Nummer 16, Winter 2007/2008                              



 

Editorial

Es wird schöngeredet. Selbst „Katastrophe“ ist eine Beschönigung. Der Klimawandel ist keine Katastrophe. Ein Tsunami ist eine Katastrophe: Man geht (wenn man noch kann) in die Berge, danach kehrt man zurück, die Überlebenden begraben die Toten, bauen die Häuser wieder auf, und das Leben geht weiter wie zuvor. Die Erderwärmung jedoch bleibt, unumkehrbar.
Sie wird ein anderes Leben erzwingen.
Aber diese Wahrheit wagt kaum jemand auszusprechen. Im April des Jahres, im publizistischen Lärm um das Klima, forderte zwar eine große Boulevard-Zeitung die Reduktion des CO2-Ausstoßes um 80 Prozent (bis 2050, so Andreas Troge vom Bundes-Umweltamt), und andere Blätter schlugen Alarm, wir hätten „nur noch 12 Jahre Zeit“. Konkreter wurden diese Forderungen nicht und die praktischen Folgen für unsern Alltag erst recht nicht.
Nur verschämt, nur leise, und nur ein einziges Mal redete Angela Merkel davon, dass auch „ein Weniger“ denkbar sei; im UN-Weltklimareport (siehe Rezension Seite 95 in dieser Ausgabe) lesen wir wenigstens metaphorisch vom „Virus der Maßlosigkeit“, der „zum Tode führen kann“; der 4. Sachstandsbericht des IPCC, dessen Ergebnisse gerade in Valencia zusammengefasst wurden, spricht schon mal von (nicht näher ausgeführten) „Verbrauchervorlieben“, die „den Möglichkeiten zur Emissionsminderung entgegenstehen“; und an anderer Stelle kaum deutlicher von „Änderungen im Lebensstil“, die „zur Minderung des Klimawandels beitragen können“. Wer da genau hinhört, spürt, um welche unangenehme Wahrheit hier herumgeredet wird: um die Erkenntnis nämlich, dass unser Lebensstil nicht zu halten sein wird, auf den ganzen Planeten hin gesehen schon aus Gerechtigkeitsgründen nicht. Dies aber ohne falsche Rücksicht auszusprechen bleibt derzeit denen vorbehalten, die immer schon als notorische Nörgler denunziert werden konnten, Klaus Michael Meyer-Abich zum Beispiel, der sich wünscht, wir sollten uns „in einer politischen Öffentlichkeit darüber klarwerden, dass es unanständig ist, durch unsere Autofahrerei, unsere Urlaubsfliegerei, unsern viel zu hohen Wärmebedarf die Lebensgrundlagen der ärmeren Länder zu zerstören“. Dr. Bjørn Lomborg, der Kopenhagener Klimawandel-Skeptiker, würde ihm widersprechen. Er nämlich hält es für richtig, die ganze Welt ebenso reich zu machen wie New York, „damit die Menschen überall sich so etwas leisten können wie höhere Deiche und Aircondition“. Lomborg ist gerngesehener Gastredner auf hohen Symposien (so beim 6. European Business Summit in Brüssel im Februar 2008 zum Thema „Greening The Economy - New Energy for Business“), Meyer-Abich nicht.
Zweifellos hat inzwischen ein weltweiter Bewusstseinswandel eingesetzt. Ihn zu befördern hat sich diese Ausgabe der GAZETTE vorgenommen, die deshalb erstmals einen entsprechenden Themenschwerpunkt enthält.
Den potenziell wichtigsten Beitrag dazu hat Michael Müller geschrieben, Parlamentarischer Staatssekretär im Berliner Umweltministerium. Er nennt klar die beunruhigende Ausgangslage und die notwendigen Maßnahmen. Man kann sich nur wünschen, dass der Autor und sein Minister diese Sicht der Dinge ohne Zeitverlust (und ohne dass die Industrie ihnen Knüppel zwischen die Beine wirft) auch in tatsächliche Politik umsetzen.
Frank Holl belegt in seinem Text, dass wir schon lange den Menschen als Verursacher des Klimawandels hätten erkennen können: spätestens seit Alexander von Humboldt den Anrainern des Valencia-Sees in Venezuela erklärte, sie seien selbst schuld am Absinken des Seewasserspiegels, weil sie die umliegenden Wälder abgeholzt hätten.
Dietrich Krusche betrachtet die sogenannte internationale Gemeinschaft, die als Gemenge souveräner, egoistischer, ja imperialer Staaten unfähig ist, im vorliegenden Fall wirklich gemeinsame Beschlüsse zu fassen, wenn damit Verpflichtungen drohen. Ändern wird sich darin wenig, solange Supermächte es aktiv darauf anlegen, die Organisation der Vereinten Nationen zu entmachten.
Die drei darauffolgenden Expertenbeiträge befassen sich mit der falschen Annahme, es gäbe für jedes Problem eine einfache technische Lösung (Nico Stehr, Hans von Storch), mit den übertriebenden Hoffnungen, die sich auf das Allheilmittel Biokraftstoffe richten (Thorsten Mertz) sowie mit der Aufstellung von Modellen und Szenarien (geschrieben für all die, die gern handkehrum das Eintreten von Klima-Prognosen bezweifeln). Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht der letzte Beitrag in dieser Reihe: eine Analyse typischer Fehler, die auch (und gerade) Wissenschaftlern in ihrer Arbeit unterlaufen.
Zum Thema gehört auch die Bildstrecke über die Zerstörung ganzer Landschaften auf der Suche nach billigerer Energie und eine Sammelrezension einiger neuerer Publikationen zum Klimawandel.
Es fällt nach alldem nicht leicht, sich noch eine begründete Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft für alle Bewohner dieses Planeten zu bewahren. Sogar die in Bali vereinbarte Fortsetzung des Kyoto-Protokolls ist für manchen kein Anlass zur Freude: Es sei „zu wenig zu spät“, schrieb die Zeitschrift Foreign Policy (im September 2007). Und in Nature (Oktober 2007) erklärte Steve Rayner von der Universität Oxford: „Es gibt keine Anzeichen, dass irgendjemand bis 2012 seine Verpflichtung erfüllen wird“; er sehe daher nicht ein, warum man ein neues Abkommen verabreden wolle, dessen noch ehrgeizigere Ziele absehbar wieder niemand erreichen wird. Hans Joachim Schellnhuber, Berater der deutschen Bundeskanzlerin, erkennt im Kyoto-Protokoll immerhin den Einstieg in völkerrechtlich verbindliche Klima-Abkommen.
Die chinesische Verwünschung „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ hat uns offenbar erreicht.

Fritz Glunk

Der Abonnentenauflage dieser Nummer wurde eine CD von Friedrich Vester beigeheftet: Zeitbombe Klimawandel. Ein Durchgang durch die Vernetzung der wichtigsten Klimafaktoren. Hrsg.: MZSG Malik Management Zentrum St. Gallen AG, www.malik-mzsg.ch.