühlen, an den Hängen ihre Granitbrüche, deren Reste du heute noch sehen kannst. Von dem Granit übrigens wurden die Paläste und Hochhäuser New Yorks und Bostons verkleidet und die Straßen gepflastert, ehe der Beton seinen Siegeszug antrat.
Als der Westen geöffnet wurde, die Weite über die Appalachen zum Mississippi hin, da leerte sich dieses karge Land binnen einer Generation. Die Siedler, die in den amerikanischen Westen hinauszogen, waren nicht, wie du als Leser deutscher Jugendbücher von 1880 vielleicht annimmst, frisch angekommene Einwanderer aus Europa. Das waren zuallererst die zähen Bauern von hier, die unter König Georg I., dem Deutschen, aus Wales ausgewandert waren oder aus Schottland.
Der Wald, den du hier siehst, dieses schier unendliche Gewoge von Nadelbäumen, von zuckertragendem Ahorn, Hochlandbuchen, Wassererle und Felsenbirne und dem die arktische Kälte ankündigenden Birkenbestand, der Wald mit dem grünen Schmelz drüber und der grauen Seitenansicht, all dieses Urweltliche, Urwaldähnliche, besteht erst wieder seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Dann nämlich waren die verlassenen Hofstätten der ersten weißen Siedler endlich vollständig aufgegeben und hatte sich den wenigen Daheimgebliebenen die weitere Bewirtschaftung als endgültig sinnlos erwiesen.
Der Wald hat sich dieses nördliche Neuengland zurückerobert, von Norden nach Süden. Land in den grünen Bergen, Vermont, ist mehr als nur der Name eines Bundesstaates, ist es heute vielleicht so sehr wie einst nur in der Zeit seiner Gründung.
Einsamer ist und einsamer wirkt dieses verlassene Land, als es jede Landschaft wäre, die unbesorgt fröhlich einen geraden und dem Volksglauben nach zukunftsverheißenden Gang der Geschichte hinter sich hat, wie wir das von fast überall sonst kennen.
Durch den schütteren Novemberschnee führen kaum erkennbare, mit wenigen blassgelben und braunen Naturfarben-Markierungen ökologisch sehr korrekt bezeichnete Wanderwege durch die grauen, entblätterten Laubwälder, in die Höhen des Mount Cardigan oder des Mount Moosilaukee, eine Tour, die an diesen kurzen Dezembertagen morgens rechtzeitig begonnen werden sollte. Wer auf dem Gipfel steht, in der Mitte dieser schier unzerstörbaren Zelle hohen Luftdrucks, sieht ferne draußen die Wolkenbänke rauchen und sich langsam verschieben, nach unten, in die tieferen Luftschichten wie abgeschnitten. Der Blick reicht in die Ebene hinunter zum Atlantischen Ozean und auch weit hinein ins Inland, über Hügel und Hügel und nicht endenwollende Bergketten. Die Täler zu Füßen öffnen sich, das eine oder andere schwarze Auge von Gebirgssee blinkt, spiegelblank gefroren in den schneearmen, eisigen Wochen.
Wer hier länger Umschau gehalten und seinen Pulsschlag endlich beruhigt hat, dem erklingt nun in diese Ruhe hinein ein Ton aus dieser Natur, ein Klang wie ein Orgelpunkt, Einbildung vielleicht und dennoch präsent vor den Sinnen wie die Sphärenmusik der Alten. Es ist der Klang dieser Landschaft. Da und dort in der Ferne dann doch eine Lichterpyramide, der geschmückte Baum vor einer Farm mitten in den Wäldern. Auch wenn unten die Straße den Fluss entlangzieht und Fernlaster geräuschlos ihren Weg nehmen, auch wenn den Himmel Kondensstreifen zerfurchen, hier oben ist es, als wäre das Land noch nicht entdeckt und würde gerade jetzt darauf warten, endlich entdeckt zu werden. Oder aber: endlich wieder allein zu sein. Der Mensch ist hier immer nur ein Eindringling. Seine Spur verwischt sich jedes Mal, und jedes Mal erscheint alles wieder wie unbetreten.
Im Hinuntergehen weht von irgendwoher ein Fetzen Musik, den der Wind heraufträgt, mehrstimmig gesungen, a capella, bestimmt eine Platte, was denn sonst. Aber es ist die Färbung von Gefühl, die hier Weihnachtslieder trägt, diese Mischung von Studentenrenaissance und etwas Händel, frisch und unsentimental vorgetragen wie englische Choräle allemal, vielleicht Adeste fideles, mit der unnachahmlichen Lateinaussprache, die die Englischsprechenden für normal halten. On the first day of Christmas my true love gave to me – zwölf Tage und zwölf Nächte wie in alten Zeiten dauern diese Weihnachten des Liedes, viel braucht der Liebste für so viele Tage zum Schenken, und viel haben die Kinder auswendig zu lernen und zu singen, bis dieser Zauber wieder vorbei ist. Aber das ist ja der Zauber: Twelve golden rings! Der Blizzard, der dem stabilen Spätherbstwetter ein Ende macht, passt zur Wildnis, die dieses Land immer noch ist. Wieder werden einige unvorsichtige Autofahrer aus den Ballungsräumen mit ihren Sommerreifen auf der Autobahn liegengeblieben sein. Ein Glück, wenn es für eine dumme Hausfrau oder den naseweisen 28-jährigen Handelsgehilfen nicht mit dem Erfrierungstod endet. Die Straßen sind zu, auf eine Weise überfroren, die Kälte beißt, wie es sich im wohltemperierten alten Europa niemand träumen ließe, die Schulen schließen vor den Schneestürmen sicherheitshalber einige Tage, ehe die eigentlichen Weihnachtsferien beginnen. So ist das hier immer. Etwas Schnee, und dann in allen Nachrichten und Köpfen gleich die Schneekatastrophe. Die Bären haben inzwischen längst ihre Höhlen bezogen, Winterschlaf überdeckt alles.
Ein Weihnachtsmorgen in diesen Waldtälern Neuenglands, einige Zoll Schnee auf den Feldern, im Sonnenlicht werfen die Äste ihre Schneelast voller Glitzer ab. Das ist die richtige Feierstunde. Die eine, auf die das Land hier ein ganzes Jahr gewartet zu haben scheint. Noch immer treten die Menschen so fröhlich vors Haus an diesem ersten Feiertag, wie es schon James Fenimore Cooper beschrieben hat in seinem Lederstrumpf, und vielleicht auch selber gemacht. Das waren, da einer ja meist von den glücklichen Tagen seiner Jugend schreibt, noch die Feste im längst vergangenen 18. Jahrhundert, für ihn schon Jahrzehnte entfernt – und wie viele für uns? Offenbar viel weniger, als es den Anschein hat.
In Cooperstown, im Upstate New York, ist er begraben. Erst nach seinem Tode haben sie das Dorf nach ihm benannt. Es liegt, wie es sich gehört, am Otsego-See. Dort sieht es genauso aus, wie es der alte Cooper in seinen Geschichten beschreibt. Viel stärker ist er da, als wenn er versucht, über die Prärien zu schreiben. Diese halb schlafende Waldlandschaft, der Kälte und der Dunkelheit zugewendet, mit den verstohlen umherschleichenden Indianern darin, das ist Cooper. Mit Ausnahme der edlen Wilden und des Kampfes auf Leben und Tod zwischen gut Englischgesinnten und Franzosenfreundchen in diesem Krieg, der damals schon ein Weltkrieg war, ist alles beim Alten geblieben. Und in seiner Beschreibung hat er uns die Augen geöffnet.
Einer der kältesten Tage des Jahres, und der fröhlichste. Sam, der Neger aus diesen Seiten des Lederstrumpfs, hatte vor lauter Kälte graue Backen, als er voller Eifer in der ersten Morgensonne den Weihnachtsschlitten anspannte. Bis zum Bauch standen die dampfenden Pferde im frisch gefallenen Schnee. Heute lebt Sam sicherheitshalber nicht mehr hier und kaum einer seiner möglichen Nachkommen. Die eisigen Backen haben wir noch heute, wenn wir den morgendlichen Vorgarten da durchqueren. Ein Glück, dass der Motor des im Freien geparkten Autos die ganze Nacht über elektrisch geheizt war, so wie das die meisten hier halten. Der fröhlichste Tag des Jahres. Vorbei mit den nächtlichen Wehen. Jetzt ist er da, jetzt, bei helllichtem Tag kann gefeiert werden. Wir werden feiern – und wahrhaft, wir tun es!
Obwohl das Land hier eine Wiege dieser Nation ist, ist es vom übrigen Amerika so abgeschieden in seiner Fröhlichkeit und seiner diskreten Trauer, dass die Klugen und die Begüterten aus den ganzen USA meinen, hier könnten sie ihre Heranwachsenden unbesorgt herschicken, damit diese ungestört etwas Schliff bekämen und eine anständige Erziehung. Ohne dabei auf schlechte Gedanken zu kommen. Und es spricht für die Klugheit dieser Väter und Mütter, die das vielleicht selbst schon durchgemacht haben zu ihren Zeiten, dass sie dieses Land für ein gutes Land halten, wert, den Hintergrund zu liefern für die prägenden Jahre ihrer Kinder. So fern von allem anderen, als käme das Verbrechen niemals hierher. Aber es kommt, verlasst euch drauf, und wir wissen es.
Trotzdem: Vielleicht sollte man, wenn abermals 200 Jahre vergangen sind seit jenem Augenblick, da dieses Land im hellen Licht der Geschichte stand, wieder herkommen und nachsehen, ob es noch immer das ist, was es so gut und so lange war und was es heute noch ist: Landschaft des Wartens und versteckten Heranreifens, eine halb verborgene Welt mit langsamem Puls und ganz anders als vieles andere, das gleich nebenan einem aufstößt. Weihnachtslandschaft vielleicht.
Das überlassen wir aber besser dem, der sich dann hier umsieht, wie gesagt, 200 Jahre nach uns.