Nummer 16, Winter 2007/2008                              



 

Heftkritik: DIE GAZETTE - Viel Text, wenige Bilder, keine hochgekochten Sensationen

Unaufgeregt anspruchsvoll

Anders als üblich gab es die GAZETTE zunächst online, seit 1998, und erst sechs Jahre später auch gedruckt. Und anders als viele sonstigen Zeitschriftengründungen hat die Münchner, vom Literaturwissenschafter Fritz R. Glunk gegründete Vierteljahresschrift nicht blätternde Zuschauer als Zielgruppe im Sinn, sondern denkende Leser. Das bedeutet auf 106 Seiten viel Text, wenige Bilder, keine hochgekochten Sensationen.

„Eigentlich vollkommen unverkäuflich“, wie der Journalist Peter Littger in der internen „Heftkritik“ der aktuellen Nummer noch eins nachlegt. Er meint das als Kompliment, und es ist ihm beizustimmen. Die GAZETTE ist das, was viele Diskurs-Plattformen nur simulieren (Littger erwähnt etwa das von ihm mitbegründete Cicero), ein Diskussionsorgan im altmodischen Sinn, anspruchsvoll und nicht ohne Überraschungen. Mag man Julian Nida-Rümelins Beitrag über „Gerechtigkeit in Europa“ noch als Teil des etablierten bundesrepublikanischen Dialogs sehen, so fällt der kluge und zynische Beitrag des kenianischen Autors Binjawanga Wainaina über die wohlgemeinten Initiativen der Ersten Welt zur Rettung der Dritten („Biogas, Aufziehradio, One Laptop Per Child“) schon aus dem Rahmen. „Der Internationale Währungsfonds wird dazu lächeln.“

Man nehme dazu die Aufzählung von Matthias Horx' 100 Top-Trends von 2004, die sich von selbst verreißt, oder Zé do Rock, wie er in seinem quasi-deutschen Idiom Witziges und Ernstes aus Kuba berichtet, oder die brisante Rekonstruktion eines Geheimtreffens von Dissidenten und Regimespitzen mitten in der DDR, 1976 und kurz nach der Ausweisung Biermanns: Das Ergebnis ist rund, spannend und formal in einer unaufgeregten Ästhetik zwischen dem seligen Transatlantik und Datum angesiedelt. Ein Gewinn.

(Michael Freund/DER STANDARD, Wien; Printausgabe, 6. November 2007)