Nummer 15, Herbst 2007                               



 

Stalin als Dichter

Harfe und Sichel

Schon mit 17 Jahren, in der Ausbildung zum Priester, war Stalin für seine romantischen Gedichte berühmt. 1895 stellte er eine Auswahl zusammen und legte sie Prinz Ilja Tschawtschawadse vor, einem bekannten Schriftsteller und progressiven Bankier (er wurde 1907 von den Bolschewiki ermordet, weil seine Freiheitsideale nicht linientreu genug waren). Prinz Tschawtschawadse wählte fünf Gedichte des, wie er ihn nannte, „jungen Mannes mit den glühenden Augen“ und veröffentlichte sie in der Zeitschrift Iveria, einem Kulturmagazin in Georgien (das Magazin existiert noch heute), indem er den Autor nur bei seinem Spitznamen „Soselo“ nannte. So wusste jeder Gebildete von dem Dichter Soselo, bevor irgendjemand den Namen Stalin (den er erst 1912 annahm) zur Kenntnis nehmen musste.
Die Gedichte wurden bald zu etwas wie Klassikern der georgischen Literatur und wurden bis 1970 vielfach nachgedruckt, ja sogar in Schulbücher aufgenommen und auswendig gelernt, obwohl sie dort nicht unter Stalins Namen erschienen, sondern anonym.
Trotzdem: Stalin war beileibe kein großer Dichter. Die Bildsprache seiner Gedichte ist wenig originell, wenn auch der Rhythmus der Sprache einen gewissen eigenen Ton verrät (Stalin war übrigens ein von seinen Mit-Seminaristen durchaus anerkannter Tenor, ein Talent, das ihn in der orthodoxen Liturgie hätte weit bringen können).
Literarisch war er mit Schota Rustavelis Der Ritter im Tigerfell aufgewachsen, einem höfischen Nationalepos des georgischen Mittelalters, das er wie alle Schulkinder auswendig gelernt hatte. Ebenso begeistert war er von den Gedichten, die zwei andere Aristokraten geschrieben hatten: Prinz Rafael Eristavi und Akaki Tsereteli. „Meine Generation“, sagte er noch als alter Mann und Diktator, „hat mit Freude die Gedichte von Tsereteli auswendig gelernt. Sie waren schön, voller Gefühl und Musik, und ganz zu Recht hat man ihn die Georgische Nachtigall genannt.“
An den Mond ist Stalins zweites Gedicht (nach dem eher traditionellen Am Morgen). Hier begegnet der Leser einem Ausgestoßenen in einer öden, kalten Gletscherlandschaft, die als Zeichen der göttlichen Vorsehung allenfalls das fahle Mondlicht verströmt:

An den Mond

Wandre unermüdlich,
Lass den Kopf nicht hängen,
Die Fürsorge des Herrn ist groß.
Gib der Erde, die sich unter dir
Ausdehnt, dein sanftes Lächeln;
Sing den Gletschern, die aus den Himmeln
Hängen, ein Wiegenlied.
Du sollst wissen: Ein Unterdrückter,
Niedergestreckt zur Erde,
Strebt wieder zur Höhe der reinen Berge,
Wenn die Hoffnung ihn erhebt.
Lieblicher Mond, so schimmre nun,
Wie früher, durch die Wolken;
Lass in dem nachtblauen Gewölbe
Deine Strahlen spielen.
Ich aber knöpfe meine Weste auf
Und werfe meine Brust dem Mond entgegen;
Mit ausgestreckten Armen werde ich
Den Spender des Lichts auf der Erde verehren.


Eine ähnliche – manche nannten sie „tragisch-heroische“ – Selbstbehauptung des jungen Mannes in einer ihm feindlichen Welt ist auch in den übrigen Gedichten zu finden.
Auch im letzten der fünf Gedichte von 1895 (in der sozialistischen Wochenzeitung Der Pflug), das die Vergänglichkeit eines Heldenlebens beschreibt, findet man ein Echo davon:

Der alte Ninika

Unser Ninika ist alt geworden,
die Schultern des Helden tragen nichts mehr.
...
Dieses trostlose graue Haar:
Einst konnte es eisenharten Widerstand brechen.
...
Aber jetzt kann er nicht länger die Knie bewegen,
niedergemäht von seinen alten Jahren
Legt er sich hin oder er träumt oder er erzählt
Den Kindern seiner Kinder von der Vergangenheit.

Noch zehn Jahre später, als er schon mit Lenin zusammenarbeitete, erinnerte sich Stalin stolz an seine Gedichte. Angeblich soll er sie noch laut und fröhlich rezitiert haben, als er mit seinen Genossen die Beute eines Bankraubs mit Eseln aus Tiflis abtransportierte. Bei dem Überfall mussten 40 Menschen sterben.
Seiner seltsamen Liebe zur Literatur blieb Stalin treu bis in die Zeit des Terrors hinein. Er befreite in den späten dreißiger Jahren einen georgischen Schriftsteller aus dem Gefängnis, nur um ihn das Epos Der Ritter im Tigerfell ins Russische übersetzen zu lassen, und bearbeitete selbst noch den übersetzten Text. Auch Ossip Mandelstam (der gesagt hatte: „In Russland schätzt man die Poesie, in Georgien tötet man dafür“) befand sich unter Stalins Opfern, hier aber zeigte der Diktator eine bemerkenswerte Milde und befahl: „Isolieren, aber verschonen!“
Zu seinem 70. Geburtstag 1949 bereitete der Chef der Geheimdienste, Lawrenti Beria, insgeheim eine Übersetzung der fünf Gedichte ins Russische vor, wobei er nur die besten Übersetzer ins Auge fasste: Boris Pasternak und Andrei Tarkowski (selbstverständlich ohne dass er den beiden den Namen des Autors enthüllte). Die Übersetzer rühmten die Gedichte, sie seien den Stalin-Preis Erster Klasse wert. Ahnten sie, mit wem sie es zu tun hatten? Aber Stalin machte dem Vorhaben ein Ende, bevor es vollendet war. Als romantisch-lyrischer Teenager wollte er nun doch nicht in die Geschichte eingehen.

Alexandra Simon